Magazinrundschau

Der Plot ist Slob

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
19.05.2026. Was genau ist Kapitalismus, fragt The Nation und sucht nach Antwort in Sven Beckerts Globalgeschichte desselben. Wie Iran den Krieg gewann gegen die USA, erklärt Robert Kagan in Atlantic. In Elet es Irodalom sprechen der Künstler Károly Klimó und der Philosoph László F. Földényi über Zivilisation und Kultur. Die London Review vertieft sich in eine Geschichte des Sklavenhandels in der muslimischen Welt. New Lines notiert im Sudan, wie der Drohnenkrieg jede Verantwortung verschleiert.

The Nation (USA), 11.05.2026

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Was genau ist Kapitalismus? Auf diese Frage findet Corey Robin in Sven Beckerts Globalgeschichte des Kapitalismus keine Antwort, und dennoch werde seine Herrschaft im Buch als absolut gesetzt - was dem Kritiker gar nicht schmeckt. Robin wirft Beckert vor, dass er die Herrschaft des Kapitalismus für absolut hält, was "die Unschärfe seines Denkens und die Unklarheit seines Schreibens erklärt. Wenn der Kapitalismus nicht mehr der polemische Begriff ist, der das System als etwas mit einem Anfang und einem Ende versteht, hört er auf, als Begriff des historischen Bewusstseins zu dienen. Er wird zum bloßen Medium der Darstellung, zum Schauplatz jeder beliebigen Geschichte, etwa so historisch verortet wie 'Es war einmal...' Während die Historiker R. H. Tawney un Maurice Dobb  über England streiten konnten, weil sie dachten, der Ursprung des Kapitalismus könnte auf einen Ort beschränkt sein, schreibt Beckert ohne einen Hauch von Ironie oder Unbehagen: 'Ich konzentriere mich auf den gesamten Globus, weil dies der Raum ist, in dem der Kapitalismus entstand und sich entwickelte.' Während Tawney und Dobb, wie viele ihrer Generation, über den Übergang zum Kapitalismus im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit streiten konnten, ausgehend von der Annahme, dass der Ursprung des Kapitalismus zeitlich begrenzt sein könnte, schreibt Beckert, wiederum ohne einen Hauch von Ironie oder Unbehagen, dass 'der 'Übergang zum Kapitalismus' nicht in einem einzigen Moment, sondern jeden Tag, fortlaufend, stattfand'. Es ist dieser endgültige Zusammenbruch von Zeit und Raum, der nicht nur die Politik, sondern die Geschichte selbst in diesem Moment zu einer so schwierigen Aufgabe macht."
Archiv: The Nation

The Atlantic (USA), 19.05.2026

Ganz anders als Bernard-Henri Lévy (unser Resümee) ist Robert Kagan überzeugt, dass die Amerikaner den Krieg gegen Iran schon verloren haben. "Und so sieht die Niederlage aus: Der Iran behält die Kontrolle über die Straße von Hormus. Die weit verbreitete Annahme, dass die Meerenge auf die eine oder andere Weise wieder geöffnet wird, wenn die Krise endet, ist unbegründet. Der Iran hat kein Interesse daran, zum Status quo ante zurückzukehren. Man spricht von einer Spaltung zwischen Hardlinern und Gemäßigten in Teheran, aber selbst die Gemäßigten müssen verstehen, dass es sich der Iran nicht leisten kann, die Meerenge aufzugeben, egal wie gut ein Abkommen auch ausfallen mag.(...) Wie viele Iran-Experten festgestellt haben, wird das Regime in Teheran derzeit deutlich gestärkt aus der Krise hervorgehen, da es nicht nur seine potenzielle nukleare Kapazität bewahrt, sondern auch die Kontrolle über eine noch wirksamere Waffe erlangt hat: die Fähigkeit, den globalen Energiemarkt als Geisel zu nehmen. Wenn die Iraner von einer 'Wiederöffnung' der Meerenge sprechen, meinen sie damit nach wie vor, die Meerenge unter ihrer Kontrolle zu halten. Der Iran wird nicht nur in der Lage sein, Durchfahrtsgebühren zu verlangen, sondern den Transit auf jene Nationen zu beschränken, zu denen er gute Beziehungen unterhält... Die Macht, den Schiffsverkehr durch die Meerenge zu sperren oder zu kontrollieren, ist größer und unmittelbarer als die theoretische Macht des iranischen Atomprogramms. Dieser Hebel wird es den Machthabern in Teheran ermöglichen, Länder dazu zu zwingen, Sanktionen aufzuheben und die Beziehungen zu normalisieren - oder sie müssen mit Strafen rechnen. Israel wird sich isolierter denn je wiederfinden, während der Iran reicher wird, sich wieder aufrüstet und sich die Option offenhält, in Zukunft Atomwaffen zu entwickeln."
Archiv: The Atlantic

