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Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juni 2015

Master-Narrative der Macht

30.06.2015. Wird immer noch gefeiert: "Mount Olympus", Jan Fabres 24stündiger Ritt durch die griechische Mythologie, lässt das Fleisch der taz vibrieren, Zeit online bekommt Lust auf Leben. Die NZZ feiert den italienischen Schriftsteller Ippolito Nievo. Die FAZ bewundert Humor und Leichtigkeit der Künstlerin Lea Lublin. Endlich wieder historische Fassaden in der Architektur statt der Hungerstil der Moderne, freut sich die Welt.

Dickster Festivalbetriebsvogel

29.06.2015. Die SZ schwelgt in den moosgrünen, taubenblauen und senfgelben Raumschiffen, die Galina Balaschowa für die sowjetischen Astronauten entworfen hat. Die Welt sieht China durch die Augen westlicher Künstler. Tagesspiegel und Berliner Zeitung durchsitzen 24 Stunden Jan Fabres Performance "Mount Olympus". Die NZZ feiert finnische Architektur.

Ein Akkordeon atmet langsam aus

27.06.2015. SZ und Standard werden melancholisch in einer Münchner Ausstellung über den Westberliner Underground der 80er: einst so wild, jetzt so kulturexportkompatibel. Sieglinde Geisel lässt sich in ihrem Blog von Wolfram Schüttes Idee für eine online stehende Literaturzeitung inspirieren. Die taz lernt von Nordkorea, dass es auch bei uns politische Propaganda gibt. Die NZZ erinnert in der Figur des William Morris an das Reaktionäre im Avantgardisten.

Heroische Phase eines Kulturprogramms

26.06.2015. Die NZZ besucht eine wunderbar bunte Raupe in den Kensington Gardens. Im Standard plädiert die Autorin Valerie Fritsch für Experimentierfreudigkeit auf allen Gebieten - Kabelbinder eingeschlossen. Die FR blickt zurück auf sechzig Jahre Radio-Essay im SWR. Die nachtkritik, taz und Welt freuen sich über René Polleschs Revue "Keiner findet sich schön" an der Berliner Volksbühne: "nicht ein bisschen toll, nicht toll, sondern toll-toll". Und Monsanto ist tief enttäuscht über Neil Young, meldet der Standard.

Das Totum des Literarischen

25.06.2015. Im Perlentaucher ruft Wolfram Schütte zur Gründung einer Literaturzeitung im Netz auf. Die Filmkritik begeistert sich für Kornél Mundruczos "Underdog", eine Parabel auf das fremdenfeindliche Ungarn. Die Zeit feiert Frank Auerbach als den berühmtesten Unbekannten unter den deutschen Malern. Die FR staunt über die Unsichtbarkeit der Überwachungsmechanismen, die Trevor Paglen fotografiert hat.

Hundert edelalte Schmerzensfalten

24.06.2015. Das beste Format für Musik war die CD, erklärt der Musiker Prurient in The Quietus: Gerade weil sie als Objekt so absolut wertlos war. Die FR staunt über Beweglichkeit und Eloquenz der Martinu-Oper "Julietta". Der New Statesman streift sich ein paar geflügelte Schuhe über. Im Tagesspiegel erzählt Christo, warum man in der Kunst einen langen Atem braucht. Und der Schriftsteller Norbert Hummelt fährt für die NZZ nach Naumburg an der Saale.

Erzähler einer imaginären Handlung

23.06.2015. Risiko verliert, Risiko gewinnt! Die Wahl Kirill Petrenkos zum neuen Chef der Berliner Philharmoniker löst überall Begeisterung und Optimismus aus - auch wenn sein Konzertrepertoire noch eklektisch ist. Die FAZ versinkt wonnig im Fluss der Musik von Bohuslav Martinůs Oper "Julietta". Die taz verliebt sich in den Roboter Myon, der an der Komischen Oper Theaterspielen lernt. Die Berliner Zeitung warnt vor Herzog und de Meuron, die das Berliner Tacheles umbauen sollen. Entleerung in verschiedener Hinsicht erlebt die NZZ bei Lektüre der Bücher von Cesar Aira.

