9punkt - Die Debattenrundschau

Dorthin, wo es wehtut

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2025. In der SZ erinnert Irina Rastorgueva, dass auf den ukrainischen Gebieten, die Russland besetzt, Menschen leben, denen Haft und Folter drohen. Im Interview mit der Zeit bittet der Rabbi Meir Azari um Vorschläge, wie die Hamas ohne Krieg vom Töten abgehalten werden kann. In der NZZ setzt Richard C. Schneider auf nach wie vor existierende kulturelle Überschneidungen zwischen Israeli und Palästinensern. In der FAZ diskutieren die Herren Horst Dreier und Christian Hillgruber über den Abtreibungsparagrafen. Welt und Zeit fragen sich, wie das Predigen von Vielfalt und Toleranz mit dem Rüchzug in Safe Spaces und Vorwürfen des Kulturkampfes zusammenpasst.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2025 finden Sie hier

Europa

Die russische Schriftstellerin Irina Rastorgueva wirkt recht verzweifelt, wenn sie in der SZ über das für morgen anberaumte Treffen zwischen Trump und Putin in Alaska nachdenkt. Vor allem Trumps Aussagen auf einer Pressekonferenz Anfang der Woche (unser Resümee) wecken schlimmste Befürchtungen: "Trotz des Clownerie-Charakters und des allgemeinen absurden Theaters geht es auf diesem schon jetzt anekdotischen Gipfel um lebende Menschen, Schicksale, ungeheure Qual und Verluste. Nicht nur um diejenigen, die täglich durch russische Bomben sterben, sondern insbesondere auch um diejenigen, die sich unter russischer Besatzung befinden. Sie sind nicht nur gezwungen, in halb zerstörten Städten in der Schusslinie zu leben, oft ohne Wasser und Strom, patriotischen Unterricht in Schulen und Kindergärten zu erdulden, wo ihre Kinder darauf vorbereitet werden, gegen ihr eigenes Land zu kämpfen. Sondern sie müssen auch ständig Angst haben, wegen eines unpassenden Wortes, eines schrägen Blicks oder einfach nur wegen ihrer Unzufriedenheit verhaftet zu werden. Und Verhaftungen bedeuten Folter, endloses Leiden und den Tod - einen schnellen durch Folter oder einen langsamen durch Verletzungen und erworbene Krankheiten."

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In der NZZ sammelt Irina Rastorgueva außerdem weiter Kuriositäten aus der russischen Nachrichtenwelt. Doch vor allem die Abschlussrede des Duma-Vorsitzenden Wjatscheslaw Wolodin bei der letzten Parlamentssitzung gibt zu denken: "Wolodin merkte an, dass derzeit 'viele Prozesse objektiver wahrgenommen werden als früher', so verstehe die Staatsduma beispielsweise nun, dass der Zerfall der UdSSR eine 'Tragödie' sei (...). Außerdem sagte er, dass 'die Geburtenrate eine Frage der Zukunft des Landes ist. Wir müssen verantwortungsbewusst damit umgehen.' Abschließend schlug er den Abgeordneten vor, sich für dieses Ziel zusammenzuschließen."  Das System zeigt sich darüber hinaus beständig, ein Duma-Abgeordneter durfte in einer Sitzung abstimmen, obwohl er verstorben war. "Seine Stimmen wurden bei der Sitzung am 22. Juli gezählt, und an derselben Sitzung wurde sein Tod bekanntgegeben. Man sagt, dass ein Huhn ohne Kopf bis zu zwanzig Minuten weiterlaufen kann. Ein Abgeordneter kann es wohl einen ganzen Tag lang. Und das System - wer weiß, womöglich noch Jahrzehnte."

In der Türkei ist nicht nur die Zahl der Betrugsdelikte in den letzten Jahren steil angestiegen, "eine Gruppe Betrüger brach in das staatliche Onlinesystem ein und errichtete gewissermaßen einen parallelen Staat!", berichtet Bülent Mumay in der FAZ. "Sämtliche Daten der 85 Millionen Einwohner bei E-Government" sollen im Darknet von Hacker verkauft worden sein. "Ein Drogendealer hatte sich einen Ausweis auf einen echten Kommissar im Rauschgiftdezernat des Polizeipräsidiums Ankara ausfertigen lassen. Ein Mann, der von der Bande ein Bauingenieursdiplom gekauft hatte, baute gar vier Stauanlagen in der Türkei. Nicht genug der Merkwürdigkeiten, die Angelegenheit reichte bis in die Politik hinein. Wir erfuhren, dass der Vize des für das BTK-Amt zuständigen Ministers im Besitz von sechs Universitätsdiplomen, zwei Masterabschlüssen und drei Doktortiteln ist. ... Während unsere Daten Hackern in die Hände fielen, erließ die Regierung Anfang des Jahres ein Gesetz, um jene zum Schweigen zu bringen, die dagegen protestieren. Wer über das vom Staat nicht einmal eingestandene Datenleak spricht, muss mit zwei bis fünf Jahren Haft rechnen."
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Politik

