Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.09.2025. Während Polen einige russische Drohnen abgeschossen hat, versucht heute die Bewegung "Blockiert alles" Frankreich lahm zu legen. Nachdem die Franzosen den König geköpft und die Republik säkularisiert hatten, blieb ihnen nur noch die Ideologie, versucht im Spiegel der Soziologe Gérald Bronner die allgemeine Blockadewut zu erklären. Kompromisse gehören nicht zum Habitus der Fünften Republik, meint die SZ. Die FAZ fragt, was das neue Leuchtturmprojekt "Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation" in Halle an der Saale eigentlich will, außer Jobs für Wissenschaftler schaffen?
Ein historischer Tweet. Der polnische Luftraum wurde von russischen Drohnen verletzt, einige scheint Polen abgeschossen zu haben. Mitten in der Nacht schrieb der polnische Premierminister Donald Tusk: "Eine Operation im Zusammenhang mit mehreren Verletzungen des polnischen Luftraums ist im Gange. Das Militär hat Waffen gegen die Ziele eingesetzt. Ich stehe in ständigem Kontakt mit dem Präsidenten und dem Verteidigungsminister. Ich habe einen direkten Bericht vom Einsatzleiter erhalten."
Trwa operacja związana z wielokrotnym naruszeniem polskiej przestrzeni powietrznej. Przeciwko obiektom wojsko użyło uzbrojenia. Jestem w stałym kontakcie z Prezydentem i Ministrem Obrony. Odebrałem bezpośredni meldunek od dowódcy operacyjnego.
Bei der "Tagesschau" ist der Abschuss der russischen Drohnen der Aufmacher: "Dem Eindringen der Drohnen in den polnischen Luftraum gingen stundenlange russische Luftangriffe auf den Westen der Ukraine voraus."
Anderswo in Europa: "Es ist kompliziert, noch komplizierter als vor neun Monaten", hält Oliver Meiler in der SZ angesichts der politischen Lage in Frankreich fest. Nachdem der Premierminister François Bayrou die Vertrauensabstimmung verloren hat (unser Resümee), hat Macron jetzt einen neuen bestimmt, den bisherigen Verteidigungsminister Sébastien Lecornu. Doch kann er überhaupt etwas ausrichten? Die linken und rechten Lager erscheinen unversöhnlich: "Die französische Politik hat seit Beginn der Fünften Republik keine Übung im Koalieren mehr, Kompromisse gehören nicht zu ihrem Habitus. Das hat auch die Abschiedsvorstellung von Bayrou gezeigt. Die Redner aus der Opposition, der linken wie der rechten, waren in ihrem Urteil über den Zentristen so unerbittlich hart, dass man sich schon fragen kann, ob da noch irgendetwas zusammenwachsen kann. Die radikale Linke und die extreme Rechte fordern die Auflösung des Parlaments und baldige Neuwahlen."
Und heute will die Bewegung "Blockiert alles" gleich das ganze Land lahmlegen. Im Interview mit dem Spiegel sucht der Soziologe Gérald Bronner nach einer psychologischen Erklärung für die Realitätsverweigerung der Franzosen, die unter anderem sauer sind, weil sie demnächst mit 64 Jahren statt mit 62 in Rente gehen sollen: "Wir haben in diesem Land seit Langem eine sehr hohe Erwartungshaltung an den Staat, letztendlich erwarten wir zu viel von ihm. Vielleicht geht das auf die Französische Revolution zurück. ... Als der König enthauptet wurde, der ja eine Macht von göttlicher Verfügung verkörperte, blieb das soziale Gefüge zunächst ohne Körper, ohne Führung. An die Stelle des Königs trat dann die Idee des Volkes und später des Staates. Der Soziologe Raymond Aron hat das einmal als säkularisierte Religionen beschrieben. Aufgrund des Rückgangs religiöser Institutionen bekamen Ideologien einen neuen Stellenwert. Die Ideologie, beziehungsweise die Erzählung des Fortschritts, der Glaube daran, dass das Morgen besser sein wird als das Heute, spielte da lange eine besondere Rolle."
"Man redet ja schon gar nicht mehr über mögliche gute Wege aus der Krise, sondern schaut mit einer gewissen Angstlust auf die berühmten 'unvorhergesehenen Ereignisse', die alles noch schlimmer machen", konstatiert die französische Philosophin Cynthia Fleury in einem wenig optimistischen SZ-Interview mit Nils Minkmar: "Frankreich fokussiert sich mit Vorliebe auf das berühmte 'falsche Objekt', also auf Sündenböcke: Macron, Bayrou, bestimmte Einwanderer. Leider wissen wir, dass das Problem viel gravierender und systemisch ist: Wir stehen am Ende eines Wachstumsmodells, in dem die Ressourcen zum Nutzen westlicher Länder verfügbar gemacht wurden. Dieses Modell war nicht fair, sondern basierte auf der Ausbeutung der Umwelt und zunehmend ungünstigen Arbeitsverhältnissen. Wir müssen neue Formen der Regulierung und des Wachstums erfinden, wenn wir nicht selbst zu den Untertanen der neuen Ordnung gehören wollen. Bedauerlicherweise geht die Politik derzeit einen anderen Weg: Wir erleben die Rückkehr des Krieges als Mittel der Politik, um Veränderungen der Lebensweise zu vermeiden."
