9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Januar 2025

Die übermächtige Präsenz

31.01.2025. Der Schock über Friedrich Merz' Abstimmungscoup im Bundestag und über die hämisch jubilierende AfD ist groß. Auch die Feuilletons versuchen ihn in vielen Artikeln zu verarbeiten: "Das Konzept der Entzauberung populistischer Demagogie durch den Praxistest hat noch nirgendwo funktioniert", warnt der Historiker Martin Sabrow im Tagesspiegel. Wenig Berichterstattung gibt es bisher über den islamistischen Mord an dem Islamkritiker Salwan Momika in Schweden. Die FAZ hofft auf eine Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Undenkbares einmal zu durchdenken

30.01.2025. "Wenn der Geist des Populismus erst mal aus der Flasche ist, dann kriegt man ihn relativ schwer wieder rein", warnt der Soziologe Steffen Mau im FR-Interview mit Blick auf den Vorstoß der CDU in Sachen Migration. Die Untätigkeit der etablierten Parteien in Rumänien hat zur Wahl des Populisten Calin Georgescu geführt, meint der Schriftsteller Jan Knoeffke in der NZZ. Nur 48 Prozent der Weltbevölkerung glauben daran, dass der Holocaust stattgefunden hat, hält Marina Rosenberg, Präsidentin der Anti-Defamation League in den USA, im Zeit-Gespräch fest.  

Aus Rücksicht auf Atheisten

29.01.2025. In der FAZ ruft der Rechtshistoriker Samuel Moyn die Liberalen auf, sich vom Neoliberalismus zu befreien. Die Welt findet indes, Europa solle sich ein Beispiel an Trumps Nationalismus nehmen. In der FR verteidigt der Ökonom Jeffrey Sachs Russland. Der NS-Historiker Ulrich Herbert (taz) und der Rechtswissenschaftler Lothar Zechlin (FAZ) protestierten gegen die Resolution gegen Antisemitismus an Hochschulen.

Darf ich denn wieder?

28.01.2025. Putin stellt sich neben Hitler und Stalin und alle Welt schaut zu, sagt der Holocaust-Überlebende Roman Markovych Shvartsman im FR-Interview. Indes erinnern die Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse und die Literaturübersetzerin Iryna Herasimovich bei Geschichte der Gegenwart daran, wie Alexander Lukaschenko einst Hitler unverblümt als Vorbild bezeichnete. LeJournal.info klärt Frankreichs Rechte und Linke auf: Gaza ist nicht Auschwitz. Auf Zeit Online wünscht sich der liberianische Politikwissenschaftler Gyude Moore eine europäische Führungsrolle.

Wir beobachten geistige Brandstiftung

27.01.2025. Heute vor achtzig Jahren wurde Auschwitz von der Roten Armee befreit. Aktuelle Ereignisse durchbrechen die eingespielte Gedenkroutine. Michel Friedman erklärt in einer Gedenkrede, abgedruckt in der SZ, warum er genug hat von der Behauptung, man könne nicht mehr tun gegen wachsenden Antisemitismus in Deutschland - der Staat habe sehr wohl die Mittel sich zu wehren. Außerdem wundert sich Timothy Garton Ash im Spiegel-Gespräch: Wenn man sich den deutschen Wahlkampf anguckt, könnte man auf die Idee kommen, wir lebten noch im Frieden.

Überhaupt keine Frage

25.01.2025. Die Ära des Luxuspazifismus, in der die Europäer jahrzehntelang lebten, ist jetzt vorbei, hält Peter Sloterdijk im FR-Interview fest. Die EU darf die Belarussen nicht alleine lassen, fordert der Oppositionelle Valery Kavaleuski in der taz mit Blick auf die anstehenden Wahlen. Kein Preis ist zu hoch für die Freilassung der Geiseln, betont die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev im SZ-Gespräch. Im Spon-Interview erklärt Iwan Kolpakow, Chefredakteur des unabhängigen russischen Online-Mediums Meduza, wie die russischen Repressionen die Finanzierung des Portals bedrohen.

Das Meiste aber war frei fabuliert

24.01.2025. Mauer Tag heute. Die NZZ macht eine Bestandsaufnahme der Situation in Syrien, wo Ahmad al-Sharaa (früher Al Dscholani) das Gleichgewicht zwischen seinen islamistischen Kämpfern und den kriegsmüden syrischen Bürgern halten muss. Vielleicht gibt es bald keine Juden mehr in Europa, weil die sich in den Golfstaaten und Marokko sicherer fühlen als hier, meint Leon de Winter in der Jüdischen Allgemeinen. Die FAZ empfiehlt eine Ausstellung im Folkwang Museum, wo die Bilder von Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge veranschaulichen, wie Reportage als Werkzeug der Aufklärung dient.

