9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
März 2025
31.03.2025. Künstliche Intelligenz denkt nicht, aber sie hilft beim Denken, sagt KI-Forscher Thomas Wolf in der Welt. In Le Point erklärt Kamel Daoud, warum die Islamisten gerade Frankreich so hassen. In taz und Zeit online würdigt Ilko-Sascha Kowalczuk den Bürgerrechtler Gerd Poppe. Und in allen Zeitungen reiben sich die Journalisten den Kopf: Einerseits wollen deutsche Behörden Palantir-Software des Gaga-Trumpisten Peter Thiel einsetzen, andererseits soll das Informationsfreiheitsgesetz abgeschafft werden?
29.03.2025. Florian Illies rät uns Europäern, Amerika die kalte Schulter zu zeigen, "um es wieder selbst mit dem Weltgeist zu versuchen". Das Selbstvertrauen, zu dem er rät, müssten wir aber auch nach innen erarbeiten, fürchtet Julia Encke in der FAS. Vielleicht hilft es, wenn der nunmehr achtzigjährige Daniel Cohn-Bendit sein Lächeln anmacht, denn damit verkörperte er "das ganze Positive von 1968", sagt er voller - genau - Selbstvertrauen in der taz.
28.03.2025. Russland rüstet, stellt die SZ fest, und zwar auch für einen Krieg, der über die Ukraine hinausgeht. Und Deutschland rüstet sich für eine Regierung mit Demokratieförderung, aber Ausweitung des Volksverhetzungsparagrafen und Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetzes, fürchten die Zeitungen. Kamel Daoud schildert in Le Point die Rolle der sozialen Medien in den franko-algerischen und inneralgerischen Scharmützeln. Und die SZ beleuchtet die Rolle von Tiktok im Medienkonsum der Amerikaner.
27.03.2025. Seit zwei Tagen gibt es größere Proteste gegen die Hamas im Gaza-Streifen: Oppositionelle Gazaner im Ausland begrüßen die Proteste, kritisieren aber sowohl die westliche als auch die arabische Berichterstattung. Die NZZ führt vor Augen, wie viel Mut dazu gehört, sich gegen die Hamas aufzulehnen. In der FAZ ruft der Philosoph Omri Boehm in der Nahost-Debatte dazu auf, sich auf das "Nachkriegsprojekt des kosmopolitischen Rechts" zurückzubesinnen. In Istanbul erleben wir derweil gerade den "Aufstand der Generation Z", ruft die SZ.
26.03.2025. Europa muss sich nicht nur praktisch, sondern auch geistig auf den Krieg vorbereiten, hält der Politologe Ivan Krastev im Zeit-Online-Gespräch fest. Garri Kasparow fordert in der Welt den Abbruch der wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland. In der FAZ fragt Bülent Mumay, wann der Westen endlich sein Schweigen zu den Ereignissen in der Türkei bricht. Donald Trump ist eine Antwort auf den Neoliberalismus der neunziger Jahre, glaubt die taz.
25.03.2025. In der NZZ will der Völkerrechtler Thomas Cottier die Hoffnung auf die regelbasierte Ordnung nicht aufgeben. Erdogan hat nun endgültig eine Diktatur errichtet, konstatiert die Welt. Aber spätestens ab jetzt könnte es für Erdogan gefährlich werden, glaubt die SZ. In der FR rät die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr zu "klugem Pazifismus".
24.03.2025. Die Zeitungen berichten aus Istanbul - zeigt die Festnahme Ekrem Imamoglus nicht vor allem Erdogans Schwäche, fragt die SZ. Dort denkt auch Norbert Frei mit Habermas darüber nach, wie ein Westen ohne Amerika funktionieren soll: offenbar unter Verzicht auf Osteuropa? Wie schlimm kommt es in Amerika? "Das Land ist Chaos, und genau das hat hier sein Gutes", hofft Jonathan Lethem in der NZZ. In Le Point ruft Pascal Bruckners die Mühseligen und Beladenen Amerikas auf, ins französische Exil zu kommen.
