9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
April 2025
30.04.2025. Die Zeitungen werden der Flut der Jahrestage kaum mehr Herr. In der FAZ erinnert der Historiker Manfred Kittel an die Vertreibung von Millionen Deutschen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg - und die sowjetische Rolle bei dem Geschehen. In der FR lotet Wolfgang Kraushaar das Trauma des Vietnamkriegs aus. In der Zeit fordern Svenja Flaßpöhler, Hartmut Rosa, Frauke Rostalski und Juli Zeh, doch erstmal längere Zeit nachzudenken, bevor man gegen Putin aufrüstet. Bei hpd.de stellen sich säkulare Sozialdemokraten gegen die grüne Idee, das Kopftuch in der Polizei zuzulassen.
29.04.2025. Sie haben sich zerstritten und wieder versöhnt: In einem gemeinsamen Text für die SZ hoffen Navid Kermani und Natan Sznaider auf die Zivilgesellschaften in Israel und Gaza und haben einen Rat für die neue deutsche Regierung. Der designierte Kulturminister Wolfram Weimer erschreckt die Feuilletons nach wie vor - Zeit online und Welt machen allerdings auch Positives aus. Die SZ weiß außerdem, warum Merz Weimer so gern hat. In der NZZ legt Viktor Jerofejew einen niederschmetternden Essay über die Lage der Ukraine und Europas vor.
28.04.2025. Für Befremden, ja Empörung in den Feuilletons sorgt die Entscheidung Friedrich Merz', ausgerechnet den Journalisten Wolfram Weimer zum Staatsminister für Kultur zu küren, der bisher nicht durch kulturpolitische Taten, dafür aber mit unseriösen reaktionären Traktaten hervorgetreten ist. Das Wiener Haus der Geschichte soll aus jenem Haus, in dem die Geschichte gemacht wurde, ausziehen, berichtet die NZZ. Außerdem warnen wir in diesen späten April- und und frühen Maitagen vor einem äußerst dichten Cluster historischer Gedenktage: Die FAZ erinnert zunächst mal an 75 Jahre Montanion und fünfzig Jahre Ende des Vietnamkriegs.
26.04.2025. In der FAZ erklärt der amerikanische Verfassungsrechtler Bruce Ackerman, dass die Gerichte in den USA Donald Trump nicht werden stoppen können: Das können nur die Wähler 2026. In der SZ erklärt Timothy Snyder, warum Trump obsolet werden könnte, wenn seine digitalen Oligarchie-Kameraden das Ruder übernehmen. In der FAS erzählt der Medienwissenschaftler Roland Meyer, wie KI von ebendiesen Oligarchen benutzt wird, Geschichte umzuschreiben. In der taz erklärt der Politologe Marc Saxer, wie ein neuer Westfälischer Frieden aussehen könnte: ganz ohne demokratische Missionierung.
25.04.2025. Trumps Verachtung für die Ukraine ist Verachtung für Demokratie, die sich im klaren sein sollte, was ihr blüht, wenn er mit seinem "Friedensplan" durchkommt, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. Trump will sich de facto die Ukraine mit Russland teilen, meint auch Thomas Avenarius in der SZ. Unter dem Beifall von Putins fünften Kolonnen im Westen verabschieden sich die USA von ihrer Rolle als Führer der freien Welt, konstatiert Laurent Joffin in lejournal.info. Außerdem geht's in FAZ und SZ nochmal um Omri Boehm.
24.04.2025. Die AfD ist laut einer Forsa-Umfrage erstmals stärkste Partei in Deutschland. Was tun? Die Demokraten brauchen ein überzeugendes Zukunftsmodell, meint der Friedensforscher Daniel Mullis in der FR. Wie wärs mit der im Wahlkampf versprochenen Mitte-Rechts-Politik, fragen die Ruhrbarone. Lehramtsstudenten an der FU Berlin glauben tatsächlich, dass Juden die Welt beherrschen, lernt man aus einem taz-Interview mit dem Studenten Lahav Shapira. Die SZ recherchiert zu den Single Use Agents, die Russland für Sabotageakte in der EU einsetzt.
23.04.2025. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten Europas sollten aufrüsten, sich verbünden und eine Plattform gegen Youtube und Tiktok schaffen, meint die SZ. In Zeit online versucht der Jesuitenpater Klaus Mertes das religiöse Programm Peter Thiels und seiner Kreatur J.D. Vance zu entschlüsseln. Im kanadischen Wahlkampf führt Trumps Wüten zu einer Blüte des Liberalismus, erzählt der Politologe John Grant in der taz. Die Jüdische Allgemeine fragt: Warum lieben die Deutsche Omri Boehm so? In der Welt will sich Rüdiger Safranski endlich von der AfD dulden lassen.
22.04.2025. Papst Franziskus war "sympathisch auf der menschlichen Ebene", konstatiert Volker Reinhardt im Zeit-Online-Interview. Trotzdem kühlte die Begeisterung für sein Pontifikat schnell ab, stellt die SZ fest. Im Perlentaucher blickt Claus Leggewie auf die nochmalige Verschärfung des Tons zwischen Algier und Paris. In der taz prangert palästinensische Aktivist Hamza Howidy die "propalästinensischen" Aktivisten im Westen an, deren Unterstützung eher der Hamas als den Palästinensern zu gelten scheint.
