Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2025. Der antisemitische Anschlag von Sydney kam nicht ohne Vorwarnung, schreibt die jüdische Australierin Claire Lehmann in Yascha Mounks Blog Persuasion - ihm ging eine ganze Reihe von Vorfällen voraus, die von der australischen Politik nicht ernstgenommen wurden. Alle Zeitungen freuen sich über die Freilassung von über 120 belarussischen Regimegegnern, darunter Maria Kolesnikowa - die FAZ beschreibt die grauenhaften Haftbedingungen. Heute ist ein Schicksalstag, mahnt nicht nur die taz: Unterwirft sich Europa? Zerbricht der Westen?
In Sydney griffen Terroristen eine Chanukka-Feier am Bondi-Beach an. 16 Menschen wurden von den wild in die Menge schießenden Tätern umgebracht.
Antisemitische Attacken wie diese werden in den Medien oft als "Antwort" auf den den israelischen Krieg in Gaza dargestellt, auch wenn sie dann eilfertig verurteilt wird. Aber so ist es nicht, meint Laurent Joffrin in lejournal.info. "So wird die Chronologie auf den Kopf gestellt: Diese zeigt, dass die Zunahme der verbalen und physischen Angriffe auf Juden weltweit bereits am Tag nach dem Pogrom vom 7. Oktober begann, also lange bevor die israelischen Militärreaktionen das später bekannte Ausmaß erreichten. Mit anderen Worten: Es war das Massaker selbst - und nicht die israelische Gegenoffensive -, das die erste antisemitische Welle auslöste, die dann durch die Entwicklung des Krieges noch verstärkt wurde. Der mörderische Antisemitismus der Hamas und islamistischer Organisationen löste eine Art internationale Nachahmung aus, die sich nicht nur gegen die israelische Regierung richtete, sondern gegen Juden als solche, sowohl in Israel als auch anderswo."
"Unter den Opfern befinden sich unter anderem der Chabad-Rabbiner Eli Schlanger, der Holocaustüberlebende Alex Kleytman, ein israelischer Staatsbürger und ein Kind", kommentieren Jens Balzer und Anastasia Tikhomirova auf Zeit Online. Auch sie weisen auf den Anstieg von Antisemitismus seit dem 7. Oktober hin, gerade in Australien: "Knapp viertausend antisemitische Vorfälle wurden in den vergangenen zwei Jahren in Australien gezählt, das geht aus einer Statistik hervor, die Anfang dieses Monats vom Executive Council of Australian Jewry veröffentlicht wurde. Schon seit Ende der 1960er-Jahre war es in Australien immer wieder zu antisemitischen Anschlägen mit Bezug auf den Nahostkonflikt gekommen. Nach dem 7. Oktober stieg die Zahl um mehr als 300 Prozent."
Monty Ott schreibt in der FAZ über den "inneren Widerspruch", in dem Juden seit dem 7. Oktober um so mehr leben: "Es ist gefährlich, in der Öffentlichkeit jüdisch zu sein, doch man darf dem Terror nicht nachgeben - angesichts dessen muss man erst recht das Leben feiern. An Chanukka stellt man eigentlich die Kerzen ins Fenster. In Deutschland ist das immer seltener zu beobachten. An anderen Orten, wie in Jerusalem, ist das besonders: die früh anbrechende Nacht, erhellt von Abertausenden Leuchtern, die in Hauseingängen und Fenstern stehen."
In Yascha Mounks Substack-Blog schreibt die jüdische Australierin Claire Lehmann zu dem Massaker vom Sonntag - das weltweit die größte Attacke auf Juden seit dem 7. Oktober ist. "Der Schock ist real, aber ebenso real ist die Bestürzung darüber, dass dieser Tag schon lange vorhergesagt wurde... Wie ich im Dezember 2024 schrieb: 'Eine Chronologie, die The Australian an diesem Wochenende veröffentlicht hat, zeigt die zaghafte Reaktion der australischen Politiker. Premierminister Anthony Albanese sagte nichts, als am Jahrestag der Reichspogromnacht ein Mob die Central Shule Chabad Synagoge im Osten Melbournes stürmte. Er sagte nichts, als ein antiisraelischer Konvoi durch die östlichen Vororte Sydneys fuhr, wo viele jüdische Australier leben. Er schwieg, als Familien israelischer Geiseln vor Demonstranten flohen, die ihnen auflauerten und sie als 'Babymörder' beschimpften... Auf dieses Muster ungezügelten Judenhasses folgten Monate später Massendemonstrationen in Sydney, bei denen Porträts des iranischen Obersten Führers zusammen mit Symbolen islamistischer Extremistengruppen über die Harbour Bridge getragen wurden."
