9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

April 2026

Wie eine disziplinarische Maßnahme

30.04.2026. Wenn Peter Magyar in Ungarn Erfolg haben will, darf er nicht an Orbans Methoden anknüpfen, mahnt der Politologe Zoltan Adam in der NZZ. Der Berliner Finanzsenator Stefan Evers ist jetzt auch der Berliner Kultursenator. Der Berliner Kultur und dem Tagesspiegel macht diese Meldung eher Sorge. Die taz und Le Grand Contintent fragen, wer das Terrornetzwerk "Hayi" ist. Mali ist auch das Desaster des Postkolonialismus, konstatiert Laurent Joffrin in librejournal.fr.

Wird schocken!

29.04.2026. In der SZ schaut Claudius Seidl auf die Katastrophe der Berliner Kulturpolitik. Carl Schmitt war zwar nicht der "Katechon", aber die Verschwörer des 20. Juli mochten ihn auch so nicht besonders, muss die Zeit feststellen. Dort wird auch über ein "Gruppenexperiment" Adornos berichtet, das er lieber nicht veröffentlichte. Die SZ recherchiert zum Leiter einer Deutsch-Arabischen Schule in Berlin, der einen Anschlag gegen sich erfunden haben soll. Die taz vermisst die Action einstiger 1. Mai-Demos in Berlin.

Diskursives Dagegenhalten

28.04.2026. Die SZ lässt sich von Christoph Möllers erklären, warum Antisemitismus unter Kunstfreiheit fällt. Im Ukrainekrieg erkennen inzwischen selbst russische Propagandisten den Widerspruch zwischen militärischen Zielen und der militärischen Wirklichkeit, erzählt der Schriftsteller Christoph Brumme in der NZZ. In der taz beklagt der Blogger und Aktivist Emran Feroz eine "Islamophobie-Industrie" in Deutschland. Und die SZ stellt den Zuckbot vor.

Ohne unmittelbares menschliches Zutun

27.04.2026. In der NZZ fordert der Historiker Jan Grabowski einen offenen Blick auf den Holocaust - auch die Komplizen in den besetzten Ländern müssen in der Geschichtsschreibung vorkommen, fordert er. In Frankfurt wird ein Habermas-Kongress vorbereitet, und so gut wie alle Adepten fragen sich laut FAZBin ich es, der da reden soll? Die Welt beleuchtet das unheimliche, von Palantir in Aussicht gestellte Szenario eines von KI automatisierten Krieges. hpd.de beleuchtet den religiösen Aspekt am Trumpismus: Die Trennung von Staat und Religion erodiert.

Engel, Sünde, Hölle und Teufel

25.04.2026. Die sich längst abzeichnende Katastrophe der Berliner Kulturpolitik ist nun ein- und die Berliner Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson zurückgetreten - FAZ und Tagesspiegel resümieren das Trauerspiel. Auf Twitter findet Reza Pahlavi eine deutliche Antwort auf das schändliche Verhalten deutscher Journalisten. Der Tagesspiegel fragt, warum die Schöpflin-Stiftung ihre Aufgabe darin sieht, scharf israelfeindliche Veranstaltungen in Berlin zu finanzieren. Die NZZ erklärt, warum der intensive Katholizismus des Vincent Bolloré den Rechtspopulismus in Frankreich noch gefährlicher macht. 

Der Anschein, es ginge vorrangig um Machterhalt

24.04.2026. Der iranische Oppositionsführer Reza Pahlavi ist in Berlin aufgetreten und erntet den Hohn der taz. In der SZ spricht Virginie Despentes über die polarisierte Stimmung in Frankreich nach der Affäre um den Verlag Grasset. Die FR erinnert an den Genozid an den Armeniern, der von den Türken bis heute nicht als solcher anerkannt wird. In Rheinland-Pfalz will man die Landesverfassung ändern, um die politische Partizipation der stark gewordenen AfD zu begrenzen - der Rechtsprofessor Hinnerk Wißmann sieht das in der FAZ sehr kritisch. 

Aufstand der Geister und des Geistes

23.04.2026. Die AfD ist erstmals stärkste politische Kraft in Deutschland, meldet das ZDF-Politbarometer: Selbst Schwarz-Rot hätte heute keine parlamentarische Mehrheit mehr. Vor vierzig Jahren explodierte ein Reaktor im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl: Die nukleare Katastrophe ist ein Krieg, erinnert sich die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in der Zeit. In Le Point beschreibt der Strahlungsforscher Jim T. Smith die paradoxen Folgen der Katastrophe. In der Welt erklärt der Sinologe Frank Dikötter, warum es in China keinen Kapitalismus gibt. In der FR untersucht Claus Leggewie das Verhältnis der Deutschen zum Wal.

