9punkt - Die Debattenrundschau
Im Zweifel auf den eigenen Sieg verzichten
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.10.2025. Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Israel und Hamas habe sich auf eine erste Phase des US-Friedensplans geeinigt, melden die Zeitungen heute. Ein Zusammenleben von Israelis und Palästinensern muss die Friedlichkeit zum Prinzip erheben, dem alles untergeordnet wird, fordert in der Zeit der Historiker Tom Khaled Würdemann: die Selbstbestimmung der Palästinenser ebenso wie die Unverletzlichkeit eines jüdischen Staates. Die Welt fordert eine Abrechnung mit Angela Merkels Ostpolitik. In der SZ warnt Thomas Chatterton Williams: rechte Cancel Culture ist auch nicht besser als linke.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
09.10.2025
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Politik
Man kann die Kriegsführung Israels kritisieren und die palästinensischen Zivilopfer betrauern, "was aber die Hamas zum 7. Oktober von sich gibt, kann nur Ekel auslösen", empört sich Thomas Avenarius in der SZ. "Es zeigt, dass es bei aller berechtigten Kritik an Israel endlich auch darum gehen muss, mit wem eigentlich die Israelis Waffenstillstand oder gar Frieden schließen sollen auf Grundlage des Trump-Plans. Der 7. Oktober sei 'ein ruhmreicher Tag des Übergangs' gewesen, erklärten die Islamisten, ungerührt von fast 70 000 toten Palästinensern: Und damit von Menschen, die die Hamas zu regieren vorgab und für deren Interessen sie bis heute zu kämpfen behauptet."
Und doch scheint es zu geschehen: "Israel und Hamas einigen sich auf erste Phase des US-Friedensplans", meldet Zeit online heute morgen. "Israel rechne damit, dass die ersten Geiseln am Samstag freikommen, teilte ein israelischer Regierungssprecher mit. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sprach von einem 'großen Tag für Israel'. Er werde am Donnerstag die Regierung einberufen, um das Abkommen genehmigen zu lassen. Der Hamas zufolge wurden auch mehr Hilfslieferungen für Gaza sowie die Entlassung von palästinensischen Gefangenen vereinbart."
Im Interview mit der Zeit denkt der Historiker und Nahostwissenschaftler Tom Khaled Würdemann darüber nach, wie angesichts der total verhärteten Fronten ein Frieden zwischen Israelis und Palästinensern aussehen könnte: "So banal es klingt: Ändern muss sich das Zusammenleben, hin zu Friedlichkeit. Alles muss diesem Prinzip untergeordnet werden, die Selbstbestimmung der Palästinenser ebenso wie die Integrität und Unverletzlichkeit eines jüdischen Staates. Kein Ziel, kein Widerstand, keine Sicherheitsmaßnahme darf legitim sein, wenn sie dieses Zusammenleben verhindert. Wer Befreiung predigt, indem er Israel zerstören will, ist kein Partner. Und wer Sicherheit fordert, indem er Palästinenser entrechtet oder vertreibt, ebenso wenig. Der Zweck heiligt hier keine Mittel." Das gelte auch für eine Einstaatenlösung: "Wer eine gleichberechtigte Einstaatenlösung beschwört, aber zugleich Gruppen toleriert, die wahllos Israelis ermorden, meint es nicht ernst. Wer also von propalästinensischer Seite eine Einstaatenlösung bevorzugt, sollte zunächst auch gegen die Hamas vorgehen. Wer wirklich Frieden will, muss im Zweifel auf den eigenen Sieg verzichten."
Jouanna Hassoun von der Hilfsorganisation Transaidency erzählt im Interview mit der taz, wie schwierig es derzeit ist, Lebensmittel für die Ärmsten in Gaza zu organisieren. Nahrung können sich nur die Wohlhabenden leisten: "Es gibt derzeit kein funktionierendes Bankensystem. Manche Händler akzeptieren Zahlungen über Bank-Apps, doch meist sind wir auf Bargeld angewiesen - und dafür braucht es Strukturen, die sehr hohe Gebühren verlangen, teils mit mafiösen Zügen. In der schlimmsten Phase lagen diese Abzüge bei über 50 Prozent, inzwischen bei knapp 30 Prozent. Das bedeutet: Von 1.000 Euro Spendengeldern kommen oft nicht einmal 700 Euro direkt bei den Menschen an. So schwer es fällt: Im Krieg bleibt uns leider kein anderer Weg. ... Die Preise sind wirklich sehr hoch. Eine Lebensmittelausgabe - bestehend aus Reis und Kartoffeln - kostet derzeit etwa 1.600 Euro für knapp 160 Portionen. Eine Einkaufstasche mit Grundnahrungsmitteln für zwei bis drei Tage kostet etwa 52 Euro. Für Wasser haben wir in der schlimmsten Zeit etwa 500 Euro für 4.500 Liter bezahlt. Jetzt sind es etwa 350. Und es ändert sich ständig, je nachdem, ob gerade Hilfslieferungen reinkommen und wie viele."
