Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.11.2024. Die Deutschen sind nicht gut vorbereitet auf eine weitere Amtszeit von Donald Trump, sie sind ganz generell schlecht vorbereitet auf die Zukunft, meint der britische Ökonom Adam Tooze im Interview mit der FR. Ökologie und Liberalismus passen sehr gut zusammen, versichert der französische Philosoph Gaspard Koenig in der Welt. In der FAZ hofft David Wagner, dass der Bundestag Organspenden erleichtert. Der Krieg der Narrative um die Amsterdamer Ereignisse tobt weiter.
Um die Ereignisse in Amsterdam tobt inzwischen ein Krieg der Narrative. Christina Koppenhöfer berichtet in der taz, ein Video der Fotografin Annet de Graaf, das durch viele Medien ging, zeige in Wirklichkeit gewalttätige israelische Fans, und nicht umgekehrt. Ruud Koopmans versucht auf Twitter, die Ereignisse zu resümieren. "Der Taxifahrer, der am Vorabend angegriffen worden sei, ist bisher nichts als eine Behauptung, die viele jetzt als Fakt beschreiben. Videobelegt von dem Abend ist aber, dass jemand in einen eiskalten Kanal geworfen wurde und gezwungen wird, 'Free Palestine' zu rufen."
Geradezu verzweifelt liest sich der Artikel von Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, in Zeit online: "Ich höre, israelische Fans seien grölend durch Amsterdam gelaufen, Ultras von Maccabi Tel Aviv hätten rassistische Fangesänge angestimmt. Wenn das stimmt: Mit jüdischen Werten hat dies nichts zu tun. Es ist eine Schande. Doch ist es ein Grund, um Juden als Juden anzugreifen? In einer gemeinsamen Erklärung betonten die Stadt Amsterdam und die Polizei, Angreifer seien 'aktiv auf die Suche gegangen nach israelischen Fans, um sie anzugreifen und zu misshandeln'."
Die Krawalle gingen gestern Abend in Amsterdam weiter. "Propalästinensische" Demonstranten steckten unter "Scheißjuden"-Rufen eine Straßenbahn in Brand.
Die Deutschen sind nicht gut vorbereitet auf eine weitere Amtszeit von Donald Trump, sie sind ganz generell schlecht vorbereitet auf die Zukunft, meint der britische ÖkonomAdam Tooze im Interview mit der FR: "Ich zitiere gerne Kants Diktum von der selbst verschuldeten Unmündigkeit, sie scheint das deutsche politische System gefangen zu halten, indem es essenzielle Debatten um Zukunftsstrategien durch Scheindiskussionen und symbolische Politik ersetzt. Es ist eine Haltung der Verweigerung in Deutschland zu erkennen, einer Verweigerung einer umfassenden, mutigen Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen der Zeit. Das ist in der Tat frappierend." Und auch "in den deutschen Konzernzentralen hat über Jahrzehnte ein massiver Konservatismus geherrscht, was sich nun rächt. Das grenzt an Inkompetenz und Realitätsverweigerung. Ich meine, die Deutsche Bank war vor 15 Jahren noch ein Global Player, heute wird sie international nur noch belächelt."