Elet es Irodalom (Ungarn), 15.05.2026

Der 90-Jährige Károly Klimó ist eine bedeutende Figur der zeitgenössischen bildenden Kunst in Ungarn. Mit seinem expressiven Stil bestreitet er einen auffallend individualistischen Weg. Mit Klimó unterhielt sich der Philosoph und Ästhet László F. Földényi u.a. über Einflussversuche der politischen Macht auf die Kultur. "Wir leben noch immer in einer zivilisierten Welt. Dennoch glaube ich, dass es ein Irrtum wäre, Zivilisation mit Kultur zu verwechseln. Über die zivilisatorischen Errungenschaften hinaus gibt es noch etwas anderes, und wir müssen versuchen, dies zu verstehen und in Form zu bringen, die Gedanken und Gefühle auszudrücken, die sich aus der uns umgebenden Welt, der Zeit, der Existenz und ihren Tiefen erheben. Dies offenbaren uns die alten großen Kulturen und die mit ihnen verbundenen Mythen. Es ist wichtig, die Spuren davon auch in der heutigen Zeit zu sehen und zu erkennen. Ohne dies verliert unsere Kultur ihre Wurzeln. (…) Bisherige historische Erfahrungen beweisen, dass Kultur zwar im Alltag beeinflusst, aber nicht gesteuert werden kann. Unsere bis heute bestehende menschliche Eigenschaft, die Souveränität, das analytische Denken, widersetzt sich dem, sodass es unmöglich ist, Kultur im absoluten Sinne zu planen und zu lenken. Meine Haltung zu den oben genannten Alternativen und meine Einstellung zur Kunst bestehen darin, dass ich in der Einsamkeit meines Ateliers arbeite, mit den Grenzen meines Talents kämpfe und etwas schaffen möchte, das als wertvoll bezeichnet werden kann", sagt Klimó.

Freut euch, ruft der Schriftsteller György Odze seinen Landsleuten zu: "Wir haben uns einer Diktatur entledigt, aber der Systemwechsel fängt erst jetzt richtig an. Der wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Wandel - und zwar ein tiefgreifender, radikaler, vielleicht sogar schmerzhafter. Dafür braucht es Zeit, Kompetenz, aber vor allem Geduld. In Ungarn herrscht derzeit Aufregung, eine revolutionäre Stimmung, ein Gefühl der Befreiung, gespannte Erwartung: Wie geht es nun weiter? Sechzehn Jahre lang haben wir giftige Luft eingeatmet, in vielen von uns herrschen noch immer Angst und Verwirrung. (…) Jetzt haben wir einen Anführer im europäischen Stil und mit europäischer Ausstrahlung (auch dieses Wort lässt sich wieder mit dem positivem Vorzeichen schreiben), der Zusammenarbeit in unseren Bündnissystemen sucht, nicht über Konnektivität schwadroniert, nicht aufwiegelt, keinen Hass schürt, in zwei Jahren eine Gesellschaft in Bewegung gebracht hat, von der wir schon dachten, sie hätte sich mit ihrem Schicksal abgefunden, und auf der Ladefläche eines klapprigen Lastwagens Orte erreicht hat, an denen noch nie ein lebender Politiker gewesen ist. Wir konnten den neuen Ministerpräsidenten in einer neuen Rolle erleben: Er hat eine Stadtrundfahrt in Brüssel unternommen, die neuen Minister sind allesamt vom Fach und sprechen mutig über die Herausforderungen; alles deutet darauf hin, dass wir eine wirklich glaubwürdig arbeitende, offene und auf Entwicklung ausgerichtete Regierung bekommen werden. Also: Freuen wir uns."