Und doch scheint es zu geschehen: "Israel und Hamas einigen sich auf erste Phase des US-Friedensplans", meldet Zeit online heute morgen. "Israel rechne damit, dass die ersten Geiseln am Samstag freikommen, teilte ein israelischer Regierungssprecher mit. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sprach von einem 'großen Tag für Israel'. Er werde am Donnerstag die Regierung einberufen, um das Abkommen genehmigen zu lassen. Der Hamas zufolge wurden auch mehr Hilfslieferungen für Gaza sowie die Entlassung von palästinensischen Gefangenen vereinbart."
Im Interview mit der Zeit denkt der Historiker und Nahostwissenschaftler Tom Khaled Würdemann darüber nach, wie angesichts der total verhärteten Fronten ein Frieden zwischen Israelis und Palästinensern aussehen könnte: "So banal es klingt: Ändern muss sich das Zusammenleben, hin zu Friedlichkeit. Alles muss diesem Prinzip untergeordnet werden, die Selbstbestimmung der Palästinenser ebenso wie die Integrität und Unverletzlichkeit eines jüdischen Staates. Kein Ziel, kein Widerstand, keine Sicherheitsmaßnahme darf legitim sein, wenn sie dieses Zusammenleben verhindert. Wer Befreiung predigt, indem er Israel zerstören will, ist kein Partner. Und wer Sicherheit fordert, indem er Palästinenser entrechtet oder vertreibt, ebenso wenig. Der Zweck heiligt hier keine Mittel." Das gelte auch für eine Einstaatenlösung: "Wer eine gleichberechtigte Einstaatenlösung beschwört, aber zugleich Gruppen toleriert, die wahllos Israelis ermorden, meint es nicht ernst. Wer also von propalästinensischer Seite eine Einstaatenlösung bevorzugt, sollte zunächst auch gegen die Hamas vorgehen. Wer wirklich Frieden will, muss im Zweifel auf den eigenen Sieg verzichten."
Jouanna Hassoun von der Hilfsorganisation Transaidency erzählt im Interview mit der taz, wie schwierig es derzeit ist, Lebensmittel für die Ärmsten in Gaza zu organisieren. Nahrung können sich nur die Wohlhabenden leisten: "Es gibt derzeit kein funktionierendes Bankensystem. Manche Händler akzeptieren Zahlungen über Bank-Apps, doch meist sind wir auf Bargeld angewiesen - und dafür braucht es Strukturen, die sehr hohe Gebühren verlangen, teils mit mafiösen Zügen. In der schlimmsten Phase lagen diese Abzüge bei über 50 Prozent, inzwischen bei knapp 30 Prozent. Das bedeutet: Von 1.000 Euro Spendengeldern kommen oft nicht einmal 700 Euro direkt bei den Menschen an. So schwer es fällt: Im Krieg bleibt uns leider kein anderer Weg. ... Die Preise sind wirklich sehr hoch. Eine Lebensmittelausgabe - bestehend aus Reis und Kartoffeln - kostet derzeit etwa 1.600 Euro für knapp 160 Portionen. Eine Einkaufstasche mit Grundnahrungsmitteln für zwei bis drei Tage kostet etwa 52 Euro. Für Wasser haben wir in der schlimmsten Zeit etwa 500 Euro für 4.500 Liter bezahlt. Jetzt sind es etwa 350. Und es ändert sich ständig, je nachdem, ob gerade Hilfslieferungen reinkommen und wie viele."
