9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Februar 2025
28.02.2025. Es hat keinen Sinn, Putins Krieg durch einen Waffenstillstand zu beenden, wenn die ukrainische Bevölkerung damit nicht einverstanden ist, sagt der Historiker Jörn Leonhard im Gespräch mit der FR. Mit Blick auf Trumps jüngstes Wüten könnte Deutschland von Polen lernen, was es heißt, ein kleines Land zu sein, sagen die Soziologen Karolina Wigura und Jarosław Kuisz in Zeit online. Die linke "Zivilgesellschaft" ist über eine kleine Anfrage der CDU über Staatsförderung empört, aber was wäre, wenn eine CDU-Regierung den Spieß umdreht, fragt die FAZ.
27.02.2025. In der taz ruft Anton Hofreiter zur entschiedenen Unterstützung der Ukraine auf. Ein Frieden ohne Sicherheitsgarantien wird katastrophale Folgen für die Ukraine haben, prophezeit der Soziologe Anton Hruschezkyj in der Zeit. Zeit online greift den Skandal um das Gedenken in Hanau auf, wo die Stadträte mehr Respekt von den Opfern forderten. Im Angesicht der unsicheren Weltlage sollte man die Kultur als einen Teil der Resilienz Europas anerkennen und sie nicht kaputtsparen, fordert VAN.
26.02.2025. Im Guardian hofft Timothy Garton Ash, dass Deutschland unter Merz die Zeitenwende für ein starkes Europa einleitet. In der SZ erinnert Marko Martin indes an André Glucksmann, der schon in den Achtzigern für eine robuste westliche Verteidigungsfähigkeit eintrat. Der Historiker Martin Schulze-Wessel konstatiert in der FAZ eine Provinzialisierung Europas, denn erstmals sitzt kein europäischer Staat mit am Verhandlungstisch, wenn Ostmitteleuropa verteilt wird. Die Historikerin Botakoz Kassymbekova sieht auf Zeit Online die einzige Lösung in einer Dekolonialisierung Russlands. Und in der FAZ wirft der Historiker Heiko Heinisch den Postkolonialisten vor, das Ende des Westens einzuleiten.
25.02.2025. Während der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch in der FAZ Trumps Drohungen gegen die Ukraine nicht ernst nehmen möchte, warnt der ukrainische Historiker Jaroslav Hrytsak im Guardian: Schon in drei bis fünf Jahren könnte Putin seinen Krieg gegen den Westen ausdehnen. Die Zeitungen ringen nach den Wahlen weiter um Erklärungen: Umwelt und Klima haben im Osten so gut wie keine Rolle gespielt, konstatiert der Soziologe Axel Salheiser in der taz. Prominente Verleger protestieren laut SZ gegen die rechtsextreme "Strom-Metapher" im Begriff "Zustrombegrenzungsgesetz".
24.02.2025. 20 Prozent AfD, fast 9 Prozent für die Linkspartei. Zusammen haben sie eine Sperrminorität im neuen Bundestag. Die Deutschlandkarte ist wieder schwarzblau, die Jugend hat zu über 50 Prozent für russlandfreundliche Parteien gestimmt. Die Welt blickt auf Deutschland, schreiben die Nobelpreisträgerin Irina Scherbakowa und Oleg Orlow in der FAZ, es muss jetzt einen Trump-Putin-Pakt verhindern helfen. In der FAS erklärt der ukrainische Schriftsteller und Veteran Stanislaw Assejew, warum Frieden kommen muss. Die digitale Dominanz Amerikas wird immer stärker, berichtet die FAZ: Wir brauchen neue soziale Plattformen, meint Björn Staschen im Tagesspiegel.
22.02.2025. Morgen ist Wahl und nicht nur die Zukunft Deutschlands steht auf dem Spiel: An Investitionen in die Aufrüstung führt kein Weg vorbei, ruft die Friedensforscherin Nicole Deitelhoff in der wochentaz. Die AfD wird Europa den Russen zum Fraß vorwerfen, warnt Correctiv-Reporter Marcus Bensmann in der NZZ. Deutschland sucht den "Super-Abschieber" - der Schriftsteller Imran Ayata ärgert sich in der FAS über die populistisch geführte Migrationsdebatte.