Irgendwie auf der Sonnenseite

22.06.2015. Endlich mal wurde junger, experimenteller Film mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, freuen sich die Feuilletons. Nur der Tagesspiegel schießt quer: Ausgezeichnet wurden vor allem junge Wohlfühlfilme. In der Berliner Zeitung bekommt Ljudmila Ulitzkaja immer noch weiche Knie, wenn sie an ihren ersten Nabokov-Roman denkt. In der NZZ plädiert James Ellroy für Reichweite und Umfang in der Literatur. Außerdem rühmt die NZZ die neue Bescheidenheit der Künstler auf der Wien Biennale.

Suche nach Glanz

20.06.2015. Literatur kann das eigene Leben verändern, und damit auch die Welt, erklärt Ralf Rothmann in der Welt. In der taz erzählt die Komponistin Charlotte Seither, wie die Töne dong machen. Der Guardian stellt Christina Broom vor, die erste Pressefotografin Großbritanniens. In der NZZ erinnert sich Robert Schindel, wie er und seine Mutter die Wiener Ringstraße als Kampfplatz für die Sache des einfachen Volkes nutzten.

Mehr Talentförderung als Talente

19.06.2015. Krise als Chance? Die NZZ berichtet vom Schriftstellertreffen in Thessaloniki. Die Filmkritiker streiten über Christoph Hochhäuslers "Die Lügen der Sieger": Tolle Form, aber was ist mit dem Plot? In der NYRB erklärt Adam Thirlwell, wie man Virginia Woolf tanzt. Seit die Filmbranche selbst über die Lola entscheiden darf, ist der Filmpreis zur Konsensschleuder verkommen, ärgert sich der Tagesspiegel. Und: Alle Feuilletons freuen sich über den Friedenspreis für Navid Kermani.

Spuren, Splitter, Spiegelungen

18.06.2015. Die SZ fragt: Wer verdient an Streamingdiensten? Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich fragt sich, warum seine Kollegen ihre Freiheit zum Urteil so selten nutzen. Die Zeit - ein Häuflein Fleisch, Knochen, Träume, Geldsorgen und Fußpilz - besucht das Kunstfestival Globale im ZKM. Herbert Fritschs Oper "Ohne Titel Nr. 1" ist ein Knaller - vorausgesetzt, man mag Nonsense, erklärt die Wiener Presse. Der taz missfällt der heteronormativ-männerbündnerische Ton in Dominik Grafs Doku über den Filmkritiker Michael Althen. Und der Dichter Charles Simic stromert in Gedanken noch einmal als Sechsjähriger durch das besetzte Belgrad.

Oma gib Handtasche

17.06.2015. Schwarze französische Schauspieler wollen nicht den Othello spielen, sondern den Hamlet, lernt die NZZ. In der SZ erzählt die kubanische Künstlerin Tanja Bruguera von ihrem Institut für aktive politische Kunst, dem "Institut Hannah Arendt". Gut für Paris, dass Napoleon so viel Krieg führen musste, lernt die Welt in einer Ausstellung. Die Presse lässt sich auf dem Nova Rock von Deichkind auf euphorischen Kurs bringen. Und alle trauern um Harry Rowohlt, der jetzt nie mehr spätabends Kritikern am Telefon die Leviten liest.

Spasmodisch in freier Liebe

16.06.2015. Frank Gehry verleiht der Barenboim-Said Akademie Flügel, freut sich der Tagesspiegel. Die NZZ führt einen verheißungsvollen sudanesischen Dialog mit Marinetti. Karl Ove Knausgard erklärt in New York, welchen Einfluss Lars von Trier auf ihn hatte. Zeit online, NYT und der New Yorker bewundern die große Albert-Oehlen-Retrospektive in New York. 3sat widmet sich dem zweitdreckigsten Geschäft nach dem internationalen Drogenhandel.