Staatlich geförderte Verunsicherung

22.04.2026. Kaum ist Habermas tot, entbrennt Streit unter seinen Adepten: War er denn adornitisch genug? Stefan Müller-Doohm verwahrt sich in der FAZ gegen Gerhard Schweppenhäuser. Zeit online verteidigt das "Demokratie leben"-Programm gegen eine eventuelle Neuausrichtung durch die CDU-Ministerin Karin Prien. Auch Journalisten schönen ihre Memoiren, besonders, wenn sie mal Nazis waren, lernt die FAZ bei Medienhistoriker Siegfried Weischenberg. Ein Vergleich der heutigen Situation mit der Weimarer Republik führt nicht sehr weit, meint der Historiker Jörn Leonhard in der NZZ.

Sie stellt die schwierigsten Fragen

21.04.2026. Die Wahlen in Bulgarien hat der Moskau-freundliche Rumen Radew gewonnen: Ein neuer Orban ist er aber nicht, glauben Tagesspiegel, FAZ und taz. In der NZZ erklärt der ukrainische Schriftsteller Andri Ljubka, warum er jetzt doch in den Krieg zieht. Politico erzählt, wo Donald Trump Wahlkampfhelfer für ausländische Staatschefs spielte. In der SZ erklärt der Kölner Theaterintendant Kay Voges, warum er keine linke Blase bedient, wenn er mit EU-Fördergeldern die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen von Rechtsextremen auf die Bühne bringt. Die taz fragt sich, ob es wirklich hilfreich ist, analoge und digitale Gewalt gleichzusetzen.

Harte und weiche Waren

20.04.2026. Für die Ungarn war 2026 wichtiger als 1989, sagt Paul Lendvai im Gespräch mit Zeit online. Eine Linke, die nicht liberal ist, ist keine, sagt Nicholas Potter im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Nach dem Eklat um das Verlagshaus Grasset wird der Kulturkampf in Frankreich mit härtesten Bandagen ausgefochten - Vincent Bolloré nutzt dafür die Medien, die er besitzt. Zeit online staunt: Pete Hegseth scheint zu glauben, dass die Bibel von Quentin Tarantino geschrieben wurde.

Warnsignale aus der Geschichte

18.04.2026. Putin geht es um die totale Kontrolle über die Erinnerung, hält die Historikerin und Memorial-Gründerin Irina Scherbakowa im FAS-Interview fest. Der bulgarische Schriftsteller Dimitré Dinev erinnert im SZ-Gespräch an das Straflager auf der Insel Belene, dessen Geschichte erst seit Kurzem aufgearbeitet wird. Die aktuelle geopolitische Situation lässt sich am besten mit der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg vergleichen, legt der Historiker Odd Arne Westad im FAZ-Interview dar. SZ und FAS blicken auf den Streit des amerikanischen Präsidenten mit dem "Anti-Trump" Papst Leo XIV.

Sudanesische Straflosigkeit

17.04.2026. Im Senegal wurde vor einigen Wochen ein drastisches Gesetz gegen Homosexualität verabschiedet - die Folgen machen sich jetzt bemerkbar, berichtet Le Monde Afrique. Schön dass es eine Sudan-Konferenz gab, bemerkt die SZ, nur wäre es nicht auch an der Zeit, politisch etwas gegen den Krieg dort zu unternehmen? Die Russen haben bekanntlich eine unmenschliche Geduld mit Wladimir Putin, aber dass er jetzt immer häufiger das Internet abschaltet fällt laut Tagesspiegel und NZZ selbst ihnen unangenehm auf.  Der Protest gegen die Gleichschaltung des Pariser Verlags Grasset hat eine neue Qualität, konstatiert Le Monde.

