9punkt - Die Debattenrundschau

Abschied von der Welt von gestern

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.08.2024. Die Olympischen Spiele haben die deutsche Presse bezirzt: "Paris ist das schönste olympische TV-Fest aller Zeiten", schwärmt die taz in einer vorläufigen Bilanz, ein "Sommermärchen", die FAZ, "etwas ästhetisch Ausdeutbares, künstlerisch Wertvolles" die SZ. Düsterer wird die Stimmung im Blick nach Osten: Putins Choreografie der Spaltung Europas wird bis heute unterschätzt, warnt Karl Schlögel in der Rheinischen Post. Und Putin hat keine Angst, versichert Viktor Jerofejew in der FAZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2024 finden Sie hier

Gesellschaft

Gewiss, man kann viel am Weltsport und seinen Verbänden kritisieren, aber taz-Autor Jan Feddersen legt sich fest: "Paris ist das schönste olympische TV-Fest aller Zeiten. ... Man nimmt Anteil an Stars und Sternchen, Simone Biles, Malaika Mihambo oder dem deutschen Schwergewichtsboxer Nelvia Tiafack aus Köln, der erst vor wenigen Jahren mit Mutter und Vater aus der alten Heimat fliehen konnte, der in Köln lebt und offenbar längst diese gewisse rheinischen Neigung zum Frohsinn versprüht. Die Bronzemedaille zu gewinnen war heldisch, und wir hatten Anteil an seiner Geschichte, die mehr über das Deutschland von morgen aussagt als die gestrauchelten Hockeymänner, die, schnöselig sich allen überlegen wähnend, von den Niederländern bezwungen wurden."

Wir hätten auch ein Video eingebettet, aber der olympische Copyright-Inhaber hat alle Videos in den sozialen Netzen gelöscht.

"Schon jetzt steht fest, dass Paris ein Sommermärchen erlebt hat", konstatiert auch FAZ-Korrespondentin Michaela Wiegel. Es sind vor allem die ärmsten Gegenden der Banlieue, die von dem Ereignis profitieren - durch die neuen U-Bahnlinien, die nun weit in die Vorstädte reichen. Wiegel begibt sich auf eine Rundfahrt: "Die Tour beginnt am wohl schönsten Bahnhof der Hauptstadtregion, Saint-Denis-Pleyel. Der Name Pleyel kommt tatsächlich von den berühmten Flügeln und Klavieren, die an diesem Ort einmal gebaut wurden. Der Bahnhof hat auch viel edles Holz vorzuweisen, aber erinnert an ein Origami. Der japanische Architekt Kengo Kuma hat das Tageslicht geschickt in den tiefsten Metroschacht geholt, der im untersten der neun Stockwerke liegt."

Und Holger Gertz schreibt in einer vorläufigen Bilanz auf Seite 3 der SZ: "Die Stadt der circa 130 Theatersäle, der zahllosen Kinos mit raumgreifenden Namen wie 'Le Grand Rex', hat während der Spiele versucht, die Erzählung von Sport in eine andere Richtung zu drehen, ihr einen zusätzlichen Spin zu verpassen, wie das neuerdings heißt. Die Vision, dass olympischer Sport etwas ästhetisch Ausdeutbares, künstlerisch Wertvolles sein kann, wenn man den entsprechenden Rahmen darum spannt."

Die Satirikerin Sophie Aram kann es nicht glauben: Die Pariser Bevölkerung tanzt mit der Polizei:


Und noch eine wundersame Szene, die von der friedensstiftenden Wirkung der Musik zeugt:

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Ideen

Jean-François Lyotard, einer der Begründer der French Theory, wäre in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden. In eine katholische Familie geboren, befasste er sich zeit seines Lebens auch mit dem Holocaust, schreibt Niklas Steinkamp in der taz: "Von ihm als sein Hauptwerk bezeichnet, fragte er in 'Der Widerstreit' (1983) nach den Prozeduren, wie die Realität durch Sprache erst als Gegenstand etabliert wird. Angestoßen wurde diese Reflexion unter anderem durch den Skandal um Robert Faurisson, der die Existenz der Gaskammern leugnete. Lyotard sah diesen Versuch, die Erinnerung an die Opfer auszulöschen, als Fortsetzung der Vernichtung mit anderen Mitteln. Ob eine Sache existiere oder nicht, trat für Lyotard hinter der ethisch-politischen Frage zurück, wie zuallererst die Welt in Sätzen präsentiert wurde und dort eine Wirklichkeit unterschlagen wird: 'Ich möchte Widerstreit einen Fall nennen, in dem der Kläger seiner Mittel zum Argumentieren beraubt ist und dadurch zum Opfer wird.'"

