9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juli 2025

Verzweifelt, zerrissen und zunehmend kritisch

31.07.2025. Zum ersten Mal in der Geschichte hat die gesamte Liga der arabischen Staaten die Hamas verurteilt und das Ende ihrer Herrschaft in Gaza gefordert, um einem demilitarisierten Staat Palästina den Weg zu ebnen, meldet die taz. Jetzt müssten sie nur noch alle das Existenzrecht Israels anerkennen, fordert die Welt. Die New York Times entschuldigt sich als bisher einzige Zeitung dafür, Bilder von einem kranken palästinensischen Kind als Beleg für den Hunger in Gaza veröffentlicht zu haben. Die falschen Bilder bedeuten allerdings nicht, dass es keine Hungersnot in Gaza gibt, warnt die NZZ. Hamas-Propaganda ließe sich vielleicht besser vermeiden, würden die Israelis Journalisten in Gaza zulassen, denkt sich die SZ.

Die Grenze von Fakten

30.07.2025. Der Historiker Karl Schlögel erhält den Friedenspreis. Völlig zurecht, jubeln die Feuilletons: Die FAZ attestiert ihm unerreichte Osteuropa-Expertise, die FR würdigt ihn für seine unerschrockene Kritik an Putin. Die EU droht, Israel von "Horizon Europe", einem der größten weltweiten Forschungsprogramme, auszuschließen, berichtet die FAZ. Der Hunger in der Welt nimmt ab, so die taz, nur nicht in Afrika. Im Zeit-Online-Interview untersucht der Historiker Wolfgang Kraushaar die politischen Extreme des verstorbenen Horst Mahlers, die immerhin einige Konstanten hatten, zum Beispiel seinen Antisemitismus.  

Die Lage ist hoffnungslos

29.07.2025. Aktualisiert um 10 Uhr: Karl Schlögel bekommt in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Die Diskussion über den Einsatz gefälschter oder manipulativ eingesetzter Bilder aus dem Gaza-Streifen geht weiter. Zeit online geht auf die Vorwürfe nicht ein und führt unter einem fragwürdigen Bild ein Gespräch über Bildtheorie. In der FR verzweifelt der israelische Historiker Tom Segev an der irrationalen Realität in Gaza. Die FAZ lernt, warum dreihundert Quantenphysiker auf Helgoland mit der objektiven Realität hadern. Drusen werden derzeit auch in Deutschland von Islamisten bedroht, warnt die taz.

In heikler Mission

28.07.2025. Julian Nida-Rümelin und Jonas Schmidt-Chanasit fordern in der SZ eine klare Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen, die ihrer Meinung nach vor allem die Gewaltenteilung in Deutschland gefährdeten. Einige der Hungerbilder, die über Gaza zirkulieren und von den renommiertesten Medien benutzt wurden, sind extrem manipulativ eingesetzt worden, hat der Blogger David Collier herausgefunden. Wie stehen evangelische Funktionäre zu Israel, fragt die FAZ. Zeit und NZZ versuchen sich einen Reim auf Peter Thiels dunkel wabernde religiöse Fantasien zu machen.

Permanente Unsicherheit

26.07.2025. Die nächsten drei Jahre ist die Gefahr durch Russland am größten, warnt der Militärhistoriker Sönke Neitzel in der SZ. Heute wird Stalin in Russland nicht einmal mehr versteckt, weiß die FAS. In der NZZ setzt Sergej Lebedew leise Hoffnung darauf, dass Russlands Rohstoff-Ressourcen in Sibirien irgendwann zur Neige gehen. In der FR zeichnet der amerikanische Journalist Tim Weiner nach, wie Trump die amerikanischen Sicherheitsbehörden untergräbt. In der taz erinnert die Philosophin Jule Govrin daran, wie wichtig CSDs für den Kampf für universalistische Menschenrechte sind.

Plünderungen und weitere Schießereien

25.07.2025. Die jetzige Hungerkrise in Gaza ist keine Erfindung der Hamas-Propaganda, berichten die Medien mit vielen Belegen. Es gibt allerdings einen Streit darüber, wer dafür verantwortlich ist, den wir mit Links zu vielen Quellen dokumentieren. Emmanuel Macron will unterdessen Palästina als Staat anerkennen, und die palästinensische Autonomiebehörde stellt laut Jüdischer Allgemeiner sogar in Aussicht, erstmals seit 2006 wieder Wahlen abzuhalten. Anne Applebaum warnt die Österreicher und Europäer im Standard eindringlich vor Putin. Die Welt erinnert an Hans Mayers berühmten Essay "Außenseiter", der vor fünfzig Jahren erschienen ist. 