New York Times (USA), 23.05.2026


Erinnert sich noch jemand an diesen Schafskrimi, "Glennkill", den die damalige Münchner Doktorandin Leonie Swann 2005 veröffentlichte? Der ist jetzt in Hollywood verfilmt worden. Mit eindrucksvoller Besetzung: Nicholas Braun, Emma Thompson und Hugh Jackman, den Schafen liehen unter anderen Julia Louis-Dreyfus, Chris O'Dowd und Patrick Stewart ihre Stimme. Sarah Lyall ist nicht unbeeindruckt: "Es ist entscheidend, dass 'die Schafe in dieser Welt Schafe sind' und keine Menschen in Schafskleidern, sagt Regisseur Kyle Balda. 'Es ist keine Geschichte, in der sie mit Menschen zusammenarbeiten und mit diesen sprechen.' Das bedeutet, dass die Schafe im Film, genau wie echte Schafe, eine kurze Aufmerksamkeitsspanne haben. Sie haben Angst, die Straße zu überqueren. ... Und wann immer sie sprechen, klingen ihre Worte für Menschen wie Blöken, so wie die Sprache der Erwachsenen in den 'Peanuts'-Cartoons für Charlie Brown und seine Freunde wie unverständliches Trombonengeplapper klingt." Die Anführerin Lily, im Buch Miss Maple, wird von Julia Louis-Dreyfus gesprochen. "Lily ist zweifellos kein Mensch; unter anderem hat sie, wie ein echtes Schaf, ein relativ unbewegliches Gesicht, das durch lebhafte Ohren kontrastiert wird. 'Aber ihre Reise ist eine menschliche Reise, auf der sie bestimmte Dinge über das Leben erkennt, die sie zuvor nicht verstanden hat', sagte Louis-Dreyfus. 'Es geht auch um die Frage, eine Anführerin zu sein, und wie man das macht, wenn man seine eigene Sichtweise hinterfragt.'"
Archiv: New York Times
Stichwörter: Swann, Leonie

Eurozine (Österreich), 13.05.2026

Die Welt war schon einmal mindestens so extrem in rechts und links geteilt wie heute. Die Ukrainer können ein Lied davon singen. Zu Beginn der dreißiger Jahre gab es in der Ukraine Massenerschießungen von Bauern, die sich gegen die Zwangskollektivierung durch die Sowjets sträubten - ein Vorspiel zum Holodomor. Viele flohen über den Dnjestr nach Rumänien. 1932 versuchte der Völkerbund den Flüchtlingen zu helfen, aber mit Hitlers Machtübernahme in Deutschland wurden sie vergessen, erzählt der Historiker Maksym Snihyr vom Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Sein Forschungsgebiet sind Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, die in Rumänien aufgenommen wurden: Das Problem der Flüchtlinge vor Zwangskollektivierung und Holodomor wurde im Westen allerdings sehr schnell vergessen - denn die Nazis produzierten nach 1933 eine Flüchtlingswelle, die die westeuropäischen Länder direkter betraf. "Der Völkerbund musste Ad-hoc-Maßnahmen ergreifen, um diese neuen Flüchtlinge aufzunehmen." Die immer stärker werdenden Nazis machten "plötzlich einen anderen Paria-Staat - die Sowjetunion - zu einem akzeptableren politischen Partner. Mitteleuropäische Länder wie Polen und Rumänien hatten schon 1932 begonnen, die Lage zu sondieren, in der Hoffnung, einen Nichtangriffspakt mit den Sowjets auszuhandeln. 1933 zeigte die UdSSR Interesse an einem Beitritt zum Völkerbund, und im Vergleich zum aufstrebenden Dritten Reich wurden die Sowjets von Politikern der Mitte entweder als das kleinere Übel oder sogar als Vorbild dafür angesehen, wie man mit Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Stagnation umgeht. Unter diesen Umständen würde jede Rhetorik, die die sowjetischen Errungenschaften nicht lobte, geschweige denn die Handlungen der Bolschewiki verurteilte, als Spiel in Hitlers Hände wahrgenommen werden. ... Eine Gräueltat überschattete die andere. Hitler wurde zum Feind Nummer eins. Doch in diesem erzwungenen Wandel wurde das extreme Leid eines Volkes unter Stalins Herrschaft ignoriert, sodass Flüchtlinge auf beiden Seiten des Dnjestr mittellos blieben und totgeschwiegen wurden."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Holodomor, Ukraine