Donald Trump will nach jüngsten Meldungen den Klimaschutz zurückfahren und aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen. Was wir jetzt dringend bräuchten, wäre "eine Klimapolitik für Konservative", fordert der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer, im Interview mit Spon. Denn dass sich viele Konservative inzwischen als Klimagegner sehen, liegt für ihn auch am Rigorismus der Klimabewegung: "Konservative und Bauern sehen sich als Antipoden zu veganen Großstadtaktivisten, die für sie zum Feindbild geworden sind. Ich habe immer dafür geworben, die Klimapolitik nicht primär zu einer Lebensstilfrage zu machen. ... Die Klimabewegung hat es nicht ausreichend geschafft, Klimapolitik dauerhaft mehrheitsfähig zu machen. Sie wurde als zu abgrenzend, belehrend und moralisierend wahrgenommen. Es war auch ein Fehler der Klimabewegung, die Kapitalismuskritik zu einer Identitätsfrage zu machen. Einige suggerierten, die Klimakrise sei nicht ohne eine Revolution zu lösen. Das führt nicht zu tragfähigen Kompromissen. Man hat das Klimathema damit überladen. Das fällt nun auf uns zurück." Gleichzeitig warnt Edenhofer Konservative und Liberale: Alle Versuche, die Klimapolitik zurückzudrehen, würde gegen den Green Deal der EU verstoßen und zu Strafzahlungen führen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Gerade wurde in der Rede Marko Martins der moralische Bankrott der deutschen Russland-Politik benannt (unsere Resümees), nun erscheint ein Buch zum Thema, das die Sache eher nüchtern anzugehen scheint. Der Historiker Bastian Matteo Scianna nimmt den "Sonderzug nach Moskau", den die deutsche Politik - aber nicht nur sie - nach 1990 bestiegen hat. Es ist nicht so, dass deutsche Politiker aus Naivität agiert hätten, resümiert Rezensent Thomas Speckmann in der FAZ. "Die Bundesregierungen orientierten sich in der Russlandpolitik des wiedervereinigten Deutschlands an nationalen Interessen, die vor allem wirtschaftspolitisch und innenpolitisch geprägt waren. Verbunden damit war eine Einbindungspolitik gegenüber Russland. Wie der Westen insgesamt entwickelte auch die Bundesrepublik keine kohärente Eindämmungs- oder Abschreckungspolitik gegenüber Wladimir Putin bezüglich der Ukraine, die Überlegungen des russischen Präsidenten zu einer direkten Aggression durch Russland vielleicht hätten beeinflussen können… Hinzu kamen auch nach seiner Analyse deutsche Sonderwege - etwa bei der Pipeline Nord Stream 2 oder bei Schröders enger persönlicher Bindung an Putin."
Weiteres: In der NZZerinnertLeon de Winter die Niederländer daran, dass es Antisemitismus bei ihnen schon lange vor der jüngsten Einwanderungswelle gab, und die "Israel-Kritiker" daran, dass seit 1945 etwa 12 Millionen Muslime "durch gegenseitige Gewalt" getötet wurden. Im Tagesspiegelberichtet Tilmann Warnecke vom Rücktritt zweier Studentenvertreter im Asta der HU Berlin, weil er "keinen sicheren Raum" mehr biete für jüdische Studenten und "für all die Personen, die antisemitismuskritische Arbeit machen". In der FRannonciert Pitt von Bebenburg einen weiteren Offenen Brief, unterschrieben unter anderen von Deborah Feldman, Amira Hass und Thomas Piketty, der fordert, unverzüglich "Deutschlands Mittäterschaft an israelischen Völkerrechtsverbrechen" zu beenden. In der SZ bittet die schottische Autorin A. L. Kennedy die "lieben Deutschen", keine konservative oder rechtspopulistische Regierung zu wählen, denn "dann werdet Ihr wie wir", was heißt, enorm unglücklich.