Theatralik und nebliger Bombast

16.04.2026. In der SZ denkt Andreas Rödder darüber nach, wie sich bürgerliche Politik gegen links und rechts durchsetzen könnte. Das wird nicht einfach, denn unsere Hirne tendieren eher nach rechts, erklärt in der Zeit die Neurophilosophin Liya Yu. Ebenfalls in der Zeit können Peter Nadas und der Historiker Krisztián Ungváry es kaum fassen, dass der Machtwechsel in Ungarn ohne Gewalt gelingt. lto.de, Welt und FAZ kommentieren das Urteil des Landgerichts Berlin über den Correctiv-Artikel zur Potsdamer Tagung der AfD 2024, dessen zentrale Aussage, man habe dort einen Masterplan zur Remigration von Flüchtlingen entwickelt, laut Gericht "im wesentlichen unwahr" ist. Und Aufruhr in der französischen Verlagsszene: Ist schon wieder Boualem Sansal schuld?

Im neuen Wind

15.04.2026. Ungarn bewegt die Zeitungen nach wie vor: Mit Freude, aber auch Sorge blickt György Dalos in der NZZ auf die Herausforderungen, vor denen Peter Magyar steht - wie wird er das Verhältnis zur EU und Russland gestalten? FAZ und SZ werfen einen Blick auf die nun verwaisten orbanistischen Medien in Ungarn. Die FAZ staunt über eine postkoloniale Handreichung des Deutschen Museumsbundes. Die Golfstaaten werden sich nach dem Iran-Krieg politisch neu orientieren, prophezeit der Politologe Kamran Matin in Zeit online.

Ein Land der Hoffnung

14.04.2026. Die Zeitungen feiern das ungarische Wahlergebnis als Sensation - aber sie mahnen auch. 16 Jahre unauslöschliche Zerstörung in den Seelen müssen Peter Magyar, seine Regierung und die Ungarn selbst jetzt heilen, schreibt der ungarische Schriftsteller Gabor Schein in der SZ. Wird die Central European University nach Budapest zurückkehren, fragt Wilhelm Droste in der FAZ. golem.de und heise.de sind begeistert von Frankreich: Dort hat die Regierung einen Masterplan, um den Staat von den amerikanischen Software-Plattformen zu befreien. Religionsfreiheit ist die Freiheit, Religion zu kritisieren, betont Michael Roth in der Welt.

Das "echte" Volk wird seiner Herrscher überdrüssig

13.04.2026. Der Wahlsieg Peter Magyars gibt ganz Europa Hoffnung, freuen sich die ersten Kommentatoren in den Zeitungen. Er zeigt, dass die MAGA-Bewegung nichts Unaufhaltsames hat, so Anne Applebaum in Atlantic. "Illiberale" Demokratie führt in Korruption, für die sich das Wahlvolk am Ende rächt, so Yascha Mounk in seinem Blog. Nun kommt es auf eine "Mischung aus energischem Wandel und kluger Dosierung" an, mahnt der Tagesspiegel. Die SZ druckt Hape Kerkelings Buchenwald-Rede. Aktualisierung: Magyar siegt mit Zweidrittelmehrheit.

Die gefährlichste Zeit

11.04.2026. Die Hälfte hungert, zwei Drittel sind auf Nothilfe angewiesen: Der Sudan ist Schauplatz des schlimmsten Konflikts der Gegenwart und gibt immer mal wieder Anlass zu Konferenzen, die laut taz nur etwas Ritualisiertes haben. Alice Schwarzer wundert sich auf emma.de doch sehr über die Queerbeauftrage der Bundesregierung, die Schwarzer mal eben in einem offiziellen Post "dem rechten Spektrum" zuordnet. Die Gefahr eines Weltkriegs ist heute größer als zu Zeiten des Kalten Kriegs, warnt der Historiker Odd Arne Westad in der FR. Ist die liberale Demokratie noch zu retten, fragt die taz einige Protagonisten des Diskurses. Nein, antworten die meisten. 

Ermutigt durch das Überleben

10.04.2026. Bangigkeit vor den ungarischen Wahlen: In der taz schildert der Journalist Akos Toth, wie Orban die Presse gleichschaltete. In der SZ fragt Lacy Kornitzer, ob die Veränderungen der Orban-Jahre überhaupt noch rückgängig zu machen sind. Und in Zeit online befürchtet Garri Kasparow, dass Orban die Wahl verlieren und dann - mit freundlicher Unterstützung der USA und Russlands - mit Gewalt weiterregieren wird. Die Times of Israel zieht eine bittere Zwischenbilanz des amerikanisch-israelischen Angriffs  auf Iran und seiner Folgen.