21.02.2025. Auf Kanzler Merz wartet eine große Aufgabe, so Herfried Münkler in Zeit online: Deutschland sei das einzige Land Europas, das von seinen Ressourcen her zu Führung in der Lage ist - nur so könnte Europa Konsistenz gegen Russland und USA gewinnen. Der von der FAZ befragte österreichische Politikwissenschaftler Gustav Gressel hält Krieg in Europa in ein bis zwei Jahren für plausibel. In der SZ meint Maxim Biller: Entweder AfD-Verbot oder Bürgerkrieg. Journalisten in Amerika haben Angst vor Trump, stellt Le Point fest.
20.02.2025. Historische Tage: Donald Trump scheint die Ukraine und Europa nicht nur fallen zu lassen, sondern das Bündnis mit Wladimir Putin zu suchen. Die USA haben die westliche Allianz verlassen, konstatiert Stefan Kornelius in der SZ. Wir sind jetzt entweder die Beute oder zeigen die Zähne, schreibt Caroline Fourest in Franc-Tireur. Europa darf nicht nachgeben, warnt Marko Martin in Zeit online.
19.02.2025. In der FAZ rechnet der französische Soziologe François Héran vor, dass weniger Asylbewerber keineswegs weniger Attentate bedeuten. Außerdem fragt die assyrische Christin Ninve Ermagan in der FAZ, warum zwar gegen die AfD, nicht aber gegen Islamismus protestiert wird. In der Welt findet der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski Trumps Ukraine-Pläne "vernünftig". Das konfuzianische Erbe in Südkorea kann Frauenleben kosten, glaubt die SZ. Angesichts dessen, was man in Europa alles nicht sagen darf, macht J. D. Vance einen Punkt, meint Persuasion. Absurd ist das allerdings, wenn man auf das Wörterbuch mit Vokabeln blickt, die in den USA künftig verboten werden sollen, ergänzt die SZ.
18.02.2025. Die Narrative der Rechtspopulisten zu übernehmen, macht diese nur stärker, mahnt der Politologe Marcel Lewandowsky die etablierten Parteien im FR-Gespräch. Die AfD wird so schnell nicht verschwinden - wir sollten uns endlich damit auseinandersetzen, was das langfristig bedeutet, fordert der Soziologe Marcel Schütz in der NZZ. "Ave Trump", ruft derweil die FAZ. The Atlantic stellt fest, dass sich die Sprachreglementierung in den USA nun auf die Seite der Rechten verschoben hat: Die Regierung hat eine Liste mit verbotenen Wörtern erstellt.
17.02.2025. Die Münchner Rede von J.D. Vance hallt nach: Im Grunde war sie eine Drohung an die Europäer, so Zeit und SZ: Wenn Ihr Musks "X" reguliert, lassen wir euch fallen. Ein investigatives Buch über Nord Stream und die Verwicklung deutscher Politiker in russische Netzwerke könnte die letzten Tage des Wahlkampfs aufstören, Ilko-Sascha Kowalczuk bespricht es auf Twitter. Wir haben gar kein Problem mit Migration, sondern nur eins mit "Verfügbarkeitsheuristik", tröstet der Psychologe Markus Knauff in der FAZ. Die Zeitungen trauern um Gerhart Baum.
15.02.2025. Zum Abschluss einer historischen Woche machte der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance in München noch eine Ansage: Es gibt einen neuen Sheriff in Town. Die Zeit fragt: Meint er damit Trump oder Musk? Oder was meint er mit "Meinungsfreiheit"? Die FAZ benennt noch ein anderes Problem: Deutschland ist von amerikanischer Digitaltechnologie mindestens so abhängig wie seinerzeit von russischem Gas. Vor fünf Jahren erschoss ein rechtsextremer Attentäter in Hanau neun Menschen. Die taz besucht die traumatisierten Angehörigen.
