Unter den Titeln "
Historische Verantwortung wahrnehmen" und "
Jüdisches Leben schützen" haben SPD, FDP und Grüne auf der einen Seite und die Unionsfraktionen auf der anderen Seite
Entschließungsanträge mit jeweils rund 50 Forderungen an die Bundesregierung eingebracht, berichtet Tobias Timm auf
ZeitOnline. Abseits der Öffentlichkeit haben Kulturschaffende und Wissenschaftler
kritische Briefe an die Fraktionen geschrieben, darunter
Eva Menasse,
Omri Boehm,
Aleida Assmann - und
Meron Mendel, so Timm weiter: "'Mir scheint dieser Entschließungsantrag
reiner Aktionismus zu sein', sagt etwa Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, im Gespräch mit
ZeitOnline. ... 'Der Entwurf wirke viel zu schnell gestrickt, einzelne Interessengruppen hätten die extrem schlimme Situation durch den Terroranschlag der Hamas genutzt, um irgendwelche
Einzelforderungen in dem Papier unterzubringen. Besonders problematisch findet Mendel die Forderung nach einer
Verstärkung des BDS-
Beschlusses vom Mai 2019. (…) 'Die Politik will zeigen, dass sie etwas macht. Dabei wäre ein verschärfter BDS-Beschluss ein großes
Geschenk für die BDS-
Anhänger' (...) 'Sie bekommen eine Bühne, sie bekommen Aufmerksamkeit und können sich als
Märtyrer darstellen. Ein solcher Beschluss wird die Situation nur verschärfen, er spielt der Boykottbewegung in die Hände.'"
Was ihr wirklich Sorge mache, sagt
Annalena Baerbock im
Zeit-Gespräch, sei, "dass es uns international und auch bei uns in Deutschland zunehmend nicht mehr um die Menschen geht, sondern
um Bekenntnisse. Entweder das Selbstverteidigungsrecht Israels oder das humanitäre Leid in Gaza. Beides ist aber Realität. Israel wird niemals in Sicherheit leben können, wenn der
Terror nicht bekämpft wird. Und zugleich kann es nur Sicherheit für Israel geben, wenn auch die
Palästinenser eine Zukunftsperspektive haben. Daher spreche ich in Ramallah über die bestialischen Verbrechen der Hamas, über die verschleppten israelischen Frauen und Kinder. Und in Israel darüber, wie sehr mich die palästinensischen Kinder umtreiben, die apathisch neben ihren toten Eltern sitzen und die keine Hilfe erreicht."
Er habe kein Verständnis dafür, dass
Deutsche deren Großeltern
nicht zur Tätergeneration gehören, ein
anderes Verhältnis zur deutschen Schuld und Verantwortung gegenüber Israel haben, sagt Bundesjustizminister
Marco Buschmann ebenfalls in der
Zeit: "Es geht hier ja nicht um eine
Erbsünde, die wir von unseren Vorfahren über die Blutlinie geerbt haben. Es geht darum, uns der Verantwortung für den Holocaust zu stellen, die mit diesem Land verbunden ist und aus der wir lernen müssen. Deutschland ist ein historisches Beispiel dafür, dass bestimmte Einstellungen in der staatlich organisierten, systematischen Vernichtung von Menschen im industriellen Maßstab enden können. Aus dieser Lernerfahrung ergibt sich für die Bundesrepublik eine besondere Verantwortung: dafür zu sorgen, dass so etwas bei uns nie wieder geschehen kann und dass es möglichst nirgendwo wieder geschehen kann. Das ist ein normativer Anspruch: Deutscher sein soll bedeuten,
aus der Geschichte gelernt zu haben. Wer der Meinung ist, dass ihn diese Lernerfahrung nichts angeht, der muss ja auch kein Deutscher werden."
Insgesamt ist die
Kritik an Israels Politik seit dem Libanon-Konflikt in der deutschen Bevölkerung
zurückgegangen, gegenläufig hat sich die Überzeugung verstärkt, dass Israel unsere
besondere Unterstützung verdient, berichtet
Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach in der
FAZ: "2006 vertraten nur 22 Prozent diese Position, heute 32 Prozent. Das ist ein signifikanter Anstieg, aber gleichzeitig noch immer ein
bemerkenswert geringer Anteil. Die große Mehrheit war zwar stets überzeugt, dass Deutschlands Beziehung zu Israel eine besondere sei und sein müsse. Nur eine Minderheit von 34 Prozent leitet daraus jedoch eine besondere
Verantwortung für das Schicksal Israels ab. Das sind zwar mehr als 2006, aber dieser Wert befindet sich in der engen Bandbreite zwischen 28 und 35 Prozent, innerhalb derer er schon seit mehr als 30 Jahren schwankt."
