9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juni 2025

Immer so mutterseelenallein

30.06.2025. In der FAZ schildert Joseph Stiglitz die unheimliche Angst an amerikanischen Universitäten, die durch eine Schikanierung ausländischer Studenten (und Studiengebührenzahler) unter Druck gesetzt werden. Die Zeit depubliziert Maxim Biller, dafür darf sich aber die UNRWA äußern. In Cicero kritisiert Samuel Schirmbeck, dass Berlin sein Neutralitätsgebot aufgibt. hpd.de attackiert Julia Klöckner, die die Regenbogenfahne am Bundestag unter Berufung auf die "Neutralitätspflicht" nicht hissen will. Und Clemens Setz und Peter Sloterdijk denken - noch mit dem eigenen Hirn - über KI nach.

Die Richtung ist klar

28.06.2025. In der Welt befürchtet der im Iran geborene Schriftsteller Amir Gudarzi eine Welle des Terrors des iranischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung. Viele Menschen im Iran sind keineswegs so entsetzt über die israelischen Bombardierungen, wie es ein Teil der Diaspora behauptet, glaubt die taz. Trump als "Faschist" zu bezeichnen, hilft nicht - wir brauchen neue Geschichten, um Trump zu verstehen, schreibt der Historiker Christopher Clark in der SZ. Viel Aufsehen gibt es um eine von der Zeit depublizierte Kolumne von Maxim Biller. Und in der NZZ konstatiert Michel Houellebecq eine "Anpassung an den Islam".

Uffrur!

27.06.2025. In der SZ erklärt Natan Sznaider, warum selbst Israelis, die Netanjahu nicht mögen, den Schlag gegen den Iran befürworten. Ähnlich sieht es der Geheimdienstler und Netanjahu-Kritiker Amos Yadlin in der Zeit. Die iranische Diaspora diskutiert über den Schah-Sohn und Oppositionspolitiker Reza Pahlavi. Die USA verabschieden sich laut taz von der internationalen Impfallianz Gavi. Die FAZ besucht die große Ausstellung über die Bauernkriege im Kloster Schussenried.

Zwanzig hätte ich nicht überlebt

26.06.2025. In der FAZ fürchtet der Völkerrechtler Ulrich Fastenrath eine Erosion der internationalen Ordnung, wenn man Israel nicht zur Räson ruft. Aber das Völkerrecht hat nur dort Bestand, wo es durch Macht durchsetzbar ist, erinnert Robert D. Kaplan bei Zeit online. Auch auf den UN-Sicherheitsrat kann das Völkerrecht derzeit nicht setzen, bedauert die SZ. In der New York Times erklärt Masha Gessen, warum man erst den Antisemitismusbegriff neu definieren muss, um einen neuen Bürgermeister zu installieren. Bei Mediazona hofft der belarussische Oppositionspolitiker Sergej Tichanowskij, dass Donald Trump noch mehr politische Gefangene aus der Haft befreit.

Karma ist ein trügerisches Biest

25.06.2025. Laut CNN und New York Times konnten die US-Bomber die iranischen Atomanlagen nicht zerstören, wie der Spiegel berichtet. Alle wissen es, aber niemand redet darüber: Auch Israel hat ein Atomwaffenprogramm, weiß die SZ. Das Bundesverwaltungsgericht hat das Verbot der rechtsextremen Zeitschrift Compact aufgehoben, berichten die Zeitungen: Für die FAZ bedeutet das Urteil letztlich eine "Stärkung der Pressefreiheit", die SZ hofft auf einen weiteren Akt dieses Dramas. In der FAZ meditiert Edgar Keret über menschliche Unschuld und Opfer.  In New York könnte laut Franc-Tireur demnächst ein BDS-Anhänger regieren.

Der schwarze Schwan wird kommen

24.06.2025. Ist der Krieg vorbei? Trump hat eine Waffenruhe ausgerufen. Während die Europäer am Geschehen nur am Rande beteiligt waren, so die FAZ, machen sich die Zeitungen immerhin weiterhin Gedanken ums Völkerrecht. Aber wir haben auch zuhause Probleme: Im Bundestag werden demnächst 50 Prozent der Gelder für alternde Boomer und für die Verteidigung ausgegeben, für die Jugend bleibt nichts, warnt die SZ. hpd.de geht Fällen religiösen Mobbings an Schulen nach. Die Zeit fragt, ob die Linken die neuen Grünen sind.