Der französische PhilosophGaspard Koenig erzählt im Interview mit der Welt (und in seinem gerade in Frankreich erschienenen Buch "Agrophilosophie"), sein Umzug aufs Land habe ihn gelehrt, dass Liberalismus und Ökologie sehr gut zusammengehen: "Man muss zwischen den Begriffen Marktwirtschaft und Wachstum unterscheiden. Die UDSSR war sozialistisch und produktivistisch, und ihre Bilanz in Bezug auf die Umwelt ganz besonders katastrophal. Immerhin hat sie es sogar fertiggebracht, ein ganzes Meer verschwinden zu lassen (den Aralsee). Der Kapitalismus ist eine Form des Austauschs. Die Idee des ständigen Wachstums führt dazu, dass ein gewisser Prozess blockiert wird. Die Schaffung eines Mehrwerts bedeutet, etwas zu festigen und das, was man produziert, quasi unvergänglich zu machen. Damit einige Dinge wachsen können, müssen jedoch andere vergehen. Und damit neue Lebewesen heranwachsen können, muss der Boden erst molekulare Bestandteile von toten Körpern zersetzt haben. Gäbe es nur Wachstum, würde das Universum aus allen Nähten platzen! Wachstum und Zerfall sind die beiden natürlichen Atmungsbewegungen unseres Planeten. ... Wachstum darf also für die öffentliche Politik kein Ziel sein. Was jedoch nicht bedeutet, dass man keine Wirtschaftsorganisation beibehalten kann, die auf Freihandel und Kapital basiert. Es war ja schließlich auch die Landwirtschaft, die Märkte, Messen und die ersten Börsen erschaffen hat. Wenn es einem gelingt, der Erde einen kapitalistischen Wert zu verleihen, so macht man aus ihr wieder ein Objekt von wirtschaftlichem Interesse und könnte Milliarden in die Regenerierung des Bodens investieren. Das ist es, was man manchmal als regenerative Finanzierung bezeichnet."
In der tazerinnert sich Dirk Knipphals an seinen Philosophieprofessor Herbert Schnädelbach, der im Alter von 88 Jahren gestorben ist: "Den vernunftkritischen Impulsen aus Frankreich, die in der Zeit breit diskutiert wurden - Stichwort: Das Andere der Vernunft -, stand er dagegen skeptisch gegenüber, ließ sie aber in Seminaren gründlich rezipieren und kontrovers diskutieren. An einem Universalismus der Vernunft, selbstverständlich stets selbstkritisch und sprachpragmatisch aufgeklärt, hielt er fest." In der FAZ schreibt Christian Geyer.
Der SchriftstellerDavid Wagner legt in der FAZ ein Wort ein für die Widerspruchsregelung in der Frage der Organspenden - die Regelung besagt, dass einem hirntoten Menschen nur dann keine Organe entnommen werden können, wenn er dagegen explizit Wiederpruch eingelegt hatte. So wären sehr viel mehr Organentnahmen möglich, und es könnten Tausende Menschen gerettet werden, so Wagner, der selbst im Jahr 2007 durch eine Lebertransplantation gerettet wurde. Am Donnerstag wird in dieser Frage im Bundestag debattiert: "Nach neunundvierzig Jahren Bedenkzeit (in denen so viele Patienten, die auf eine Organspende warteten, gestorben sind) haben die Abgeordneten des Deutschen Bundestages nicht nur die Möglichkeit, die Organspende in Deutschland zu revolutionieren, sie können auch konkret Leben retten. Meta-Analysen zeigen, dass nach Einführung der Widerspruchsregelung die Zahl der postmortalen Organspenden um bis zu 76 Prozent erhöht und die Transplantationszahlen - bei hinreichenden Vorkehrungen und Einrichtungen in den Kliniken - um bis zu 83 Prozent steigen würden. Ich hatte Glück, ich wurde schon gerettet. Ich lebe in der Nachspielzeit. Sie dauert jetzt siebzehn Jahre, und ich freue mich jeden Tag über mein Leben."
Trump ist gewählt. Auch der irische AutorColum McCann kann es in der FAZ kaum fassen: "Als folgenreicher politischer Moment war diese Wahl beispiellos. Es war ein Paukenschlag, diesmal aber war es eine demokratische Entscheidung. Die Amerikaner haben gewählt. Sie haben sich zu Wort gemeldet. Und sie haben, ob es uns gefällt oder nicht, ein Mandat erteilt." Und McCann stellt fest, was andere auch schon beobachteten: "Amerika ist zerbrochen. Aber nicht mosaikartig zersplittert. Ein tiefer Riss geht durch die Mitte. Und die Kluft zwischen den beiden Hälften ist enorm."
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