9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mai 2026

Grundlegendes Realitätsverständnis

30.05.2026. In der Welt hält Francis Fukuyama am Ende der Geschichte fest. Das iranische Regime kann sich einen längeren Internet-Blackout nicht mehr leisten, berichtet die taz. Von Los Angeles aus unterstützt ein iranischer Tech-Unternehmer die Opposition mit geschmuggelten Starlink-Terminals, weiß derweil die NZZ. Die Welt überlegt, wie die nächsten Wahlen in Israel ausgehen könnten. Bei der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" soll in Zukunft "insbesondere" das Schicksal von deutschen Vertriebenen hervorgehoben werden, findet das Bundesinnenministerium - Zeit Online erklärt, warum das problematisch ist.  

Aus der Logik des Ortes heraus

29.05.2026. Die SZ fragt, nach den jüngsten Entwicklungen in der Türkei: "Wie Erdogan loswerden, wenn der keine demokratischen Mittel mehr zulässt?" Die taz fragt, warum die Stadt Hamburg bei der Aufarbeitung der NSU-Morde eine so blamable Rolle spielt. Auf Twitter attackiert die Exiliranerin Masih Alinedschad die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez, der es Spaß macht, sich mit Kopftuch zu zeigen. Nichts gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes, so die Welt, aber es kommt drauf an, wie.

Diese zauberhaften Zwischenwesen

28.05.2026. In der Zeit warnt der Militärforscher Frank Sauer vor einem Rüstungswettlauf mit autonomen Waffensystemen. KI ist nicht intelligent, sondern lernfähig, erklärt bei Zeit online die Soziologin Elena Esposito. Die SZ erkundet den Sweet Spot der Verlagsbranche. Die taz fragt sich, ob es noch lebende Anspruchssteller gegeben wird, wenn irgendwann ein Restitutionsgesetz verabschiedet wird. Das rechte Portal Nius mag rote Zahlen schreiben, politisch funktioniert es leider, bedauert die SZ. Die NZZ erklärt, warum Somaliland durch eine Mehrparteiendemokratie eher gefährdet als gefestigt wird.

Die Farben der Freiheit und des Rechts

27.05.2026. Recep Tayyip Erdogan schleift gerade die Reste der türkischen Demokratie - und kaum einen in Europa interessiert es, notieren Zeit und Augsburger Allgemeine. Ob uns ein neuer Faschismus droht, ist keine akademische, sondern eine existenzielle Frage, meinen in der FAZ die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey und widersprechen damit Jan-Philipp Reemtsma. Der Verband Deutscher Historiker und Historikerinnen warnt in einer scharfen Eklärung vor einem Umbau der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. In der FR setzt sich der Philosoph Etienne Balibar dafür ein, das Existenzrecht Israels leugnen zu dürfen.

Ich krieg den Knaben dran

26.05.2026. Die KI ist in allen Zeitungen, nicht nur wegen der Enzyklika des Papstes unter dem Titel "Magnifica Humanitas", sondern auch in theoretischen Überlegungen der Sozialtheoretikerin Anna-Verena Nosthoff, die es - wie der Papst - in der Zeit ablehnt, den Menschen als "Fleischcomputer" zu betrachten. Unterdessen verliert laut FAZ vor allem eine Kategorie Mensch durch KI ihre Jobs: Frauen. Die SZ druckt Güner Balcis Plädoyer für einen humanistischen Patriotismus.

Der neue Faschismus und so weiter

23.05.2026. In der taz erzählt die iranische Autorin Mina Khani, wie es sich anfühlt, noch im Exil von den iranischen Schergen bedroht zu werden. Auch die Drohungen gegen Josef Schuster und Volker Beck zeigen für die FAZ die Aktivitäten der Mullahs auf deutschem Boden. Was passiert, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt an die Regierung kommt, fragt die SZ. Die taz liest zur Beantwortung dieser Frage ein Buch des rechten Cheftheoretikers Benedikt Kaiser. In der FAS fordert Raphael Gross eine neue Vergangenheitsbewältigung.