22.03.2025. In der SZ beharrt Jürgen Habermas darauf, dass man in Sachen Ukraine mit Russland hätte verhandeln müssen - ein europäisches Verteidigungsbündnis brauche es aber in jedem Fall. Polen bereitet sich währenddessen militärisch auf den Ernstfall vor, dokumentiert die taz. Selbst die Pessimisten waren noch zu optimistisch, was Donald Trump angeht, ruft der Historiker Thomas Zimmer auf Zeit Online. Und auch der Politologe Steven Levitsky konstatiert im Spiegel-Interview: Die Gewaltenteilung in den USA versagt gerade.
21.03.2025. Wie wird eine Welt aussehen, in der die USA die letzten freiheitlichen Ideen aufgegeben haben? Trotz aller Kritik, die an amerikanischer Politik geübt wurde: auf keinen Fall besser als noch bis vor kurzem, meinen James Kirchick in der Welt und Cyrus Schayegh in der NZZ. Erdogan schafft nebenher in der Türkei Grundlagen für ein Regime, "in dem es überhaupt nicht mehr möglich ist, einen Machtwechsel durch Wahlen herbeizuführen", schreibt FAZ-Kolumnist Bülent Mumay. taz, FR und FAZ beleuchten aus völlig unterschiedlichen Perspektiven die Gleichschaltung von Unis und Forschung durch Trump.
20.03.2025. In der Welt fragt sich Deniz Yücel, ob sich Erdogan mit der Verhaftung seines ärgsten Rivalen nicht selbst eine Grube gräbt. Im Zeit-Interview warnt Donald Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton: Trump will den Friedensnobelpreis und das bedeutet nichts Gutes für die Welt. In der SZ wundert sich der Historiker Michael Brenner über eine anstehende Antisemitismus-Konferenz der israelischen Regierung, auf der vor allem Rechtsradikale vertreten sein werden. "Wenn wir nicht auf europäischer Ebene zusammenarbeiten, wird Russland einen Staat nach dem anderen in Scheibchen-Taktik destabilisieren", warnt der Kommunikationforscher Florian Töpfl in der FR.
19.03.2025. Dass Putin die Zerstörung des Westens vorantreibt, ist für den Militärhistoriker Sönke Neitzel klar. Einen Dritten Weltkrieg hält er aber für unwahrscheinlich. Der Soziologe Armin Nassehi mahnt in der SZ die Bundesregierung, mit den neuen Krediten nicht der AfD in die Hände zu spielen. Bei Zeit Online denkt die Historikerin Susan Richter über Donald Trumps "destruktiven Charakter" nach. In der FAZ wundert sich der Historiker Bert Hoppe indes über die Vergesslichkeit von Herfried Münkler.
18.03.2025. Der Geograph Michael Krell und die Soziologin Viktoria Kamuf plädieren auf Zeit Online dafür, rechte Räume differenzierter zu betrachten, als nur vom "blauen Osten" zu sprechen. Der Historiker Darius Muschiol klärt in der taz über Rechtsterrorismus in der BRD auf. Ijoma Mangold fragt sich auf Zeit Online, ob sich Trumps "Vibe-Shift" am Ende gegen ihn selber richtet. Der Politikwissenschaftler Carlo Masala versucht in der FR die feine Linie zwischen Abschreckung und Eskalationsspirale zu ziehen.
17.03.2025. Warum gibt's keine komische Oper über die Vorgänge im Weißen Haus, warum versinkt das Kulturschaffen freiwillig in Bedeutungslosigkeit, fragt Roman Bucheli in der NZZ. In Serbien kämpft eine tapfere Opposition gegen die Autokratie - warum ist es der EU egal, fragen mehrere Zeitungen. In der FAZ staunt der Jurist Jannis Lennartz über den Neokatholizismus in der Trump-Regierung. In der SZ arbeitet Martin Schulze Wessel die Unterschiede zwischen Trump und Putin heraus.
15.03.2025. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf kommt in der NZZ auf das Schweigen des Papstes Pius XII. zum Holocaust zurück: Eins ist durch die seit 2020 freigegebenen Archive klar, so Wolf: Der Papst war seit 1942 durch zahlreiche Quellen über den Holocaust informiert - und schwieg aus politischen Gründen. In der taz erklärt die Soziologin Karen Bell, warum Arbeiter mit den Ökodiskursen der Grünen nichts anfangen können. Die FAZ fordert eine digitale Souveränität Europas. Die NZZ fragt, warum die Linkspartei die Muslimbrüder so gern hat.
