9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
August 2024
31.08.2024. Die FAS setzt sich mit Jürgen Habermas' umstrittenen Forderungen im Ukraine-Krieg auseinander. In der FAZ versucht der Soziologe Oliver Nachtwey dem Erfolg des BSW auf die Schliche zu kommen. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt im Tagesspiegel, warum er die Wagenknecht-Partei für ebenso gefährlich hält, wie die AfD. Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub erklärt in der FR, warum das Phänomen der Cancel Culture heute nicht mehr aktuell ist. Ronya Othmann hält in der FAZ fest: Abschiebungen lösen das Terrorismus-Problem nicht.
30.08.2024. Die historischen Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen stehen an, die Zeitungen können über fast nichts anderes nachdenken. Die taz hofft, dass man den Lack am BSW abkriegt, wenn man es an den Regierungen beteiligt. Aber die AfD bindet stärkere publizistische Energien. Mehrere Artikel zeigen, welchen verheerenden Einfluss die AfD kulturpolitisch in den Neuen Ländern jetzt schon hat. Alles in allem mag eine Intervention Ian Burumas in der Welt helfen, der Linken dringend rät, vom Woken Abschied zu nehmen.
29.08.2024. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk wirft den Ostdeutschen im Welt-Interview vor, sich nachträglich als Revolutionäre von 1989 zu stilisieren, obwohl die meisten das nicht waren. Sonja Margolina erklärt in der NZZ, wie Russland Straftäter als Soldaten in den Krieg schickt. In der SZ fordert Gilda Sahebi ein Narrativ, das die Gesellschaft nach Erschütterungen wie dem Attentat in Solingen zusammenhält. Und in der Zeit berichtet der Soziologe Mouhanad Khorchide von seinen Begegnungen mit jungen Islamisten, die im Gefängnis sitzen - und den Koran nie gelesen haben.
28.08.2024. In der Diskussion nach dem Solingen-Attentat gibt es nur Extreme, meint der Dschihadismus-Forscher Hugo Micheron in der FAZ und schlägt vor, Tik-Tok zu verbieten. Die Deutschiranerin Nahid Taghavi sitzt seit vier Jahren im Iran in Haft - für ihre Freilassung scheint sich hier aber niemand zu interessieren, wundert sich die taz. Der Entwurf für die Antisemitismus-Resolution der Ampel-Parteien liegt vor: Die Ruhrbarone finden ihn gut, eine Gruppe jüdischer Intellektueller protestiert hingegen in einem offenen Brief, den die taz abdruckt.
27.08.2024. Es muss doch möglich sein, eine Einwanderungspolitik zu betreiben, die Islamisten abschiebt und Demokratieaktivisten hier aufnimmt, auch wenn sie aus dem selben Land kommen, meinen die Ruhrbarone nach dem Attentat in Solingen. Man kann nichts machen, reicht nicht mehr, insistiert die FAZ, es macht nur die AfD stärker. Die SZ hingegen rät nach Solingen, nur nicht gleich in Panik zu verfallen. Andere Themen: Die taz fragt sich, warum sich niemand für die Menschenrechtsverbrechen des iranischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung interessiert. In der SZ fordert Fran Lebowitz: Schafft den Supreme Court ab. Und die Fahrräder.
26.08.2024. Die "Brandmauer" wird schon vor den Wahlen in Thüringen und Sachsen mürbe. Sahra Wagenknecht mokiert sich in Zeit online über "diese hysterische Kampagne gegen die AfD" und bekennt im Übrigen, dass sie in Amerika nicht wüsste, " für wen ich stimmen würde". Auch bei der CDU bröckelt die Brandmauer, beobachtet die taz. Die taz fragt sich auch, was wohl die Festnahme des Telegram-Chefs Pawel Durow in Frankreich bedeutet. In der SZ rät der britische Autor Mohsin Hamid der Ukraine zur Kapitulation.
24.08.2024. Die Wahlen in Thüringen und Sachsen drohen, historisch zu werden. Eindringlich schildert Steffen Mau in der SZ "dieses Diffundieren des Rechten in die Alltagskultur". In der Berliner Zeitung zeigt sich unterdessen, wie sich die Membran zwischen links und rechts auflöst: "Die Brandmauer muss weg!", ruft Bernd Stegemann und hofft auf ein neues Einvernehmen mit AfD-Wählern. In der taz betrachtet Caroline Fetscher das Tunnelsystem der Hamas in Gaza als eine "antisoziale Megaskulptur", die direkt ins Jenseits der Aufklärung führt. Kamala Harris wird überall gefeiert, die FAZ beleuchtet einen eher unheimlichen Aspekt ihrer Wählersoziologie.