Bewohnte Lärmschutzwand

22.05.2026. Die antiisraelische Obsession westlicher Öffentlichkeiten schadet vor allem diesen selbst, meint Bret Stephens in der New York Times. Was hat die FAZ da mit Thalia zu laufen und warum müssen die Buchverlage dafür 65.000 Euro bezahlen, fragt die SZ. Des Bedünkens der FAZ nach könnte der Duden obsolet sein. Und die Ruhrbarone träumen nach der "re:publica" von der Zukunft des Internets: "Bergdoktor" schauen auf einem öffentlich-rechtlichen Facebook.

Die Notwendigkeit zu wetten

21.05.2026. Italien hat seine faschistische Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet, das hat Folgen, warnt in der FAZ der Autor Antonio Scurati. In der taz fragt der estnische Sicherheitsexperte Marek Kohv die Westeuropäer: Wollt ihr mit hohen Gehältern und guten Renten in einen Dritten Weltkrieg ziehen oder mit einer exzellenten Armee? Die FAZ stellt einen Plan zur Randbebauung des Tempelhofer Feldes vor, der wie die buchstäblich eierlegende Wollmilchsau anmutet. 54books erklärt, warum die einen Autoren 160.000 Euro Vorschuss bekommen, die anderen nur 15.000.

Das Wirken des Antichristen

20.05.2026. Der Guardian ist enttäuscht, dass die Labour-Hoffnung Andy Burnham eine Rücknahme des Brexit nicht diskutieren will. In der FR meint Richard Sennett: Die Briten wissen, dass er ein historischer Irrtum war, können aber nicht mehr zurück. Die SZ warnt vor einer "Antisemitismus-Epidemie" in Britannien, zu der auch die Green Party gehört. Die SZ dokumentiert Dan Diners Rede zur Ausstellungseröffnung des Archivs Salamander. Die FAZ skizziert Ideen, wie Urheberansprüche gegenüber dem Text-Mining der KI durchgesetzt werden können.

Canal Bolloré

19.05.2026. In Frankreich geschieht etwas Unheimliches: eine Machtübernahme der extremen Rechten in der Kulturindustrie - wir zitieren Le Monde, die SZ und andere. Was ist, wenn das Mullah-Regime schon ganz schön zerpflückt ist, und keiner will es wahrhaben, fragt Bernard-Henri Lévy in Le PointSwetlana Alexijewitsch sieht Belarus und Russland im NZZ-Interview auf dem Weg in den Faschismus: " Das ist nicht nur Putins Wille. Das ist tief in den Völkern drin." Die FAZ fragt: Ist Faschismus der angemessene Begriff für die jüngsten Entwicklungen? In der NZZ verzweifelt Alice Schwarzer über die Tech-Bros, die eine Welt ohne Frauen schaffen.

Uns auf diese Weise zu verlieren

18.05.2026. "Und als all das vorbei war und diese Verbrecher immer noch nicht genug hatten, zerstörten sie den Frauen das Gesicht." Die Sunday Times resümiert nochmal den Bericht der "Civil Commission" zur sexuellen Gewalt am 7. Oktober. In der TU Berlin war Wasser im Keller und bedrohte die Elektrik. Hat wohl keiner gemerkt. Und die Herrentoiletten zwischen dem zweiten und dem achten Stock gingen auch nicht: Kein Wunder dass die TU jetzt geschlossen  ist, so die SZ. Und der Deutschen Bahn geht's auch nicht besonders, diagnostiziert Andreas Maier in der FAZ. Die Piusbrüder werden immer mehr, so die FAZ. Ob Exkommunikation hilft? 

