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10.01.2026. Welche Rolle spielt Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, bei den Protesten im Iran, fragt die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur in der NZZ. Das iranische Regime ist so schwach wie noch nie, konstatiert die Autorin Natalie Amiri in der taz. Die Entführung Maduros war ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht, sollte die Länder Lateinamerikas aber auch anhalten, ihren Problemen ins Auge zu schauen, meint in der FAS der venezolanische Schriftsteller Rodrigo Blanco Calderón. Die taz erinnert daran, dass der Zionismus keine "rechte" Ideologie ist.
Trotz einer Internetsperre gehen die Bilder von den massiven und anhaltenden Protesten im Iran um die Welt (unser Resümee). Bisher hält sich die Regierung mit der Gewalt gegen ihr eigenes Volk zurück. Das liegt auch an Donald Trumps Drohung, im Falle von Gewaltanwendung gegen die Protestierenden, anzugreifen, resümiert Friederike Böge in der FAZ: "Das Regime steht vor einem Dilemma, die Führung in Teheran ist sichtlich nervös. In den vergangenen Jahren hat sie schon viele Unruhen gewaltsam niedergeschlagen. Aber noch nie war sie zur selben Zeit mit einer Protestwelle und der Möglichkeit einer militärischen oder geheimdienstlichen Operation von außen konfrontiert. Zur Abschreckung hat der neu geschaffene Verteidigungsrat in Teheran den USA und Israel erstmals mit einem Präemptivschlag gedroht. Auf einem zentralen Platz in Teheran ließ die Führung ein Poster anbringen, das Särge in israelischen und amerikanischen Flaggen zeigt. Dazu drohte der Sekretär des nationalen Sicherheitsrats, die Amerikaner sollten sich Sorgen um die Sicherheit ihrer Soldaten in der Region machen."
Welche Rolle spielt Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, bei den Protesten im Iran? Es war auch sein Aufruf zu einer Kundgebung gegen die Regierung, dem viele am Donnerstag-Abend auf die Straße folgten. Es sei "schwer, zu sagen, über wie viel Rückhalt der Kronprinz in der Bevölkerung verfügt", schreibt die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur in der NZZ. Geschichtsbewusstsein zeige er jedenfalls kaum: "Er sagt, er wolle nur den friedlichen Übergang sicherstellen. Damit begründet er gewissermaßen, dass er sich zu gar nichts konkret äußert. Er weicht nicht nur Fragen nach der Gleichberechtigung von ethnischen und sprachlichen Minderheiten aus. Auch solche nach der Herrschaft seines Vaters umgeht er und betont nur, er sei nicht sein Vater. Sicher, für die Sünden der Eltern können die Kinder nicht verantwortlich gemacht werden. Aber es kann von ihnen erwartet werden, dass sie sich mit ihnen auseinandersetzen. Die Erklärung der Schah-Familie, der Schah habe viel Gutes gewollt und vieles sogar geschafft, besser als die Mullahs, ist ein bisschen mau - auch Rezas Mutter, Farah Pahlevi, sagt dies immer wieder. Der Verweis vieler Monarchisten, man sei mit der Revolution vom Regen in die Traufe gekommen, ist ebenfalls nicht hilfreich."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Es ist der instabilste Moment dieses Regimes nach 46 Jahren", betontNatalie Amiri, die ein Buch über den Nahen Osten geschrieben hat, im taz-Interview. In der westlichen Iran-Politik gebe es allerdings bis heute keinen "Lichtblick": "Ich denke, es hätte einen Zeitpunkt gegeben, an dem man das Regime durch wirtschaftliche Kooperation hätte unter Druck setzen können, da die Ideologie im Jahr 2015 gar nicht mehr so präsent war. Doch der einseitige Austritt der Amerikaner aus dem Atomwaffensperrvertrag und die Tatsache, dass die Europäer keine eigenständige Antwort darauf gefunden haben, haben dies verhindert. Jetzt steht man vor einem Scherbenhaufen. Dazu war die Bundesrepublik Deutschland jahrzehntelang der wichtigste Handelspartner der Islamischen Republik innerhalb der EU. Es wurden Waren geliefert, die zur Unterdrückung genutzt wurden. Während die Kinder der Mullahs an Eliteuniversitäten in westlichen Metropolen studieren. Der Geldtransfer funktioniert für die Machtelite perfekt, weil sie die Schlupflöcher kennen. Es ist traurig, dass es bis heute im Westen keinen politischen Willen gibt, das Regime endgültig Schachmatt zu setzen."
