9punkt - Die Debattenrundschau

So bleibt mehr Zeit für das politische Feuilleton

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.10.2025. Karl Schlögel sprach in seiner Friedenspreisrede über seine Bewunderung der Ukraine und nicht so große Bewunderung der deutschen Öffentlichkeit: "Es gab viele Russlandversteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden." Im Perlentaucher schreibt der Historiker Jeffrey Herf über Richard Herzinger. Die Welt recherchiert, warum Herta Müller nicht in Krakau reden durfte. Die NZZ findet heraus, wem Trumps Zollpolitik in Lateinamerika nutzt: nur China.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2025 finden Sie hier

Europa

Karl schlögel erhält die Preisurkunde von Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs. Foto: Anja Seeliger

Karl Schlögel, der Historiker der Räume und der Orte, Archäologe eines verschwundenen Osteuropa, hat gestern den Friedenspreis des Buchhandels bekommen. Eine der kritischsten Passagen widmete er seinem eigenen Land: "Es ist erstaunlich, wie lange es in Deutschland gedauert hat, gewahr zu werden, womit man es mit Putins Russland zu tun hat. Was immer im Spiele war, historische Pfadabhängigkeit, kulturelle Affinitäten, Nostalgie und Sentimentalität, Wirtschaftsinteressen, auch Korruption -, es ist ein weites Feld für die historische Aufklärung und eine Aufarbeitung, die niemanden schont. Es gab viele Russlandversteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden. Sie hätten uns sonst erklärt, was auf uns zukommt und dass die Kategorien, mit denen man Putins Reich zu fassen sucht, eher Ergebnis von Wunschdenken und Gutgläubigkeit waren, anstatt sich einzugestehen, dass man dieser Gestalt des Bösen - welcher Begriff auch immer dafür noch entwickelt werden wird nicht gewachsen war." Der Dlf bringt ein einstündiges Gespräch mit Schlögel.

Hier das Video der Preisverleihung:



Ein der wenigen Warner war Richard Herzinger, an den der Historiker Jeffrey Herf im Perlentaucher erinnert: "In den letzten zwanzig Jahren war Herzinger vor allem für seine Warnungen vor der Putin-Diktatur, ihren Wurzeln in der russischen Gesellschaft und Politik und den von ihr ausgehenden Bedrohungen für die Ukraine und Europa bekannt. Als die deutsche Regierung Verträge über russische Gaslieferungen unterzeichnete, in der Hoffnung, dass wirtschaftliche Interessen das Putin-Regime zu Frieden statt Krieg bewegen würden, war Herzinger eine leidenschaftliche und irritierende Kassandra, die die Mischung aus Illusionen, Naivität und krassen kurzfristigen Finanzinteressen zunächst der Schröder- und dann der nur geringfügig vorsichtigeren Merkel-Regierung anprangerte. Heute, angesichts von Putins Angriffskrieg in der Ukraine und der Ruinen der deutschen Politik vor der Zeitenwende 2022, waren Herzingers Essays über Putin vorausschauend."

Philipp Fritz resümiert in der Welt nochmal die Umstände der Absage eines Auftritts von Herta Müller in der polnischen Cricoteka (unser Resümee): "Die propalästinensische Szene in Polen sei dennoch sehr klein, so der Leiter der Warschauer Denkfabrik 'Visegrad Insight' Wojciech Przybylski. In Warschau bringe sie vielleicht 200 oder 300 Personen auf die Straße. 'Nur wenige Studenten sind aktiv, auch leben nur sehr wenige Palästinenser im Land.' Umso erstaunlicher ist es, dass Hassnachrichten aus diesem Milieu bei der Cricoteka in Krakau Wirkung gezeigt und schließlich zur Absage einer Veranstaltung mit einer Nobelpreisträgerin geführt haben, die nicht einmal über Israel oder Gaza sprechen wollte. Experte Przybylski bezeichnet den Fall als 'merkwürdig' und verweist darauf, dass der Druck aus den entsprechenden Milieus in Polen eigentlich nicht groß sei und in der Regel starken Gegendruck von proisraelischen Gruppen erfahre, wobei propalästinensische Gruppen allerdings ausgerechnet in Krakau am stärksten organisiert seien."
Archiv: Europa