23.08.2024. Hat es mit der Garnisonkirche denn nie ein Ende? Nun ist der Turm zumindest eingeweiht. Frank-Walter Steinmeier hielt eine Rede. Die Gegner protestierten. Und die Feuilletons sind gespalten. Das andere große Thema: Eins ist vor den Wahlen in Thüringen und Sachsen klar: Die "Angleichungstheorie", nach der sich die Differenzen zwischen Ost und West abschleifen sollen, kann in den Schredder, meint die taz. Verschiedene Zeitungen versuchen zu klären, warum die Ossis sind, wie sie sind. Könnte es mit Geschichte zu tun haben? Mit der Tatsache, dass der Hitler-Stalin-Pakt in Deutschland so schmählich vergessen ist, fragt der Historiker Felix Ackermann in der FAZ.
22.08.2024. Die taz blickt skeptisch auf die neue Regierung der BNP in Bangladesch, die schon einmal regiert und dabei Hunderte Oppositionelle hat verschwinden und ermorden lassen. In Nepal sieht es auch nicht besser aus, meint die NZZ mit Blick auf den neuen alten Premier, einen prochinesischen Marxisten. In Zeit und VAN hofft Tatiana Kolesnikowa auf einen Gefangenenaustausch zugunsten belarussischer Oppositioneller. Der Tagesspiegel fragt, wie originalgetreu genau die Potsdamer Garnisonkirche aufgebaut werden soll - mit preußischem Militärdekor am Turm oder nicht? Die FAZ stellt die Litauerin Irena Saulutė vor, die den Terror der Sowjets in Sibirien überlebte. In der Berliner Zeitung hat Dramaturg Thomas Oberender einen Plan für das Berliner ICC.
21.08.2024. Deutschland denkt über den Osten nach. Das Buch "Freiheitsschock" des ostdeutschen Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk bietet einen guten Blick in antiwestliche, antidemokratische Einstellungen, wie sie AfD und BSW repräsentieren, findet Gustav Seibt in der SZ. Die Ruhrbarone rechnen nach, welche Last der Aufbau Ost für das Ruhrgebiet bedeutete. Zugleich müssen Lehrer in Thüringen lernen, wie sie sich einer möglicherweise bald regierenden AfD entgegenstellen, berichtet die taz. In Frankreich streiten sich die Comedians und Lejournal.info hofft auf die Sozialdemokratie.
20.08.2024. Edward Said müsste sich angesichts des Orientalismus' der propalästinensischen Aktivisten im Westen im Grabe umdrehen, meint der Politikwissenschaftler Hanns W. Maull in der SZ. Der Soziologe Armin Nassehi denkt in seinem Blog über den modischen Generalzweifel an allem Etablierten nach. In Zeit online erklärt der Soziologe Rainald Manthe, was wir an der S-Bahntür über unsere Gesellschaft lernen können - und was im Baumarkt. Endlich werden Frauen im Widerstand in einer Ausstellung gewürdigt, freut sich die SZ.
19.08.2024. "Putins Krieg richtet sich nicht nur gegen die Ukraine, sondern gegen ganz Europa", ruft die taz nach der Meldung, dass sich die Bundesregierung aus Budget-Gründen gezwungen sieht, die Ukraine-Hilfe einzustellen. In der Welt stellt Garri Kasparow den Bundeskanzler zur Rede. Hubertus Knabe fragt in seinem Blog, "warum der Osten keinen Streit mit Putin will". Der Politologe Manès Weisskircher warnt in der FAZ vor einer isolierten Betrachtung der Neuen Länder beim Thema Rechtsaußen-Parteien. Der Spiegel fragt, ob der Faschismus zurückkehrt.
17.08.2024. Im Observer fragt sich Kenan Malik, was die rechtsextremen Ausschreitungen in Britannien mit Identitätspolitik zu tun haben. Tim Walz verkörpert eine heitere Männlichkeit, darum ist er so beliebt, glaubt die SZ. Die Anti-Israel-Demonstranten sind genauso naiv, wie die Demonstranten gegen den Vietnamkrieg, meint Claus Leggewie in der FAZ. In der FAS erklärt Kate Crawford, warum KI-Systeme nie neutral, sondern immer politisch sind. Der Standard liest noch einmal Pierre-Héli Monots surrealistisches Revolutionspamphlet "Hundert Jahre Zärtlichkeit" und staunt: Eine so ausgefuchste Hasspredigt gegen die Mittelschichten hat er lange nicht mehr gelesen.
