Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Oktober 2021

Unsere Suche nach Ägypten

16.10.2021. Ein Akt später Wiedergutmachung: Das Whitney Museum zeigt abstrakte Kunst, die es nie gesammelt hat - von Frauen. Auch im Marbacher Literaturarchiv sind Frauen enorm unterrepräsentiert. Über eine Wiedergutmachung denkt Leiterin Sandra Richter im Interview mit der Welt nach. Die FAZ besucht im Museum Folkwang eine Ausstellung über kulturelle Aneignung im Tanz. Die Junge Welt hört New Orleans in Mahlers Fünfter, wenn Teodor Currentzis sie mit dem Music-Aeterna-Orchester spielt.

Stets löst sich das Feste auf

15.10.2021. Der Tagesspiegel feiert die Geburt des Kinos im Musée d'Orsay. Die NZZ staunt in der Fondation Louis Vuitton über den historischen Dialog von Meisterwerken der klassischen Moderne aus Europa und Russland. Die SZ erinnert sich an die Zeit, als Verlage noch Mut zu Debatten hatten. Die FAZ bewundert zur heutigen Eröffnung das neue Volkstheater in München. Zeit online hört Rap ohne Bullshit von Neromun. Wird Literatur ein Inselphänomen wie Jazz? Der Schriftsteller Tijan Sila fürchtet es auf Facebook.

Das kleine Oktoberfest der Avantgarde

14.10.2021. In der FAZ feiert die afghanische Künstlerin Kubra Khademi triumphale weibliche Nacktheit. In der Zeit erzählt Gregor Schneider von ursprünglichsten Ich-Erfahrungen. Scheinmoralisch finden NZZ und Zeit die Entscheidung Sally Rooneys, ihr neues Buch nicht von einem israelischen Verlag übersetzen zu lassen. Superhelden waren immer schwul, deklariert die Welt. Die taz schwärmt von Christophe Honorés Film "Zimmer 212", der ein Herz für den intellektuellen Boulevard zeigt.

Kein böses Wort mehr

13.10.2021. In der Irish Times versichert Sally Rooney, dass sie ihren Roman sofort ins Hebräische übersetzen ließe, wenn sich dies im Einklang mit den Boykott-Regeln gegen Israel der BDS-Bewegung bewerkstelligen ließe. In der SZ versichert Nele Pollatschek, dass Abdulrazak Gurnah nicht nur politisch, sondern auch literarisch interessant ist. Außerdem erlebt die SZ die Poesie Alban Bergs, indem sie sich mitten in den Klang setzt. Die taz hört den Sound Charlie Parkers in den Bildern Lee Friedlaenders.

Dass das Böse das Normale sein könnte

12.10.2021. Forward.com nimmt konsterniert zur Kenntnis, dass Sally Rooney verbietet, ihre Romane ins Hebräische zu übersetzen. Auf ZeitOnline beklagt sich der östereichische Autor Elias Hirschl über den Niedergang der Wiener Seifenoper. Die taz springt jubelnd in einen Tümpel aus Blut und Sperma, den ihr Pinar Karabulut und Sivan Ben Yishai in den Münchner Kammerspielen bereiten. Die FAZ übt sich mit Juri Pimenow in der optimistischen Antizipation der Zukunft. Und die NZZ versucht, Goyas kühlen Blick in die menschlichen Abgründe auszuhalten.

Die überaus ergiebige Praxis der Aneignung

11.10.2021. So hingerissen wie verstört kommen taz, SZ und Nachtkritik aus der Performance von Angélica Liddell, die sie als Europas wütendste Theaterkünstlerin verehren. In der NZZ versucht Sergej Lebedes die russische Zeit wieder aufzutauen. Critic. de lässt sich auf dem Underdox-Festival von Norbert Pfaffenbichlers Bilderfluten umspülen. Der Standard erlebt in der Wiener Albertina die Wiederkehr der unintellektuellen Achtziger.

Maliziös grinsende Mädchen

09.10.2021. Die FAZ wird in Basel von Hexen und Puppen durch den Krieg in der Psyche Goyas geschleudert. SZ und NZZ erstarren derweil angesichts des schieren Ausmaßes des Verfalls, dem das für einige Tage geöffnete Berliner ICC ausgesetzt ist. Dass Abdulrazak Gurnah hierzulande kaum bekannt ist, wirft ein Schlaglicht auf die Verdrängung der "historischen Schuld der deutschen Gesellschaft", meint Intellectures. Zeit und NZZ finden neuen Fehler in der von einer KI komponierten Zehnten Sinfonie Beethovens. Und die nachtkritik schaut bewegt zu, wenn Edouard Louis an der Schaubühne im Superheldenkostüm Chirac, Sarkozy, Hollande und Macron beschießt.