14.02.2025. Im russischen Staatsfernsehen kann man kaum fassen, in welchem Tempo Trump auf Putin zugaloppiert, berichtet The Daily Beast: Bald können wir auch Westeuropa angreifen, freut man sich da. Gegen Trump war Chamberlain als Beschwichtigungspolitiker noch ein mutiger Realist, konstatiert Timothy Garton Ash im Guardian. Putin wird faktisch rehabilitiert, so die SZ und die NZZ. Und die Ukraine zahlt den Preis, so die FAZ. Bevor auch Europa zahlt, so Viktor Jerofejew in der FAZ. Unterdessen reist der amerikanische Vize J.D. Vance zur Münchner Sicherheitskonferenz und gibt den Deutschen im Wall Street Journal eine Wahlempfehlung für die AfD. Aktualisiert: Putin hat Tschernobyl beschossen, meldet die New York Times.
13.02.2025. Donald Trump will Wladimir Putin dessen Geländegewinne in der Ukraine als Friedensgabe überreichen, Trumps Verteidigungsminister Pete Hegseth verkündet, dass die Ukraine niemals der Nato beitreten wird. Wir tragen erste entgeisterte Reaktionen zusammen. Nun hat die Stunde der Wahrheit für die EU geschlagen, ruft Garry Kasparow auf Twitter. Das Auswärtige Amt träumt derweil vom Frieden. Slavoj Zizek unterstützt in der Welt die serbischen Proteste gegen die Regierung.
12.02.2025. Die FAZ kritisiert das Verfassungsblog, das sich gerade eine rechtsextreme Koalition zusammengebastelt hat, gegen die nur ein Front populaire helfe. Im Spiegel wünscht sich die Historikerin Ute Frevert, als denkende Bürgerin im Wahlkampf ernst genommen zu werden. In der SZ wendet sich der Psychiater Josef Aldenhoff gegen ein Register für psychisch kranke Gewalttäter: Mehr helfen würde bessere Traumabehandlung. In der FAZ warnt Hochschulrektor Christian Bauer die Kritiker der Bundestagsresolution zum Antisemitismus: die Freiheit des Einzelwesens sollte wichtiger sein als die Gründung eines Clubs. Die NZZ ruft: Es braucht einen jüdischen Kanzler.
11.02.2025. Der Wahlkampf geht in den Endspurt. Die FAZ bemerkt: Der Kultur stehen große Streichungen bevor - und dem Publikum ist es egal. An der FU Berlin soll die Israelhasserin Francesca Albanese auftreten, während die FU zuvor eine Ausstellung über den Holocaust abgesagt hatte - die "Werteinitiative" protestiert. Vor achtzig Jahren wurde Dresden bombardiert: Der Historiker Matthias Neutzner erzählt in der FAZ, wie erst die Nazis, dann die DDR, dann Rechtsextreme das Ereignis zum Mythos machten. Andrei Kolesnikow erzählt in der NZZ, warum Putin eher die Techniker fördert: Er braucht sie für den Krieg. Die Geisteswissenschaftler sind Kanonenfutter.
10.02.2025. Beschwingt kommt die taz von der Münchner "Demo gegen rechts" zurück. Gehen oder bleiben, das sei zusehends die Frage, die sich Juden in Deutschland stellt, konstatiert Michael Wolffsohn in der FAZ. Welt und FAZ reagieren ziemlich skeptisch auf die Meldung, dass Hamburg ein neues Opernhaus geschenkt wird. Auf Zeit online erzählt der Historiker Holger Stoecker, wie geraubte Gebeine der Hehe in deutsche Museen kamen. In der Jungle World schwankt der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh zwischen Optimismus und Pessmismus mit Blick auf sein Land.
08.02.2025. In der FAS erklärt der Historiker Volker Weiß, wie die extreme Rechte Geschichte überschreibt und die Demokratie zerstört. Hamburg bekommt von dem Milliardär Klaus-Michael Kühne eine neue Oper geschenkt - über die Nazi-Verstrickungen seiner Familie will der aber lieber nichts publik werden lassen, weiß die SZ. Wenn man Trump "Faschist" nennt, sind die meisten Länder faschistisch, meint die taz. Aber ein blutiger Clown der Folklore ist er schon, findet der Ethnologe Thomas Hauschild in der FAZ.