16.08.2024. In den USA feiern Republikaner wie propalästinensische Aktivisten den Rücktritt der Präsidentin der Columbia University Minouche Shafik, berichten FAZ und taz. Angesichts der Drohungen gegen den den CSD in Bautzen wünscht sich die Autorin Anne Rabe in der SZ mehr queere Sympathien in der CDU. Afghanistan ist auf dem Weg, sich in einen religiösen Polizeistaat zu entwickeln, diagnostiziert die entwicklungspolitische Gutachterin Hannelore Börgel im Tagesspiegel. Daran ist der Westen schuld, meint Zeit online. Über Kolonialismus debattieren nur die Alten, meint die NZZ mit Blick auf die Europäer.
15.08.2024. Das Verbot des rechtsextremen Compact-Magazins ist vorerst gerichtlich aufgeschoben. Aber nicht aufgehoben, informiert die SZ. Die taz freut sich, dass "der Pressefreiheit ein großes Gewicht zugemessen wurde". Die Wirtschaftskrise in der Türkei zerstört die Chance der Kinder auf Bildung, fürchtet Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Die Völkerrechtlerin Monika Polzin schildert in der NZZ, wie China und andere Demokratien die Idee der Menschenrechte untergraben.
14.08.2024. In der Zeit rechnet Wolf Biermann mit den Ostdeutschen ab: "Die, die zu feige waren in der Diktatur, rebellieren jetzt ohne Risiko gegen die Demokratie." Die taz erzählt die Geschichte zweier Richter nach dem Krieg: einem Nazi, der nach dem Krieg aufstieg, und einem Demokraten, der gemaßregelt wurde, weil er es kritisierte. Wandel durch Handel hat doch funktioniert, nur andersrum, lernt die Welt bei Anne Applebaum: Er korrumpierte den Westen. Der Spiegel begibt sich in die tiefsten Keller des Pergamonmuseums und lernt dort, was Schweigen ist.
13.08.2024. Der eine will die Verfassungsgerichte stärken, der andere hält genau diese Idee für eine Schwächung der Demokratie: In der SZ antwortet Maximilian Steinbeis auf Philip Manow. In der taz schildert der bolivianische Soziologe Hugo José Suárez, wie Linkspopulisten in Lateinamerika Wahlen manipulieren. Die russische Kultur ist eine "Kultur der absoluten Verantwortungslosigkeit", meint in der Welt der Slawist Joseph Wälzholz. taz und FAZ denken nochmal über die britischen Ausschreitungen nach.
12.08.2024. Ines Geipel guckt sich für die FAZ die Wahlplakate von BSW und AfD in Sachsen und Thüringen an und findet überall den Begriff "Heimat" - eine "giftige Erzählung". Die SZ besucht die Kulturhauptstadt des nächsten Jahres, Chemnitz, und findet Tristesse und Ratlosigkeit. Der Fluch Afrikas ist der Tribalismus, schreibt Asfa-Wossen Asserate in der FAZ und denkt mit Nostalgie an die Kaiserdynastie von Äthiopien zurück.
10.08.2024. Die Olympischen Spiele haben die deutsche Presse bezirzt: "Paris ist das schönste olympische TV-Fest aller Zeiten", schwärmt die taz in einer vorläufigen Bilanz, ein "Sommermärchen", die FAZ, "etwas ästhetisch Ausdeutbares, künstlerisch Wertvolles" die SZ. Düsterer wird die Stimmung im Blick nach Osten: Putins Choreografie der Spaltung Europas wird bis heute unterschätzt, warnt Karl Schlögel in der Rheinischen Post. Und Putin hat keine Angst, versichert Viktor Jerofejew in der FAZ.
09.08.2024. In Le Point kommt Kamel Daoud auf den algerischen Bürgerkrieg zurück, von dem sein neuer Roman "Houris" handelt: Den Mördern wurde 2005 offiziell verziehen, sagt er, aber nicht den Frauen, die von ihnen vergewaltigt wurden. In Zeit online beschreibt Ilko-Sascha Kowalczuk die BSW-Caudilla Sahra Wagenknecht als eine leninistische Ideologin. Es reicht nicht, den Islamischen Staat als Urheber der Verbrechen gegen die Jesiden zu benennen, man muss auch den Islamismus benennen, findet Kurt Schmalle bei hpd.de.
