Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

August 2019

Hase, da glitzert ja gar nichts!

20.08.2019. Die New York Times feiert die Wiederentdeckung der Malerin Lee Krasner, die stets im Schatten ihren Mannes Jackson Pollock stand, aber nun in London und Frankfurt große Retrospektiven bekommt. Die SZ riskiert freudig Netzhautflimmern in einer Bridget-Riley-Ausstellung in Edinburgh. Artechock hält vom diesjährigen Locarno-Festival gar nichts, sondern erkennt auf cinephile Gerontokratie. Der Freitag bemerkt zu #dichterdran: In Pose geworfen sei heute jede Autorschaft, egal welchen Geschlechts. Und die Welt stürzt sich todesmutig in die Salzburger Gesellschaft.

Von Wahnsinn dagegen keine Spur

19.08.2019. Das Filmfestival von Locarno ist mit dem Goldenen Leoparden für Pedro Costas "Vitalina Varela" zu Ende gegangen. FR und Tagesspiegel sind begeistert von dem Film. Verstört beobachtet die Nachtkritik in Kornel Mundruczós Salzburger "Liliom", wie großartige Frauen ihre Demütigung runterschlucken. Die taz begibt sich mit Pauline Curnier Jardin in einen gebärmutterroten Dschungel.  Und große Trauer herrscht in den Feuilletons um Easy Rider Peter Fonda, der schon in den Sechzigern an die Berliner Mauer pinkelte

Kein vorlautes Blech

17.08.2019. Die von Valery Gergiev und den Wiener Philharmonikern aufgepeitschen Musikkritiker kommen "Pace! Pace!" summend aus Verdis tiefschwarzer Oper "Simon Boccanegra". Der taz wird leicht flau beim Gedanken an ein Staats-Musikfestival wie die vom Berliner Senat finanzierte Pop-Kultur. Die FR versinkt selig im 6848 Seiten starken Humboldt-Universum. Die FAZ dankt für die "Ermöglichungsform freien Denkens" in einer Frankfurter Museumsausstellung über das Museum.

Kiezkönigin in viel Viskose

16.08.2019. Die Opernkritiker erliegen in Salzburg dem Charme eines Bienen-Cancans. Die NZZ bewundert die vertikale Architektur des Rotterdamer Büros MDRDV. Die SZ nimmt von den Dreampoppern Sleater-Kinney letzte Anweisungen zum Weltuntergang entgegen. Die FAZ hört die revolutionäre Botschaft in Percy Shelleys Gedicht "Mask of Anarchy". Die Filmkritiker feiern die Retrospektive "Black Light" in Locarno.

Sohn im Schatten

15.08.2019. Die Welt amüsiert sich in Bayreuth mit Siegfried Wagner als Heiland aus der andersfarbigen Kiste. Haruki Murakami grübelt in der Zeit angesichts des Lohengrin über die religiöse Intoleranz Europas. Der Tagesspiegel lernt in Lillehammer, warum die 1928 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Sigrid Undset in ihrer norwegischen Heimat fast vergessen ist: Sie trat zum Katholizismus über. Die taz feiert Angela Schanelecs Film "Ich war zuhause, aber..." als sensibles Kinowunder. Die Presse gräbt mit den Songtexten Bon Ivers in den Nischen des Kryptischen, die FAZ konzentriert sich lieber auf den emotionalen Sound.

Das Unreife in Reinform

14.08.2019. In SZ und FR spricht die Autorin Karina Sainz Borgo über Venezuelas Geisterstädte der Angst. Die New York Times lernt in der Washingtoner Phillips Collection: In der Kunst ist der Flüchtling kein Fremder.  Die NZZ bewundert mit Lois Weinberger die Radikalität der Pionierpflanzen. Das Filmbulletin glaubt mit Quentin Tarantinos "Once upon a Time in Hollywood" gern wieder an die Unschuld der Popkultur. Außerdem fragen sich die Kritiker, ob Woodstock Anfang oder Ende des großen Aufbruchs war.

Zum Zvieri ein Vierteli Roten

13.08.2019. Überwältigt erlebt die taz in der Pariser Ausstellung "Nous les arbres" die ganze konstruktive Schönheit der Bäume.  Die SZ  lauscht in Salzburg hingerissen dem tragisch-lyrischen Bariton eines Riesenharlekins. In der FAZ beziffert Alain Viala den symbolischen Wertverlust der französischen Literatur. SpOn sorgt sich nach der Berufung von Dominique Boutonnat zum Leiter der Filmförderungsstelle CNC um die  exception culturelle. Doch in der NZZ bringt Thomas Hürlimann mit Pythagoras wieder Ordnung in die Welt.

Aber singen Sie es fortissimo

12.08.2019. Die NZZ erinnert mit Kate Moss daran, dass der rebellische Hedonismus der Briten durchaus attraktiv sein kann. Die Jungle World betrachtet Angela Schanelecs neue tableaux viovants. Im Tagesspiegel kann der Comiczeichner Nicolas Mahler der prekären Ökonomie seiner Zunft etwas abegwinnen, in der niemand dem anderen etwas wegnehmen kann. Die taz lässt sich von Peaches im Hamburger Kunstverein die Emanzipationsgeschichte der Fleshies erzählen. Und die Nachtkritik lernt auf Kamnagel: Auf dem Planeten Flausch wird nur unisono gesungen.