Rauchende Trümmer

23.06.2025. Überraschend ist der belarussische Oppositionelle Sergej Tichanowskij freigelassen worden, melden die Zeitungen - drei von fünf Jahren saß er in Isolationshaft und konnte nicht mal Briefe empfangen. Der amerikanische Schlag gegen die iranischen Atomanlagen dröhnt nach. "Danke, Donald Trump", rufen die Ruhrbarone. Bei Zeit online rät der Historiker Frank Bösch von Tyrannenmord ab. Geopolitik-Experte Ian Bremmer glaubt ebendort nicht an einen Regimewechsel im Iran. Darf ein Staat eine Antisemitismus- oder Rassismusklausel in seiner Förderbedingungen einbauen, fragt Juraprofessor Hans Michael Heinig in der FAZ und antwortet - kurz resümiert - mit ja.

In puncto kognitive Rigidität

21.06.2025. Der neue Krieg  zwischen Israel und dem Iran beherrscht die Debatte. Iranische Intellektuelle in der Diaspora äußern sich zwiespältig. "Was, wenn nicht ausländische Intervention, ist denn noch übrig, um Iran von den blutverschmierten Händen dieses Regimes zu retten", fragt die in Deutschland lebende Autorin Atefe Asadi. Sehr zornig über den Krieg schreibt dagegen Navid Kermani in der SZ: Der Krieg "zerstört die Chancen auf eine demokratische Zukunft Irans". Außerdem: Die taz interviewt die Neurobiologin Leor Zmigrod, die in den Hirnen von Radikalen nach den Gründen für die Radikalisierung sucht.

Nicht alles, was illegal ist

20.06.2025. In Zeit online warnt der Politikwissenschaftler Carlo Masala vor  dem Hantieren mit dem Begriff des Völkerrechts: Es könne niemals die einzige Leitschnur des Handelns sein. In der FAZ erklärt der israelische Historiker Benny Morris, warum der Genozidvorwurf gegen Israel fehlgeht. Die SZ fragt, ob angesichts des Drucks auf Universitäten in Amerika die Idee von Wissenschaft selbst in Frage gestellt wird. In der FR erinnert Claus Leggewie an den Putsch in Algerien vor sechzig Jahren. Die taz fragt, ob die Partei Die Linke demnächst wieder den Bürgermeister in Berlin stellt.

Alles, was die Linke angeblich bekämpft

19.06.2025. In der Jungle World schafft der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel einen nützlichen Überblick über die "Dark-MAGA-Bewegung", die die Begleitmusik zu Trumps Politik der Grausamkeit liefert. In Le Point erklärt Samuel Fitoussi, warum es vielen Linken so schwer fällt, ihren Solidaritätsimpuls gegenüber den Mullahs im Zaum zu halten. In der taz und anderen Medien wird diskutiert, ob Israel mit seinem Angriff  auf den Iran das Völkerrecht bricht. In der NZZ beschreibt Irina Rastorgujewa eine zunehmende Sowjetisierung des russischen Schulsystems.

Es gibt keine Normalität mehr

18.06.2025. Ahmad Mansour hat in der Zeit kein Verständnis für die Kritik an Israels Angriff auf den Iran: Die Auslöschungsfantasien der Mullahs betreffen schließlich auch die palästinensischen Israelis. Der Nahostwissenschaftler Johannes Becke warnt in der FAZ vor unbeabsichtigten Nebenfolgen des Angriffs. Die deutsch-iranische Filmproduzentin Minu Barati wird in der Zeit sauer, wenn der Westen den Iranern nun empfiehlt, sich gegen die Mullahs zu erheben - nachdem er jahrelang die Opposition im Stich gelassen hat. Der Historiker Volker Weiß zeichnet in der SZ nach, wie Donald Trump und Co. die USA in einen Gauner-Staat verwandeln. 

Teil einer beunruhigenden Welle

17.06.2025. Das Massaker von Yelwata mit seinen 200 Toten ist das dritte in Nigeria in einem Monat. Der Papst schließt die Opfer in sein Gebet ein - alle Medien schweigen. Nicht dass Netanjahu die iranischen Atomanlagen attackiert, empört Eva Illouz in der Zeit, sondern sein skrupelloses Paktieren mit rechten und religiösen Kräften um der Macht willen. Die Iraner, notiert die taz, sind teils durchaus happy über die iraelischen Angriffe. Nein, die Verbrechen der Deutschen an den Polen lassen sich nicht einfach wegmoderieren, mahnt der Historiker Christhardt Henschel auf geschichtedergegenwart.ch. Und golem.de berichtet: Microsoft will alles tun, damit europäische Behörden weiter Office benutzen.