Medien

Das Online-Magazin taz will keins sein: "Wir spielen hier nicht Webseite", sagt die Chefinnenredaktion im Editorial der ersten nicht gedruckten taz, die im Epaper aber nach wie vor aussieht wie eine Zeitung und Autoren zwingt, vorgegebene Zeilenzahlen einzuhalten, ein im Internet unbekanntes Prinzip. Ganz kleine Rubriken wie das Wetterkästchen schafft man aber doch ab, denn sie sind layouterisch unbequem: "Die Mühe, die bisher ins Wetter geflossen ist, verwenden die Kolleginnen und Kollegen vom Inland jetzt für die tägliche Berichterstattung. Auch die Kultur verzichtet auf ein kleines Format: die Berichtigung. So bleibt mehr Zeit für das politische Feuilleton, Kunst oder Kino. Solche kleinen Elemente sind gemessen an der Zeilenzahl sehr aufwändig. Manche bleiben aber auch erhalten: etwa die Zahl des Tages auf den Öwi-Seiten." Die "Berichtigung" war eine tägliche winzige Rubrik, die meist tatsächlich eine Berichtigung enthielt, mit der man aber auch spielte, und die die tazlerin Christiane Peitz in den Achtzigern erfunden hat.

Eine Zuschauerin hat gegen die Rundfunkgebühren geklagt, weil die Sender bei den Themen "Impfschäden, Russlands Krieg in der Ukraine und die Gefahren des Islam" nicht ausgewogen seien. "Bisher ließen die Gerichte solche Klagen einfach abblitzen", schreibt Christian Rath in der taz. "Einzelne Bürger:innen hätten kein Recht auf inhaltliche Kontrolle des Rundfunks. Anders nun das Bundesverwaltungericht: Niemand muss Rundfunkbeitrag bezahlen, wenn der ÖRR über längere Zeit seinen Programmauftrag 'gröblich' verletzt. Letztlich könne aber nur das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob der Rundfunkbeitrag verfassungswidrig ist oder nicht. Es ist gut, dass das Bundesverwaltungsgericht diesen Ausgewogenheits-Klagen damit einen Raum eröffnet. Im Rechtsstaat darf der Weg zu Gerichten nicht künstlich verbaut werden."
Archiv: Medien

Politik

"No Kings since 1776." Perlentaucher-Kolumnist Mitchell Cohen schickt uns dieses Foto aus New York.

Die Amerikaner tun sich bisher bekanntlich recht schwer mit dem Protestieren gegen Trump - gestern fanden nun unter dem Motto "No Kings" die größten Demos aller Zeiten statt. Sieben Millionen Amerikaner waren in verschiedenen Städten auf den Beinen. In der New York Times berichtet Corina Knoll von den Protesten: "Viele Demonstranten sagten, sie seien durch das Treffen mit Gleichgesinnten ermutigt worden. 'Man hat das Gefühl, dass die eigene Stimme nicht so laut ist', sagte Michael Flanagan, 46, ein Verwaltungsangestellter im Gesundheitswesen, der an einer Kundgebung in Memphis teilnahm, wo kürzlich die Nationalgarde eingesetzt wurde. 'Aber ich habe noch nie so viel Begeisterung gesehen.' Die "Härte von Trumps zweiter Amtszeit hat die Demonstranten mobilisiert, sagte Jeremy Pressman, Professor für Politikwissenschaft und Mitleiter des Crowd Counting Consortium, einem Gemeinschaftsprojekt der Harvard Kennedy School und der University of Connecticut. 'Die Intensität der Aktion wird sich in der Intensität der Gegenaktion niederschlagen', prophezeit er." In der taz berichtet Hansjürgen Mai.

Auch solchen Meldungen begegnet man auf Twitter. Die historische Synagoge Chaloum Lebhar in Bab el-Oued, einem Stadtteil von Algier, wurde jüngst abgerissen. Sie war einer der wichtigsten Versammlungsorte der jüdischen Gemeinde in der Stadt, die nach der Befreiung allerdings so gut wie verschwunden war. In Sahel-Intelleigence.com, einem der Region gewidmeten Onlinemagazin, schreibt Frédéric Powelton: "Dieser Abriss ist Teil einer größeren Tendenz: dem allmählichen Verschwinden des jüdischen Erbes in Algerien. Synagogen, verlassene Friedhöfe, Häuser gelöschte Archive... Ein ganzes kulturelles, spirituelles und architektonisches Gedächtnis verschwindet unter dem Schweigen der Behörden und der allgemeinen Gleichgültigkeit."