La regle du jeu (Frankreich), 16.05.2026

Mit Genuss zerpflückt der Psychoanalytiker Michael Larivière den etwas gesuchten Stil des linken Tribuns Jean-Luc Mélenchon, der nun wieder für die Präsidentschaftswahlen kandidiert, denn er hält sich für eine Art säkularen Gesandten, stolz auf seine altmodische Rhetorik, sein virtuos psalmodierendes Hochfranzösisch, das wie "erhitzte Bronze" klingt. Aber ist das ein Wunder? "Von Herzen verachtete er die heutige Zeit, was eine typisch französische Art ist, ihr ganz und gar anzugehören. Das Networking, die Kolumnisten, die Märkte, die Quartalszahlen: Er betrachtete all das so, wie ein Bischof des 17. Jahrhunderts einen Bauernmarkt betrachtet. Mit Abscheu, Neugier und dem klammheimlichen Vergnügen, darin neue Dämonen zu entdecken. Er brauchte Feinde auf der Höhe seines Sprachvermögens; der globalisierte Kapitalismus diente ihm als sein höchstpersönliches Römisches Reich. Um ihn herum scharten sich blasse Anhänger, junge Leute mit Augen, die von der Müdigkeit der Militanz umringt waren, die seine Worte mitschrieben, wie einst Novizen in Klöstern die Predigten protokollierten. Manche liebten ihn mit kindlicher Zuneigung; andere, klarsichtiger, wussten, dass er seine eigenen politischen Kinder mit dem majestätischen Appetit revolutionärer Saturne verschlang. Er war schlecht im Vergeben. Große Redner verwechseln Widerspruch oft mit Ketzerei."
Archiv: La regle du jeu
Stichwörter: Melenchon, Jean-Luc

London Review of Books (UK), 21.05.2026

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Youssef Ben Ismail bespricht ein Buch des Journalisten und Historikers Justin Marozzi über die lange Geschichte des Sklavenhandels in der muslimischen Welt. Marozzi zeichnet in seinem Buch den Umfang eines Phänomens nach, von dem insgesamt ungefähr dieselbe Anzahl von Menschen betroffen gewesen sein dürften wie vom transatlantischen Sklavenhandel - der freilich deutlich mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Geschichtswissenschaft erfahren hat. Ben Ismail widerspricht Marozzi, wenn der Autor die Persistenz des Sklavenhandels im islamischen Machtbereich mit der islamischen Lehre in Verbindung bringt. Wo Marozzi Ben Ismail zufolge jedoch richtig liegt: Der islamische Sklavenhandel war keineswegs "humaner" als sein transatlantisches Gegenstück, wie Gelehrte in islamischen Ländern es bisweilen darstellen. "Dieser Mythos einer wohlwollenden Sklaverei wurde bereits von Wissenschaftlern wie Toledano, Eve Troutt Powell und Yusuf Hakan Erdem weitgehend widerlegt. Sie haben gezeigt, dass körperliche und sexuelle Gewalt weit verbreitet waren und dass Ausbeutung - nicht Schutz - die Regel war." Besonders gilt das für versklavte schwarze Afrikaner: "Die Erfahrungen der Versklavung im islamischen Afrika ähnelten am stärksten dem atlantischen System. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich, wie schon Paul Lovejoy und Frederick Cooper gezeigt haben, im westafrikanischen Sokoto-Kalifat und an der Küste bei Sansibar eine Plantagenwirtschaft, die auf Sklavenarbeit beruhte. Allerdings war die Sklaverei nicht an eine einzige landwirtschaftliche Tätigkeit gebunden, und die Erzeugnisse wurden überwiegend in benachbarten Regionen verkauft, statt auf den Weltmärkten. Über Jahrhunderte hinweg, schreibt Marozzi, übernahmen versklavte Afrikaner auf dem gesamten Kontinent eine 'enorme Vielfalt an Aufgaben': Sie bauten Salz im Niger ab, ernteten Gummi arabicum in Mauretanien, kletterten auf Dattelpalmen in den Oasen der Sahara und kämpften in der Armee des marokkanischen Königs. Ihre Herren konnten Araber, Schwarze oder beides sein. Es handelte sich um Händler, Grundbesitzer oder Kriegsherren wie Rabih al-Zubayr, den berüchtigten sudanesischen Sklavenhändler, der seine Sklaven brandmarkte. Er starb 1900 im Kampf gegen die französische Kolonialarmee."