Die Kolonisierung des Innen, der Psychen und der Triebe

23.01.2025. In der Zeit schildert die Ökonomin Shoshana Zuboff, wie Staatsmacht und Privatmacht in den sozialen Medien fusionieren - und wie sie Bluesky vor Manipulation schützen will. In der NZZ erzählt Irina Rastorgujewa, mit welchen falschen Versprechen die russische Regierung Ausländer nach Russland lockt. Hanser-Verleger Jo Lendle erklärt im Zeit-Gespräch, warum er jetzt englischsprachigen Verlagen Konkurrenz machen will. Und der Fall Gelbhaar ist weder für die Grünen, noch für den RBB ausgestanden.

Die Augen der Welt auf dieser Quelle

22.01.2025. In FAZ und SZ rufen der amerikanische Ideenhistoriker Mark Lilla und die britische Schriftstellerin A.L. Kennedy die Demokraten aller Länder zum Kampf gegen Trump auf. Die Macht liegt aber ohnehin bei Elon Musk, fürchtet Timothy Snyder in der SZ. Israel könnte zum Verbündeten der Ukraine werden, überlegt Richard Herzinger im Perlentaucher. In der Welt legt der Politikwissenschaftler Minxin Pei dar, dass der chinesische Überwachungsstaat viel subtiler funktioniert als die Stasi. Die Antisemiten und Rassisten leben, meint Michel Friedman im Tagesspiegel mit Blick auf Musks Hitlergruß.

Es geht nur um wenige Grad

21.01.2025. Trump ist nicht Putin, das politische System Amerikas zeigt zwar Schwächen, aber es bietet ihm schon noch Widerstand, beruhigt der Politologe Stephan Bierling in FR und FAZ. Kamel Daoud erzählt in Le Point, wie sich die Atmosphäre der Angst, die in Algerien herrscht, zusehends auch nach Frankreich ausbreitet. taz und FAZ beleuchten den neusten Super-GAU im RBB und weisen in die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung ein.

Wenn es historisch eine Eruption gibt

20.01.2025. Jubelszenen in Gaza: Die Hamas inszeniert die Übergabe der ersten Geiseln - aber es gibt unterschiedliche Perspektiven auf die Szene. Außerdem tritt heute "Trump 2.0" sein Amt an - Ivan Krastev erklärt in der Welt, warum er die Amerikaner besser versteht als diese sich selbst. Im Bundestagswahlkampf wird über die Angstthemen lieber nicht geredet, notiert die taz. Selbst Zeit und SZ fragen sich inzwischen, ob die Linke nicht in unguter Symmetrie zur Rechten steht. Im Matin d'Algérie prangert der Autor Kamel Bencheikh die Schließung der Editions Frantz Fanon durch das Regime an.

Die Zeit der Monster

18.01.2025. Auf Bluesky präsentiert der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk einen Artikel der Prawda von 1981: Schon damals war Gerhard Schröder von der russischen Außenpolitik hellauf begeistert! Gilles Deleuze ware heute hundert geworden: Die Feuilletons überschlagen sich förmlich. Er war ein Vordenker in vielen Dingen, befinden sie und thematisieren sie, bis auf eins. Der RBB erzählt eine erstaunliche Geschichte über eine Frau, die wahrscheinlich nicht existiert.

Die frei werdende Berlin-Fläche

17.01.2025. Wie der Austausch von 33 Geiseln gegen tausend Terroristen und andere Häftlinge in Israel einzuschätzen ist, wird aus den  Medien nicht ganz klar. Aber immerhin ist die Hamas entscheidend geschwächt, notiert die Zeit, während Israel sich laut Jüdischer Allgemeiner mit Bangigkeit und Hoffnung auf die Rückkehr der ersten Geiseln vorbereitet. Die taz freut sich, dass die Ukraine und Polen die einstigen blutigen Konflikte in Wolhynien  jetzt gemeinsam aufarbeiten. In der New York Times erklärt John McWhorter den Unterschied zwischen einer "Actress" und einem "Female Actor".

Die Mottenkiste der Demokratiegeschichte

16.01.2025. Die Aufarbeitung der Assad-Diktatur muss so schnell wie möglich erfolgen, ruft der Historiker Hubertus Knabe in der Welt. Im Spon-Interview will die Historikerin Margit Reiter die FPÖ als das bezeichnet wissen, was sie ist: rechtsextrem. Die taz fragt, wie Elon Musks Aufwachsen im Südafrika der Apartheid seine spätere Weltsicht prägte. Marko Martin wundert sich bei libmod.de schon gar nicht mehr über die Fadenscheinigkeit der BSW-Friedensrhetorik. Die Zeit fragt, ob die Christen in Syrien die neuen Machthaber begrüßen dürfen oder fürchten müssen. 

