Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.06.2025. Der neue Krieg zwischen Israel und dem Iran beherrscht die Debatte. Iranische Intellektuelle in der Diaspora äußern sich zwiespältig. "Was, wenn nicht ausländische Intervention, ist denn noch übrig, um Iran von den blutverschmierten Händen dieses Regimes zu retten", fragt die in Deutschland lebende Autorin Atefe Asadi. Sehr zornig über den Krieg schreibt dagegen Navid Kermani in der SZ: Der Krieg "zerstört die Chancen auf eine demokratische Zukunft Irans". Außerdem: Die taz interviewt die Neurobiologin Leor Zmigrod, die in den Hirnen von Radikalen nach den Gründen für die Radikalisierung sucht.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Leor Zmigrod, 29, forscht als Neurowissenschaftlerin an der Universität Cambridge. Sie gilt als Begründerin der "politischen Neurobiologie". Jens Uthoff interviewt sie für die taz. Mittels Hirnscans will sie herausfinden, warum "von jenen Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen leben, manche bereit sind, für eine Ideologie alles zu opfern - und andere nicht. Wir können das besser verstehen, wenn wir uns die Mechanismen des Gehirns anschauen, die bei ideologischem Denken wirken." Bei ideologisierten Menschen, egal ob links, rechts oder islamistisch stellt sie extrem rigide Denkmuster fest. Auf die bange Frage, ob sie an die "Hufeisentheorie" glaubt, antwortet sie: "In den Daten sehen wir, dass extreme Linke und extreme Rechte in puncto kognitive Rigidität Ähnlichkeiten aufweisen. Es gibt viele weitere Faktoren, die dazu führen können, dass jemand extrem links oder extrem rechts denkt." Anders als Hannah Arendt glaubt sie nicht, dass Gedankenlosigkeit zu Ideologisierung führen kann: "Ideologien verdrängen alte Denkweisen und ersetzen sie durch neue. Sie verändern unsere Kognition, unsere Reflexe, unsere biologische Natur. Vielleicht sogar bis zu einem Grad, den Arendt nicht geahnt hat... Es gibt tiefgreifende und komplexe Veränderungen, die im Gehirn und Körper ideologischer Gläubiger stattfinden."
Eindringlich schildert die im deutschen Exil lebende iranische Autorin Atefe Asadi in der FAS ihre zwiespältigen Gefühle angesichts der Bilder des Krieges aus ihrem Land. Gebäude in Teheran in Trümmern zu sehen, tut ihr weh. Aber wenn es das Gebäude des Staatsfernsehens ist? Bomben gegen ihr Land will sie nicht, aber "was, wenn nicht ausländische Intervention, ist denn noch übrig, um Iran von den blutverschmierten Händen dieses Regimes zu retten?" Ihre Verzweiflung, schreibt sie, rührt auch daher, dass das iranische Volk jahrzehntelang erfolglos blieb im Kampf gegen seine Machthaber: "Es ist erst eine Woche her, seit der Krieg begonnen hat, und schon haben wir gesehen, wie das Regime, machtlos gegen Israel, seinen Zorn gegen die eigenen Bürger richtet. Von zivilen und politischen Aktivisten wurden die Häuser durchsucht. In den Straßen wurden Handys konfisziert, Verstöße gegen den Hijab-Zwang noch öfter und schärfer bestraft. Menschen wie Esmail Fekri wurden wegen 'Spionage für Israel' ohne Vorwarnung hingerichtet. Am meisten Angst macht mir der Gedanke, dass die Welt erneut ein Abkommen mit der Islamischen Republik schließen könnte."