14.03.2025. Die Welt fragt heute schon, was Historiker in 50 Jahren fragen werden: Warum hat Europa im Jahre 2022 so erbärmlich versagt und die Ukraine geopfert? Auf Zeit Online vermisst der Politologe Stefan Meister eine grundlegende Debatte über eine europäische Russlandstrategie, die auf einen politischen Wandel in Russland zielt. In Belgien darf der Publizist Herman Brusselmans nach einem Gerichtsurteil weiter fantasieren, wie er jedem Juden, dem er begegnet, ein scharfes Messer in die Kehle rammt, berichtet die Jüdische Allgemeine. In der FR gibt die syrische Aktivistin Hind Kabawat dem Iran Mitschuld am Massaker an den syrischen Alawiten.
13.03.2025. Deutschland macht sich mitschuldig an den Massakern an den syrischen Alawiten, ruft der CDU-Politiker Ali Ertan Toprak in der Zeit. Im Welt-Interview wirft Philipp Peyman Engel dem deutschen Medienbetrieb Voreingenommenheit gegenüber Israel vor: Wo waren die großen Artikel über die deutsch-israelische Familie Bibas? Die SZ nimmt hingegen die Berichterstattung über den zweiten Anschlag von Mannheim unter die Lupe. Der russische Schriftsteller Dmitry Glukhovsky fragt sich in der Zeit, wie seine Landsleute es schaffen, vor dem Bösen die Augen zu verschließen.
12.03.2025. Im SpOn-Gespräch fragt sich Michail Chodorkowski, ob Trump nach den Verhandlungen mit der Ukraine den Friedensnobelpreis bekommen wird, oder ob Putin jetzt erst recht weiter angreift - und zwar nicht nur die Ukraine. Während Slavoj Zizek (SZ) und Sönke Neitzel (FR) zu Aufrüstung und Wehrpflicht aufrufen, rät Ilija Trojanow mit Blick auf Russland zu Nüchternheit: Zusammen sind die europäischen Nato-Staaten stärker als Russland, rechnet er vor. "Wir leben in einer digitalen Besatzungszone", konstatiert die FAZ angesichts der Abhängigkeit von US-Digitalmedien. In der FR verteidigt Aleida Assmann die Demonstrationen gegen rechts gegen Angriffe durch die CDU.
11.03.2025. Im taz-Gespräch zeichnet der Guardian-Journalist Luke Harding Trumps Russlandliebe seit 1987 nach. Der amerikanische Politologe Jeffrey Kopstein skizziert indes bei SpOn, wie Trump den Rechtsstaat aushöhlt und ein patrimoniales Regime errichtet. Das hätte der Westen verhindern könnten, seufzt Herfried Münkler ebenfalls bei SpOn. In der FAZ wirft der Althistoriker Egon Flaig der Ukraine vor, eine "postheroische Gesellschaft" zu sein. In Estland nähen alte Damen derweil bereits Uniformen für Soldaten, weiß der estnische Komponist Jüri Reinvere in der FAZ.
10.03.2025. Warum Pazifismus nicht funktioniert, bringt der Essayist Wolfgang Matz in der FAZ am Beispiel Simone Weils in Erinnerung. Die Historiker Agnieszka Pufelska und Felix Ackermann erklären bei geschichtedergegenwart.ch, was "Postpreußen" ist. In den Zeitungen wird diskutiert, ob die Ukrainer kriegsmüde sind. Beim RBB erklärt Claus Leggewie, warum sich Algerien obenauf fühlt. Mit Schrecken hört Le Monde bei den proputinistischen Medien der "Bollosphère" rein.
08.03.2025. In der SZ denkt Herfried Münkler über eine Umorganisation der EU nach, deren Ausgangsbasis das Weimarer Dreieck ist. Auf Zeit Online fordert Robert Reich, Ex-Minister unter Bill Clinton, Europa auf, die USA gemeinsam mit anderen Nationen zu isolieren. Im Guardian schlägt der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz vor, in Europa eingefrorenes russisches Staatsvermögen in die Verteidigung der Ukraine zu investieren. In der FAS blickt der Literaturwissenschaftler Adrian Daub auf die Zensur an amerikanischen Unis.