Diarmaid MacCulloch nimmt sich in seiner Besprechung zweier Bücher über die religiöse Vielfalt des Baltikums - "Silence of the Gods" von Francis Young und "The Black Cross" von Aleksander Pluskowski - einen anderen Mythos vor: den eines uniform christlichen Europas spätestens seit dem Mittelalter. Mit Young und Pluskowski zeichnet MacCulloch nach, wie diese Projekt eines christlichen Kontinents mit Machtinteressen vor allem des Deutschritterordens im Zuge der Kreuzzüge zusammenhängt - wobei die Kreuzzüge eben nicht nur im Mittelmeerraum, sondern auch im Baltikum ausgefochten wurden. Dort trafen die Versuche einer gewaltsamen Konvertierung von Herrschern und Bevölkerung allerdings auf einigen Widerstand: "Im Jahr 1251 versuchte der litauische Großfürst Mindaugas, die zunehmenden Schikanen des Deutschritterordens einzudämmen, indem er zum Christentum übertrat; er begann sogar mit dem Bau einer Kathedrale in der Hauptstadt Vilnius. Obwohl der davon angetane Papst Innozenz IV. Mindaugas' Herzogstitel zum Königstitel erhob, war die formale Christianisierung Litauens nicht mit einem umfassenderen Programm der Missionierung verbunden, und innerhalb eines Jahrzehnts wurde Mindaugas ermordet. Seine Familie scheint die Kathedrale in einen dachlosen Tempel der traditionellen Religion umgewandelt zu haben, der unter freiem Himmel dem Donnergott geweiht war. Päpste und Bischöfe waren gezwungen, die komplizierte Vielfalt des Baltikums zu tolerieren: Widerwillig duldeten sie litauische Feuerbestattungen - ein Gräuel für gut unterwiesene Christen - und stimmten einer Art Schutzverordnung für heilige Wälder zu, um sie vor christlicher Abholzung zu bewahren. Die anhaltende Stärke und politische Bedeutung des offiziellen litauischen Kultes zeigte sich 1338, als verfeindete Mächte unterschiedlichster Glaubensrichtungen einen Vertrag zum Schutz der baltischen Handelsrouten unterzeichneten. Zu den Unterzeichnern gehörten Ritter des Livländischen Ordens, Vasallen des orthodoxen Fürstentums Rus der Rus sowie Gesandte des litauischen Königs, die das Abkommen jeweils mit ihren eigenen religiösen Riten besiegelten."

Dekoder (Deutschland), 14.05.2026

Das Theater in der Ukraine befindet sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Wandel, konstatiert die ukrainische Theaterwissenschaftlerin Hanna Veselovska bei Dekoder. "Das gesellschaftliche Verständnis des Russisch-Ukrainischen Krieges als existenzielle Gefahr wies auch dem Theater einen Ausweg aus der Schaffenskrise, von der es nach der ersten Flut dokumentarischer Stücke im Jahr 2022 eingeholt worden war. Unter ständigem Druck lebend, wollten die Zuschauer keine Geschichten mehr sehen, die ihre tragische Gegenwart widerspiegelten. Als wollte man sich vor zusätzlichem Stress schützen, distanzierte sich das Publikum zunehmend von Erzählungen über die Schrecken des Krieges auf der Bühne. Gekränkt mussten dies beispielsweise die Autoren des eindringlichen und auch im Ausland gespielten Stücks 'Mariupol-Drama' durch das Akademische Dramentheater der Region Donezk aus Mariupol zur Kenntnis nehmen. Stattdessen wandten sich die Zuschauer als 'Schutzreaktion' wieder ukrainischen Klassikern zu, von denen sie sich Antworten auf die existenzielle Herausforderung erhofften. Die Wiederentdeckung der eigenen Geschichte, Literatur und Biografien weltbekannter Ukrainer - wie etwa des Bildhauers Alexander Archipenko, der Malerin Alexandra Exter, oder des Luftfahrtpioniers Igor Sikorsky verstärkte das Interesse an den Neufassungen von Werken, die vielen noch aus dem Schulunterricht bekannt waren. So verband beispielsweise der Regisseur Rostyslav Derzhypilsky Lesja Ukrajinkas Feenmärchen 'Das Waldlied auf dem Blutacker' mit ihrem lakonischen Poem über Judas Iskariot und das Wesen des Verrats. Doch auch im von der Front weit entfernten Iwano-Frankiwsk wird das Stück, bei dem die Zuschauer einem Ritual gleich an einem langen Tisch wie mit einer Kette miteinander verbunden sind, in einem improvisierten Schutzraum unter der Theaterbühne aufgeführt, als wolle es an die allgegenwärtige Gefahr erinnern."
Archiv: Dekoder
Stichwörter: Ukraine, Ukrainisches Theater