Ähnlich zwiespältig äußert sich der im Paris lebende Mahmud Moradkhani im Gespräch mit Rico Bandle von der NZZ. Moradkhani ist der Neffe von Ali Khamenei, seine Mutter ist eine Schwester Khameneis - aber er ist seit Jahren in der Exilopposition: "Wenn die Bombardierungen nur das Regime treffen würden, so wäre das ja nicht schlimm. Aber es gibt viele zivile Tote, die Infrastruktur wird stark beschädigt. Trotzdem hoffe ich, dass die Israeli die Sache nun bis zum Letzten durchziehen. Das Regime muss gestürzt werden, die Islamische Republik verschwinden. Sollte das Regime diese Angriffe auf irgendeine Weise überstehen, wird Ali Khamenei auf gnadenlose Weise Rache nehmen. Die Vergeltung gegen das Volk wird brutal sein. Wir haben das schon einmal erlebt."
Moradkhani ist übrigens Arzt, und er sagt Dinge über Diktatoren, die die Neurobiolgin Zmigrod (siehe oben) sicher interessieren würden: "Sie glauben weiterhin ihren eigenen Lügen und sind fest überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Ihr Gehirn ist völlig deformiert, sie können ihre Meinung nicht mehr ändern. Das ist wie in einer Sekte. Diese Menschen können nicht mehr anders denken."
Ganz anders Navid Kermani in der SZ, der den Schlag Netanjahus in einem zornigen Artikel als zynisches Kalkül anprangert: "Verdammt, es gab doch ein Atomabkommen, das Iran strikten Kontrollen unterwarf. Erst nachdem es von Trump gekündigt worden ist, begann Teheran, das Uran auf die waffenfähige Prozentzahl anzureichern. Und wieso startet das Bombardement zwei Tage vor Verhandlungen, in denen das Regime um einen neuerlichen Deal bettelt, weil es angesichts der dramatischen Unzufriedenheit im eigenen Land unbedingt die Sanktionen abschütteln und die Wirtschaft ankurbeln muss? Und mit Bomben, die die unterirdischen Anreicherungsanlagen gar nicht treffen können, weil nur die Amerikaner über die entsprechenden Bunkerbrecher verfügen?" Ein Krieg, mahnt Kermani, "zerstört die Chancen auf eine demokratische Zukunft Irans".
Kermani relativiert in seinem Artikel auch die Drohungen des Iran gegen Israel: "Die Behauptung, dass es zur offiziellen Staatsdoktrin Irans gehört, Israel zu vernichten, wie es auch in deutschen Nachrichten täglich verkündet wird - fragt einfach Chat-GPT, um herauszufinden, ob das überhaupt stimmt." Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, legt in einem Gastbetrag für Zeit online dar, warum er die Drohungen Irans denn doch ernst nimmt. "Iran ist Terrorexporteur Nummer eins in Nahost. Den 7. Oktober 2023, das größte und schlimmste Massaker an Juden seit dem Holocaust, hätte es ohne die Mullahs in Teheran nie gegeben. Ebenso wenig die monatelange Vertreibung von 80.000 israelischen Bürgern und versuchte ethnische Säuberung im Norden des Landes durch die von dem Iran bis an die Zähne bewaffnete libanesische Terrororganisation Hisbollah."
Der Islamwissenschaftler Gilles Kepelerklärt in Le Point, warum die arabischen Länder im Konfilkt zwischen Israel und dem Iran so still halten. Mit einer gewissen Genugtuung, so Kepel, beobachtet man dort, dass das Kalkül der Mullahs zusammengebrochen ist: "Die Mullahs, deren 'Achse des antizionistischen Widerstands' dazu bestimmt war, bis zum letzten Tropfen arabischen Blutes zu kämpfen und dabei ihr eigenes Volk zu verschonen, sind nun gezwungen, sich direkt zu exponieren und das Blut iranischer Hierarchen, Pasdaran und Atomingenieure zu vergießen. Dies vertieft die Legitimitätskrise eines abgenutzten, korrupten Regimes mit einer zerfallenden Infrastruktur."