Hier ein Bild dieser Demo, das seinerzeit auf Twitter von sich reden machte:
Heute ist ein Schicksalstag. Selenski kommt nach Berlin, mit ihm eine Reihe europäische Regierungschefs. Trumps Schwiegersohn und Golfkumpel kommen auch. Und die Frage ist laut Dominic Johnson in der taz: "Gibt es eine gemeinsame Position der Ukraine, Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und der USA zu möglichen Friedensverhandlungen mit Russland? Oder zerbricht der Westen?" Für Johnson ist klar: "Sollten sich Berlin, London, Paris und Brüssel Trump unterordnen und den schmutzigen Deal mit Putin mitmachen, würden sie die Ukraine und ihre Menschen verraten und ganz Osteuropa gleich mit. Europa wäre zerrissen, seine Werte tot."
Über 120 belarussische politische Gefangene, darunter Maria Kolesnikowa, sind freigelassen worden - hier einige bewegende Bilder aus der "Tagesschau". Offenbar war es ein "Deal" der Trump-Regierung, der die Freilassung ermöglichte. Belarus blieb keine Wahl mehr, weil es unter westlichen Sanktionen zu sehr litt, schreibt Mathias Brüggmann in der taz: "Die eigenen Maschinenbaufirmen, Lkw-Fabriken und andere Industrieunternehmen außerhalb des Rüstungssektors bauen Jobs ab und schließen Fabrikationshallen, nachdem zuvor auf Halde produziert worden war. Und so können die im Osten berühmten Traktoren 'Belarus', die Laster 'MAZ' oder die früher von Kaliningrad bis Wladiwostok bekannten Kühlschränke 'Minsk' kaum noch in Russland abgesetzt werden. Seit dem Frühjahr führten belarussische Bauern massiv Kartoffeln nach Russland aus, wo sie wegen der verfehlten Agrarpolitik knapp geworden waren. Bis in Belarus selbst eine Kartoffelkrise herrschte, Lukaschenko Exporte verbot und sogar Kartoffelimporte aus der von ihm als 'feindlich' bezeichneten EU erlaubte."
In der SZ erinnert Silke Bigalke daran, wie Maria Kolesnikowa "am hellichten Tag von der Straße verschleppt" wurde. "Sie ließ sich trotz aller Drohungen nicht abschieben, zerriss ihren Pass. Ein Gericht verurteilte sie dann wegen angeblicher Verschwörung gegen die Regierung zu elf Jahren Straflager. Dort war sie die meiste Zeit allein und isoliert. 2022 musste sie sogar notoperiert werden, nachdem ein Geschwür ihre Magenwand durchbrochen hatte. Danach gab es knapp zwei Jahre gar kein Lebenszeichen mehr von ihr." Nun ist sie frei: "'Natürlich ist es ein Gefühl unglaublichen Glücks', sagte Maria Kolesnikowa, die keine Gefängniskleidung mehr trug, aber roten Lippenstift, ihr Markenzeichen."
Der bereits zuvor entlassene Blogger Ihar Losik hat auf Facebook über die Haftbedingungen in belarussischen Gefängnissen geschrieben. Er wurde total isoliert, erzählt Felix Ackermann in der FAZ. "Losik kam in der im Nordosten von Belarus gelegenen Strafkolonie Novopolotsk in Einzelhaft, wo er im Winter auf engstem Raum bei neun Grad gezwungen wurde, auf Holzbrettern ohne Matratze zu übernachten. Zu den Formen psychischer Gewalt gehörten nachts in Endlosschleife abgespielte Tonaufnahmen. Der Blogger berichtet außerdem von Schlägen, Elektroschocks und sadistischen Praktiken. Zu diesen gehörte das Tragen von Gefangenenkleidung, auf der gut sichtbar das Entlassungsdatum im Jahr 2034 vermerkt war."
Der Deal hat eine Kehrseite, mahnt Barbara Oertel in der taz: "Für den belarussischen Dauerherrscher sind Inhaftierte ein wertvolles Faustpfand, das er geschickt zu nutzen weiß. Frei werdende Plätze in Haftanstalten nach vergleichbaren Begnadigungsaktionen füllen sich in der Regel schnell wieder - Nachschub gibt es genug. Es ist eine Art von Menschenhandel zur Durchsetzung eigener Interessen und dazu ist Lukaschenko, skrupellos wie er ist, jedes Mittel recht."