New Yorker (USA), 25.05.2026

In Zeiten des AI-Slops tut es gut, sich darauf zu besinnen, dass es schon viele Versuche gab, maschinell zu schreiben, wie Jill Lepore im New Yorker erinnert. Noch konnte keine der Maschinen den Menschen den Rang ablaufen: "In einem 1919 veröffentlichten Schreibguide, 'Ten Million Photoplay Plots', erzählt der Schwindler Wycliffe A. Hill werdenden Drehbuchautoren, es gebe 37 mögliche Story Lines, die mit einer Nummer an Charakteren, Situationen und Subplots kombiniert werden können, um die mathematisch präzise Nummer von 10.494.360 möglichen Plots zu ergeben. Nachdem das Wort 'Roboter' 1920 im Zusammenhang mit dem tschechischen Stück 'R.U.R.' entstanden war und sich eine Faszination mit mechanischen Menschen entwickelt hatte, veröffentlichte Hill 1931 eine Folgeanleitung, die das beinhaltete, was er den Plot-Roboter nannte. (…) Tatsächlich gab es gar keinen Roboter. Wenn man das Buch gekauft hatte, fand man heraus, dass es sich bei dem Plot-Roboter um ein Nummernrädchen aus Karton handlete. Diese Schwindeleien gibt es noch immer. Dieser Tage kann man Schreib-Würfel erwerben, um sich beim Romanschreiben helfen zu lassen: Neun Würfel! 'Tausende Kombinationen, und du wirst nie wieder Angst vor dem leeren Blatt haben!'" Dass man sich dem Slop aber nicht einfach hingeben muss, ist für Lepore glaskar: "Zur Debatte steht, dass uns etwas Großes bevorsteht, das jemand Anderes, etwas Anderes, den Plot schreibt. Aber sollten wir das nicht tun? Denn bislang ist der Plot einfach Slop."

Frederic Edwin Church: "Heart of the Andes". 1859. Metropolitan Museum of Art. Bild: Wikipedia

Einst galt Frederic Edwin Church, ein wichtiger Vertreter der Hudson River School, als einer der erfolgreichsten amerikanischen Nationalkünstler, der den Amerikanern die Illusion der Unschuld schenkte. Um 1900 war er fast vergessen. Zum 200. Geburtstag überlegt der Kunsthistoriker Sebastian Smee, auch mit Rückgriff auf Victoria Johnsons gerade erschienene Church-Biografie "Glorious Country", woher das plötzliche Desinteresse an Churchs detailreichen Panoramalandschaften kam. Seinen Bildern eignete stets etwas Moralisches, er wollte "helfen, Amerikas 'starke Linien' wiederherzustellen, die er als republikanisch, abolitionistisch, christlich und wissenschaftlich betrachtete. Wie Humboldt glaubte er, dass Wissenschaft und Religion miteinander vereinbar seien." Humboldts Spuren folgend, reiste er durch die Anden und schuf sein Meisterwerk: "Die Fülle an präzise wiedergegebenen Details in 'Das Herz der Anden' ist faszinierend und erinnert an die zwanglosen Beziehungen zwischen Wissenschaft und Romantik in jenen Jahren. So wie Emerson geschrieben hatte, dass 'jede Erscheinung in der Natur einem bestimmten Geisteszustand entspricht', sorgte Church dafür, wie die Kunsthistorikerin Rebecca Bedell über das Gemälde sagte, dass 'fast jedes bildliche Detail sein Gegenstück in Humboldts Worten hat'." Zudem war Church der "erste große amerikanische Maler, der es sich zur Aufgabe machte, Europa zu brüskieren; er wuchs weder dort auf noch wurde er dort ausgebildet und betrat den Kontinent erst, als sein Ruf bereits lange etabliert war. Doch er verließ sich weiterhin stark auf europäische Bildkonventionen, vor allem auf die des romantischen Erhabenen." Das könnte seinen Fall begründet haben, glaubt Smee, denn Europas schiere kulturelle Bedeutung verstärkte "Amerikas Trennungsdrang".
Archiv: New Yorker

