9punkt - Die Debattenrundschau
Lamento des Niedergangs
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2025. In der FAZ plädieren die Informatiker Haya Schulmann und Michael Waidner für die Entwicklung einer nationalen KI-Infrastruktur. In netzpolitik fürchtet die Philosophin Maren Behrensen, KI solle uns zu optimierten Wesen machen. Die NZZ erklärt, warum Putin vielen Russen so verführerisch erscheint: Er bietet ihnen eine negative Identität. In der SZ erinnert der Historiker Michael Brenner daran, dass der Zionismus auch ein säkulares, anderen Ethnien und Religionen zugewandtes Gesicht hat. Militärisch kann man gegen die Hamas eh nix machen, es braucht den Druck aus der palästinensischen Bevölkerung, meint Zeit online.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
01.09.2025
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Digitalisierung
In der FAZ fordern die Informatiker Haya Schulmann und Michael Waidner die Entwicklung einer "nationalen KI-Infrastruktur", eingebettet in einen europäischen Verbund. Möglich sei das, aber es koste viel Geld (vor allem für Energie und Cybersicherheit). Außerdem müssten Datenschutz und Urheberrecht angepasst werden und Entscheidungen über Standorte und Infrastruktur "zentralisiert an einer Stelle mit klarer Verantwortung und klaren Befugnissen" getroffen werden. Was wäre die Alternative? "Solange wir keine eigenen Basismodelle der Spitzenklasse entwickeln, hängen wir von den Angeboten aus Amerika und China ab. Die Risiken solcher Abhängigkeiten sind konkret und vielfältig. Ein im Ausland entwickeltes Sprachmodell kann, bewusst oder unbewusst, fremde Wertevorstellungen in deutsche Verwaltungsprozesse, Bildungssysteme oder die Justiz einbringen. ... Hinzu kommt die Gefahr politischer Einflussnahme: Wenn in der öffentlichen Verwaltung oder im Bildungsbereich fremdentwickelte Suchsysteme oder Sprachsysteme dominieren, können sie langfristig Narrative verstärken, die nicht unseren eigenen demokratischen Grundsätzen entsprechen. Auch wirtschaftlich ist die Abhängigkeit gefährlich: Anbieter können Preise diktieren, den Zugang einschränken oder Schnittstellen verändern. Solche Mechanismen können gezielt als Instrument hybrider Kriegführung eingesetzt werden".
Im Interview mit netzpolitik fürchtet die Philosophin Maren Behrensen einen zu unkritischen Umgang mit KI, der gar im Faschismus enden könnte: "Das Nützlichkeitsprinzip steht im Zentrum der meisten Vermarktungsstrategien. Ein Beispiel ist die Grammarly-Werbung. Sie verspricht: 'Wir schreiben dir deine Hausarbeit' oder 'Wir machen deine E-Mails verständlich'. Die Unterstellung ist hier: Der Mensch an sich kann wenig und dann kommt die KI, die aus dem unfähigen Menschen ein optimiertes Wesen macht. In dieser Logik wird der Mensch wie eine kleine Maschine gesehen, die sich ständig selbst verbessern soll. Sein Wert bemisst sich daran, wie nützlich, effizient oder produktiv er ist."
Im Interview mit netzpolitik fürchtet die Philosophin Maren Behrensen einen zu unkritischen Umgang mit KI, der gar im Faschismus enden könnte: "Das Nützlichkeitsprinzip steht im Zentrum der meisten Vermarktungsstrategien. Ein Beispiel ist die Grammarly-Werbung. Sie verspricht: 'Wir schreiben dir deine Hausarbeit' oder 'Wir machen deine E-Mails verständlich'. Die Unterstellung ist hier: Der Mensch an sich kann wenig und dann kommt die KI, die aus dem unfähigen Menschen ein optimiertes Wesen macht. In dieser Logik wird der Mensch wie eine kleine Maschine gesehen, die sich ständig selbst verbessern soll. Sein Wert bemisst sich daran, wie nützlich, effizient oder produktiv er ist."
