Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Januar 2022

In Sachen Softness

17.01.2022. In der Berliner Zeitung rät Regisseur Armin Petras nicht auf Konventionen zu vertrauen, sondern den eigenen Charakter. Auf ein geteiltes Echo stößt Matthias Brandt mit seinem Solo-Abend "Mein Name sei Gantenbein". Der Freitag begrüßt die Renaissance des Campus-Romans. In der Welt bekennen Carlo Chatrian und Marietta Rissenbeek, dass ihr Berlinale-Konzept noch nicht final durchkalkuliert ist. Die Filmkritiker trauern um Jean-Jacques Beineix, der mit seinem Cinéma Du Look äußerst kunstvoll Oper und Action verband.

Protokoll und Zeremonie

15.01.2022. Mittleres Beben in den Feuilletons nach den Vorwürfen gegen die Documenta 15: Die Berliner Zeitung wirft der Zeit vor, "xenophoben Impulsen Luft zu machen", die taz erinnert Monopol an "menschenrechtliche Standards". Die FAZ zieht sich derweil in Cottbus mit der Sammlung Chagas Freitas in die Nischen der DDR-Kulturgeschichte zurück. Die SZ bangt um den Regierungs-Hain am BER. FAZ und Jungle World erinnern an Franz Fühmann. Und der Guardian trauert um den Architekten Ricardo Bofill, der Spanien so schöne postmoderne Exzesse bescherte.

Offen umarmte Paradoxien

14.01.2022. Die FR hat die (männliche) Hilma Af Klint Berlins entdeckt: den Maler Helmut Zielke. SZ, nachtkritik und Standard amüsieren sich schmerzlos mit "Ach, Sisi" im Wiener Volkstheater. Die taz erliegt dem kratzigen Timbre von Lady Blackbird. Und: Die Filmkritiker trauern um Herbert Achternbusch, den freien Grantler und Buster Keaton des bayerischen Films. Und die Musikkritiker trauern um die wunderbare unverwechselbare Ronnie Spector.

Körperlose Wesen in roten Gewändern

13.01.2022. Stromae hat in den französischen Fernsehnachrichten über seine Depression, nein, nicht gesprochen. Nils Minkmar ist in der SZ von seinem Auftritt tief gerührt. Welt-Kritiker Manuel Brug fühlt sich in Block B, Reihe Fünf, Platz 1 der Elphi jetzt durchaus wohl. Die Zeit bringt ein Gespräch mit dem russischen Regisseur Kirill Serebrennikow, der überraschend für eine Inszenierung nach Hamburg ausreisen durfte. Die Zeit fürchtet auch einen kulturpolitischen Skandal bei der Documenta. Der Freitag kommt auf die Krise der Filmbranche zurück, wie sie sich im aktuellen Golden-Globes-Debakel darstellte.

Alt sind wir ja selbst schon

12.01.2022. Die FAZ warnt vor den Mindbombs, die die Kunsthalle Mannheim mit ihrer Ausstellung zur Darstellung politischer Gewalt in der Kunst zündet. Die SZ kann's kaum glauben: Im Wiener Männergesang-Verein sind jetzt auch Tenörinnen und Bässinnen erlaubt. SZ und FAZ verlieren sich im königlich-morbiden Set-Design von Pablo Larraíns Diana-Film "Spencer". Der Observer blickt auf die Fotografie der brennenden Welt. Die Nachtkritik erlebt mit Ronald M. Schernikau die Poesie der Pailletten.

Am Ende verliert alles an Bedeutung

11.01.2022. Die NZZ beobachtet, wie die Teilnehmerliste der Documenta im Fegefeuer der Rechtschaffenheit zusammenschmirgelt. Die SZ bewundert die prachtvollen Damaststoffe, die im Voralberg für das bitterarme Mali hergestellt werden. Die taz singt ein Loblied auf das Stricken. Die FAZ erkennt die gewaltige Überlegenheit von Michel Houellebecqs Gehirn. Der Tagesspiegel meldet, dass Kirill Serebrenniko nach Hamburg ausreisen durfte. 