Der französische Philosoph Pascal Bruckner
zeichnet in der
NZZ die Geschichte des
Antisemitismus von links in Frankreich nach. Dieser habe eine lange Tradition, so Bruckner und bisher sei kein Ende in Sicht: "In Frankreich kann man derweil einen seltsamen Rollentausch beobachten: Einerseits scheint das Rassemblement national seinen klassischen Judenhass, das Erbe von
Jean-Marie Le Pen, abgeschüttelt zu haben (obwohl Vorsicht geboten ist). Andererseits übernehmen die Ultralinke, La France insoumise, die Grünen und verschiedene Trotzkisten alle Klischees der alten Judenfeindlichkeit unter dem Vorwand, nicht in die Islamophobie verfallen zu wollen. Es ist ein Kampf mit umgekehrten Fronten. Der Grund dafür ist einfach und besteht aus zwei Argumenten: In Frankreich gibt es 500.000 Juden und 7 Millionen Muslime. Die Arithmetik gebietet es, sich auf die Seite der Mehrheit zu stellen, auch wenn man dabei einen
Teil der islamistischen Argumentation übernimmt."
In der
FAZ erläutert
Gertrud Lübbe-
Wolff, ehemalige Richterin am Bundesverfassungsgericht, wie schwierig der Rückbau der Justizreform für die neue
Parlamentsmehrheit in Polen wird: "Der Staatspräsident ist … nicht der einzige Vetospieler, welcher der von Donald Tusk angeführten Parteienkoalition Steine in den Weg legen kann. Da ist auch der
Verfassungsgerichtshof. Das Gericht ist inzwischen ausschließlich mit Richtern besetzt, die seit der Machtübernahme der PiS im Jahr 2015 von der PiS-eigenen oder PiS-dominierten Parlamentsmehrheit gewählt wurden. Von einem Gericht in dieser Zusammensetzung ist
unparteiische Rechtsprechung kaum zu erwarten; schon gar nicht, wenn es um die notwendige Wiederherstellung rechtsstaatlicher Verhältnisse in der polnischen Justiz und bei eben diesem Gericht selbst geht. Ein Blockademittel liegt darin, dass der Staatspräsident Gesetze an den Sejm zurückverweisen kann; dieser kann das darin liegende
Veto des Präsidenten nur mit einer Dreifünftelmehrheit überwinden. So groß ist aber die neue Parlamentsmehrheit nicht."
"Wir alle stehen um
Russlands Leichnam herum", sagt
Viktor Jerofejew im
Standard-
Gespräch: "Für Russland ist der Ukrainekrieg das reinste Desaster: Er wird eine
langanhaltende Isolation erzeugen. Wie lässt sich der Schlamassel auflösen? Russland und Ukraine sollten ihre Gesichtspunkte mit denjenigen von
China und den USA abstimmen - schwierig, aber ich glaube, dass das nach wie vor möglich ist. Dieser Krieg ist auch für die Supermächte von Übel; aber sie allein besitzen aus eigener Machtvollkommenheit nicht die Möglichkeit, ihn zu beenden. Der Ukrainekrieg ist der noch gefährlichere. Die Ukraine ähnelt einer untreuen Frau, die vor ihrem Ehemann namens Russland davonläuft. Ein wirkliches Drama! Dagegen nimmt sich der Krieg zwischen Israelis und Arabern wie ein
Konflikt um Territorialrechte aus. Die Ukraine und Russland müssen in irgendeiner Weise zu einer Übereinkunft finden. Natürlich nur in gewisser Weise, denn Russland ist der Aggressor. Die Ukraine muss danach ihren
Weg nach Europa gehen."
Der Vater des belarussischen Schriftstellers
Sasha Filipenko wurde unter
brutalen Umständen verhaftet, die belarussische Polizei sagte zu ihm: "Bedanken Sie sich bei Ihrem Sohn". Auf die Frage, ob er
Schuldgefühle habe, erwidert Filipenko im
Gespräch mit dem
Tagesanzeiger: "Allein die Frage spielt der Diktatur in die Hände. Ich habe in meinem ganzen Leben nie ein Gesetz übertreten. Ich glaube, ich bin nicht mal bei Rot über die Straße gegangen. Ich habe nur Bücher und Theaterstücke geschrieben und als Journalist gearbeitet - das ist alles. Ich habe keinen Grund, mich schuldig zu fühlen, genau deswegen nehmen sie ja meinen
Vater als Geisel. Die wollen, dass ich aufhöre zu schreiben und den Mund halte. Aber es wäre doch erst recht seltsam, gerade jetzt zu verstummen, wo mein Vater im Gefängnis sitzt. (...) Eine halbe Million Weissrussen können genau wie ich nicht nach Hause fahren.
Über 50.000 Menschen haben Haft und Folter hinter sich. Zigtausende leben genau wie ich mit dem Wissen, dass ihre nahen Angehörigen in Geiselhaft sind."