Zwischen schlecht und schlechter

24.07.2025. In der Ukraine finden Demonstrationen  gegen die befürchtete Aufweichung der Korruptionsbekämpfung statt - Selenski scheint inzwischen einen Rückzieher zu machen, berichtet Meduza. In der Times of Israel antwortet Jeffrey Herf ein zweites Mal auf Omer Bartovs Genozidvorwurf gegen Israel. In der NZZ stellt Kacem El Ghazzali mit Blick auf Frantz Fanon eine Frage, die sehr aktuell wirkt: "'Können Menschen, die Unschuldige kaltblütig töten, Befreier genannt werden?"

Die Welt, die wir wollen

23.07.2025. Die NZZ blickt hoffnungsvoll auf die Jugend in afrikanischen Ländern, die gegen die Alten aufbegehrt. In der FR denkt die Juristin Paula Macedo Weiß über demokratische Veranwortung in einem zapatistischen Pluriversum nach. In der Welt fragt Ahmad Mansour, warum kein Schwein sich über die Ermordung syrischer Drusen durch Djihadisten aufregte - bis Israel eingriff. In der FAZ plädieren die Militärhistoriker Sönke Neitzel und Christian E. Rieck dafür, die Zivilklauseln an deutschen Universitäten aufzuheben."

Eingescannt und digitalisiert

22.07.2025. Trump wundert sich über Putin, aber Putin nicht über Trump. Er macht einfach weiter, bis er die Ukraine zerstört hat, vermutet die FAZ. Ob die EU in den Krieg hineingezogen wird, hängt davon ab, ob die EU die Ukraine verlieren lässt, meint Politologe Nils Bormann ebendort. Das BSW wird demnächst mit der AfD paktieren, prognostiziert der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne in der SZ. Im Iran wächst der politische Widerstand gegen das Regime, beobachtet der Khamenei-Biograf Journalist Ali Sadrzadeh in der taz.  

Wieder bereit für Deals

21.07.2025. Nord Stream 2 ist nicht tot, nur im Standby, und einige prominente Ex-Politiker scheinen laut FAS segensreich darauf hingewirkt zu haben. Man muss Frantz Fanon in seinen Widersprüchen sehen, meint Thomas Schmid in der Welt. In der FR bezweifelt Wolf Iro, dass es Maxim Biller um Menschlichkeit geht. Nach der FAS bringt nun auch die taz ein Porträt über Zohran Mamdani. Auch in Deutschland gibt es hübsche Politiker, hat unterdessen die Zeit herausgefunden.

Feind meines Feindes

19.07.2025. In der FAS macht sich die Schriftstellerin Maryam Aras Gedanken über die israelischen Bombardierungen im Iran: Ist der Feind meines Feindes automatisch mein Freund? Außerdem geht der Blick nach Syrien: Die neuesten Ausschreitungen gegen die drusische Minderheit beweisen der FAS einmal mehr, dass die neue Regierung kaum als "gemäßigt" gelten kann. Die NZZ erklärt, warum die Drusen die toleranteste Form des Islam ausüben. Die SZ sieht den Streit um Frauke Brosius-Gersdorf vor allem als "misogynen Backlash". 

Der Graben mitten durch die Mitte

18.07.2025. Wird Frauke Brosius-Gersdorf den Streit um ihren Nominierung  überstehen und doch als Verfassungsrichterin noch installiert? Und was ist mit der Koalition: Wird sie den Streit überstehen? Immer mehr CDU-Granden machen klar, dass sie FBG nicht wollen, denn sie mögen nicht einen Millimeter von  ihrer Position zu Abtreibung abrücken. Horst Dreier, der einst auch als Kandidat fürs BVG gekippt wurde, versucht in Zeit online klar zu machen, dass "man ja nicht mit einer politischen Agenda da hin" geht. Außerdem: Säkulare Organisationen plädieren bei hpd.de für eine Erhaltung des Berliner Neutralitätsgesetzes. NZZ und taz klären über die Lage der Drusen in Syrien auf.

Grundlegender Bruch mit dem Status quo

17.07.2025. In der taz hofft der Aktivist Njuki Githethwa auf ein gerechteres Kenia, wenn seine Kenya Left Alliance was zu sagen hat. In der Zeit hofft der belarusische Regimekritiker Sergej Tichanowski, genügend Mitstreiter zu finden, um endlich Lukaschenkos Gewaltregime zu beenden. In der FAZ bezweifelt Bülent Mumay, dass Erdogan mit den Kurden Frieden schließen will. Selbst die Russen werden langsam kriegsmüde, meint in der NZZ der russische Soziologe Lew Gudkow. In der Washington Post erklären die Antisemitismusforscher Norman J.W. Goda und Jeffrey Herf am Beispiel der Hamas, was ein Genozid ist.