Europa
"Die Proteste in Russland im Dezember 2011 und Anfang 2012 waren so groß, dass der Eindruck aufkam, Putins Macht gerate ins Wanken", erinnert in der NZZ Andrei Kolesnikow. Aber Putin triumphierte über die "aufgeklärten Russen", denn er "bot der Mehrheit der Nation eine negative Identität an: Wir Russen sind nicht wie sie, wir sind spiritueller und verfügen über eine tausendjährige Geschichte, wir gehen unseren eigenen Weg. Und dann kam der üble Teil - sie, der Westen, wollten uns schon immer spalten, und jetzt haben sie uns angegriffen, und wir führen einen Verteidigungskrieg. Die Leute, die - von Waren bis hin zu Technologie - alles vom Westen erhalten hatten, waren zunächst überrascht, aber innerlich waren sie auf diese massive ideologische Indoktrination vorbereitet: Sie hatte schon seit Jahren stattgefunden. Entsprechende Ressentiments wurden mindestens seit 2007 geschürt - etwa durch Putins Münchner Rede, in der er dem Westen in scharfem Ton vorwarf, sich um die Interessen Russlands zu foutieren. Die Annexion der Krim 2014 war ein starker Anreiz, dieses Ressentiment in echte Kraft zu verwandeln."
Politik
Theodor Herzl und David Ben Gurion imaginierten einen israelischen Staat als säkular mit gleichen Rechten für alle, erinnert der Historiker Michael Brenner in der SZ. Ja sogar der "Vordenker der zionistischen Rechten" Vladimir Zeev Jabotinsky "sprach sich gegen jegliche Vertreibung einer ethnischen Gruppe aus und hielt es für vorteilhaft, wenn die arabische Bevölkerung im Lande, das für ihn freilich beide Seiten des Jordans umfasste, bleiben würde. Dass die arabischen Palästinenser alle Rechte einer nationalen Minderheit erhalten würden, stand für ihn außer Frage". Die aktuelle Regierung hat sich von diesen Prinzipien abgewandt, so Brenner: "Die vielleicht größte Abkehr von den Grundideen des Zionismus ist die allmähliche Bewegung von einer säkularen zu einer immer mehr durch die Religion geprägten Gesellschaft. Im säkularen Tel Aviv mag man diese leicht übersehen, aber in den meisten Teilen des Landes wird schnell deutlich: Diese Bewegung wird durch die demografische Entwicklung unterstützt, denn während die durchschnittliche Kinderzahl einer säkularen Familie in Israel zwei beträgt, so sind es bei den Nationalreligiösen vier und bei den Ultraorthodoxen sieben Kinder." Immerhin zeigen die Hundertausenden Israelis, die immer wieder gegen Netanjahus Politik auf die Straße gehen, "der Welt, dass die Idee eines Zionismus noch lebt, der für Ausgleich, Gerechtigkeit und Koexistenz der Völker steht", so Brenner.
"Israel ist nicht mehr nur einsam, es wird geächtet", konstatiert Bernard-Henri Lévy auf Twitter und verweist auf seine Kolumne in Le Point. Dort bestreitet er vehement drei Behauptungen, die über Israel in Umlauf sind: Nein, Israel will Gaza nicht besetzen, Nein, Israel hungert den Gazastreifen nicht aus. Und nein, es begeht keinen Genozid: "Es gibt keinen Völkermord in Gaza. Es gibt Pyramiden von Toten. Kinder, die in der Blüte ihres Lebens dahingerafft wurden. Und nicht genug Druck auf die Hamas und ihre Paten, damit dieser grausame Krieg aufhört. Aber Worte haben eine Bedeutung. Wer Völkermord sagt, sagt Planung. Eine abgestimmte, gezielte Initiative zur Vernichtung eines Volkes, weil es dieses Volk ist. Nun, noch einmal: Das ist nicht, was die israelische Armee tut. Vielleicht macht sie ihre Sache schlecht. Aber wer könnte es in einem asymmetrischen Krieg besser machen, in dem das Ziel des Feindes nicht darin besteht, sein Volk zu schützen, sondern es auszusetzen?"