Ulrich Gutmair porträtiert für die taz den palästinensischen Aktivisten Hamza Howidy, eine der wenigen Stimmen der Versöhnung aus Gaza. Howidy soll wieder nach Griechenland abgeschoben werden, wo er ursprünglich Asyl erhielt: "Er hatte in Gaza zweimal an den 'Wir wollen leben'-Protesten gegen die Hamas teilgenommen, er wurde zweimal verhaftet und von Hamas-Schergen gefoltert. Nachdem die Hamas am 7. Oktober Israel überfiel und der Gazakrieg begann, brach Howidy das Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte: Nicht mehr öffentlich über die politische Situation im Nahen Osten zu sprechen. Er kritisierte die Hamas und Abu Obeida, den Sprecher der Al-Kassam-Brigaden, des militanten Flügels der Hamas. Daraufhin wurde er im griechischen Flüchtlingslager von anderen Gazanern mit dem Tod bedroht. Howidy flüchtete erneut - nach Deutschland."
Ziemlich moralinsauer nennt Reinhard Müller im Leitartikel der FAZ die deutsche Debatte um das Völkerrecht, die ausgerechnet bei Israels Schlag gegen iranische Militäreinrichtungen und -führer angestoßen wurde. "Das Regime wird jetzt direkt angegriffen. Darf man das? Bei dieser Frage wird wiederum, erstaunlich reaktionär geradezu, eine schematische, im Grunde längst überholte Sicht zugrunde gelegt: Die innere Ordnung der Staaten ist demnach irrelevant, ein Regimewechsel als Ziel tabu. Doch wenn das Regime der Kopf permanenter tödlicher Attacken, potenzieller atomarer Bedrohungen und verbaler Auslöschungsabsichten ist, dann ist es ein legitimes Ziel." Ganz anders sieht das Dominic Johnson in der taz: "Die Kriege gegen Iran und die Ukraine sind sich strukturell ähnlich. Putin und Netanjahu agieren wie Brüder im Geiste. Sie bezeichnen ihre Gegner beide als Nazis und fordern beide deren Entmilitarisierung und Unterwerfung."
In der Ukraine ist Krieg. Wladimir Putin hat gerade mal wieder darauf gepocht, dass die ganze Ukraine ihm gehört. Aber das heißt nicht, dass man nicht über einen demokratischen Wiederaufbau nachdenken sollte. Die AutorinElke Schmitter ist jedenfalls in die Ukraine gereist um an einem solchen, von Adrienne Goehler angestoßenen Projekt, teilzunehmen und berichtet darüber in der taz: "Was also wird, wenn man ein kleines Pilotprojekt in der Ukraine begründet, zwischen Zerstörung und einem Wiederaufbau nach dem bekannten, ökologisch verheerenden Muster? Und wenn man zugleich nach zwei Prinzipien handelt, die bei jedem schnellen Wiederaufbau (vielen deutschen Städten sieht man es bis heute an) verlieren, nämlich Ästhetik und Partizipation? Wenn die Menschen in der Region nicht nur das buchstäbliche Dach über dem Kopf bekommen, sondern gemeinsam darüber entscheiden, was zuerst wieder aufgebaut wird?"
Putins gestern geäußerten Besitzansprüche an die Ukraine sind hier (und hier und hier) dokumentiert:
Putin today: "All of Ukraine is ours... We have an old rule: wherever a Russian soldier steps, it is ours."
I don't know how many times Ukrainians have to say this: 1) Russia doesn't seek peace; 2) A Russian soldier will not stop in Ukraine.
Thomas Wessel fragt bei den Ruhrbaronen, ob der Iran, wie angedroht, Terror in Europa verbreiten könnte. Verfassungschutzbeamte und Experten wie Peter R. Neumann geben darauf unterschiedliche Antworten. Im Ruhrgebiet hatte es in den vergangenen Jahre von angeheuerten Rockern begangene Anschläge auf Synagogen gegeben: "Dass sich die Quds-Force in die Strukturen organisierter Kriminalität einkaufen, um Terror-Anschläge verüben zu lassen, hat sich nicht nur in Bochum gezeigt, es ist ebenso aus skandinavischen Ländern bekannt, aus den Niederlanden, aus Kanada, den USA, Frankreich, Spanien, Türkei."
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