Unter den israelischen Geiseln waren viele deutsche Staatsbürger. Deutschland ist nicht gerade offensiv für sie eingetreten, schreibt Reinhard Müller in der FAZ. Wenn in Deutschland Verbrechen geschehen, heiße es meist, der Staat werde mit voller Härte antworten. "Doch als die 23 Jahre alte Deutsch-Israelin Shani Louk, die kurz zuvor noch auf einem Festival gefeiert hatte, von Hamas-Terroristen halb nackt und brutal misshandelt durch die Straßen geschleift und dann ermordet wurde, da wäre eine solche Ansage von einem Mitglied der Bundesregierung angezeigt gewesen: Wir werden jeden verfolgen, der für dieses Verbrechen Verantwortung trägt, überall. Wir werden auch niemanden derer übersehen, die danebenstanden und diese Untat bejubelt haben. Doch nichts dergleichen."

Zugegeben, Trumps Nahost-"Coup" war ziemlich spektakulär, so Josef Joffe in der NZZ. Aber man sollte nicht vergessen, dass sein Friedensplan noch lange nicht umgesetzt ist: "Da ohne Sicherheit alles nichts ist, soll eine internationale Stabilisierungstruppe her, welche die Rückkehr der Hamas verhindert und eine zivile Verwaltung mitsamt Polizei aufbaut. Die soll auch die Grenzen sichern. Nur Aserbaidschan, Indonesien und Pakistan haben vages Interesse gezeigt - interessanterweise kein einziger arabischer Staat, dem die Befriedung Gazas ein Ur-Anliegen sein müsste. Die Nachbarn kennen ihre palästinensischen Brüder - also Hände weg. Auf jeden Fall müsste die Truppe sofort her, um die Wiedereinnistung der Hamas zu stoppen. Die Rede ist dagegen von Monaten. Da hätte die Hamas reichlich Zeit, ihre Herrschaft wieder zu festigen. Zurück in die Zukunft. Wie die wichtigsten Punkte abhaken? Trumps drastische Antwort: 'Die Hamas wird die Waffen strecken, und wenn nicht, werden wir sie entwaffnen.' Mithin einmarschieren und schaffen, was den feuergestählten Israeli in zwei Jahren Krieg nicht gelungen ist? Außerdem scheut Trumps Amerika den massiven Gewalteinsatz. Der Irak und Afghanistan sind fest in der amerikanischen Psyche verankert."

In der Welt fragt der Politologe Alexander Görlach derweil, ob Tony Blair wirklich der richtige Mann an der Spitze des sogenannten "Friedensrats" in Nahost ist und erinnert an dessen Rolle im "Krieg gegen den Terror"; der 210.000 Zivilisten das Leben kostete, aber keine Massenvernichtungswaffen zu Tage förderte. Das war nicht alles: "Nachdem Tony Blair Downing Street 10 verlassen hatte, wurde er sogleich zum Sondergesandten des Quartetts für den Nahen Osten, einer Vermittlergruppe bestehend aus Vertretern der Vereinten Nationen, der USA, der EU und Russlands. Er füllte diese Rolle bis ins Jahr 2015 aus. Blair geriet ins Fadenkreuz, als Investigativ-Journalisten Vorteile zu erkennen glaubten, die eine Berater-Firma Blairs aus dessen politischem Engagement in der Region gezogen haben soll. Tatsächlich konnte Blair nach seiner achtjährigen Ägide keine signifikanten Verbesserungen vermelden. Unterstellt wurde ihm von israelischer Seite, dass er zur Seite der Palästinenser neige und daher nicht für die Position geeignet sei." 

Werner J. Marti resümiert in der NZZ die Folgen von Trumps Zollpolitik in den lateinamerikanischen Staaten. Zwar erreichte Trump, beispielsweise in Mexiko, bestimmte politische Zugeständnisse, gleichzeitig bindet er die Länder stärker an China und auch an die EU: "Trumps Zollpolitik hat den Abschluss des Handelsabkommens zwischen der EU und den Mercosur-Staaten (Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Bolivien) beschleunigt, über welches seit 1999 verhandelt wird (...) Will Trump den amerikanischen Einfluss im Süden Lateinamerikas wieder ausbauen, werden Drohungen allein nicht ausreichen. Trotz 'America first' wird er nicht darum herumkommen, die Staaten vermehrt wieder mit finanzieller Unterstützung an sich zu binden, wie dies auch China macht. Im Fall von Argentinien geht Trump diesen Weg bereits. Angesichts des dramatischen Wertverlusts des Peso im August und September hat Washington Milei eine Kreditlinie von 20 Milliarden Dollar gesprochen, um die Währung zu stützen (dies aber bereits wieder relativiert für den Fall, dass der Präsident die Wahlen Ende Monat verlieren sollte). Es ist allerdings fraglich, ob die Amerikaner dieses Geld nicht besser in Infrastrukturprojekte investieren sollten."
Archiv: Politik