9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Februar 2026
28.02.2026. Israel und die USA haben den Iran angegriffen. Laut NZZ warten die iranischen Ayatollahs bisher vergeblich auf die Ankunft des Mahdi. Woher kommt eigentlich linker Antisemitismus? Die taz und die SZ suchen nach Antworten. In der NZZ hofft Herfried Münkler, dass Europa nach den Kopfnüssen durch Putin und Trump endlich aufwacht, und zwar kräftig. In der taz erzählt eine Kiewerin, wie ihr Kriegswinter verlief.
27.02.2026. Wie verhalten sich Menschen in Diktaturen? "Millionen Leute schauen weg", ist die deprimierte Erkenntnis des belarusischen Autors Sasha Filipenko in der NZZ. Seine Studenten können ihn mit KI nicht betupsen, versichert Markus Gabriel in der FAZ. Gegen die KI ist nur ein Kraut gewachsen meint hingegen die FR: ein bedingungsloses Grundeinkommen. Einst war die "Dritte Kultur" in der FAZ das ganz große Ding, nun steckt sie sie in die Konkursmasse der Epstein Files. Die Warner Brothers und damit auch der Trump-kritische Sender CNN gehen jetzt doch an den Trump-Kumpel Larry Ellison, meldet unter anderem golem.de.
26.02.2026. In einem Offenen Brief fordern Deutsch-Iraner die Bundesregierung auf, strafrechtlich gegen die iranische Regierung zu ermitteln. Die Welt rätselt, was die Folgen für Nigel Farages Partei "Reform UK" sind, nachdem sich ein Rechtsaußen-Zweig als "Restore UK" abgespalten hat. In der NZZ erklärt Anna Schor-Tschudnowskaja, wie Putin mit dem Uni-Fach "soziale Architektur" eine vollkommen zufriedene Bevölkerung heranziehen will. China will das auch, mit der "Xi-Jinping-Lehre", informiert Zeit online. Keine Ausweispflicht im Netz, fordert der Kommunikationswissenschafter Christian Pieter Hoffmann in der NZZ.
25.02.2026. Eva Illouz analysiert in einem Essay für Le Grand continent den Epstein-Skandal: Epstein ist für sie keine "Perversion", sondern er "verkörperte das Paradigma des Erfolgs im globalisierten Finanzkapitalismus". In Zeit online benennt die Osteuropahistorikerin Tanja Penter Lücken der deutschen Erinnerungskultur im Blick auf den Zweiten Weltkrieg. Polen hat trotz der inzwischen liberalen Regierung immer noch die schärfsten Abtreibungsgesetze Europas - europäische Netzwerke und Initivativen verbessern laut taz die Lage. Die taz fragt auch, ob man Ungarn nicht einfach aus der EU rausschmeißen sollte - die Antwort ist Nein.
24.02.2026. Putins Vernichtungskrieg gegen die Ukraine geht ins fünfte Jahr. Claus Leggewie schlägt im Perlentaucher ein Russland-Tribunal vor, professionell besetzt, das schon mal zur Beweisaufnahme schreitet. Der Guardian erzählt, wie amerikanische und britische Geheimdienste Berlin und Paris über den bevorstehenden Angriff informierten - aber die wollten es nicht glauben. Der Autor Sergey Maidukov erzählt in der in der SZ, was der Krieg die Ukrainer kostet. Roderich Kiesewetter kritisiert im Ronzheimer-Podcast Friedrich Merz, der seinen Versprechen keine Taten folgen lässt.
23.02.2026. Der Ukrainekrieg dauert nun fast so lange wie der Erste Weltkrieg. Der in München lehrende Slawist Riccardo Nicolosi versucht in der FAZ herauszufinden, was Putin "eigentlich will": Es könnte auf eine Ausweitung des Krieges hinauslaufen. Die Zeitungen blättern mit Befremden durch ein neues Konkurrenzprodukt: Holger Friedrichs Ostdeutsche Allgemeine. Aber auch die Jubiläumsausgabe der Zeit befremdet die FAZ. Die NZZ erzählt, wie der Iran Propaganda macht - und wieviele Millarden Dollar das Regime dafür ausgibt.