Im Interview mit der Zeit erklärt der in Tel Aviv lebende Friedensaktivist und Rabbi Meir Azari, er sei "bei den Demonstrationen für ein Ende des Krieges in Gaza und für die sofortige Freilassung unserer Geiseln dabei, sooft ich kann". Doch zugleich fühlt er sich "von Liberalen in aller Welt verraten durch die einseitige Kritik an Israel und den mangelnden Druck auf die Hamas. Wir liberalen Juden haben immer für die Rechte der Diskriminierten gekämpft, für Schwarze, für Homosexuelle, für unterdrückte Frauen, für Arme. Und vor allem für die Palästinenser. Jetzt können wir uns außerhalb Israels kaum mehr mit der Kippa auf die Straße wagen. Wahnsinn!" Und bei aller Kritik an Israels Kriegsführung erinnert sich Azari auch daran, dass er - wie viele Israeli damals - "einst für Israels Rückzug aus dem Gazastreifen gekämpft hat. Doch was geschah danach? Statt mit den enormen Hilfen von außen einen blühenden Landstrich zu erschaffen, säte die Hamas Hass und untertunnelte alles. Sie begann, selber Waffen herzustellen. Ich wüsste gern, wie wir diese Gefahr weniger blutig abwenden sollen. Ich wünsche mir das ja noch viel mehr als unsere Kritiker auf ihrem sicheren Beobachterposten!"

Um einen Frieden zwischen Israeli und Palästinensern hinzukriegen, müssen sich diese beiden Gruppen kulturell annähern und dadurch Verständnis füreinander aufbauen, konstatiert Richard C. Schneider in der NZZ. "Die kulturelle Kluft zwischen Israeli und Palästinensern ist nicht naturgegeben, sie ist politisch instrumentalisiert, historisch gewachsen. Jenseits der offiziellen Narrative, jenseits von Religion und Politik existieren kulturelle Überschneidungen, die ein Potenzial für Dialog bergen. Diese Potenziale zu erkennen, zu fördern und institutionell zu verankern, wäre ein notwendiger Schritt - nicht als Ersatz für politische Lösungen, sondern als deren kulturelle Voraussetzung. Denn nur wer die kulturelle Sprache des anderen kennt, wird seine Geschichte verstehen können. Und nur wer diese Geschichte kennt, kann auf Augenhöhe sprechen."
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Stichwörter: Hamas

Digitalisierung

Alle großen Internetplattformen werden inzwischen mit KI-Content geflutet, bemerkt Alard von Kittlitz in der Zeit. Was könnten die Folgen sein? Dass wir uns verängstigt irgendwann vor einer immer übergriffigeren Onlinewelt verkriechen? Oder dass wir sie ignorieren, weil sie immer surrealer wird? Kittlitz stellt sich eher eine "endlos sich erweiternde Welt gefälliger, von der KI erstellter Inhalte vor, geschult an dem, was mir, was dir, was ihr, was ihm jeweils gefällt. Der kommende Mensch bewegt sich in einem Metaversum, bevölkert von perfekten KI-Freunden, in deren Begleitung er sich durch perfekte KI-Welten bewegt. Wie jener Film in David Foster Wallace' Roman, von dem sich die Zuschauer, einmal angeschaltet, nie mehr lösen können, bis sie davor lächelnd verdursten und krepieren: unendlicher Spaß."
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Gesellschaft