07.02.2025. Entsetzt ist die SZ vom Wüten Trumps in den ersten Amtstagen. Und "die republikanische Mehrheit hat dem Präsidenten die Kehle der Unterwerfung hingestreckt wie Wölfe einem Alphatier". taz und FAZ kommen auf den Mord an Hatun Sürücü vor zwanzig Jahren zurück: Ehrenmord oder Femizid? In der FR polemisiert Richard J. Evans gegen Timothy Snyder und dessen Blick auf Putins Krieg gegen die Ukraine.
06.02.2025. Neulich hat die AfD-Politikerin Alice Weidel behauptet, Hitler sei Kommunist gewesen, eine dreiste Geschichtsfälschung, mit der sie von der eigentlichen Gemeinsamkeit der Totalitarismen ablenken will, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. Warum gibt es in Deutschland keine säkulare Form des Gedenkens, fragt hpd.de. Die SZ sonnt sich bereits an der von Trump beschworenen neuen Riviera: "Enjoy Gaza!" Es sei denn, die amerikanische Rechte stirbt an Listeriose, so ebenfalls die SZ.
05.02.2025. In der FAZ vergleicht der Rechtswissenschaftler Christoph Schönberger Merz mit Trump, ebenda meint Armin Nassehi: Merz verhält sich wie die AfD. Viel Kritik gibt es heute auch an der Erinnerungspolitik der Parteien: Der KZ-Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner vermisst im SZ-Gespräch im CDU-Wahlprogramm das Erinnern an Auschwitz, Mirna Funk wirft Olaf Scholz in der Welt indes "sekundäre Auslöschung" der Juden vor. Der Holocaustforscher Omer Bartov behauptet in der FR, die propalästinensischen Proteste an Unis seien von "einflussreichen Geldgebern" unterbunden worden.
04.02.2025. Das Kalkül der CDU politische Entschlossenheit zu demonstrieren, wird nicht aufgehen, prophezeit der Soziologe Steffen Mau im Tagesspiegel-Interview. Der Historiker Tim B. Müller glaubt in der FAZ hingegen, dass sich Merz und die CDU als die wahren Verfechter der Demokratie herausgestellt haben. Auf Zeit Online fragt sich die jüdisch-deutsche Autorin Dana Vowinckel, ob es jetzt an der Zeit wäre aus Deutschland auszuwandern, wo die Konservativen gemeinsame Sache mit der AfD machen. Benjamin Netanjahu ist der beste Freund der Hamas, sagt der Parteivorsitzende der israelischen Sozialdemokraten Jair Golan im Tagesspiegel-Interview.
03.02.2025. Die "Demos gegen rechts" machen der taz Hoffnung: Helfen sie, die AfD-Stimmen zu reduzieren? "Noch nie war es für Islamkritiker in Europa so gefährlich wie heute", warnt Hamed Abdel-Samad nach dem Mord an Salwan Momika in der NZZ. Die taz fragt: Wie kann Europa mit den Gewalttraumatisierungen von Flüchtlingen menschlich umgehen? Zeit online hat eine gute Nachricht: Flüchtlinge helfen gegen rechts.
01.02.2025. Die kritischen Stimmen zu Friedrich Merz überwiegen. Er übertreibt die Bedrohungslage, findet die SZ, er sucht Mehrheiten mit den Rechtsextremen, so die taz. In der Welt macht Thomas Schmid allerdings auch auf den Beitrag der Linken zum Aufstieg der AfD aufmerksam. Die NZZ erzählt von den "Rattenlinien" der schlimmsten Nazi-Verbrecher: Sie retteten sich mit Hilfe des Vatikan nach Südamerika und mithilfe des Mufti von Jerusalem in arabische Länder. Der RBB versucht, einige seiner akutesten Krisen aufzuarbeiten, berichten FAZ und SZ.