21.02.2026. In der ukrainischen Armee "kämpfen ganz normale Bürger, keine Superhelden oder Außerirdischen", erinnert der ukrainische Schriftsteller und Soldat Serhij Zhadan im taz-Interview. Die FAZ überlegt, was die Verhaftung von Ex-Prinz Andrew für den Fortbestand der britischen Monarchie bedeuten könnte. In der FR glaubt der Autor Joseph Croitoru nicht an einen amerikanischen Angriff auf Iran in nächster Zeit. In der SZ erklärt die Soziologin Irène Théry, wie "MeToo" den Feminismus vorangebracht hat.
20.02.2026. Wenn du als Frau eine Frau liebst, kannst du trotzdem mit Freude eine Frau sein, versichert Alice Schwarzer den jüngeren Generationen im Tagesspiegel. Schwarzer ist gar keine Feministin, findet die taz. In der FAZ erzählt Irina Rastorgujewa, wie russische Soldaten bestraft werden, wenn sie sich nicht verheizen lassen wollen. Nachdem Linksextreme in Frankreich einen Rechtsextremen ermordeten und sich herausstellte, dass diese Linksextremen der Linkspartei "Unbeugsames Frankreich" nahestehen - stellt sich die Frage nach unscharfen Rändern zur gewaltbereiten Szene, und zwar sowohl links, als auch rechts, findet lejournal.info.
19.02.2026. In der taz fragt Nobelpreisträger Denis Mukwege: Warum interessiert sich niemand für den jetzt dreißig Jahre dauernden Krieg im Kongo? Die Demonstrationen junger Menschen in Bangladesch, Nepal oder Indonesien, die sich um eine bessere Zukunft gebracht sehen, könnten Vorbild auch im Westen sein, meint Alexander Görlach in der NZZ. Die Demokratie muss weiterentwickelt werden, wenn sie Antworten auf die Probleme dieser Zeit finden soll, denkt auch Jörg Baberowski in der FR. In der SZ wundert sich der Autor Jonathan Guggenberger über Zensurvorwürfe propalästinensischer Stimmen: sie würden sogar staatlich gefördert. Die Zeit trifft den Gründer des rechten Magazins Apollo News.
18.02.2026. Am Samstag demonstrierten 250.000 Menschen in München gegen die Regierung im Iran. Doch wo war die Linke, fragt die SZ. Der Tagesspiegel macht sich Sorgen um die iranische Nobelpreisträgerin Narges Mohammadi, die misshandelt und herzkrank im Gefängnis sitzt. In der FR staunt der Historiker Frank Trentmann über den Provinzialismus der Europäer, die sich nicht auf ein gemeinsames Verteidigungskonzept einigen können. Le Point wundert sich nicht, dass auf einer Demo in Frankreich ein Linker einen Rechten totgetreten hat. Milliardäre wollen immer häufiger auch politische Macht, stellt Amitabh Behar von Oxfam International in der taz fest.
17.02.2026. In der NZZ erklärt der russische Wirtschaftswissenschaftler Wladislaw L. Inosemzew, was die von Russland und China gesteuerte "alternative Globalisierung" ist und wie sie Europa bedroht. Wenn jemand etwas gegen russische Einnahmen aus Energie tut, dann Trump, auch in Ungarn und der Slowakei, fällt der taz auf. Wenn es nach den Berliner Grünen geht, können Polizistinnen bald mit Kopftuch herumlaufen, berichtet die Berliner Morgenpost. Die FAZ beleuchtet das Verhältnis zwischen Jeffrey Epstein und dem deutschen KI-Forscher Joscha Bach.
16.02.2026. Es war eine der größten Demonstrationen in der Geschichte Münchens, 250.000 Exiliraner waren in die Stadt gereist - mehr als höfliches Medieninteresse lösen sie nicht aus. Alles wird überstrahlt von Marco Rubios Münchner Rede und den Standing Ovations, die laut Le Monde vor allem von deutschen Politikern in Szene gesetzt wurden. Rubios Diskurse verfangen bei den Medien nicht. Und der Mann reist ja auch schon wieder nach Ungarn ab, wo er sich Inspiration für die Gleichschaltung derselben suchen könnte, meint der Blogger Nick Cohen.
