9punkt - Die Debattenrundschau

Keine rückblickenden Wunschvorstellungen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.12.2025. Der amerikanische Angriff auf ein Hafengebiet in Venezuela ist reinster Imperialismus, kritisiert der Historiker Alan McPherson bei Zeit-Online. In der taz wünscht sich der Politikwissenschaftler Vladimir Tismăneanu mehr historische Bildung über den Faschismus bei Präsident Nicușor Dan. Die SZ betrachtet das urbane Idyll, das die Russen in Mariupol zu schaffen versuchen, nachdem sie die Stadt zerstört haben. Die FAZ fragt sich, warum Donald Trump 2025 die Fehler der Deutschen gegenüber Russland wiederholt. Außerdem überlegt sie mit der kanadische Philosophin Kimberley Brownlee, ob Männer für ihre Gebärbehinderung entschädigt werden sollten. Und: Wir wünschen allen Lesern und Tauchern einen guten Rutsch ins neue Jahr!
Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.12.2025 finden Sie hier

Politik

Die USA haben ein Hafengebiet in Venezuela attackiert. Der US-Regierung gehe es dabei keineswegs um den Kampf gegen Drogen oder um Sanktionen gegen Öltanker, sondern darum, dass Venezuelas Präsident Nicolás Maduro die Macht abgibt, sagt im Zeit-Online-Gespräch der amerikanische Historiker Alan McPherson, der auch erklärt, wie Trump die Kriegserklärung umgeht: "Es ist heute viel leichter, ein Land zu schikanieren, ohne offiziell den Krieg zu erklären. Durch Drohnen- und Cyberangriffe kommt man sogar komplett ohne die Entsendung von Truppen aus. China, Russland, Iran - sie alle nutzen diese alternativen Formen der Kriegsführung. Aber in Venezuela wird noch etwas anderes deutlich: die Rückkehr von Einflusssphären. Das Trump-Lager akzeptiert wohl, dass die Chinesen Ostasien kontrollieren werden und die Russen Zentralasien und die Ukraine. Die USA wollen deshalb Lateinamerika, ganz im Stile des 19. Jahrhunderts. In der neuen nationalen Sicherheitsstrategie spricht die Trump-Regierung von einer dortigen 'Vormachtstellung' der USA. Das ist unverhüllter Imperialismus."

Der Angriff ist eine "Ungeheuerlichkeit", aber er entspringt alter amerikanischer Tradition, meint Reymer Klüver in der SZ mit Blick etwa auf die "Monroe-Doktrin aus dem Jahre 1823, mit der sich die USA europäische Eingriffe in Lateinamerika verbaten und sich selbst zur Vormacht des Kontinents ernannten": "Der Unterschied ist das breitbeinige Auftreten dieser Administration. Frühere US-Regierungen akzeptierten zumindest rhetorisch das Primat des Rechts in zwischenstaatlichen Beziehungen, selbst die Bush-Regierung tat es. Trump aber praktiziert das Recht des Stärkeren, ganz unverhohlen." Kein Wunder, dass er sich so gut mit Putin versteht.
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Europa

Der rumänisch-amerikanische Politikwissenschaftler Vladimir Tismăneanu kann im Interview mit der taz absolut nicht verstehen, warum der rumänische Präsident Nicușor Dan das Anti-Extremismus-Gesetz zurückgewiesen hat (mehr hier und hier). Das zeigt ihm, wie wenig sich Rumänien noch mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat: Anders als der Präsidentschaftskandidat George Simion sei Dan kein Faschist, doch es mangele ihm an historischer Bildung: "Nicușor Dan stammt aus Făgăraș im Kreis Brașov, einer Gegend, in der antikommunistische Partisanen in den frühen 1950er Jahren einen erbitterten Guerillakampf führten. Einige, wenn auch keineswegs alle dieser Kämpfer, waren zuvor Mitglieder der Jugendorganisation der Eisernen Garde (der 'Kreuzbruderschaften') gewesen. Die lokale Folklore hat die Geschichte dieser Partisanen romantisiert. In diesem Umfeld lernte Dan die politische Tradition des Widerstands kennen, allerdings in einer idealisierten Fassung, die er für die historische Wahrheit hält. ... Für ihn erscheinen diese Akteure als Freiheitskämpfer, weshalb er sich schwertut, juristische Verurteilungen ihres Hintergrunds und ihrer Ideologie vorbehaltlos zu unterstützen."