Nichts Zweideutiges, Offenes, Flirrend-Freies

08.10.2021. Die Literaturkritiker nehmen dankbar den Auftrag an, mit Abdulrazak Gurnah einen Autor zu entdecken, der sich nüchtern und ohne Anklagen mit Fragen des Postkolonialismus auseinandersetzt. Für die FAZ ist Gurnah außerdem Aushängeschild für einen aufgeklärten Islam, nur die NZZ fühlt sich düpiert. Die taz versinkt in München in den Häuten der Heidi Bucher. Die FAZ blickt in Frankfurt indes angezogen und abgestoßen zugleich unter die Haut von Paula Modersohn-Becker. Außerdem bejubeln die Zeitungen die neue Isarphilharmonie und fragen: Warum nicht immer so?

Korrespondenz zwischen Ich und Welt

07.10.2021. In FAZ und Freitag erklärt Edouard Louis, weshalb ihn die Franzosen hassen und wie er eine Armee linker Kämpfer erschaffen will. Im Tagesspiegel erzählt Julia Ducournau, warum sie das Monströse zurück in die Gesellschaft bringen will. Sie sei gewarnt worden, dass ihr neuer Roman gecancelt würde, verrät Irene Dische der Zeit: Sie hat über eine Transperson geschrieben, ohne selbst eine zu sein. Der Guardian porträtiert die Duftkünstlerin Anicka Yi, die mit Gerüchen, Vagina-Bakterien und Spucke gegen den schmierigen männlichen Blick kämpft.

Zum Rand der Unerträglichkeit

06.10.2021. Welt und Tagesspiegel erliegen der animalischen Zärtlichkeit von Julia Ducournaus in Cannes prämiertem Horrorfilm "Titane". FAZ und FR lernen im Frankfurter Städel von Rembrandt, wie man sich selbst vermarktet und trotzdem ein integrer Künstler bleibt. Der Observer wünscht dem Turner-Preis eine baldige Implosion. Die SZ setzt ihrer Hoffnungen auf die wilden Frauen des Theater. Die Literaturkritik fiebert dem morgen verliehenen Nobelpreis entgegen.

Gute Gefühle und schöne Stimmungen

05.10.2021. Die SZ berauscht sich an den schwindelerregenden Blicken, die ihr das neue Museum Küppersmühle in Duisburg gewährt. Ein Fenster zur Welt eröffnet ihr dagegen Alexander Zelgins Theater der nüchternen Empathie auf dem Berliner FIND-Festival. Die taz stromert mit dem schwedischen Künstler Lars Cuzner durch das Steirische Spielfeld reicher Kinder. ZeitOnline feiert das Kino als physische Steigerung von Film. Und die NZZ bekommt einen letzten Brief von Roots-Musiker Geoff Muldaur.

Blutopfer des Kapitalismus

04.10.2021. Berlins Kritiker streiten über Barrie Kosky, der Brechts "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" an der Komischen Oper als tiefernstes Moralitätentheater macht. Die FAZ erklärt am Beispiel des Milliardärs Alischer Usmanow, wie Repression und Mäzenatentum in Russland zusammengehen. Die taz beleuchtet die Kontroverse um den Dokumentarfilm "Sabaya", dessen Mitwirkende von allen Seiten unter Druck gesetzt wurden. Der Tagesspiegel leidet am Deutschen Filmpreis.

Hauptbehörde der Ich-Auskunft

02.10.2021. Ich habe die Krücke zeitgenössischer Relevanz endlich weggeworfen, ruft Jonathan Franzen im Interview über seinen neuen Roman in der Welt. Warum malen Künstler Frauen so gerne nackt, fragt die NZZ - eine Fragestellung, die der Standard in der großen Wiener Tizian-Ausstellung vermisst. Sehnsucht nach Freiheit statt Kritik an repressiven Regimes findet die nachtkritik in Kirill Serebrennikows Hommage an den chinesischen Fotografen Ren Hang. Der Filmdienst würdigt den mauretanischen Filmemacher Abderrahmane Sissako, der mit dem Konrad-Wolf-Preis ausgezeichnet wird. Die SZ bewundert Tirzahs Mischung aus R'n'B und Noise.

So eine altmodische, schmutzige Eleganz

01.10.2021. Moskau leuchtet, beteuert der Tagesspiegel nach einem Gang über die Moskauer Kunstmesse. Für die FAZ müssen die Arbeiten der Finalisten zum Preis der Nationalgalerie nicht mit kunsttheoretischem Jargon aufgebrezelt werden - sie gefallen auch so. Artechok lauscht den Erinnerungen des Schriftstellers Walter Kaufmann. Wunderbar aktuell findet die nmz in Wien Emilio de' Cavalieris 420 Jahre alte Oper "Rappresentatione di Anima et di Corpo". In der NZZ erklärt Regisseur Paul Schrader, warum er seine Filme lieber mit wenig Geld dreht.