New Lines Magazine (USA), 18.05.2026

Sophie Neiman blickt nach Sudan, wo neue Drohnen-Technologien einen erbarmungslosen Krieg noch grausamer und anonymer machen. Sie haben "den Krieg im Sudan verändert, zu höheren Opferzahlen geführt und die Verantwortlichkeit verwischt. Sie sind auch ein Zeichen für den wachsenden internationalen Einfluss in dem Konflikt. Den sudanesischen Streitkräften (SAF) sollen Drohnen von Ägypten und der Türkei geliefert worden sein, ihren Rivalen, den Rapid Support Forces (RSF), von den Vereinigten Arabischen Emiraten." Drohnenangriffe verschleiern die Verantwortlichkeit in einem Krieg, "in dem beide Seiten ohnehin relativ ungestraft agieren. Es ist oft schwer zu erkennen, wann sie gezielt auf Zivilisten gerichtet waren - was die Angriffe nach internationalem Recht zu einem Kriegsverbrechen machen würde - und wann Todesfälle im Kriegswirrwarr stattfanden." Oft finden Tötungen in Gebieten statt, die "zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den RSF heftig umkämpft sind, sodass beide Seiten die Täter sein könnten." Es sei "'ohnehin schon schwierig, Einzelpersonen für all die im Sudan begangenen Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen', erklärt ein Mitarbeiter von Amnesty International. 'Wenn die Konfliktparteien durch den Einsatz von Technologien wie Drohnen eine weitere Ebene der Komplexität hinzufügen, verkompliziert das die Frage der Verantwortlichkeit erheblich.'" Insgesamt wurden zwischen 2023 und 2025 rund 780 Zivilisten durch Drohnenangriffe der RSF getötet, so Neiman, weitere 1.800 starben bei Angriffen der SAF, wie aus einem Bericht von Al Jazeera hervorgeht, der sich auf zusätzliche Daten der Forschungsgruppe Armed Conflict Location and Event Data (ACLED) stützt.

Die Historikerin Ana Sekulić untersucht die komplexe Geschichte hinter den traditionellen Tätowierungen katholischer Bosnierinnen. Sie glaubt, die jungen Frauen sollten so unter der osmanischen Besatzung daran gehindert werden, zu Islam zu konvertieren: "Der Glaubenswechsel erforderte nicht nur eine spirituelle Neuorientierung, sondern auch das Wachsenlassen einer völlig neuen Haut. Die Tätowierung diente als Erinnerung - und Versprechen - an den Schmerz, der mit dem Verlassen der Gemeinschaft einherging. Nicht, dass die Muslime vor dem Kreuz geflohen wären; vielmehr mussten die Katholiken ständig daran erinnert werden."