Verfügbar, kopierbar und skalierbar

16.06.2025. Die Zeitungen versuchen sich ein Bild von den jüngsten israelisch-iranischen Kämpfen zu machen. Wankt das Regime in Teheran? Dann könnte man Netanjahu dankbar sein, meinen die Ruhrbarone. Aber die SZ warnt: Israel "will die absolute Macht". In der FR glaubt Olivier Roy aber nicht an einen Flächenbrand. Die taz erinnert an die Ermordung Ken Saro-Wiwas vor dreißig Jahren. Und übrigens: Demnächst wird man sich entschuldigen müssen, wenn man sich als Mensch einen Reim machen will: Denn die AGI wird das besser können, warnt die FAZ.

Für den Taximarkt und die Parteikader

14.06.2025. Zwei Themen beherrschen die politische Debatte in den Zeitungen: Israels Schlag gegen die iranischen Atomanlagen und Führungskreise. Und Trumps Agieren in Los Angeles. In Zeit online kommt Steffen Mau mit Blick auf das Schengen-Abkommen auf die Paradoxa der Globalisierung zurück. In der FAZ denkt Francesca Melandri über die "selektive Empathie" der westlichen - und besonders der deutschen - Öffentlichkeit nach. In der taz erzählt Felix Lee, wie sein Vater Volkswagen nach China brachte.

Hinzu kommt historisches Unwissen

13.06.2025. Ein historischer Tag? In der Nacht hat Israel iranische Atomanlagen angegriffen - wir setzen einige Links. In Deutschland geht die Debatte um das Friedenspapier einiger Sozialdemokraten weiter. Hier artikuliert sich ein Rentnerclub mit Einfluss, meint der Historiker Jan C. Behrends im Spiegel. taz und Spiegel lesen den Bericht der Grünen zur Affäre Gelbhaar. Eines ist klar, so der Bericht: Den Hinterfrauen der Affäre ging es nicht um #MeToo. Le Point fragt, ob der Pariser Fußballverein PSG neben der Champions League  vielleicht auch noch die Pariser Bürgermeisterwahlen im nächsten Jahr entscheidet.

Ein schwacher starker Mann

12.06.2025. Das Friedensmanifest der SPD-Linken um Rolf Mützenich wird eher kritisch aufgenommen: Solange Putin das sowjetische Imperium zurückerobern will, kann es keine Entspannungspolitik geben, meint die SZ. Im Spiegel wünschte sich der Grüne Konstantin von Notz, deutsche Politiker würden die Bedrohung durch Russland endlich ernst nehmen. Die taz findet: Man kann ja wenigstens mal über Entspannung reden. Ohne Druck von außen wird Israel sich selbst zerstören, warnen in der Zeit der Historiker Omer Bartov und in der FAZ der Informatiker David Harel.

Enttäuscht zu sein, gehört zu ihrem Lebensgefühl

11.06.2025. Die Amerikaner begreifen gerade, dass eine Diktatur von der Anpassungsfähigkeit ihrer Bürger lebt, meint Daniel Kehlmann in der FAZ. Friedrich Hayek hätte Trumps Wirtschaftspolitik nichts angewinnen können, meint in der NZZ der kanadische Historiker Quinn Slobodian. Der Stern staunt über die nach wie vor sehr große russlandfreundliche Fraktion der SPD. Der syrische Ideenhistoriker M. Sami Alkayial plädiert in der FAZ für einen wahren demokratischen Säkularismus auch in der arabischen Welt.

Das Momentum im Spiel

10.06.2025. Getroffen von ukrainischen Drohnenangriffen auf Flugzeuge, antwortet Russland mit Drohnenangriffen auf die ukrainische Bevölkerung - Meduza bringt einige Bilder. Die Überfahrt eines Gaza-Soli-Segelboots löste sich in der Übergabe eines Sandwichs auf - die Aktivistinnen werden nach Europa zurückgeschickt, berichten die Medien. Der neue Kulturminister Wolfram Weimer wendet sich gegen einen Kulturkampf von links und rechts, aber er verkennt dabei, dass der Kulturkampf von links gut ist, antwortet ihm der Grünen-Abgeordnete Sven Lehmann in der SZ.