19.04.2025. Wir haben kein neues 1933, sondern ein neues 1914, prophezeit der Ökonom Branko Milanovic in der FR. Die belarussische Aktivistin Palina Sharenda-Panasiuk berichtet in der FAS von den Zuständen in Lukaschenkos Gefängnissen. Die taz erzählt vom jüdischen Widerstand gegen das NS-Regime. Der Historiker Sven Reichardt denkt in der FAS über den Begriff des "Postfaschismus" nach.
17.04.2025. Der russische Angriff auf das Stadtzentrum Sumys war kein Versehen, sondern die bewährte russische Taktik des "Doppelschlags", erklärt Politico. Die NZZ blickt fassungslos auf ein Stück Pipeline, das die orthodoxe Kirche als eine Art Reliquie für den Heldenmut russischer Soldaten ausstellt. Die Jüdische Allgemeine stellt den islamischen Gelehrten Ali al-Qaradaghi vor, der hinter der Fatwa gegen Israel steckt. In Berlin sind Plakate aufgetaucht, die zum Mord an dem taz-Journalisten Nicholas Potter aufrufen. Das machen doch sonst Rechte, ruft entsetzt die Chefredaktion der taz.
16.04.2025. Im Sudan hat der Bürgerkrieg mit der Verwüstung des größten Flüchtlingslagers in Darfur durch die RSF einen schaurigen Höhepunkt erreicht, berichten taz und Zeit. Europa (und der Rest der Welt) wirft einen Blick und widmet sich dann wieder Donald Trump. Auch die Demokratiebewegung in Georgien interessiert hier kaum: Nimmt Europa seine eigenen Versprechen ernst, fragt in der FAZ der Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili. In der SZ staunt Steven Pinker über die komplette Verachtung der Wissenschaft durch Donald Trump. In der Zeit kritisiert die Politologin Martyna Linartas unsere Erbengesellschaft.
15.04.2025. Gerade jetzt ist die Zeit gekommen, nicht mehr über die Nazizeit zu schweigen, sagt Psychologe Louis Lewitan in der FR. Die humanitäre Krise im Sudan verschärft sich mit jedem Tag, warnt die SZ. In Meduza erfahren wir, wie sich der russische Diskurs über Amerika ändert, welches Putins Propagandisten unter Trump in viel rosigerem Licht erscheint. Und die taz sagt Ja zu "Ja heißt Ja".
14.04.2025. In der FR erklärt Anetta Kahane mit Blick auf Omri Boehm, warum ihr "Universalismus" nicht behagt. In der FAZ erzählt Heinrich August Winkler, wie die KPD vor hundert Jahren Hindenburg möglich machte. In der NZZ beschreibt der russische Journalist Andrei Kolesnikow die Pathologie des russischen Blicks auf Amerika. Und in der Jungle World spricht Wolfgang Kraushaar über linken Antisemitismus und eine Einstaatenlösung für Israel.
12.04.2025. Die taz beleuchtet mit der Figur des Russell Vought die Rolle des "Christlichen Nationalismus" im aktuellen politischen Wahn Amerikas. Die FAZ fragt, ob sich die Demokraten aus der Schockstarre lösen und aus dem Bann des Wokismus befreien können. In der FAS erklärt Evgeny Morozov , wie das neue Oligarchentum in Amerika funktioniert. Und nochmals die taz erklärt die immer schwierigere Lage von ungewollt schwangeren Frauen in Europa.
11.04.2025. Die Feuilletonchefs beugen sich über die kulturpolitischen Passagen im Koalitionsvertrag und finden nur weltanschauliche Plattheiten und Hoffnung auf Umwegfinanzierung. Die SZ wundert sich sehr über die Zeit: Anders als Jesus kommt Giovanni Di Lorenzo nicht mit zwölf Jüngern aus. golem.de rechnet aus, was ein Iphone kosten würde, wenn es in Amerika hergestellt würde. Europa ist nicht nur dadurch geschwächt, dass Amerika sich zurückzieht, konstatiert Richard Herzinger im Perlentaucher.
10.04.2025. In der Zeit diskutieren die Historiker Peter Longerich und Frank Bajohr darüber, wie geeint die Deutschen hinter der NSDAP standen. Finstere Zeiten sind für die Redefreiheit angebrochen, konstatiert Omri Boehm im Zeit-Gespräch, und auch um die Erinnerungskultur stehe es schlecht. Im Interview mit der NZZ kritisiert der Philosoph Alain Finkielkraut das Gerichtsurteil gegen Marine Le Pen und wirft der französischen Justiz vor, zu links zu sein. In der FAZ erklärt der Jurist Christoph Möllers, warum das Rechtssystem der USA gegenüber der Politik schwach aufgestellt ist.