The Insider (Russland), 15.05.2026

Russland präsentiert sich auf dem afrikanischen Kontinent als einzige Schutzmacht gegen einen angeblichen "Neokolonialismus", betreibt diesen aber selbst, indem imme rmehr Soldaten vom Kontinent für angeworben werden, wie Arden Arkman in The Insider schreibt. "In Kenia wurde monatelang über Fälle von Männern diskutiert, die angeblich auf der Suche nach Arbeit nach Russland gereist waren, dort jedoch in den Reihen der russischen Armee landeten. Am 18. Februar erklärte der Fraktionsvorsitzende des Parlaments, Kimani Ichung'wah, während einer Debatte, dass seine Landsleute durch Versprechungen einer zivilen Anstellung getäuscht würden, um als Kanonenfutter in einem fremden Krieg zu dienen. Später betonte er in Kommentaren gegenüber lokalen Medien, dass die Rekruten praktisch ohne Ausbildung in den Kampf geschickt würden: 'Einige wurden nur neun Tage lang ausgebildet. Man drückt ihnen einfach Waffen in die Hand und schickt sie in den Tod.' Die Äußerungen erfolgten nach der Veröffentlichung eines Berichts des kenianischen Nationalen Geheimdienstes (NIS), aus dem Reuters Auszüge veröffentlichte. Dem Dokument zufolge waren mehr als 1.000 kenianische Männer rekrutiert worden - zu diesem Zeitpunkt waren mindestens 39 mit Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert worden, 28 galten als vermisst und 89 befanden sich noch an der Front." Russland wirbt in den Ländern massiv um Soldaten, die aber meistens als "Arbeiter" nach Russland kommen und an die Front geschickt werden. Gegen diese Methoden regt sich auch Widerstand, Arkman zitiert dazu den Nigerianer Nwosu: "'Diese Leute lieben uns nicht', sagt Nwosu. 'Warum sonst wäre die Teilnahme an einem tödlichen Krieg der einzige Weg geworden, nach Russland zu kommen?' Der Nigerianer bezeichnet die Rekrutierung afrikanischer Männer in finanzieller Not als grundlegend ungerecht. 'Warum eröffnet man uns keine Schulen mit erschwinglichen Studiengebühren, damit wir studieren und uns in ihre Lebensweise und Kultur integrieren können? Dann würden wir sie lieben lernen und - geleitet von Liebe statt von Armut, Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit - beschließen, unsere Mütter in einem anderen Land zurückzulassen, um ein besseres Leben zu suchen.'"
Archiv: The Insider

New York Magazine (USA), 15.05.2026

"Wir haben uns in der dümmstmöglichen Version von Platos Höhle eingesperrt", schreibt Lane Brown. Denn: "Auf Social Media wird die populäre Meinung gleichzeitig geformt, skaliert und manipuliert und jedes Signal, dass diese Plattformen herstellen - ein trendender Song, ein Backlash, das Gefühl, das plötzlich 'jeder' über dieselbe Sache redet - kann nun von unsichtbaren Akteuren mit einer versteckten Agenda herbeigeführt werden." Das Netz der Möglichkeiten, in dem die Schwarmintelligenz aus sich heraus Trends hervorbringt und gefühlt jeder viral gehen kann - eine zu den Akten gelegte romantische Vorstellung. Selbst der unwahrscheinliche Hype um die vermeintliche Indie-Band Geese, über den auch die deutschen Feuilletons hier und dort vor kurzem staunten - bloß eine geschickte Fabrikation. "Die wichtigste Taktik, die Firmen wie Chaotic Good und Floodify (und viele, viele weitere) anwenden, kennt man als 'Clipping'. Ein Plattenlabel - oder ein Filmstudio, eine Promi-Agentur, eine politische Kamagne oder irgendein Spacken mit Videopodcast - heuert eine Firma an, um einen Song, einen Trailer, ein Interview, eine Wahlkampfrede oder was auch immer in kurze, social-media-taugliche Fragmente zu zerlegen. ... Diese Clips werden dann von ganz normal wirkenden Accounts gepostet: eine Meme-Page postet zum Beispiel ein Zitat über Beziehungen und unterlegt es mit einem neuen Popsong; eine Fan-Page für einen Horrorfilm schneidet die zwanzig gruseligsten Sekunden aus dem Trailer in einen Loop und postet diesen zweimal täglich; ein weiterer Account wiederum skalpiert den unterhaltsamsten Moment aus einem Drei-Stunden-Podcast raus, um ihn an Leute zu weiterzureichen, die sich niemals durch die ganze Episode hören würden. Wenn ausreichend viele dieser Clips ausreichend schnell ausreichend viele Abrufe ansammeln, interpretieren leichtgläubige Social-Media-Algorithmen diese Reichweite als authentischen Interessensanstieg und empfehlen die Clips echten Nutzern, die dann wiederum tatsächlich damit interagieren und den Algorithmus damit anstacheln, diese Videos noch weiter zu pushen." Selbst etablierte Megastars wie Justin Bieber greifen darauf heute selbstverständlich zurück. "'Wer heutzutage megaviral gehen will, muss Benzin ins Feuer gießen', sagt Joe Lim", der Floodify drei Jahre lang geleitet hat. "Er räumt zwar ein, keinen Einblick in Biebers Kampagne zu haben, aber er weiß, dass da draußen im Internet so viel Spam und Pseudo-Hype herumschwirrt, dass ohne künstliche Hilfe nichts mehr durchdringt."