14.02.2026. Heute wird in München die große Demo für den Iran stattfinden, so schlecht wären die Vroaussetzungen für einen Regime Change auch innerhalb des Landes nicht, glaubt die taz. In den Tagen der Münchner Sicherheitskonferenz wird in den Zeitungen viel über die tektonischen Verschiebungen der letzten Jahre nachgedacht: Nach 1989 gehen Totalitarismus und Kapitalismus stillschweigend Hand in Hand, fürchtet der exilchinesische Autor Yang Lian in der FAZ. Europa muss neu über seine Souveränität nachdenken, meint Leander Scholz in der NZZ. Die FAS beschreibt, wie es sich die AfD im Komfort der Demokratie gemütlich macht.
13.02.2026. Die Münchner Sicherheitskonferenz ist eröffnet: Zeit online veröffentlicht Serhij Zhadans Rede. In der taz erklärt der SPD-Politiker Danial Ilkhanipour, warum er in München an der Seite von Reza Pahlavi demonstrieren wird. Scharouns Staatsbibliothek in Berlin wird demnächst für elf Jahre schließen, berichten die Zeitungen. Die UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas Francesca Albanese soll zurücktreten, fordern die Außenminister Deutschlands und Frankreichs. Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit, David Kaye, fordert in der SZ Meinungsfreiheit, auch für die Parole "From the River to the Sea..."
12.02.2026. Die FAZ versucht Noam Chomskys Sympathie für Jeffrey Epstein mit Chomskys Sprachtheorie zu enträtseln. In der Zeit denkt der Philosoph Luca Di Blasi über das Geschäftsmodell der Tech-Konzerne nach, während er ohne Smartwatch spazieren geht. Der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel fragt sich in der taz, warum er auf seine Printartikel kaum noch Reaktionen erhält: Soll er sie als Video-Reels anbieten? Ebenfalls in der taz antwortet der Grünen-Politiker Winfried Nachtwei auf den Brief eines ehemaligen Parteikollegens, der den Grünen "einseitige Militarisierung" vorgeworfen hat und ausgetreten ist.
11.02.2026. Mehr Zirkus als Aufklärung: Die FAZ ist entsetzt von der Debattenkultur, die die Veröffentlichung der Epstein-Akten in den USA offenbart. Und selbst in diesem Zirkus spielen nur die Männer eine Rolle, klagt die SZ. Wie leicht Epstein die nur nicht gerade arme Prominenz ködern konnte, zeigt Le Monde das Beispiel der Tochter Jack Langs. In der NZZ hat der Politikwissenschaftler Mahdi Rezaei-Tazik wenig Hoffnung, dass die Amerikaner den Demonstranten im Iran helfen.
10.02.2026. Die taz erklärt, was "Deathonomics" ist: das Putinsche Wirtschaftssystem, das die Konjunktur mit toten Rekruten heizt. taz und FAZ wundern sich nicht wenig über die Norweger, die sich doch recht intensiv von Jeffrey Epstein bezirzen ließen. Den Ostdeutschen ginge es heute besser, wenn die Jewish Claims Conference keine Entschädigungsforderungen gestellt hätte, meint der Berliner-Zeitung-Verleger Holger Friedrich laut Jüdischer Zeitung. In der SZ rät Literaturwissenschaftler Steffen Martus mit Blick auf Trump Feuer mit Feuer zu bekämpfen.
09.02.2026. In der SZ markiert Gary Marcus die Grenzen der Künstlichen Intelligenz. Die taz untersucht das pathologische Verhältnis der westlichen Linken zum Mullah-Regime im Iran. Die taz hat es auch hingekriegt, dass in Oldenburg ein Museum umbenannt wird. In der FAZ fragt der Jurist Uwe Volkmann, ob Demokraten die Schmittsche Freund-Feind-Unterscheidung auf die AfD anwenden sollten. In der SZ macht die Schriftstellerin Shida Bazyar nochmal das Ausmaß der Gewalt gegen iranische Protestierende deutlich.