Die Stimmung im Gefängnis

16.07.2025. In der FR erzählt die Aktivistin Loveness Mudzuru, wie sie im christlich geprägten Simbabwe ein Verbot der Zwangsheirat erwirkt hat. In der SZ fragt sich der ukrainische Autor Sergey Maidukov, wie sich nach dem Krieg Kämpfer und Verweigerer in die Augen sehen werden. Hpd berichtet von einem weltweiten Trend zur Säkularisierung, selbst in muslimischen Ländern. Es gibt bessere Wege, mit der AfD umzugehen, als sie zu verbieten, erklären in der FAZ die Wissenschaftler Mattias Kumm und Michael Zürn und machen konkrete Vorschläge.

Gespickte Kampagnen

15.07.2025. Die Debatte um Frauke Brosius-Gersdorf tobt immer gewaltiger. Sie meldet sich jetzt erstmals in einem Statement selbst zu Wort, berichtet das ZDF - und das klingt ziemlich zornig. Die taz erzählt, wie Organisationen von Abtreibungsgegnern seit Anfang Juli massiv gegen die Richterin agitierten und vor allem Druck auf die CDU ausübten.  In der NZZ erklärt die  Historikerin Botakoz Kassymbekova, wie die Russen die Gewalt im Krieg gegen die Ukraine ideologisch rechtfertigen. In der FAZ schreibt Viktor Jerofejew über  die immer obszönere Stalin-Rehabilitation in Russland.

Richtiger politischer Nahkampf

14.07.2025. Die Debatte um Frauke Brosius-Gersdorf reißt nicht ab - es wird nicht nur über ihre Positionen zu Abtreibung diskutiert. Die Zeitungen fragen sich vor allem, ob die CDU dem Druck der AfD standhalten wird. Und dem der LinkenZeit online diskutiert mit Sönke Neitzel, ob der Friede jetzt vorbei ist.  Die FAZ schildert Donald Trumps Kulturkampf in den Kulturinstitutionen und die bisher nicht ganz klare Reaktion derselben - und das alles vor dem Hintergrund des "Semiquincentennial".

Vom Intelligenzfluch verfolgt

12.07.2025. Auch heute erscheinen wichtige Texte über Srebrenica: Das  Thema hat Aktualität, denn bis heute werden serbische Verbrechen relativiert und geleugnet, merken etwa Erich Rathfelder in der taz, Monty Ott in der FAZ oder Richard Herzinger in seinem Blog an. In der FAZ kommt die Literaturwissenschaflerin Susanne Klingenstein auf die antisemitischen Ausschreitungen in Harvard zurück, die für sie in einer mindestens fünfzigjährigen Tradition stehen.  In der taz staunt Nicholas Potter über Holger Friedrich und die Potentaten. Im Spiegel annonciert Daniel Kokotajlo: Die KI schafft uns ab.

Eine Art Leere

11.07.2025. Heute jährt sich zum dreißigsten Mal der Völkermord von Srebrenica. Die FAZ zeigt, wie sich die serbische Rhetorik geändert hat: Versöhnende Worte gab es von der serbischen Politik nur so lange, wie eine Beitrittsperspektive zur EU bestand. Der serbische Präsident Aleksandar Vučić genießt trotzdem die Protektion der konservativen Parteien in der EU, kritisiert der Historiker Dragan Popović in der SZ. Die Debatte um die Rechtsprofessorin Frauke Brosius-Gersdorf, die Verfassungsrichterin werden soll, geht weiter: Der Spiegel beleuchtet nochmal ihre Positionen. In der NZZ spricht Francis Fukuyama über die Gefahren für die Demokratie.

Dieses vermeintliche Gegensatzpaar

10.07.2025. Der Liberalismus hat sich zu Tode gesiegt, diagnostiziert in der Zeit der Volkswirt Armin Steinbach. Er plädiert für einen regulierenden Staat, der allerdings verdammt effizient sein müsse. Genau das ist er nicht, meint Andreas Reckwitz, ebenfalls in der Zeit. Unterdessen üben Bürger in Kirgisien und Tadschikistan kritisches Denken mit der Wikipedia, berichtet die FAZ. Vlad Khaykin vom Simon Wiesenthal Center antwortet in einem zornigen Beitrag auf Masha Gessens Essay zur Verteidigung des New Yorker Politikers Zohran Mamdani. Und die Kirchen boykottieren Israel jetzt auch.