Trumps Coup in Venezuela war ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht, versichert in der FAS der venezolanische Schriftsteller Rodrigo Blanco Calderón und allgemein "tragen diverse Regierungen einen großen Teil der Verantwortung für die Schicksale im Hinterhof der Yankees - oder, wie Roberto Bolaño sagen würde, im Irrenhaus Europas." Es reiche aber gleichzeitig nicht aus, die USA "für all unsere Probleme verantwortlich zu machen." Vielmehr sei es Zeit, den Problemen der Region ins Auge zu schauen: "Wann genau wurde es in Mexiko und Kolumbien, um die beiden Länder der Region zu nennen, die am stärksten betroffen sind, akzeptabel, dass Drogenkartelle innerhalb der Staatsgebiete kleine Republiken errichten? Welchen Nutzen hat das Selbstbestimmungsrecht der Völker, wenn Regierungen selbst die Folter, Entführung und Tötung ihrer Bürger durch paramilitärische Kräfte dulden, die es schlichtweg nicht geben dürfte? Wenn es nicht gerade die Regierungen selbst sind, die ihre Befugnisse überschreiten und diese Gräueltaten begehen."
John Bolton ist der frühere Nationale Sicherheitsberater Donald Trumps und mittlerweile dessen erbitterter Gegner. Im FR-Interview teilt er seine Einschätzung zur Grönland-Frage. Das strategische Interesse an Grönland ist berechtigt, meint er, leider gehe Trump es so ganz falsch an. Es gebe "zahlreiche Lösungen, die nicht in eine Krise führen. Die Leute um Trump müssten ihm diese Optionen nur präsentieren. Grönland ist ein legitimes sicherheitspolitisches Interesse für die USA, Kanada, Dänemark und die gesamte Nato. Der Arktische Ozean ist der neue weiche 'Unterbauch' Europas - nicht mehr das Mittelmeer, sondern die Arktis. Von Alaska bis zur Nordspitze Norwegens müssen wir anders denken." Wäre "Grönland unabhängig und entschiede sich gegen die Nato, öffnete das den Chinesen und den Russen die Tür: 'Belt and Road', dual-use-Infrastruktur, Geheimdienste. Genau deshalb ist es keine rein juristische Statusfrage, sondern eine strategische. Trump interessiert sich aus ganz anderen Gründen dafür - für ihn ist das ein Immobilienprojekt. Ich glaube, so einfach ist das."
"Wie ist aus dem gierig auf den Nobelpreis schielenden Friedensstifter Trump in so kurzer Zeit ein Neoimperialist geworden?", fragt Majid Sattar in der FAS: "So groß ist der Sprung im Grunde gar nicht. David Axelrod, der langjährige Obama-Berater, hat Trump dieser Tage einen 'improvisierenden Präsidenten' genannt. Der Republikaner ist bekanntermaßen kein Stratege. Auch leitet ihn keine Weltanschauung. Seine Politik ist opportunistisch, narzisstisch und nicht selten erratisch... Trump hat Berater mit unterschiedlichen, zuweilen konträren Präferenzen um sich, und er bedient sich stets der Handreichung, die ihm gerade passt. Es war kein Zufall, dass während der Ergreifung Maduros in dem Ad-hoc-Lagezentrum in Mar-a-Lago J. D. Vance fehlte. Der Vizepräsident, der nur zugeschaltet war, ist der prominenteste Isolationist in der Regierung."