Es ist nicht realitisch, dass die Hamas militärisch besiegt wird, meint Alexander Kauschanski bei Zeit Online: "Die US-Politikwissenschaftlerin Audrey Kurth Cronin hat Hunderte Fälle zerfallender Terrororganisationen untersucht. Die Hamas auf militärischem Wege zu vernichten, sei kaum realistisch, schreibt Cronin in Foreign Affairs. Organisationen wie sie seien zu tief in der Gesellschaft verwurzelt, zu dezentral organisiert. Selbst nach gezielten Schlägen gegen ihre Führung würden sie überleben, indem sie immer wieder neue Strukturen formten. Aussichtsreicher sei ein anderes Szenario: ein allmählicher Zerfall. 'Die Hamas erfüllt alle Voraussetzungen für eine scheiternde Gruppe', schreibt Cronin. Isolation nach außen, der Verlust regionaler Unterstützer und wachsender Druck aus der eigenen Bevölkerung könnten die Organisation von innen heraus aushöhlen. Entscheidend sei jedoch, dass die Menschen in Gaza eine glaubwürdige Alternative erhielten: eine Ordnung, die nicht auf Angst und Repression beruhe, sondern Schutz und Perspektiven biete." (Müssten sie die nicht selbst aufbauen, statt sie von jemandem zu "erhalten"?)
Dass sich in den USA kaum jemand gegen die Politik Donald Trumps wehrt, stimmt nicht, meint in der FAZ Frauke Steffens. Es gibt viele Grassroots-Aktivitäten und auch einzelne Behörden, wie zuletzt die Seuchenkontrollbehörde oder Kommunalverwaltungen, wehren sich. Auf die Demokraten trifft der Vorwurf schon eher zu: "Zurzeit gibt es für keines ihrer Ziele, die in Texten, Reden oder in erfolglosen Gesetzesvorschlägen durchaus formuliert werden, eine Kongressmehrheit - ob es nun um reproduktive Rechte, Waffenkontrolle, Mietendeckel, Kampagnenfinanzen oder den Schutz der Rente geht. Das alles ist nicht sonderlich gut zu vermarkten, wenn es keine realistischen Umsetzungsmöglichkeiten gibt. (...) Der Eindruck mangelnden Widerstands gegen Trump hat also viele Ursachen: Vor allem ist er zersplittert, regional und über viele Politikfelder verteilt, institutionell und parteiintern gebremst - und bislang ohne solche Führungsfiguren, die auch eine Chance bei der Wahl 2028 hätten."
"Israel ist nicht mehr nur einsam, es wird geächtet", konstatiert Bernard-Henri Lévy auf Twitter und verweist auf seine Kolumne in Le Point. Dort bestreitet er vehement drei Behauptungen, die über Israel in Umlauf sind: Nein, Israel will Gaza nicht besetzen, Nein, Israel hungert den Gazastreifen nicht aus. Und nein, es begeht keinen Genozid: "Es gibt keinen Völkermord in Gaza. Es gibt Pyramiden von Toten. Kinder, die in der Blüte ihres Lebens dahingerafft wurden. Und nicht genug Druck auf die Hamas und ihre Paten, damit dieser grausame Krieg aufhört. Aber Worte haben eine Bedeutung. Wer Völkermord sagt, sagt Planung. Eine abgestimmte, gezielte Initiative zur Vernichtung eines Volkes, weil es dieses Volk ist. Nun, noch einmal: Das ist nicht, was die israelische Armee tut. Vielleicht macht sie ihre Sache schlecht. Aber wer könnte es in einem asymmetrischen Krieg besser machen, in dem das Ziel des Feindes nicht darin besteht, sein Volk zu schützen, sondern es auszusetzen?"