Gegenwind ist keine Hexenjagd

09.07.2025. Selbst wenn es zu einem "Deal" im Gazakrieg kommen sollte, werden wohl nicht alle der verbliebenen Geiseln freikommen, jedenfalls nicht gleich, vermutet die Jüdische Allgemeine. Nur zwanzig von ihnen sollen noch leben. In der NZZ spricht der Islamwissenschafter Abdel-Hakim Ourghi über muslimischen Antisemitismus und die frommen Lügen der Linken. Die FAZ staunt doch sehr über die recht dezidierten Positionen der künftigen Bundesverfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf.

Geld für Fahrten zu Kliniken in anderen Städten

08.07.2025. FAZ  und FR fragen: Ist Viktor Orban nach seiner symbolischen Niederlage bei der Budapester Pride entscheidend geschwächt?  In Flensburg verhindert die Katholische Kirche für Frauen aller Konfessionen laut taz Abtreibungen, während sie auf den Philippinen laut FAZ sogar noch Scheidungen verbietet. In der NZZ ist sich Rainer Hermann sicher: Mit den Osmanen wär' das nicht passiert.

Das Volk nicht verschrecken

07.07.2025. In der NZZ erklärt Hamed Abdel-Samad, warum man die iranische Mord-Fatwa gegen Donald Trump ernstnehmen sollte. FAZ und Welt streiten über eine SPD-Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht, Frauke Brosius-Gersdorf. Warum kommt der Untersuchungssausschus zu Nord Stream 2 nicht voran, fragt die FAZ: weil das Thema Medien und Bevölkerung nicht kratzt, ist die Antwort. Nochmal in der NZZ wünscht sich Viktor Jerofejew eine realistischere russische Opposition.

Dringend eine Redigatur

05.07.2025. Während Wladimir Putin ukrainische Zivilisten massakriert, findet er noch Zeit, das Telefon abzunehmen - meistens ist Donald Trump dran, berichtet die FAZ, und dann plaudern sie über Kino. Im Gespräch mit der NZZ lässt Monika Maron kein gutes Haar an den Westdeutschen. Und auch nicht an den Ostdeutschen. Ebenfalls in der NZZ antwortet Nikolai  Klimeniouk auf Masha Gessen, die den Begriff des Antisemitismus umformulieren will, damit er auf die neue Linke nicht mehr zutrifft. Wie nationalistisch sind die protestierenden Studenten in Serbien, fragen die Zeitungen.

Von den Knochen der Ahnen

04.07.2025. Soll man auf einen Regimewechsel im Iran hoffen? Ja, meint die exiliranische Autorin Nasrin Amirsedghi im Perlentaucher - in Antwort auf eine Warnung Josef Joffes vorm "Balkanistan" Iran. In der FAZ äußert sich der Politologe Vali Nasr eher pessimistisch zu diesem Thema und warnt vor einer "Pax Israeliana". Heute ist der Fourth of July: In der taz erzählt Andrei S. Markovits, wie er zwischen der Skylla des Trumpismus und der Charybdis des Antisemitismus verzweifelt. Guardian und SZ schildern die Abgründe der Trumpschen Deportationsrhetorik und -politik.

Reden ist meine Hauptwaffe

03.07.2025. In der FAZ geißelt der Rechtshistoriker Dominik Kawa die bleibende deutsche Ignoranz über die deutschen Verbrechen an den Polen. In der SZ antwortet Eva Illouz auf die Frage, ob Antizionismus eine Form des Antisemitismus ist - mehr oder weniger mit ja. Im Interview mit der Zeit erklärt Alice Schwarzer, warum sie den Wehrdienst verweigern, aber gern ein soziales Pflichtjahr absolvieren würde - und trotzdem gern schießen können würde.

Lust am Denken

02.07.2025. Einen regime change im Iran können derzeit nur die Iraner bewerkstelligen, meint in der FAZ der Politikwissenschaftler Michael Zürn. Schlechte Nachrichten für alle, die Bluetooth-Kopfhörer benutzen: Sie können abgehört und sogar in Mikrofone verwandelt werden, berichtet Zeit online. Angesichts der Toten bei der Verteilung von Hilfsgütern fragt die NZZ: Was ist Israels langfristige Strategie für Gaza? In der taz plädiert Georg Seeßlen für weniger Rechthaberei beim Debattieren.

Knapp unterhalb der Waffenqualität

01.07.2025. Der israelisch-amerikanische Schlag gegen die iranischen Atomanlagen war nötig - und er war erfolgreich, hält die Times of Israel in einem langen Hintergrundtext fest. Woher kommt die Tendenz der Demokratien zum Appeasement, fragt Richard Herzinger im Perlentaucher. Die SZ bezweifelt, dass europäische Unis vom brain drain der amerikanischen profitieren können. Das Auswärtige Amt versagt bei der Unterstützung der belarussischen Opposition, schreibt Felix Ackermann in der FAZ