In der FAZ ist Oliver Weber nicht beeindruckt von Axel HonnethsMerkur-Essay, der sich mit dem Fortschritt auseinandersetzt. Linke Einwände gegen den Fortschritt nehme Honneth ja noch ernst, konservative nicht mehr, kritisiert Weber: "Diejenigen, die dagegen öffentlich Einwände vorbringen, sind, so heißt es im Text, lediglich 'überfordert', 'abgestoßen', 'beunruhigt' oder 'verstört'", ließen sich also ganz von ihren Gefühlen leiten, so Weber, der es durchaus vernünftig findet, auch mal zu fragen, ob sich Gemeinsinn und Solidarität in sich auflösenden Gesellschaften wirklich universalisieren lassen. Er hält es eher mit Charles Taylor, der kürzlich überlegte, ob "die gegenwärtigen 'Verfallserscheinungen der Demokratie' auch darauf zurückzuführen sind, dass die Vertreter des Fortschritts über Einwände wie diese zu schnell hinweggegangen sind. Bestimmte, an Traditionen gebundene Lebensformen lassen sich nicht in Richtung Weltgesellschaft auflösen, ohne Vereinzelung, Entsolidarisierung und schließlich politischen Protest zu riskieren. Der Widerstand, der der Globalisierung inzwischen entgegenschlägt, bietet genügend Anhaltspunkte, dieser These eine gewisse Plausibilität einzuräumen."
Schön, dass die Bundesregierung mit dem "Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation" jetzt - nicht zuletzt aus Angst vor der AfD - ein Leuchtturmprojekt in Halle an der Saale errichtet. Ein "'Harvard' der Transformationsforschung" soll es werden. Dennoch ist Marcus Böick in der FAZ eher zwiegespalten angesichts der Tatsache, dass ostdeutsche Themen in Akademia so lange vernachlässigt wurden: "Ratsam wäre es, nun auch endlich mit verschiedenen Forscherinnen und Forschern offen darüber zu sprechen, was im 200-Millionen-Euro-Glaspalast zu Halle, dessen Eröffnung selbst bei pünktlicher Fertigstellung schon in die Zuständigkeit eines AfD-Ministerpräsidenten fallen könnte, eigentlich inhaltlichpassieren soll. ... Doch es stellt sich noch ein weiteres, perspektivisches Problem - und auch dieser Text ist bislang ein beredtes Beispiel dafür: Die nationale Nabelschau muss endlich überwunden werden. Freilich, es soll bald in Halle auch um 'Europäische Transformationen' gehen - was auch immer das am Ende sein mag. Doch in der Praxis erweist sich schon der Graben zwischen Ostdeutschland und Zentral- und Osteuropa erfahrungsgemäß als viel tiefer, als man es im Jahr 2025 vielleicht erwarten könnte."
Ebenfalls in der FAZ antwortet die Historikerin Franziska Davies auf die Kritiker ihres Artikels (unser Resümee) über den russischen Historiker Alexei Miller und den Unwillen vieler westlicher Osteuropahistoriker, sich mit dem russischen Kolonialismus auseinanderzusetzen.
"Während Kahane einst aus der Knesset geworfen wurde, sitzt heute sein geistiger Schüler im Kabinett", schreibt Richard C. Schneider in der NZZ und meint damit den Polizeiminister Itamar Ben-Gvir, der den Lehren des extremistischen Rabbi Meir Kahane folgt. In den Achtzigern waren dessen Positionen inakzeptabel, heute spiegeln sich seine Positionen in vielen Maßnahmen wider, die Ben-Gvir ergreift: "Auch in der Waffenpolitik Ben-Gvirs schreibt sich Kahanes Linie fort. Schon in den 1980er Jahren hatte er sich für bewaffnete Bürgerwehren ausgesprochen. Ben-Gvir verwirklicht diese Idee nun mit staatlichen Mitteln: Er hat Zehntausende von neuen Waffenscheinen ausgegeben, besonders an Juden in gemischten Städten. Offiziell geschieht das zur 'Selbstverteidigung'. In Wahrheit aber bedeutet es, dass jede Straßenszene, jeder Streit zwischen Nachbarn das Potenzial zum Blutbad hat. Kritiker warnen vor einer Privatisierung der Gewalt, also genau vor dem, was Kahane als 'Schutz des jüdischen Volkes' predigte. Anfang dieser Woche verkündete Ben-Gvir, dass er Bürgern von fünf weiteren Regionen und Städten Waffenscheine ausgeben wolle."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Schätzungsweise 30.000 Menschen wurden in Folge der Anti-Drogenpolitik des phillipinischen Präsidenten Rodrigo Duterte getötet, erinnert die Journalistin Patricia Evangelista, die ein Buch zum Thema geschrieben hat, im Welt-Gespräch mit Christina zur Nedden: "Auf den Philippinen waren Süchtige und Dealer plötzlich Leben, die niemand zu betrauern hatte. Süchtige und Dealer waren keine Menschen mehr. Sie wurden entmenschlicht. Wie wurde entschieden, wer getötet wird? Jedes Dorf führte eine 'Watchlist'. Namen wurden von Nachbarn eingetragen, von Lokalbeamten, von anonymen Hinweisgebern. Manche Dörfer hatten Briefkästen, in die man Zettel werfen konnte. Oft ohne Überprüfung. In einem Fall ließ man die Bürger in einer Turnhalle abstimmen, wer der schlimmste Dealer sei."
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