Wenn historisch, dann richtig

15.06.2015. Auf Zeit online erklärt Manfred Prasser, Architekt des Palasts der Republik, warum das neue Stadtschloss "Entschuldigung, Scheiße" ist. Die FAS steht ganz still in einer Ausstellung australisch-indigener Kunst. Im Standard erzählt der sardische Autor Gavino Ledda, wie ihn die Natur als achtjährigen Schafhirten Schreiben lehrte. Bei den Autorentheatertagen in Berlin flogen die Fetzen, meldet der Tagesspiegel. In der FAZ erzählt Maurizio Pollini, wie Beethoven arbeitete.

Der Kitzel des Monströsen

13.06.2015. Die NZZ fragt, wann sich die Performance-Kunst eigentlich von den Museen an die Leine legen ließ. Für die Zeit geht es völlig in Ordnung, dass der Maler Wolfgang Herrndorf nie modern sein wollte. In der Welt meint Klaus Farin, dass man auch antidemokratische Minderheiten aushalten muss, vor allem in der Rockmusik. In der Berliner Zeitung sitzt der Dramatiker Ferdinand Schmalz am liebsten vor dem Brecht-Regal: Das spornt an.

Absolute Gegenwart

12.06.2015. Ornette Coleman, der "sound of shock and awe" des Jazz ist tot. Und Christopher Lee, der erste transsilvanische Blutsauger in Farbe. Die Feuilletons trauern. Das Ullstein-Blog Resonanzboden veröffentlicht einen Text des saudi-arabischen Bloggers Raif Badawi, der den syrischen Dichter Al-Muthanna Al-Sheikh vorstellt. Die Presse steht ratlos auf der Vienna Biennale und fragt: Sind Künstler für alles zuständig?

radikale marien und freie susannen

11.06.2015. Die NZZ verliebt sich in die radikalen Pietisten des Dichters Ulf Stolterfoht. Giorgio Moroders erstes Album seit 30 Jahren ist perfekt, aber nicht fantastisch, urteilt eine verstörte SZ. Größenwahnsinnige Wissenschaftler, staunende Kinderaugen, jede Menge weit aufgerissene Sauriermäuler - in "Jurassic World" funktioniert selbst dieses abgenudelte Konzept, versichern die Kritiker.

All der Skandal und das Verruchte

10.06.2015. Der Standard findet mikroskopische Lebensformen im Viennale-Bunker in Konjic, Albanien. Brian Wilson sah nie aus wie Bruce Springsteen, notiert die Presse nach einem Besuch des Beach-Boy-Films "Love & Mercy". Das westdeutsche Kino der 50er war Mamas Kino, ruft Rainer Knepperges in New Filmkritik - Papas Kino kam erst mit dem Jungen Deutschen Film.

Sublimer Witzbold

09.06.2015. Die Literary Review erinnert an die Zeit, als Schotten die Literaturkritik mit Witz und doppeltem Bluff beherrschten. Im Freitag bewundert Georg Seeßlen das vernetzte System der Subjektivitäten in "Game of Thrones". Die FAZ staunt über die Aktionskunst Lee Millers. Im Blog hundertvierzehn beschreibt der salvadorianische Autor Horacio Castellanos Moya die Psychologie des Exils. Und die NZZ stellt ein fluides Raumkontinuum von Toyo Ito vor, das auch als Oper dient.

Mit uns hat das zum Glück nichts zu tun

08.06.2015. Ein Abend in der Kloake, deftiges Irrenhausklischee, Elendsporno - Michael Thalheimers Inszenierung von Maxim Gorkis "Nachtasyl" an der Schaubühne ließ die Kritiker kalt. Nur die FAZ fand den Abend unangenehm aktuell. Die NZZ sucht Louise Bourgeois in einem hellblauen Gummitropfen. In der taz plädiert die indonesische Schriftstellerin Ayu Utami für unverheirateten Sex. Der Tagesspiegel steht überwältigt im Rohbau des Berliner Stadtschlosses.