08.08.2024. Das war kein Gefangenenaustausch, sagt der russische Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa im Zeit-Interview, sondern eine "lebensrettende Mission". Die Sowjetunion war um ihr Image im Westen besorgt, Putin ist es völlig egal, liest Konstantin Akinscha in der FAZ an der Kleidung der von Russland Freigelassenen ab. Die FAZ fragt außerdem: wird es in Großbritannien einen Bürgerkrieg geben? Die Welt konstatiert dort eine schleichende Entfremdung zwischen Bürgertum und Politik.
07.08.2024. In der FAZ schildert der Philosoph Olivier Del Fabbro, wie brutal die Russen gegen die Rettung von verletzten Ukrainern vorgehen. Im Perlentaucher mahnt Richard Herzinger, den Warschauer Aufstand in deutsches und westliches Gedenken einzubeziehen. Palästinenser, die sich in Deutschland gegen die Hamas stellen, werden sofort als Verräter beschimpft, erzählt der Journalist Sebastian Leber der Jüdischen Allgemeinen. Auf Zeit Online stellt der Soziologe Danila Medwedew fest: Die Globalisierung hat wenig dazu beigetragen, dass sich der Westen und der Rest der Welt in ihren Werten annähern.
06.08.2024. In der FAZ und im Spiegel verteidigt der Politikwissenschaftler Philip Manow die Demokratie gegen Verfassungsschutz, Justiz und Klimaaktivisten. Der Schriftsteller Kamel Daoud fragt, warum die Gold-Olympionikin Kaylia Nemour in Algerien ihre Beine nicht zeigen darf. Persuasion berichtet, wie Russland mit Fake News die britische Rechte anfeuert. In Venezuela fehlt es Nicolas Maduro an der mathematischen Intelligenz, um eine erfolgreiche totalitäre Demokratie zu errichten, meint Hector Abad in der NZZ. Compact heißt jetzt Näncy, sonst ist alles beim Alten, bemerkt die SZ.
05.08.2024. Welt und taz beleuchten das linke Schweigen zum Wahlbetrug des venezolanischen Caudillos Nicolás Maduro, der unterdessen den Zionismus beschuldigt, ihm die Herrschaft stehlen zu wollen. Die FAZ stürzt mit dem Historiker Julius Wilm das Denkmal des deutschen Demokraten Carl Schurz, der in Amerika eine rassistische Politik betrieben habe. Die Kosten für den Krieg könnten Russland in die Bredouille bringen, schreiben die Experten Thomas Lattanzio und Harry Stevens in der NZZ. Im Standard ruft Nino Haratischwili zum Kulturboykott gegen die georgische Regierung auf.
03.08.2024. Nach zehn Jahren scheint man einen Schlussstrich unter den Genozid an den Jesiden ziehen zu wollen, beklagen in der FAS Ronya Othmann und in der taz Düzen Tekkal und Hakeema Taha. "Deutsche Opfer außerhalb Europas, sind offenbar nur Opfer zweiter Klasse", ärgert sich der Historiker Jürgen Zimmerer im Tagesspiegel mit Blick auf den Genozid an den Herero und Nama. Die Stärke westlicher Demokratien ist die Wertschätzung des Einzelnen, verteidigt Deniz Yücel in der Welt den Gefangenenaustausch mit Russland. In der FAS erzählt der ungarische Schriftsteller Dénes Krusovszky, wofür Orban siebensitzige Familienautos spendiert. Die taz fragt, warum Litauen so queerfeindlich ist.
02.08.2024. Das Wall Street Journal erzählt die Hintergründe des spektakulären Gefangenenaustauschs zwischen Russland, Amerika und Deutschland und verschweigt das moralische Dilemma nicht. In der Berliner Zeitung erzählt Jens Balzer, wie der Antisemitismus in den Antirassismus kam. In Deutschland wurde der Warschauer Aufstand lange ignoriert, in Polen war er lange tabu, erzählt der Historiker Stephan Lehnstaedt in der NZZ. Queernations.de fragt am Beispiel eines Boxkampfs bei den Olympischen Spielen, wie weit Inklusion gehen kann.
01.08.2024. In der Zeit erklärt der Politologe Ivan Krastev, warum die Neue Rechte Migration fördert und es ihre Wähler gar nicht stört. In der FAZ skizziert Bülent Mumay die immer schwierigere Lage in der Türkei, vor allem für die jungen Türken. Auch in Deutschland sind junge Menschen erheblich unterrepräsentiert, konstatieren in der SZ der Soziologe Aladin El-Mafaalani und die Juristin Baro Vicenta Ra Gabbert. Im Hamburger Abendblatt hat die Autorin Necla Kelek Zukunftsideen für die Blaue Moschee in Hamburg.