Er glaubt wirklich, dass Freiheit böse ist

07.06.2025. In der FAZ denkt der russische Autor Sergej Lebedew darüber nach, wie sehr der KGB die Welt geprägt hat, in der Putin lebt. Und der Philosoph Pascal Bruckner fragt, warum so viele europäische und amerikanische Intellektuelle den Wunsch nach einer Reform des Islam als "Islamophobie" auslegen. In der taz erzählen zwei israelische Aktivisten, wie man ganz unideologisch gegen den Krieg in Gaza demonstrieren kann. Le Point erklärt, warum der französisch-algerische Autor Kamel Daoud in Italien nicht sicher wäre.

Grauzone der unzuverlässigen Bücher

06.06.2025. Dass Donald Trump den Antisemitismus an Universitäten als Ausrede nutzt, diese gleichzuschalten, bedeutet leider ganz und gar nicht, dass und es ihn nicht gibt, schreibt Christoph David Piorkowski im Philomag. Mehrere Zeitungen befassen sich heute mit immer weiter verschärfter Repression im russischen Kulturbetrieb. Die Feuilletons sind unzufrieden mit Wolfram Weimer, der gestern in der SZ die Linke und die Rechte kritisierte, aber die Linke zu sehr. Sandra Hüller, Luisa Neubauer, Fatih Akin, Axel Prahl, Aleida Assmann, die Foroutans, Bjarne Mädel und Harald Welzer werfen Israel auf den Seiten von Amnesty Völkermord vor: schon seit dem 7.Oktober.

Korridore des Sagbaren

05.06.2025. Spiegel und Time stellen Googles KI-Modell für Text-to-Video Veo 3 vor, das jedem seine gewünschte Realität maßschneidern kann. Nicht gut für die Demokratie? Bequem leben kann man auch ohne, wie China zeigt (vorausgesetzt man gehört nicht zu den Hingerichteten), erzählt die Zeit. Die NZZ erinnert an die Begeisterung der Linken für die Roten Khmer vor 50 Jahren. In der SZ verspricht Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Ebenfalls in der SZ fordert die russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa die Freilassung von Nawalnys Fotograf Alexander Strukow, der schwer erkrankt im Gefängnis sitzt.

Niemand bleibt ewig jung

04.06.2025. In der Jüdischen Allgemeinen streiten Hamed Abdel-Samad und Henryk Broder über den Gazakrieg, den Abdel-Samad als "Genozid" bezeichnet. Bürokratieabbau sollte auch ein linkes Bedürfnis sein, meint Ilija Trojanow in der taz. In der FAZ verteidigt Christian Drosten einen harten Realitätsbegriff. Der russische Journalist Andrei Kolesnikow (NZZ) fühlt im Kreml - Marx zitierend - die Toten auf dem Gehirne der Lebenden lasten. "Die Ära PiS endet nicht, sie geht immer weiter", klagen die Ideenhistorikerin Karolina Wigura und der Autor Jarosław Kuisz bei Zeit Online.

Die Frage, was Frankreich ist

03.06.2025. Trist, aber wahr: Der Ausgang der polnischen Präsidentschaftwahlen verdüstert nicht nur die Lage in Polen, fürchten die Zeitungen. Tausende Menschen verschwinden im Krieg im Sudan, berichtet die taz. Die SZ fürchtet, dass afghanische Flüchtlinge nicht mehr in Deutschland aufgenommen werden, auch wenn sie gefährdet sind. Der Historiker Pierre Nora ist gestorben -wir zitieren aus dem Nachruf von Le Monde.

All das ist leider wahr

02.06.2025. Es ist knapp, aber es ist eine Katastrophe. Der von Trump und Putin bevorzugte Kandidat für die polnischen Präsidentschaftswahlen hat gewonnen. Der Historiker Paweł Machcewicz  gibt bei Zeit online Hintergründe zu den Wahlen. Marion Ackermann übernimmt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz - die Liste der von ihr zu bewältigenden Aufgaben ist deprimierend, so die taz. Zeit online sucht Dissidenten unter Palästinensern und Israelis. Kann man das drohende "Zero-Click-Internet" besteuern, fragt bang die SZ. In Le Point erinnert Pascal Bruckner an Vladimir Jankélevitch.