Empathie, aber kein Verständnis

10.08.2019. Mit Aplomb verkündete Ai Weiwei gestern, er wolle Deutschland verlassen. Der Tagesspiegel fragt: Ist da jemand vielleicht in seiner Eitelkeit gekränkt? Die FAZ kann Ai Weiwei durchaus verstehen. Die Berliner Zeitung staunt derweil über das Verständnis, das afrikanische Flüchtlinge ängstlichen Italienern entgegenbringen. Der Standard blickt mit Lois Hechenblaikner in die harte, schonungslose Welt der Volksmusik. Der Filmdienst erfährt von dem indischen Regisseur Ritesh Batra, wie Indiens Realität hinter Bollywood-Klischees aussieht. Und die taz empfiehlt Kahlschlagsanierung statt Rekonstruktion.

Alter motherfucker des Autorenkinos

09.08.2019. Deutschland ist in seiner Liebedienerei zu China so selbstzentriert, kritisiert Ai Weiwei im Interview mit der Welt und kündigt an, Berlin verlassen zu wollen. Die taz empfiehlt Musik von "Blue" Gene Tyranny. Die Zeit reist mit Quentin Tarantinos "Once upon a time..." ins Wunderland des alten Kinos. Die SZ unterhält sich mit Tarantino über Hollywood. We loved him to the max - die Musikkritiker trauern um David Berman von den Silver Jews.

Mehrklang aus Gelb, Rot, Weiß und Schwarz

08.08.2019. Aktualisiert: David Berman ist gestorben. - Die Filmkritiker sind hin und weg von Juliette Binoche, die in Safy Nebbous Film "So wie Du mich willst" eine fünfzigjährige Frau spielt, die sich im Netz als 24-Jährige ausgibt, um beim Online-Dating zu punkten. Ecriture féminine findet man auch bei Männern, versichert in der Zeit Hélène Cixous. Die SZ bewundert die Farbenpracht der frisch renovierten Dessauer "Meisterhäuser". Der Freitag beobachtet eine zaghafte Öffnung des Deutsch-Rap für Frauen.

Reisen gegen die Zeit

07.08.2019. Große Trauer herrscht in den Feuilletons über den Tod von Toni Morrison. Die NZZ rühmt ihr Schreiben, das kompakt wie Stahl und dennoch geschmeidig sei. Der Standard bescheinigt ihr die Akribie  eines Michel Foucault. Auf Twitter trauert auch Barack Obama. Außerdem: Auf ZeitOnline schwärmt die neue Locarno-Leiterin Lili Hinstin vom jungen, radikalen Kino der Schweiz. Die FAZ begrüßt mit der neuen Donut-Architektur die gebaute Morgengruppe. Und in der taz will Virve Sutinen nicht nur Zwanzigjährige tanzen sehen.

Fossilien der Zukunft

06.08.2019. Der Guardian lernt von Dóra Maurer, aus einem verrückten libertären Impuls heraus die Ordnung zu stürzen. Die taz ahnt mit Berthe Morisot, dass die bürgerliche Frau nicht aufs Abendessen wartete, sondern auf eine neue Zeit. Außerdem wirft sie einen Blick auf die Mode nach der Mode. Der Tagesspiegel vermisst den selbstherrlichen Prinzipal in der Bayreuther Ausstellung über den coolen Wolfgang Wagner. Die Presse ächzt über die zunehmende Gleichförmigkeit bei Netflix-Serien: "Im Krieg wie im All, die gleichen Typen."

Beton ist von großer Anmut

05.08.2019. Der FAZ fällt nichts ein, was Neo Rauch anstelle seines "hingeschmierten" Bildes "Der Anbräuner" Wolfgang Ullrichs Kritik hätte entgegensetzen sollen. Die NZZ lässt sich in Luzern von William Turners Bewegungsenergie mitreißen. Die taz erinnert daran, dass vor Notre Dame schon die Klosterkirche Deir Turmanin , 30 Kilometer westlich von Aleppo, mit Doppeltürmen und einem Rosettenfenster prunken konnte. FR und Berliner Zeitung trauern um den Filmemacher D.A. Pennebaker. Und die SZ schlägt Alarm: Dem Bau geht der Sand aus.

Ästhetisierung als Entsorgung

03.08.2019. In der NYRB lernt Christopher Benfey von Rodin, wie wichtig die Füße für das Denken sind. Hyperallergic beobachtet beim Gray Area Festival in San Francisco Versuche immersiver Kunst mit neuester Technologie. In der NZZ beschreibt der Politologe Udo Bermbach, wie schwer sich Bayreuth mit der "Entnazifizierung Wagners" getan hat. In der FAZ denkt Ernst-Wilhelm Händler über Literatur und ihre Konkurrenz im Zeitalter der Digitalisierung nach. Im Interview mit der Welt erzählt Jesse Hughes von den Eagles of Death Metal, wie er beim Terrroranschlag auf das Bataclan lernte, die Menschen zu lieben.

In Pflanzen leben

02.08.2019. Die taz hört brasilianische Musik: von Afropop bis zu karibischem Country-Surf und frenetischem Carimbó. Die New York Review of Books pflückt einen Comté aus den Schamhaaren des Küchenchefs Heston Blumenthal. Und: Das Woodstock-Revival fällt aus. Ist überhaupt noch was vom Geist Woodstocks zu spüren? Hier gibt's nur Konzerte mit Rauchverbot, meldet der Tagesspiegel von der legendären Wiese Max Yasgurs.

Noch ein paar Dezibel mehr

01.08.2019. Erst Klimakunst bewundern und dann zur nächsten Biennale jetten: Die Zeit staunt über die enorme Heuchelei in der Kunstwelt. A propos Heuchelei: Die Zeit berichtet auch von der Versteigerung von Neo Rauchs Karikatur "Der Anbräuner". In Salzburg bewundert der Standard den Furor von Elena Stikhinas "Medée", die SZ aber schimpft: Simon Stone inszeniert wie ein Sozialarbeiter. Die taz empfiehlt eine Reihe mit lesbischen Liebesfilmen.