Es ist nicht realitisch, dass die Hamas militärisch besiegt wird, meint Alexander Kauschanski bei Zeit Online: "Die US-Politikwissenschaftlerin Audrey Kurth Cronin hat Hunderte Fälle zerfallender Terrororganisationen untersucht. Die Hamas auf militärischem Wege zu vernichten, sei kaum realistisch, schreibt Cronin in Foreign Affairs. Organisationen wie sie seien zu tief in der Gesellschaft verwurzelt, zu dezentral organisiert. Selbst nach gezielten Schlägen gegen ihre Führung würden sie überleben, indem sie immer wieder neue Strukturen formten. Aussichtsreicher sei ein anderes Szenario: ein allmählicher Zerfall. 'Die Hamas erfüllt alle Voraussetzungen für eine scheiternde Gruppe', schreibt Cronin. Isolation nach außen, der Verlust regionaler Unterstützer und wachsender Druck aus der eigenen Bevölkerung könnten die Organisation von innen heraus aushöhlen. Entscheidend sei jedoch, dass die Menschen in Gaza eine glaubwürdige Alternative erhielten: eine Ordnung, die nicht auf Angst und Repression beruhe, sondern Schutz und Perspektiven biete." (Müssten sie die nicht selbst aufbauen, statt sie von jemandem zu "erhalten"?)
Dass sich in den USA kaum jemand gegen die Politik Donald Trumps wehrt, stimmt nicht, meint in der FAZ Frauke Steffens. Es gibt viele Grassroots-Aktivitäten und auch einzelne Behörden, wie zuletzt die Seuchenkontrollbehörde oder Kommunalverwaltungen, wehren sich. Auf die Demokraten trifft der Vorwurf schon eher zu: "Zurzeit gibt es für keines ihrer Ziele, die in Texten, Reden oder in erfolglosen Gesetzesvorschlägen durchaus formuliert werden, eine Kongressmehrheit - ob es nun um reproduktive Rechte, Waffenkontrolle, Mietendeckel, Kampagnenfinanzen oder den Schutz der Rente geht. Das alles ist nicht sonderlich gut zu vermarkten, wenn es keine realistischen Umsetzungsmöglichkeiten gibt. (...) Der Eindruck mangelnden Widerstands gegen Trump hat also viele Ursachen: Vor allem ist er zersplittert, regional und über viele Politikfelder verteilt, institutionell und parteiintern gebremst - und bislang ohne solche Führungsfiguren, die auch eine Chance bei der Wahl 2028 hätten."
Kulturpolitik
In der NZZ ist Paul Jandl entsetzt: Der Zettelkatalog der Berliner Staatsbibliothek soll vernichtet werden - die Stadt vergesse "auf dem Weg in die Zukunft ihre Vergangenheit." "Diese ist auch in die scheinbar unscheinbaren Karteikarten des enormen Wissensspeichers namens Staatsbibliothek eingeschrieben und ist alles andere als ein Fall für die Müllentsorgung. Die heutige Berliner Bibliothek repräsentiert mit ihren Büchersammlungen einen Schnittpunkt zwischen der östlichen und der westlichen Hemisphäre, zwischen dem deutschen Westen und der DDR. Was in den durch die Systeme und die Mauer getrennten Nachbarländern an Büchern erworben und katalogisiert worden war, hat nach der Wende zusammengefunden. Die Spuren der Geschichte davor finden sich auf den Karteikarten. Es gibt darauf Notizen, Anhaltspunkte für die DDR-Zensur und die Herkunft mancher Bücher. Für die Provenienzforschung sind die originalen physischen Belege von grosser Bedeutung."
Gesellschaft
In der FAZ denkt Georg Cremer, von 2000 bis 2017 Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, über eine Reform des Sozialstaates nach, die den unteren Teil der Gesellschaft absichert, ohne in die bodenlosen Löcher zu fallen, die Begriffe wie "Gerechtigkeitslücke" oder "relative Armut" darstellen: "Die nostalgische Verklärung einer vermeintlich goldenen Vergangenheit, in welcher der Sozialstaat allumfassend oder zumindest weit besser als heute für die Bürgerinnen und Bürger gesorgt habe, ist ein Irrweg. Das Lamento des Niedergangs wird genutzt, um Zumutungen der Priorisierung abzuwehren oder Forderungen nach weiterer Expansion des Sozialstaats Nachdruck zu verleihen. Aber damit wird jede Sozialrealpolitik diskreditiert, die nicht umhinkann, das sozialpolitisch Wünschenswerte mit den staatlichen Handlungsmöglichkeiten und den politischen Herausforderungen auf anderen Handlungsfeldern zusammenzudenken." Und spielt damit direkt der AfD in die Hände, meint Cremer.
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