07.03.2025. "Auch Amerika erfährt nun, dass eine demokratische Verfassung Demokraten braucht", konstatiert die FAZ mit Blick auf die Schleifung der Institutionen durch die Trump-Satrapen. Morgen ist Tag der Frau, die taz bringt eine ganze Frauen-taz und macht klar, dass "Pink Globalization" keine gute Sache ist. Die FAZ greift die Geschichte der ukrainischen Reporterin Victoria Roshchyna auf, die von den Russen zu Tode gefoltert wurde. In der Welt erklärt Philip Manow, warum ein Bündnis zwischen CDU und AfD auszuschließen ist.
06.03.2025. Die Demokratie in den USA ist noch nicht am Ende, ruft Anne Applebaum im Tagesspiegel-Gespräch. In der Welt fragt sich der Philosoph Haziran Zeller hingegen, ob der Kampf zwischen amerikanischer Verfassung und Populismus nicht doch schon verloren ist. Europa hat keine andere Wahl, als massiv aufzurüsten, warnt Joschka Fischer in der Zeit. Die FR dokumentiert Elon Musks Kampf gegen Wikipedia. Der Politikwissenschaftler Nicholas Cheeseman blickt im NZZ-Interview nach Afrika, wo ein demokratischer Frühling bevorstehen könnte. Und der Perlentaucher wird jetzt archiviert!
05.03.2025. Im Guardian ist die ukrainische Journalistin Nataliya Gumenyuk wenig zuversichtlich, dass die Ukraine der US-Regierung nach Unterzeichnung des Deals überhaupt trauen kann. Es ist an der Zeit, dass Westeuropa in Sachen Sicherheit und Verteidigung reif wird, rufen die polnischen Soziologen Karolina Wigura und Jarosław Kuisz ebenfalls im Guardian. In der FR erinnert der französische Journalist Régis Genté, wie reiche Russen Trump seit den Achtzigern aufbauten. Und auch im digitalen Raum spielen Trump und die US-Regierung nun im "Team Putin", konzediert die FAZ.
04.03.2025. "Ich glaube ja, Europa wird bald im Krieg mit Russland sein", meint Richard Sennett in der FR. Es wird wohl kein Atomkrieg, beruhigt er, "aber ich glaube, dass ganz Europa innerhalb eines Jahres gegen Russland kämpfen wird - in der Ukraine". Auch Heinrich August Winkler macht in der FAZ keine halben Sachen: Das Jahr 2025 dürfte zur tiefsten Zäsur der Weltgeschichte seit 1945 werden. Wird Selenski Trump durch eine Entschuldigung im Anzug milde stimmen können, fragt die taz.
03.03.2025. Die Zeitungen beginnen erst auf den Eklat im Weißen Haus zu reagieren. Trump hat nicht nur die Ukraine und Europa, sondern auch die Idee des Westens fallen gelassen, meint Welt-Autor Thomas Schmid. Der Krieg, den wir alle verhindern wollen, hat längst begonnen, schreiben Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie in der taz. Der kanadische Historiker Michael Ignatieff hofft in Prospect, dass der Bruch einen heilsamen Schub für Europa bringt. So sieht das auch Hubert Wetzel in der SZ. In der Financial Times skizziert Nobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk einen möglichen Frieden, der allerdings von Trumps Vorstellungen diametral abweicht.
01.03.2025. Der in diesen Dingen nicht unbegabte Donald Trump hat die obszönste Szene seiner Karriere produziert - wir bringen erste Reaktionen auf den Eklat im Weißen Haus. Schon vor dieser Szene wusste der in der FAS schreibende ukrainische Historiker Jurko Prochasko: Selenski und Europa haben es nun mit zwei "entsetzlichen Jokern der Apokalypse" zu tun. Die Szene "hätte von Putin selbst inszeniert sein können, und vielleicht war sie das auch", schreibt Garri Kasparow auf Twitter.