Wacht auf und riecht das Schießpulver

15.01.2025. Im Guardian rät Timothy Garton Ash den liberalen Demokratien, sich die Nase zuzuhalten und Geschäfte mit China zu machen. In der Welt will sich Slavoj Zizek an der Hoffnung festhalten, dass Russlands Bereitschaft zum Sterben eine Täuschung ist. Armin Nassehi zerlegt in der FAZ die "Pose der Disruption" der libertären Rechten. Die NZZ erklärt, weshalb die Regierung in Südkorea nie die Militärdiktatur aufgearbeitet hat.

Die Gefahr liegt in der Gewöhnung

14.01.2025. Nur ein autokratisches Regime kann auf die absurde Idee kommen, eine Regierung beauftrage Schriftsteller, um einen anderen Staat zu destabilisieren, schreibt Claus Leggewie mit Blick auf Algerien im Perlentaucher. Die FAZ befürchtet, dass der Krieg in der Ukraine eine territorialpolitische Lawine in Europa auslöst. Vergesst den Krieg im Sudan nicht, warnt der Guardian. Bei SpOn wirft die österreichische Schriftstellerin Raphaela Edelbauer einen Blick auf die Kulturpolitik unter der FPÖ. Und Mathias Döpfner kündigt an: In seiner Zeitung gibt es künftig noch mehr Meinungen.

Systematisch eingesammelt

13.01.2025. Zwei wichtige Artikel über das "unmenschliche, schreckliche und hoffnungslose Massaker", angerichtet von den Russen in der Ukraine. In der taz erzählt der Reporter Juri Larin , was es heißt, die Kleinstadt Wowtschansk zu besuchen. In der NZZ schreibt Sergej Gerassimow: "Abertausende von Artilleriegranaten pflügen das Land immer neu um und verwandeln die Wälder in eine Art riesige Haarbürste." In der SZ macht sich der ehemalige Obama-Berater Samuel Issacharoff keine allzu großen Sorgen um die amerikanische Demokratie unter Trump - allenfalls das Ausland müsse leiden. Und laut FAZ wird in der Alice-Salomon-Hochschule immer mal wieder etwas von den Wänden gerissen.

Die Zeit der Ausreden ist vorbei

11.01.2025. In der FAS schildert Ronya Othmann nach einer Reise durch Syrien, was dem Land unter den neuen Machthabern blühen könnte. In der taz skizziert die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl die faschistischen Obsessionen des Elon Musk, etwa im Hinblick auf Geburtenraten. Ebenfalls in der taz erinnert der Sozialwissenschaftler Timm Graßmann linke Russlandversteher an Marx' kritische Sicht auf das autokratische Russland. Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký rät jenen, die glauben, AfD oder FPÖ würden sich bei Regierungsbeteiligung selbst entzaubern, in der FAZ zu einem Blick in sein Heimatland. Und die SZ erklärt den Cyberlibertarismus.

Unsere Lust auf Ruhm

10.01.2025. Was bedeutet der Regierungsauftrag für die FPÖ für die AfD, fragt der Historiker Volker Weiß in der SZ und verweist auf die engen Beziehungen zwischen den Parteien. Die westliche Linke lässt laizistische Intellektuelle muslimischen Ursprungs wie Boualem Sansal allein, konstatiert Naïla Chikhi mit Bitterkeit im Perlentaucher. "Wer sich lebenslang als Opfer identifiziert, verleiht dem Täter eine Übermacht", sagt Caroline Fourest an die Adresse von #MeToo-Aktivistinnen in der Welt

Den Kakao, durch den man euch zieht

09.01.2025. Der in Syrien geborene Schriftsteller Rafik Schami fordert in der SZ das Geld des syrischen Volkes von seinen korrupten Eliten zurück - und hofft auf europäische Unterstützung. Der Politologe Thorsten Benner rät in der Zeit zu "widerständiger Gelassenheit" im Umgang mit Elon Musk. Der Postkolonialismus trat einmal gegen die "großen Erzählungen" an, nun ist er selbst zu solch einer geworden, halten die Historiker Robert Gerwarth und Stephan Malinowski in der Zeit fest. Es gibt schon ein Konzept, mit dem man der größten Krise unserer Zeit, dem Klimawandel, beikommen könnte, meinen der Politologe Karsten Fischer und der Soziologe Armin Nassehi in der FAZ: den Inkrementalismus.