07.02.2026. Europa muss sich wappnen, rät der Politikwissenschaftler Robert Kagan im SZ-Interview, es wird sonst von den drei neuen Raubtierimperien zerfleischt. Der Meinungsforscher Lew Gudkow erklärt in der FAS, warum die Russen in Umfragen angeben, zufrieden mit ihrem Land zu sein, aber eigentlich nur Angst haben. Die Schriftstellerin Judith Schalansky hat in ihrer Dankesrede zum Lessing-Preis, die die FAZ abdruckt, angesichts mächtiger Algorithmen wenig Hoffnung für die Philosophie. Der Medienwissenschaftler Martin Andree fordert in der FAS: Das Internet muss wieder uns allen gehören!
06.02.2026. Warum verschwindet das Thema Ukraine immer mehr aus den Schlagzeilen, fragt die SZ. Die Epstein Files sorgen nach wie vor für viel Aufsehen: Warum sind viele Opfer in den geleakten Dokumenten sichtbar, fragen Tagesspiegel und SZ. taz und FAZ erzählen, wie Jeff Bezos die Washington Post zerstört. In der FAZ erklärt Marion Ackermann von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, warum sie nun auch das Museum Europäischer Kulturen ins Humboldt-Forum aufnehmen will.
05.02.2026. Im Iran haben die geistlichen Führer wohl mehr als 30.000 Menschen umgebracht - Die SZ kommt auf die Massaker zurück und auf die Verzweiflung, die jetzt in der iranischen Bevölkerung herrschen muss. Nützt die Veröffentlichung der Epstein-Files vor allem Donald Trump, fragt ebenfalls die SZ. Der noch in Moskau lebende Autor Andrei Kolesnikow schildert in der NZZ den wohl trübsten Winter in der Stadt seit langem. Die FAZ meint: Ein Social-Media-Verbot für Jugendliche reicht nicht aus - der Staat sei aufgefordert, "sein Wächteramt auch gegenüber Volljährigen auszuüben ".
04.02.2026. Die Ukraine erfriert! In der FAZ rufen die Historiker Karl Schlögel und Gerd Koenen zu einer konzertierten Hilfsaktion auf. Trumps Außenpolitik folgt guter alter amerikanischer Tradition, meint in der FR der deutsch-amerikanische Philosoph Christian Lotz. Wenn den Spaniern Juan Carlos I. zur Demokratie verhalf, warum sollte Reza Pahlavi das nicht im Iran können, fragt in der Welt die Autorin Sineb el Masrar. In der FAZ kritisiert der Historiker Jan Grabowski scharf die deutschen Holocaustforscher Andrea Löw und Stephan Lehnstaedt, die ihre polnischen Kollegen im Stich gelassen hätten.
03.02.2026. Fast verzweifelt klingt der Ruf von Sergei Gerasimow in der NZZ. Kümmert es uns eigentlich, dass in der Ukraine Tausende Kinder umgekommen sind oder von den Russen deportiert wurden? Nach 56 Jahren scheint geklärt zu sein, wer den Brandanschlag auf das jüdische Altersheim in München begangen hat - ein Kleinkrimineller und rasender Antisemit, berichtet die taz mit Bezug auf den Spiegel. Marko Martin erinnert bei libmod.de an den Ideenhistoriker Fritz Stern, der die Demokratiefeindlichkeit bei Rechten und Linken früh benannte.
02.02.2026. Minus 20 Grad in Kiew, und keine Heizung, kein Strom, kein Wasser. Gegen wen führt Putin eigentlich seinen Krieg, fragt die Schriftstellerin Iryna Tsilyk in der FAZ. Trocknet die Finanzströme des Terrors aus, ruft Navid Kermani in der SZ - mit Blick auf den Sohn von Khamenei, der offenbar in Frankfurt ein Hilton-Hotel besitzt. Bei jacobin.de erklärt der Linkspartei-Politiker Ahmed Abed, wie er es als Bürgermeister von Neukölln halten will.