Nicht Sumpf, sondern Humus

10.01.2022. In der FAZ umreißt die Russisch-Übersetzerin Olga Radetzkaja das Ethos ihrer Profession. Die Nachtkritik lässt sich vom Virtual Space Realtor und General Latenz Manager in die Zukunft des Theaters führen. Der Standard blickt auf das durchgeschüttelte Werkverzeichnis Modiglianis. Die NZZ bemerkt, dass die Rock-Attitüde eigentlich nur noch Frauen steht. Die SZ berichtet deprimiert von der trostlosen Verleihung der Golden Globes.

Gewaltiges Kopfkino

08.01.2022. Sidney Poitier ist gestorben. Die Filmkritiker würdigen den Schauspieler, der 1964 als erster Schwarzer den Oscar für eine Hauptrolle erhielt - im selben Jahr, in dem Martin Luther King mit einem Nobelpreis ausgezeichnet und der Civil Rights Act verabschiedet wurde. Die nmz schwärmt von einer hinreißenden "Tristan und Isolde"-Inszenierung in Halle. Die SZ ist ganz gerührt vom neuen Houellebecq. Die FAZ verliebt sich in Stuttgart in eine Rubensfrau mit Sonnenbrand.

Bekenntnis zum Diesseits

07.01.2022. Die taz stellt den Theatermacher Georg Genoux vor, der in Sachsen auch mit Rechten redet. Die SZ stellt fest, dass der Kunstmarkt so untransparent ist, dass er kaum noch als Markt durchgeht. Die FAZ bewundert im Musée d'Orsay die Kunstsammlung des Malers Paul Signac. Die Welt liest ohne große Wallungen Michel Houellebecqs neuen Roman. Und die Filmkritiker trauern: Der große Peter Bogdanovich ist tot.

Geborgenes Schweben

06.01.2022. Die Filmkritiker blicken deprimiert auf die "Bad Tales", die die Brüder D'Innocenzo erzählen. Wenn die Berlinale in diesem Jahr wieder nicht öffentlich stattfinden kann, wird es existenzbedrohend für sie, meint die Welt. Kontext fragt, wie der 2018 verabschiedete Intendant Reid Anderson in Stuttgart immer noch über Wohl und Wehe der Künstler dort bestimmen kann. Hat es mit dem Cranko-Erbe zu tun? Im Freitag erinnert sich der Schriftsteller Tijan Sila mit Wonne an die Leihbibliotheken seiner Kindheit. Die taz lernt von Nancy Holt das Sehen. Die FAZ erhebt sich mit der Musik von Skrjabin.

Dritte werden trotzig

05.01.2022. In der Zeit verteidigt Eva Menasse die Literatur gegen ihre politische Regulierung von Links und Rechts. Wie die Ideologisierung Schriftsteller beschädigt, sieht die FAZ bei Mario Vargas Llosa. Außerdem schlägt sie sich durch das amerikanische Konzerngeflecht, das jetzt Studio Babelsberg übernimmt. Die NZZ stählt mit RZA vom Wu-Tang Clan ihre innere Faust. Und die SZ braust auf einer selbst reparierten Simson S51 von Karl Clauss Dietel in einen Apple-Store. 

Macht ist wichtig

04.01.2022. Filmproduzent Günter Rohrbach befindet in der SZ, dass Selbstbewusstsein irgendwie toller ist als ständiges Jammern und Angsthaben. In der FAZ trauert Hans Stimmann um das Heizkraftwerk von Wilmersdorf. Die Welt wünscht sich wieder mehr drogensüchtige und vorbestrafte Rockmusiker. Und die taz taumelt selig mit Gary Victor durch die tropischen Nebel Haitis.

Smartphones und Tarotkarten

03.01.2022. Die FAZ erkundet im Hartware MedienKunstVerein in Dortmund den neuen technikaffinen Schamanismus. Beton hat seine poetische Seite, das Problem ist seine Systemrelevanz, lernt die SZ im Schweizerischen Architektumuseum in Basel. Die Welt staunt über die Harmonie von Christian Thielemann und Igor Levit beim ZDF-Neujahrskonzert. Im Standard wünscht sich Antje Rávik Strubel so lange Podcasts über das Geschlechterverhältnis, bis diese Kategorien überflüssig werden.