Wie Schlachtvieh

09.04.2026. Donald Trump hat mit seinen Drohungen gegen den Iran jede Grenze überschritten, meint die SZ unter Berufung auf den Historiker Timothy Snyder. Auch innenpolitisch scheint ihm der Krieg geschadet zu haben: MAGA liegt im Sterben, zitiert die FAZ die New York Times. In der taz erzählt der Rapper Behrad Ali Konari von dem Psychoterror, dem er in iranischen Gefängnissen ausgeliefert war. Die Zeit erinnert an das "größte Kriegsverbrechen der Gegenwart": die Abschlachtung der Bewohner der sudanesischen Stadt Al-Faschir. Ebenfalls in der Zeit ermuntert Aleida Assmann die Leser, eine neue Suchmaschine für die NSDAP-Mitglieder-Kartei zu nutzen, um die eigene Familiengeschichte in der NS-Zeit zu erkunden.

Von einer zivilen zu einer sultanistischen Oligarchie

08.04.2026. Im Irankrieg scheint es ein Waffenstillstandsabkommen zu geben - das behauptet jedenfalls Donald Trump, berichtet Zeit online. Wie dieser Krieg jetzt auch ausgeht, Trumps sprachliche Eskalation hat den Genozid quasi salonfähig gemacht, fürchtet die taz. In der SZ beschreibt der ukrainische Schriftsteller Jurko Prochasko, wie Russland versucht, die Ukrainer jenseits der Frontlinie zu zermürben. Bei Zeit online erklärt der Historiker Jeremy Varon, warum die Trump-Regierung die Kritische Theorie gern als Schreckgespenst zeichnet, damit aber leider auch manchmal recht hat.

Tragende Stützen des Systems

07.04.2026. Die Täter kamen in Deutschland aus der Mitte der Bevölkerung, sagt Götz Aly in der SZ - aber macht die Ausstellung "Wieviel wussten die Deutschen" in der "Topographie des Terrors" diesen Aspekt wirklich deutlich? Ebenfalls in der SZ spricht der Autor Arnd Henze über die gefährliche Ideologie des "Christlichen Nationalismus" in den USA. In der FAZ warnt der Ethiker Rainer Mühlhoff vor der Ideologie des Silicon Valley. In der taz erklärt der Kriminologe Klaus von Lampe, was es mit den vielen Schießereien in Berlin auf sich hat.

Ins Viktimistische gekippt

04.04.2026. Um Trump zu bekämpfen, sollten sich die Amerikaner mit der Geschichte ihrer Verfassung auseinandersetzen, ruft die Historikerin Jill Lepore im FAS-Interview. Peter Sloterdijk sieht in der MAGA-Bewegung den Ausdruck eines "kontrafaktischen Minderwertigkeitsgefühls", wie er im SZ-Gespräch erklärt. Der taz wird in einer Ausstellung in Berlin mit VR-Brille das Grauen des syrischen Foltergefängnisses Sednaya vor Augen geführt. In der SZ versichert die Politikwissenschaftlerin Florence Gaub: Früher war es auch nicht besser! 

Das schleift ab

02.04.2026. Wer sind die Feinde der Demokratie, wer definiert sie, und wann wird man selbst dazu, fragen in der FAZ Elisa Hove, Frauke Rostalski und Philip Manow. Die AfD sollte ruhig Regierungserfahrung sammeln, meint in der NZZ Rüdiger Safranski, das habe auch die Grünen am Ende entradikalisiert. Auf Zeit online fürchtet der Historiker Moshe Zimmermann einen Backlash gegen Israel in den USA. In der SZ erklärt die  Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner, warum der Tatvorwurf "leichtfertige Vergewaltigung" eine Lücke im Sexualstrafrecht schließen würde.

Quelle von Instabilität

01.04.2026. Instabilität ist der neue Normalzustand, warnt der Ökonom Eswar Prasad bei Zeit Online. Kritik gibt's am neuen Gesetz zur Todesstrafe in Israel exklusiv für palästinensische Terroristen: Die taz hat von Israel eh nichts Besseres erwartet. Die Jüdische Allgemeine hofft, dass der oberste Gerichtshof das Gesetz kassieren wird. Die SZ lässt sich von Chat-GPT bestätigen, dass Open AI  gegen das Urheberrecht verstößt. In der FAZ warnt der Migrationsforscher Alexander Kustov, Forschungsergebnisse zur Migration schön zu reden: Damit spiele man den Rechtsextremen in die Hände.