Sobald wir ihm nur genug Äxte geben

08.01.2025. In der Welt erklärt Anne Applebaum die Anfälligkeit einiger Deutscher für russische Propaganda mit einem Misstrauen gegenüber dem Liberalismus. Ebenfalls in der Welt denkt Hubertus Knabe über eine Wahrheitskommission nach, um die Verbrechen des Assad-Regimes aufzuklären. In der FAZ analysiert Claus Leggewie den "Neopatrimonalismus" der radikalen Rechten. Keine rechte Partei entlarvt sich durch mehr Macht, hält der österreichische Schriftsteller Elias Hirschl in der SZ fest.

Die Antwort auf ein Buch ist ein Buch

07.01.2025. "Es ist viel klüger, im Osten der Ukraine Krieg mit Russland zu führen, als, sagen wir, im Osten Deutschlands", warnt der Schriftsteller Juri Andruchowytsch in der FAZ und mahnt den Westen, sich endlich wie ein echter Verbündeter zu verhalten. Die Zeitungen erinnern an den islamistischen Anschlag auf Charlie Hebdo vor zehn Jahren. Von der Solidarität kurz nach den Attentaten ist heute in Frankreich nicht mehr viel zu spüren, meint die SZ. Erstmals hat sich Emmanuel Macron zur Verhaftung Boualem Sansals geäußert, und übt deutliche Kritik an der algerischen Regierung, melden französische Medien.

Kein Fortschritt der Menschheit

06.01.2025. In Österreich scheint der Damm gegen die Rechten gebrochen, die taz macht die schwarz-grüne Coronapolitik dafür verantwortlich. Andere Kulturen können großartig, aber auch gefährlich sein. Muslimische Länder haben oft schon in der Erziehung ein Gewaltproblem, erzählt Ayaan Hirsi Ali in der Welt. Für Russen ist der Sieg das wichtigste, warnt Victor Jerofejew in der NZZ. Dass ein friedliches Zusammenleben von Kulturen und Religionen dennoch möglich ist, lernt die FAZ auf Madagaskar. Die FAZ erzählt außerdem, wie sehr Norwegen vom Ukrainekrieg profitiert hat, dafür steht die norwegische Linke stramm wie ein Mann gegen Israel und die winzige jüdische Gemeinde des Landes.

Wann begann der dritte Weltkrieg?

04.01.2025. Die taz begleitet "Weißhelme" bei der Öffnung von Massengräbern in Syrien: Die Bevölkerung soll nicht selber graben, raten sie, "es ist nicht gesund". Der Einfluss Elon Musks auf die deutsche und europäische Politik beschäftigt die Medien nach wie vor. In der SZ warnt der Politologe Aurel Croissant: Demokratien enden heute erst langsam, und dann mit einem Knall. Über den Knall denkt auch Arno Widmann in der FR nach. Nur die FAZ erinnert an den Anschlag auf Charlie Hebdo vor zehn Jahren.

Wir müssen draufhauen, siegen

03.01.2025. Der bevorstehende Amtsantritt Donald Trumps erzeugt bereits eine gewaltige Zugluft in den Medien - der Protagonist ist dabei allerdings Trumps Co-Joker Elon Musk. Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey beschreiben in der FAZ, wie er den Weg nach ganz rechts  ging und dabei Twitter in eine Kriegsmaschine umformte. Sie schlägt gerade in Britannien zu, wo die tatsächlich für alle Seiten äußerst peinlichen "Grooming Gang Scandals" neu thematisiert werden. Außerdem: Südkorea, Russland und die nachlassende Begeisterung für Geisteswissenschaften.

Die Erschütterung der Weltordnung

02.01.2025. Wikimedia feiert den Tag der Gemeinfreiheit, der unter anderem Werke von Frida Kahlo, Henri Matisse, Oscar Straus, Charles Ives, Colette, Robert Capa und Alan Turing von Abgabepflichten befreit. Die taz hofft, dass Deutschland im Umgang mit den syrischen Flüchtlingen nicht die Fehler von 1995 wiederholt. In der FAZ ärgert sich Welt-Chef Jan Philipp Burgard über eine Doppelmoral, die einen Musk-Kommentar in der Welt skandalisiert, einen Putin-Beitrag in der Zeit aber wegsteckt. In der SZ erklärt der Historiker Michael Brenner, warum Israel für Juden so wichtig ist: Es ist der einzige Staat in der Welt, in dem sie keine Minderheit sind.