Europa
Der Anschlag auf eine Synagoge in Manchester, der zwei Menschen das Leben kostete, wurde in deutschen Medien fast nur als Tickermeldung abgehandelt. Jochen Bittner erzählt jetzt in der Zeit, wie stark der Antisemitismus inzwischen in Britannien verankert ist: "Fakt ist, was in Manchester geschah, war nur der schlimmste Angriff in einer beispiellosen Welle von Antisemitismus, die seit dem 7. Oktober 2023 über die Insel rollt. Der Community Security Trust, ein Sicherheitsdienst, der Synagogen, Gemeindezentren und jüdische Kultureinrichtungen in ganz Großbritannien bewacht, registrierte im Jahr 2023 insgesamt 4.296 antisemitische Vorfälle, 2024 immerhin 3.528, mehr als 200 davon körperliche Angriffe. Es sind die höchsten jemals im Land dokumentierten Zahlen - und mehr als eine Verdopplung im Vergleich zu 2022. ... Die Opfer von Manchester waren noch nicht begraben, als vor dem Regierungssitz in der Downing Street Demonstranten 'Globalize the Intifada!' riefen und Polizisten angriffen. Intifada, das arabische Wort für 'Erhebung', bezeichnet palästinensische Gewaltkampagnen. Allein bei der letzten Intifada in den Jahren 2000 bis 2005 wurden mehr als 1.000 Israelis getötet, unter anderem durch Selbstmordattentate auf Busse. Das Drohwort ist nun sogar in Manchester zu hören".
Es muss endlich eine ehrliche Abrechnung mit Angela Merkels Ostpolitik geben, fordert Clemens Wergin in der Welt. Noch immer wird ihre Ostpolitik und ihr zahmer Umgang mit Wladimir Putin verklärt. "Merkel hatte über viele Jahre hinweg die unangefochtene Führungsrolle in der EU inne. Und dass Europa Russland weder für den Krieg von 2008 noch für den von 2014 einen nennenswerten Preis abverlangte, liegt deshalb mit in Merkels Verantwortung. Statt Moskau abzuschrecken, versuchte Deutschland nach jedem russischen Angriffskrieg, so schnell wie möglich zu business as usual zurückzukehren, um die eigenen Wirtschaftsinteressen nicht zu gefährden. Moskau musste also nicht einmal politische oder ökonomische Folgen fürchten. Putin nahm das als Einladung, die Ukraine 2022 erneut zu überfallen, weil er glaubte, auch diesmal ungeschoren davonkommen zu können - eine direkte Folge der Merkelschen Beschwichtigungspolitik in den Jahren zuvor.
Es muss endlich eine ehrliche Abrechnung mit Angela Merkels Ostpolitik geben, fordert Clemens Wergin in der Welt. Noch immer wird ihre Ostpolitik und ihr zahmer Umgang mit Wladimir Putin verklärt. "Merkel hatte über viele Jahre hinweg die unangefochtene Führungsrolle in der EU inne. Und dass Europa Russland weder für den Krieg von 2008 noch für den von 2014 einen nennenswerten Preis abverlangte, liegt deshalb mit in Merkels Verantwortung. Statt Moskau abzuschrecken, versuchte Deutschland nach jedem russischen Angriffskrieg, so schnell wie möglich zu business as usual zurückzukehren, um die eigenen Wirtschaftsinteressen nicht zu gefährden. Moskau musste also nicht einmal politische oder ökonomische Folgen fürchten. Putin nahm das als Einladung, die Ukraine 2022 erneut zu überfallen, weil er glaubte, auch diesmal ungeschoren davonkommen zu können - eine direkte Folge der Merkelschen Beschwichtigungspolitik in den Jahren zuvor.
Gesellschaft
In der SZ geht der amerikanische Kulturkritiker Thomas Chatterton Williams auf den Fall des konservativen US-Aktivisten Christopher Rufo ein, der zuerst postulierte, niemand darf wegen Posts aus seiner fernen Vergangenheit "gecancelt" werden und jetzt genau das mit der afroamerikanischen New-Yorker-Journalistin Doreen St. Félix getan hat und alte Twitterposts von St. Félix ausgegraben, die in den zehner Jahren tatsächlich eine Menge "rassistischen Unsinn" gepostet hat, so Chatterton und zitiert: "'Offen gestanden erfüllt mich Weißsein mit viel Hass' ... Und: 'Natürlich baden weiße Menschen nicht. Das liegt ihnen im Blut. Ihre mangelnde Hygiene hat buchstäblich Beulenpest, Läuse, Syphilis usw. ausgelöst.' Und vor allem: 'Der Holocaust ist das Schlimmste, das den Schwarzen je passiert ist.'" Dass Rufo jetzt die Techniken linker Cancel Culture übernommen hat, macht für Chatterton dessen frühere Sorge um Meinungsfreiheit allerdings zu reiner Heuchelei: "St. Félix mag zwar ihren Job nicht verloren haben, aber ihr Image wurde durch die Welle negativer Berichterstattung zumindest stark beschädigt" und sie "ein mahnendes Exempel für alle, die dachten, antiweiße Tiraden würden folgenlos bleiben".
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