Laut einer Recherche der AFP wurden beim russischen Angriff auf das Theater in Mariupol 600 Menschen getötet - nun ist es kurz vor Jahresende unter Leitung des Besatzer wiedereröffnet worden, berichtet Sonja Zekri in der SZ. Gegeben wurde der sowjetische Märchenklassiker "Die feuerrote Blume", im Publikum applaudierten russlandtreue Apparatschiks aus dem Donbass. Nirgends demonstrierte Putin seine Grausamkeit mehr als in Mariupol, so Zekri: "Das russischsprachige Portal Vot Tak, auf Deutsch auf der Seite Dekoder, hatte bereits vor einem Jahr berichtet, dass sich die russischen Behörden um Touristen fürs Beachen am Asowschen Meer bemühen. Am Strand seien zweieinhalb Kilometer Promenade mit Schaukeln und Sonnensegeln entstanden. Im Zentrum Mariupols finde man Taxis für Fahrten auf die Krim und Anzeigenzettel für Wehrdienstverträge." Nachdem sich die ukrainischen Verteidiger des Asow-Stahlwerkes ergeben hatten, "hat Russland ein Vermögen investiert - und Wohnraum konfisziert -, um aus den Ruinen ein urbanes Idyll zu schaffen. All diese Anstrengungen kulminieren nun in der glanzvollen Wiedereröffnung des Theaters. Man sieht die Bilder von goldenen Lüstern und Marmorsäulen und Künstler-Selfies und muss an frühere russische Propagandakonzerte denken, im syrischen Palmyra beispielsweise oder im georgischen Zchinwali."

Im Interview mit der taz zeigt der ukrainische Priester Serhiy Dmytriyev, der selbst zur Orthodoxen Kirche der Ukraine gehört, null Sympathie für die Russisch-Orthodoxe Kirche ( für ihn eine "radikale religiöse Organisation, ähnlich der Hisbollah") oder die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche unter Moskauer Patriarchat, auch wenn sich diese von Moskau losgesagt hat: "Lächerlich. Wir sehen die russischen Pässe der Bischöfe, wir sehen, was in den russisch besetzten Gebieten geschieht, was ihre Priester dort tun. Sie sind absolute Propagandisten der russischen Welt. Wenn wir ein autoritäres Regime wären, wären sie innerhalb von 72 Stunden nicht mehr hier. Wir sind jedoch ein demokratisches Land und versuchen, uns an das Gesetz zu halten. Nennen Sie mir nur eine einzige ukrainische Kirche in den russisch besetzten Gebieten, die die Russen angeblich befreien wollen. Sie werden keine einzige finden, dafür aber festgenommene Priester und geschlossene Kirchen."

Donald Trumps Außenpolitik unterscheidet sich gar nicht sooo sehr von der seiner Vorgänger, findet in der FAZ Nikolas Busse. Und dass er die Europäer mit sehr viel mehr Druck auffordert, sich stärker an ihren Verteidigungskosten zu beteiligen, geht für Busse auch in Ordnung. "Das wahre Problem ist, dass Trump in Europa heute eine Politik betreibt, die er in seiner ersten Amtszeit (zu Recht) selbst kritisiert hat. Wie die deutsche Politik vor 2022 glaubt er nun offenbar, dass sich Stabilität durch wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland herstellen lässt. Das wird unter Putin eine Illusion bleiben, denn der will eine grundlegende Revision der europäischen Ordnung, vor allem im Osten. Hier könnte sich noch ein großer Dissens in der Allianz auftun, sollte es wirklich zu einem Friedensschluss in der Ukraine kommen: Europa wird sich schwertun, Russland einzudämmen, wenn Amerika das Land zur gleichen Zeit wieder stärkt."
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Gesellschaft