Glorreiche Vergangenheit oder strahlende Zukunft

16.05.2026. Putin steht mit dem Rücken zur Wand - das macht ihn noch gefährlicher für Europa, warnt die Politikwissenschaftlerin Hanna Notte bei Zeit Online. Die Deutschen müssen ihre Idee von Frieden überdenken, fordert der Historiker Eckart Conze in der FAZ. Die ökonomische Lage in Deutschland ist bei Weitem nicht so schlecht, wie oft behauptet wird, erklärt der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff im FR-Gespräch. In der FAZ ärgert sich die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über marode deutsche Universitäten: Wenn der Staat "Orte des Wissens" verfallen lässt, ist das ein schlechtes Zeichen für die Demokratie. 

So erschreckend eifrig

15.05.2026. Der Antisemitismus der Moderne ist häufig als eine Art umgeleitete Selbstkritik zu lesen, erklärt Armin Nassehi in Zeit online. Michel Foucault hasste staatliche Fürsorge, ist er also überhaupt als links zu lesen, fragt die taz. Der israelische Staat wird die New York Times wegen Verleumdung verklagen, berichtet die Times of Israel. Will die AfD die Eugenik wieder gesellschaftsfähig machen, fragt die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog in der SZ.

In den Konflikt gehen

13.05.2026. Im Interview mit der FAZ schmeichelt sich Jordan Bardella vom französischen Rassemblement National an die Regierung Merz und distanziert sich von der AfD. Politico erkennt darin eine größere Strategie: Bardella träumt von einer Achse Rom-Berlin-Paris. In der FR glaubt der Politikwissenschaftler Johannes Varwick an ein Ende des Ukrainekriegs, wenn man Russland mehr nachgibt. In der Zeit warnt der Anwalt Wolfgang Kaleck davor, das Völkerrecht als Utopie abzuschreiben. Die NZZ blickt seit dem Krieg um die Straße von Hormus mit Sorge auf Singapur.

Verantwortung für das Handicap

12.05.2026. Zum ersten Mal soll der "Sudetendeutsche Tag" in Tschechien stattfinden - populistische tschechische Politiker finden das gar nicht gut, Jaroslav Rudiš verteidigt die sudetendeutsche Landsmannschaft in der FAZ. In der NZZ schildert der ehemalige mexikanische Botschafter in Kuba Ricardo Pascoe das Dilemma der Kubaner zwischen Drohungen von Trump und dem Castrismus. Das Existenzrecht von Staaten zu bestreiten, gehört in den  Schutzbereich der Meinungsfreiheit, meint die Völkerrechtlerin Isabel Feichtner in der FR.

Gläserne Hände

11.05.2026. Kläglich fiel Putins Militärparade auf dem Roten Platz zum 9. Mai aus, und das obwohl Wolodimir Selenski sie "aus humanitären Gründen" gestattet hatte, notiert die taz. Die Zeitungen arbeiten die britischen Kommunalwahlen auf - ein Triumph für Populisten und Separatisten. Christopher Clarks Börne-Preisrede liest sich als ein dringendes Plädoyer pro Börne, so FAZ und FR. Die FAZ druckt sie ab. Die taz beleuchtet die China-Liebe der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Und Holger Friedrich kann die Volksverpetzer nicht einschüchtern.

Ein Unheil geht zu Ende, ein anderes Unheil kommt

09.05.2026. In der NZZ macht sich der ägyptisch-amerikanische Essayist Hussein Aboubakr Mansour wenig Illusionen, dass im Iran durch den amerikanischen-israelischen Angriff Frieden herrschen wird: Vielleicht folgt ein Islamo-Techno-Autoritarismus, glaubt er. Zeit Online weiß: Zum heutigen 9. Mai wird es in Moskau nur ein "Parädchen" geben, Putin hat zu viel Angst vor einem Attentat. Die FAS bezweifelt, dass die ungarische Justiz Orban und seine Günstlinge zur Rechenschaft ziehen kann. Nicht den exzellenten, nur den mittelmäßigen Journalismus wird KI ersetzen, ermuntert der Medienwissenschaftler Stephan Weichert in der taz.