Tapetenmuster der Freiheit

06.06.2015. In der FAZ klagt Norbert Niemann die Verlage an, die totale Kommerzialisierung der Literatur zu betreiben. Die Welt druckt eine Erzählung Leonardo Sciascias aus den Sechzigern über illegale Auswanderer aus Sizilien. In der taz erzählt der syrische Lyriker Faraj Bayrakdar von Haft und Folter unter Assad. Die Welt lernt in einer Ausstellung zum Kunstkollektiv Black Mountain College binnenkünstlerische Notwendigkeit. Die FR porträtiert Susanne Kennedy, die mit Chris Dercon an die Volksbühne kommen wird, als Vatermörderin.

Aufrichtige Täuschung

05.06.2015. Anish Kapoors "Vagina der Königin" in Versailles ist reinstes Rokoko, schwärmt der Guardian. Zeit online feiert den toughen, skandinavischen Pop-Feminismus. Die Berliner Zeitung hört japanischen Babymetal. Die FAZ durchlebt ein langes Elend mit Lydia Steiers Inszenierung der Händel-Oper "Giulio Cesare".

Kleine Burgen

04.06.2015. Die Welt lässt sich von den Brüdern Lumiere in Bewegung setzen. Bertrand Tavernier führt dazu auf Youtube in die Geschichte des Kinematografen ein. Der Freitag liest optimistische Science Fiction von Iwan Jefremow. Die NZZ hört Carmen-Francesca Banciu zu, die im im Dradio Kultur von ihren Erlebnissen als Dorfschreiberin von Katzendorf erzählt. Auch die Berliner Philharmoniker möchten sich morgens gern auf ihre Arbeit freuen, meldet der Tagesspiegel.

Sich wehzutun, ist eine Kunst

03.06.2015. Auch Putin-Gegner können ganz schön verwirren, lernt die nachtkritik bei einer Diskussion mit russischen Theatermachern. Der Tagesspiegel fordert bessere Folterszenen in Händels "Giulio Cesare in Egitto". Der Standard berichtet über eine Filmschau zur syrischen Moderne. Die Spex feiert Felix Laband als Anti-Isolde-Ohlbaum des Pop. Dem Zeit-Feuilleton soll man heute mit einer Schere zu Leibe rücken.

In der Dunkelheit des zerredeten Augenblicks

02.06.2015. Die FR hört sich mit Hasenohren durch Lucia Ronchettis "Mitternachtsabitur". Die taz begutachtet die traurigste aller Technologien im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst. Die NZZ durchlebt mit László Krasznahorkais neuem Erzählband die epochale Entfremdung der Moderne. Jonathan Rosenbaum untersucht in seinem Blog den ästhetischen Einfluss des Marihuanakonsums auf das Kino der 60er. Die FAZ verweigert das gutgelaunte Genießen bunter Pop-Ästhetik in einer Ausstellung über Ost- und Westberliner Architektur der 60er Jahre.

Sieg durch Zermürbung

01.06.2015. In der New York Review of Books erzählt der chinesische Filmregisseur und Künstler Hu Jie, wie seine Holzschnitte über den Großen Hunger entstanden sind. Die Musikkritiker genießen ein harmonisches Musikfest - wenn sie nicht gerade vor Chip-Aufladestationen Schlange stehen. Die Welt hofft auf ein eigenes Haus für den Tanz in Berlin. Frank Castorfs "Brüder Karamasow" bei den Wiener Festwochen provozieren eine ganze Skala von Reaktionen, von A bis B. Die Elaine-Sturtevant-Ausstellung in Berlin gibt leider keine Idee vom Original nach dem Original, bedauert der Tagesspiegel.