Milena Feldmann telefoniert zum seinem hundertsten Geburtstag mit dem Auschwitzüberlebenden und immer noch sehr kämpferischen Leon Weintraub: "Weintraub, das wird auch im Gespräch immer wieder deutlich, beschränkt sich nicht darauf, sein Überleben als eine Geschichte vergangenen Leids zu erzählen. Er will Menschen im Hier und Jetzt aufrütteln. Im Februar 2025 wandte er sich in einem offenen Brief an Friedrich Merz und appellierte an ihn, sein 'menschenfeindliches Zustrombegrenzungsgesetz' nicht weiter zu verfolgen. 'Die Folgen Ihrer derzeitigen Politik führen […] zu einer Fremdenfeindlichkeit und Polarisierung in der Gesellschaft', schrieb der Neunundneunzigjährige damals, 'die wir Überlebenden des Holocausts so bitter am eigenen Leibe erfahren mussten.'"

Einer Fema-Studie zufolge hat sich die Zahl der Prepper in den USA seit 2017 von zehn auf zwanzig Millionen Amerikaner verdoppelt, weiß Xifan Yang im Zeit-Magazin. Und längst sind es nicht mehr nur Rechte, mindestens 15 Prozent der Prepper in den USA sind links, schätzt der Soziologe Michael Mills. Dabei handelt es sich nicht um Verschwörungstheoretiker, ihre Angst resultiert daraus, dass die Trump-Administration Mittel für Katastrophen- und Seuchenschutz streicht und die Infrastruktur in den USA dahinrottet, erklärt Yang. Viele Firmen verdienen jedenfalls gut daran: "Supermarktketten haben Notfallnahrung im Angebot, das für Wochen reicht und jahrzehntelang haltbar ist. Der Verkauf von Fertigbunkern boomt. Unternehmen wie Fortitude Ranch bieten Mitgliedschaften an für militärisch bewachte Festungen mit kugelsicheren Mauern und unterirdischen Wohnungen. Kunden zahlen bis zu 60.000 Dollar Beitrittsgebühr, um dort Plätze für den SHTF-Fall zu reservieren, inklusive Essensvorräte für ein Jahr. Gefragt sind auch Unternehmen, die Autos mit gepanzerten Fenstern und Türen ausstatten."
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Stichwörter: Prepper, USA, Weintraub, Leon

Wissenschaft

Lorenz Jäger rauft sich in der Welt die Haare, wenn er liest, was vor allem an anglophonen Universitäten heute aus der Kritischen Theorie entstanden ist: "'Critical Age Studies', 'Critical Youth Studies', 'Critical Management Studies', 'Critical Midwifery Studies' (Hebammenstudien), 'Critical Physics' ('an invitation to rethink how the advances of modern science intertwine with (…) hierarchical and exclusionary practices'), eine 'Critical Philosophy of Mathematics', 'Critical University Studies', 'Critical Data Studies', 'Critical Animal Studies', 'Critical Criminology', 'Critical Environmental Justice', 'Critical Historiography', 'Critical Legal Studies', 'Critical Pedagogy', 'Critical Terrorism Studies'." Am besten gefallen ihm die "Critical South Asian Death Studies", die die Uni Münster anbietet.

Die FAZ hätte auf ihren Wissenschaftsseiten so etwas wie eine Critical Pregnancy Theorie anzubieten: Die kanadische Philosophin Kimberley Brownlee hielt in Oxford die Uehiro Lectures - drei Vorlesungen, die sich den "Reproductive Rights" widmen und der Frage, ob Männer dafür entschädigt werden sollten, dass sie nicht schwanger werden können, berichten Jonas Hertel und Coraly von Welser. Sie wertet das als Behinderung: "Ihre Vorschläge zielen allein darauf ab, den Benachteiligten eine Form von Elternschaft zu ermöglichen. Arbeitgeber könnten Gebärbehinderten - also zumeist Männern - zusätzliche Freizeit einräumen, um Fortpflanzungsprojekte zu verfolgen. Der Staat könnte die Rechte von Eltern beschränken, damit an der Fürsorge für ihr Kind viele andere Erwachsene mitwirken dürfen. So könnten Gebärbehinderte sinnstiftend in die Kindererziehung einbezogen werden. Die Kompensation hat laut Brownlee allerdings Grenzen. Frauen dürfen nicht gezwungen werden, Kinder auszutragen."
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