"Potentaten lernen schnell voneinander, zumal wenn sie gleichgerichtete Interessen in unterschiedlichen 'Einflusssphären' haben", stellt Cathrin Kahlweit in der SZ fest. Was der eine vormacht, macht der andere nach. Der Kreml lässt sich von Trumps neo-imperialistischer Haltung jedenfalls gerne inspirieren: "Am orthodoxen Weihnachtsfest, dem 6. Januar 2026, nannte der Diktator seine Soldaten schließlich 'heilige Krieger', womit die Kanonisierung des russischen Neo-Imperialismus endgültig vollzogen ist. Aber erst ein außen- und innenpolitischer Abgleich der Lerneffekte macht das Bild, das die einstigen Erzrivalen des Kalten Krieges heute abgeben, komplett: Während Putin sich weltpolitisch einiges von Washingtons schamlosem Machtgehabe abschaut, hat Trump wiederum in den vergangenen Jahren einiges von den schamlos Mächtigen gelernt. Der Effekt: Trump putinisiert."
Die Entführung Nicolas Maduros war ein schwerwiegender Fehler, konstatiert der amerikanische Diplomat Daniel Benjamin im taz-Gespräch. Solche Aktionen destabilisieren die politische Weltlage weiter, meint er. Innenpolitisch verfolgte Trump einen ganz klaren Zweck: "Donald Trump hat mit der Maduro-Entführung wieder ein neues Narrativ etabliert. Seine Regierung wurde in letzter Zeit durch die Epstein-Affäre und Uneinigkeiten in der MAGA-Basis deutlich geschwächt. Deshalb kann man das Abenteuer Venezuela als versuchtes Ablenkungsmanöver betrachten. Aber die Probleme lösen sich deshalb für Trump nicht in Luft auf. Er wird ohne Möglichkeit der Wiederwahl mehr und mehr zur lame duck, die MAGA-Szene ist zerstritten. Wenn die Dinge in Venezuela aus dem Ruder laufen, wird Trump weiter an Boden verlieren."
In Minneapolis wurde die 37-Jährige Renée Good von einem ICE-Agenten erschossen. Der genaue Ablauf des Ereignisses ist nicht völlig klar, so Alan Posener in der Welt. Die Trump-Regierung wird sich um Aufklärung aber auch nicht bemühen: "Kristi Noem, Ministerin für Heimatschutz, nannte Goods Verhalten 'einen Akt des Terrorismus'" Mit "der Beschwörung eines inneren Feinds, dem gegenüber die normalen Gesetze und die Beschränkungen der Exekutivgewalt nicht gelten beginnt der Faschismus. Würde das hier passieren, würde jeder wissen, was die Stunde geschlagen hat. Hinzu kommt die Einschüchterung der Medien. Wie nahe Libertarismus und Autoritarismus beieinander sein können, sieht man an Vizepräsident Vance, der einerseits nicht müde wird, den Europäern Beschränkungen der Meinungsfreiheit vorzuwerfen, andererseits bei seiner Pressekonferenz die Reporter beschimpfte, die im Fall Good der Regierungslinie nicht folgen."
In der tazzeichnet Klaus Hillenbrand die Geschichte des Zionismus nach, der Teilen der Linken heute als Inbegriff des Bösen gilt. Hillenbrand betont: "Die Vorstellung, der Zionismus sei eine 'rechte' Ideologie, ist falsch". "Dass der Zionismus es grundsätzlich darauf anlege, die arabische Bevölkerung zu unterdrücken, ist eine Interpretation, die an den Tatsachen vorbeigeht. Es genügt ein Blick in Herzls Zukunftsroman 'Altneuland' aus dem Jahr 1902, um deutlich werden zu lassen, dass der Vordenker der Bewegung partnerschaftliche Beziehungen zu den Arabern anstrebte." Die "Sichtweise auf den Zionismus als eine tendenziell rechtsradikale, prinzipiell gegen Palästinenser gerichtete Bewegung hält einer historischen Überprüfung nicht stand. Wer glaubt, Zionismus mit Unmenschlichkeit und Unterdrückung gleichsetzen zu können, befindet sich auf dem Holzweg. Vielmehr stellt sich die Frage, ob Teile der israelischen Regierung noch als zionistisch bezeichnet werden können, widersprechen ihre Handlungen doch zionistischen Grundvorstelllungen."
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