In der FR gedenkt Konstantin Johannes Sakkas Lyotards: "Auschwitz als tat-lose Tat, die Gegenwart als zeit-lose Zeit - das sind die beiden Grunddiagnosen Lyotards, mit denen er die intellektuelle Szene um 1980 erschüttert."

Julian Nida-Rümelin teilt zwar mit dem neuerdings viel befragten Politologen Philip Manow die Kritik an einer zunehmenden Verrechtlichung der Politik, aber bei Manows Idealisierung des Elektoralen gegenüber dem Judikativen will er im Gespräch mit Philipp Bovermann und Wolfgang Janisch von der SZ nicht mitmachen, "weil elektorale Demokratie letztlich bedeutet, dass es eine Art Mehrheitsdiktatur auf Zeit gibt. Im unglücklichsten Fall führt das alle vier oder acht Jahre zu einer demokratischen Revolution, die alles auf den Kopf stellt. Das ist durch das Auseinanderdriften der beiden großen Parteien gerade die Tendenz in den USA. Die politikwissenschaftliche These, wonach Systeme der Mehrheitswahl zu einem Zusammenrücken in der politischen Mitte führen, ist empirisch widerlegt. Wir brauchen deshalb Regeln, die dem Trend zu den Extremen entgegenwirken." Nida-Rümelin wendet sich in dem Gespräch auch gegen eine Antisemitismusklausel: "Eingriffe des Staates in die Kunst- und Wissenschaftsfreiheit verbieten sich. Gesinnungsprüfungen gehen gar nicht. Es ist immer die Kunst selbst, die qualifiziert - und nicht, welcher politischen Meinung der eine oder die andere ist." Eine Befürchtung, dass es dann einfach bei der Freiheit der Mandarine bleibt, keine israelischen Künstler einzuladen, äußert Nida-Rümelin nicht.

Thomas Thiel macht sich in der FAZ über KI in der Bildungswelt Gedanken: "Wo die Grenze zur Unmündigkeit verläuft, ist oft schwer zu erkennen. Für das Projekt der Aufklärung, sich ohne Anleitung eines anderen des eigenen Verstandes zu bedienen, ist die Künstliche Intelligenz ein tiefer Einschnitt. Angesichts des Fortschritts der Wissenschaften wirkte Kants Formel schon immer zwiespältig. Wie soll man selbstbewusst über eine Welt urteilen, von der selbst Experten nur näherungsweise winzige Ausschnitte kennen?" Ebenfalls in der FAZ fragt Dietmar Dath, ob sich "Big Tech" von der Politik noch wird einhegen lassen.
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Europa

Oleg Orlow, 71, von Memorial gehört zu jenen politischen Gefangenen, die gegen Putins Auftragsmörder Wadim Krassikow ausgetauscht worden sind. "Wenn mir klar gesagt worden wäre, du wirst ausgetauscht, aber die anderen nicht, und ich gefragt worden wäre, hätte ich abgelehnt. Aber sie haben mich nicht gefragt", sagt er im Gespräch mit Barbara Oertel von der taz. Putin muss im Krieg gegen die Ukraine besiegt werden, betont er an die Adresse der westlichen Öffentlichkeiten: "Jetzt Beziehungen aufzunehmen würde das Regime in Moskau als großartigen Sieg präsentieren. Europa hat nach- und aufgegeben, würde es dann heißen. Ja, sie haben versucht, uns unter Druck zu setzen, aber wir haben dem widerstanden, so würde das Narrativ lauten. Der Krieg in der Ukraine, der zu Putins Bedingungen zu Ende geht, würde ebenfalls als Sieg inszeniert. Das würde das Regime über Jahre aufrechterhalten und stärken." Michael Maier protokolliert in der Berliner Zeitung Orlows Aussagen über das russische Gefängnissystem.

Viktor Jerofejew widmet dem Gefangenenaustausch in der FAZ einen seiner düster-sarkastisch mäandernden Essays. Einige sagen, Putin habe erst Nawalny umbringen lassen, bevor er dem Austausch zustimmte, aber daran glaubt Jerofejew nicht: "Putin kann die Opposition nicht ausstehen, hat aber wenig Angst vor ihr. Er hatte keine Angst vor Nawalny und auch nicht vor den anderen derzeitigen Oppositionellen. Für ihn sind sie nervige Hummeln. Er weiß, das Volk wird ihnen nicht folgen. Man müsste schon eine katastrophale Situation schaffen, damit das Volk auf die Opposition hört, so etwas wie eine ungeschickte Generalmobilmachung. Oder der Westen müsste irgendwelche unglaublichen Sanktionen erlassen. Aber selbst dann ist es wahrscheinlicher, dass die Elite auf die Barrikaden geht und nicht das Volk."