09.04.2025. Im Spiegel verteidigt Natan Sznaider Omri Boehm und plädiert für eine Art Fließgleichgewicht zwischen Universalismus und Partikularismus. Ebenfalls in der FAZ antworten die Politikwissenschaftler Julian Nicolai Hofmann und Oliver Eberl auf Egon Flaig: Keine Opferpflicht des Bürgers ohne Ausgleich und gerechte Ordnung. In der FR stellt Aleida Assmann den palästinensischen Politologen Bashir Bashir vor, der den Nahostkonflikt durch einen egalitären Binationalismus zu befrieden hofft. Warum schweigt die sonst so mitteilungsbedürftige Annalena Baerbock zu den Protesten in Gaza gegen die Hamas, fragen die Ruhrbarone.
08.04.2025. Der Streit um Omri Boehm geht weiter: In der NZZ fragt Michael Wolfssohn mit Blick auf Boehm, warum man ausgerechnet an einem Gedenktag die Trauernden belehren will. Die FAZ hätte die Rede nicht weiter gestört, fand sie aber auch etwas unklar. Für Europas Rechte entwickelt sich Donald Trumps Wahlsieg langsam zu einem echten Problem, stellt der Spiegel fest. Die Welt fragt, was "Asylbewerbende" sind.
07.04.2025. Die SZ druckt die Rede, die Omri Boehm in Buchenwald gehalten hätte, wenn er nicht ausgeladen worden wäre. Es geht um Frieden. In der NZZ beschreibt Sergej Lebedew, wie Putin Krieg macht: Sein Sieg besteht nicht unbedingt in militärischen Eroberungen. In der SZ malt Voker Weiß ein sehr düsteres Szenario der kommenden politischen Verwerfungen im Zeichen von Trumps Machtpolitik. Die FR erzählt, wie auch die Traditionsmedien von Künstlicher Intelligenz profitieren können.
05.04.2025. In der SZ erklärt die israelische Soziologin Eva Illouz, nachdem ihr aufgrund einer Unterschrift unter einer Petition von Israels Bildungsminister Yoav Kish der Israel-Preis verweigert wurde, sich dem "autoritären Regime" weiterhin zu widersetzen. In der Berliner Zeitung bekundet Jens-Christian Wagner, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, indes sein Entsetzen darüber, dass er gedrängt wurde, Omri Boehm nicht sprechen zu lassen. In FAZ, Welt und taz diskutieren die amerikanischen Professoren Jason Stanley, Marci Shore und Russell A. Bermann über Trumps Kulturkampf an US-Unis. Und die taz erzählt, was Radio Free Europe für die Meinungsfreiheit in Kasachstan bedeutet.
04.04.2025. Jetzt nur nicht Realist sein, ruft Gustav Seibt in der SZ, zumindest nicht im Sinne geopolitischer Zyniker, die nur halb verstanden haben, wie "Macht" funktioniert. Nicht nur im Wirtschaftsteil der FAZ rauft man sich die Haare angesichts der Pi-mal-Daumen-Formeln, mit denen Donald Trump die Weltwirtschaft in den Abgrund reißt. FAZ und FR bedauern, dass Omri Boehm nicht in Buchenwald reden darf. Und die SZ beobachtet Habermas-Schüler, die begreifen wollen, warum ihre Theorie nicht funktioniert hat: Düster und hilflos in Nymphenburg.
03.04.2025. Gestern hat Donald Trump für alle Länder Zölle angekündigt - mit einer Ausnahme: Russland. Im Zeit-Online-Interview erklärt der Ökonom Maurice Obstfeld, warum das für die USA wirtschaftlich eigentlich schlecht ist. In der SZ hofft der Protestforscher Tareq Sydiq , dass der Widerstand in den USA zunehmen wird. In der FAZ glaubt der Historiker Joseph de Weck, dass die "europäische Wende" den europäischen Populisten ihr Handwerk erschwert. Die Welt beleuchtet den Einfluss der 68er-Rhetorik auf den Front National.
02.04.2025. Ist das Urteil gegen Marine Le Pen nun gut für die Demokratie oder nicht? Einerseits ist es ein wichtiges demokratisches Symbol, andererseits könnte es auch Verschwörungstheorien Aufschub geben, überlegt die taz. In der NZZ hegt der Schriftsteller Ismail Güzelsoy leise Hoffnungen, dass sich durch die massiven Proteste in der Türkei etwas am Status quo ändert. Erdogan diplomatisch die kalte Schulter zu zeigen, wird nicht helfen, denken derweil die Ruhrbarone. Die FAZ berichtet über das israelische "Katargate".
01.04.2025. Marine Le Pen wurde schuldig gesprochen und darf nun fünf Jahre nicht mehr bei einer Wahl antreten. Die Partei könnte dadurch weiter radikalisiert werden, fürchtet die taz. Die Verurteilung zeigt, dass der Aufstieg des Rechtsextremismus vom Rechtsstaat aufgehalten werden kann, glaubt derweil die SZ. Bei Zeit-Online erklärt der Politikwissenschaftler Stephen Walt, warum er Donald Trump für einen "Neandertaler-Realisten" hält. Der amerikanische Imperialismus gegenüber Grönland ist eine strategische Katastrophe für die USA, ruft Timothy Snyder im Guardian.