Nur die schärfsten Kanten

08.05.2026. Deutschland rüstet gewaltig auf. Wird es Europa diesmal guttun, fragt bang Timothy Garton Ash in der SZ. Lasst uns die AfD verbieten, fordert der ehemalige S. Fischer-Verleger Jörg Bong ebendort. Dschihadisten werden in Algerien amnestiert, wer ihre Verbrechen benennt, wird bestraft, während die Kolonialverbrechen der Franzosen per Gesetz als "unverjährbar" eingestuft werden - was ist das für eine Erinnerungspolitik, fragt Kamel Daoud in Le Point. In der Zeit warnt der Historiker Serhii Plokhy vor Konsequenzen aus dem Ukraine-Krieg: Wer seine Atomwaffen abgibt, wird angegriffen.

Die gute Seite der Geschichte

07.05.2026. Die Zeit erklärt, wie sich der EuGH mit einem Urteil selbst zum Über-Verfassungsgericht Europas erklärt hat, das künftig in alle Bereiche des nationalen Rechts eingreifen kann. In der NZZ sucht der amerikanische Schriftsteller Percival Everett vergeblich das Rückgrat der Republikaner. Die taz berichtet von einem Streit um die sowjetischen Ehrenmale in Berlin, über die in der Zeit auch die ukrainische Historikerin Yevheniia Moliar und ihr Kollege Jörg Baberowski diskutieren. Die FR fürchtet einen Backlash unter jungen Männern gegen Frauenrechte.

Kampfruf der Verteidigung der Vernunft

06.05.2026. Faschismus ist nur eine Vokabel, sie erklärt in unserer Gegenwart gar nichts, meint in der FAZ Jan-Philipp Reemtsma. In der NZZ stellt sich der Publizist Sigbert Gebert die Frage: Wann ist Gewalt legitim? taz und Politico berichten über den Sturz der konservativen Regierung in Rumänien durch ein Bündnis aus Sozialdemokraten und extremer Rechter. Nein, die Linke ist nicht schuld an der Auflösung des Wahrheitsbegriffs, ruft Robert Misik in der taz. Weniger NS-Geschichten in den Medien, dafür einen Lehrstuhl für Holocaustforschung wünscht sich in der FR der Historiker Ulrich Herbert.

Der Schmelztiegel war immer ein Mythos

05.05.2026. Die Vereinigten Staaten feiern in diesem Jahr ihren 250. Geburtstag. In der NZZ erklärt der Historiker Manfred Berg die demografischen und politischen Herausforderungen, vor denen das Land steht. Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger schildert zugleich in Zeit online den Hofstaat, mit dem sich Trump umgibt. Die taz fragt, warum es eigentlich nur in Hamburg nie einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum NSU gab und warum eine stattdessen eingesetzte "Forschungsgruppe" nicht vorankommt. 

Fördergelder für riesige Bierfeste in Burganlagen

04.05.2026. In Sachsen-Anhalt ist die AfD gefährlich nah an der Macht: Die FAZ warnt vor ihrer kommenden russophilen Bildungspolitik. In der SZ erklärt der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecky, warum die europäischen Rechtsextremisten Putin so lieben. Librejournal.fr analysiert die Dialektik des französischen "Antifaschismus" - er bringt die extreme Rechte an die Macht. Polen und Griechenland erinnern laut taz und FAZ die Deutschen an die Verheerungen ihres einstigen Rechtsextremismus. In der NZZ erklärt Kacem El Ghazzali , warum er kein Aushängeschild für Quotendiversität sein will.

Konkrete, öffentlich zugängliche Anhaltspunkte

02.05.2026. Die Russen haben inzwischen solche Angst vor ukrainischen Drohnen, dass sie lieber die Parade zum 9. Mai verkleinern, berichtet die FAZ. Steckt die AfD hinter dem Buchhandlungspreis-Chaos, fragt die SZ. Zum Antisemitismus empfiehlt die Vogue einen blauen Samtblazer sowie ein markantes Brillengestell. Die taz warnt vor der Kulturpolitik der AfD.  Und sie prognostiziert Keir Starmers Untergang.