Nikolai Klimeniouk erzählt in der NZZ unter Bezug auf ein New-York-Times-Artikel, dass der Austausch von Nawalnys Mitstreiterin Maria Pewtschich initiiert wurde und anfangs vor allem Nawalny befreien sollte. Klimeniouk macht aber auch klar, warum er den Austausch "ethisch problematisch und politisch katastrophal" findet. Ihn stört unter anderem die Märtyrerethik der russischen Oppositionellen. So wie Nawalny betonten auch Ilja Jaschin oder Wladimir Kara-Mursa, dass sie lieber in Putins Gefängnissen schmoren als ins Exil zu gehen. "Romantische Heimatschwärmerei und bedingungslose Vaterlandsliebe. Russlands offizielle Ideologie pocht auf vermeintlich traditionelle Werte. Die russische Opposition gibt sich liberal, modern, zeigt aber nur andere Facetten dieser archaischen Weltsicht. Und nun, so scheint es, zwingt sie diese Archaik der westlichen Welt auf."

Die Krawalle in Britannien scheinen einigermaßen eingedämmt. Die Frage ist nicht nur, wie Rechtsextreme sie manipulieren konnten, sondern warum so viele andere mitliefen. Meist ist es ja so, dass sich Rechtsextreme am Elefanten im Raum mästen, und tatsächlich: Einen der Gründe für die Unzufriedenheit der Bevölkerung streift Dominic Johnson nur kurz am Ende seiner Analyse für die taz: "Ein weiteres Thema ist, dass Großbritannien seit dem Brexit mehr Zuwanderer aufgenommen hat als in den zwanzig Jahren davor. Allein in den vergangenen zwei Jahren betrug die Nettozuwanderung rund 1,5 Millionen Menschen. Das wird politisch totgeschwiegen, weil es weder den Brexit-Gegnern noch den Brexit-Befürwortern in den politischen Kram passt." Hier außerdem Stefan Hunglinger taz-Bericht aus Bristol.

In drei Wochen finden in Thüringen und Sachsen die allseits gefürchteten Wahlen statt. In Sachsen sind laut jüngsten Umfragen 79 Prozent der Wähler für Frieden mit Putin, zusammengerechnet: 32,7 Prozent für die CDU, 30,3 Prozent für die AfD, 12,1 Prozent für Sahra Wagenknecht, 3,9 Prozent für die Linkspartei, von den 6,0 Prozent für die SPD zu schweigen. Ja, auch die CDU, denn Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) fordert laut Tagesspiegel "eine Kürzung der Waffenhilfe an die Ukraine und begründet dies mit dem Streit um den Bundeshaushalt 2025. 'Wir können nicht länger Mittel für Waffen an die Ukraine in die Hand nehmen, damit diese Waffen aufgebraucht werden und nichts bringen', sagte Kretschmer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND)."

Der Historiker Karl Schlögel rät dagegen im Gespräch mit Lothar Schröder von der Rheinischen Post "Abschied von der Welt von gestern zu nehmen. Ohne in Pathos zu verfallen bedeutet das, dass man sich auf Opfer einstellt und begreift, harten Zeiten entgegenzugehen." Mit Blick auf Putin warnt Schlögel: "Seine Choreografie der Spaltung Europas wird bis heute unterschätzt. So wie es einen hilflosen Antifaschismus gab, so gibt es auch eine Art hilflosen Anti-Putinismus. Man muss endlich begreifen: Die Flucht in den Krieg gegen die Ukraine und den Westen ist Putins Antwort auf die innere Krise Russlands und die Angst des Diktators vor dem Verlust der Macht. Er verbindet seinen Namen mit dem Sieg in diesem Krieg. Wie dieser Sieg am Ende von ihm dann definiert wird, muss man sehen. Sein Schicksal jedenfalls ist verknüpft mit dem Ausgang des Krieges."
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Medien

Wer sich nicht damit begnügen will, dass die öffentlich-rechtlichen Sender so oder so in unser aller Leben mitlaufen und dabei unverrückbar sind wie die Alpen, der kann natürlich auch davon träumen, sie zu reformieren. SZ-Medienredakteurin Claudia Tieschka empfiehlt eine dafür passende Lektüre, eine Studie des Rechtsprofessors Jan Christopher Kalbhenn für die Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall. Hier könne man "sich in der Reformdebatte eine informierte Meinung bilden. ... Man erfährt, was hinter Begriffen wie dem 'Intendantenprinzip' steckt; warum der Zukunftsrat eine Dachorganisation für die ARD vorschlägt - und welche Standortinteressen das ausbremsen: welche Vorteile eine gemeinsame Plattform von ARD und ZDF hätte, wieso Regionalität derzeit als Public Value schlechthin angesehen wird oder wie der Begriff 'Qualität' mit messbaren Kriterien unterfüttert werden soll." Hier bekommt man die Studie.
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