In der FAZ diskutieren die Juristen Horst Dreier und Christian Hillgruber über die Widersprüche der Regelung zum Schwangerschaftsabbruch. Für Hillgruber, der keinen Unterschied zwischen Embryo und Kind macht, "muss über die Frage des Schwangerschaftsabbruchs immer unter Beachtung des Lebensrechts und der Würde des Kindes entschieden werden. Es ist keine reine Selbstbestimmungsfrage der schwangeren Frau". Gegen den Abtreibungsparagrafen stellt er sich nicht generell, aber er fordert, dass die Beratung, die vor einer Abtreibung für die Schwangere Pflicht ist, die Frau eindeutig für das "ungeborene Leben" gewinnen soll. "In der Beratung soll die Mutter, wenn ihr das nicht ohnehin bewusst ist, darüber aufgeklärt werden, dass ihr Kind eine Würde und ein eigenständiges Lebensrecht auch ihr gegenüber hat. Im Übrigen soll die Schwangere durch einfühlsame Beratung für das Leben des Ungeborenen gewonnen werden. ... Und ja, da gibt es Defizite, Pro Familia erkennt zum Beispiel die Lebensschutzorientierung der Beratung nicht an und setzt sie in der Praxis nicht um. Der Organisation müsste die Beratungslizenz entzogen werden, weil sie die Rahmenbedingungen verletzt." Horst Dreier, der die Widersprüche des Abtreibungsparagrafen sehr viel deutlicher sieht, argumentiert vor allem pragmatisch: Er würde an der jetzigen Regelung festzuhalten, weil sie funktioniert. Keiner der beiden Herren hat ein Gespür für seinen Paternalismus.

Schon erstaunlich, dass in einer Zeit, in der immer wieder Vielfalt und Toleranz gepredigt wird, vor allem die Einfalt herrscht. Man zieht sich zurück in Safe Spaces, wo man sich von allen abschotten, die die eigenen Ansichten nicht teilen, überlegt Ahmad Mansour in der Welt. Die Antwort auf widersprechende Ansichten darf jedoch "nicht das Canceln sein, sondern der Gang dorthin, wo es wehtut, wo nicht Zustimmung, sondern Widerspruch wartet. Medien müssen dies täglich vorleben, Schulen müssen das Debattieren zum Pflichtfach machen, Debattierclubs sollten zu einem zentralen Ort jugendlicher Freizeitgestaltung werden. 'Umstritten' und 'streitbar' dürfen keine abwertenden Etiketten sein, sondern Auszeichnungen - Beweise, dass jemand bereit ist, sich dem offenen, zivilisierten Konflikt zu stellen."

Ähnlich sieht das auch Ijoma Mangold in der Zeit. Ihm stößt auf, dass Diskussionen immer öfter mit dem Vorwurf des "Kulturkampfs" abgebrochen werden, dabei sollten sie in diesem Moment doch erst richtig losgehen: "In Deutschland hat der Begriff Hochkonjunktur, seit dem progressiven Lager der Wind ins Gesicht weht. ... Wenn die Trump-Administration die DEI-Programme einstampft, die für diversity, equity und inclusion standen, dann ist das nämlich denklogisch in genau dem Maße Kulturkampf, wie es deren Einführung einst eben auch war. Nur dass das moralisch fortschrittsbewusste Establishment in den Zehnerjahren nicht auf die Idee gekommen wäre, Wokeness könnte etwas mit Kulturkampf zu tun haben - man sah in allen entsprechenden Maßnahmen vom Sprachregime über die Antirassismus-Seminare bis zur Regenbogenflagge auf dem Bundestag nur Emanzipationsakte im Geiste der geschichtlichen Fortschrittsvernunft. ... in Wahrheit haben wir eben alle ein kulturkämpferisches Gen in uns. Es kostet übermenschliche Anstrengungen, seine Mitwelt nicht erziehen zu wollen - das gilt für progressive Gesellschaftsprojekte genauso wie für die konservative Reconquista-Agenda. Also auf in den Kulturkampf - nur so lernen wir uns gegenseitig kennen!"

Der Kultur geht es schlecht, diagnostiziert Johannes Franzen in der taz. Schuld sind der siegreiche Rechtspopulismus, der sich "mit dem Darwinismus eines ins mythische gesteigerten Neoliberalismus" verbindet, "der sich immer darauf berufen kann, dass die Gesellschaft sich diesen elitären Luxus nicht mehr leisten will. Damit ist auch die Kultur Opfer der Mischung aus Austerität und Marktglaube, die seit Längerem die Fundamente unserer Gesellschaft erodiert", so Franzen, der hofft, dass die Populärkultur die Kultur insgesamt retten kann, weil sie vitaler sei, meint er und führt als Beleg die Debatten über J.K. Rowling an.

Weitere Artikel: Im Interview mit der FAZ erklärt der bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle, was Bayern in Sachen Antisemitismusprävention unternimmt und er konstatiert, "dass der Judenhass jetzt in der Mitte der Gesellschaft angelangt ist. Die Kritik an der israelischen Regierung, die völlig berechtigt ist, und am Verhalten der israelischen Armee wird auf jüdische Menschen in diesem Land pauschal übertragen, und es ist schick geworden, Juden zu verfolgen." Und Elisabeth von Thadden unterhält sich in der Zeit mit dem Philosophen Jonathan Lear über Dankbarkeit.
Archiv: Gesellschaft