Die Sparkassen feiern zwar bald ihren Zweihundertsten, sind aber bisher noch nicht besonders durch Aufarbeitung ihrer Geschichte aufgefallen. Nun berichtet Henning Bleyl in der taz über eine Studie des Historikers Harald Wixforth zur Sparkasse Bremen (viele andere Sparkassen wollten sich von ihm lieber nicht untersuchen lassen, so Bleyl). Aus den Akten der Bremer Sparkasse zeigt sich, wie Gleichschaltung funktionierte: "Seit 1935 verschickte die Reichsbank Listen mit Personen, darunter viele politische Gegner, an die keine 'Registerguthaben zu Reisezwecken' ausgezahlt werden durften. Zunächst geschah dies noch eher verdeckt: 'Wir ersuchen ergebenst, die Aufstellung im Dienstgebrauch möglichst unauffällig einzusehen', heißt es in einer Anweisung. 'Über ihr Bestehen darf keine Auskunft erteilt werden. Insbesondere ist auch der Ausdruck 'schwarze Liste' unter allen Umständen zu vermeiden.' 1938 fielen solche Hemmungen: Auf die Kontokarten jüdischer Kund:innen musste auf Anordnung der Reichsbank mit roter Tinte 'Israel' oder 'Sara' geschrieben werden. Ab 1942 wurden die Guthaben an die Reichsbank abgeführt - ebenso der Schmuck aus den Schließfächern."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Baumwolle ist das, was den Kapitalismus in seiner modernen Form begründete, meint der Historiker Sven Beckert, Autor einer monumentalen Globalgeschichte des Kapitalismus, im Gespräch mit Michael Hesse von der FR: "Die Geschichte des Kapitalismus ist beides - die Geschichte der Sklavenplantage - und die Geschichte der Lohnarbeit. Die Dynamik der Baumwolle macht das besonders sichtbar."
Der Antisemitismus-Begriff sei heute zu einem Instrument der Repression geworden, da ist sich die Publizistin Eva Menasse in der FRsicher, und weist hin auf "die schwere Bedrängnis, in die deutsche Unis seit der Anti-BDS-Resolution geraten sind." Gleichzeitig verteidigt sie die Konferenz "The Rise and Fall of the BRD" in Zürich (unsere Resümees): Die Lesart, es habe sich hier um "ein paar radikalisierte Spinner gehandelt, die die wehrlose Bundesrepublik fertigmachten" unterschlage "den 'Offenen Brief' eines 'Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender', der die Gastgeber, die ETH und das Kunsthaus Zürich schon vorab 'mit großer Sorge und Bestürzung' aufgefordert hatte, 'die Kooperation zu überdenken und die institutionelle Unterstützung zu überprüfen' - im Klartext: das Ganze einfach zu abzublasen." Eigentlich geht es ums Geld, glaubt Menasse: "Vermutlich hilft, dass aus einer demokratischen Meinungsverschiedenheit längst ein Millionengeschäft geworden ist - Institutionen wie Volker Becks 'Tikvah-Institut' oder Ahmed Mansours 'Mind', die sich dem 'Kampf' gegen 'israelbezogenes A-Wort', 'A-Wort der Linken' oder 'migrantisches A-Wort' widmen, werden mit öffentlicher Förderung gerade nur so überschüttet."
Felix Stephan schüttelt in der SZ darüber den Kopf, dass die Debatte über Ostdeutschland heute von Figuren wie Holger Friedrich oder Sahra Wagenknecht beherrscht wird, die Diktaturen feiern und Totalitarismus relativieren. Auch die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck bekleckert sich nicht mit Ruhm, was eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit angeht, meint Stephan, zum Beispiel als sie neulich in der Berliner Zeitung die "leider etwas scheinheilige Frage stellte, ob ihr Großvater, der SED-Kulturfunktionär Fritz Erpenbeck, womöglich doch ein Karrierist und Betonkopf gewesen sei." Was "der Text vorsichtshalber auslässt: Im Jahr 1949 hat Erpenbeck eine sensationelle Premiere von Brechts 'Mutter Courage' in der Weltbühne, die heute ebenfalls von Holger Friedrich herausgegeben wird, als Beispiel 'volksfremder Dekadenz' bezeichnet, die der 'notwendigen Gesundung' der deutschen Dramatik hin zu einer neuen 'Volkstümlichkeit' im Wege stehe. Als ihn der Literaturwissenschaftler Wolfgang Harich in einer Entgegnung darauf hinwies, dass es sich hierbei um blitzblankes Nazi-Vokabular handele, erwiderte Erpenbeck sinngemäß, er solle aufpassen, dass es Brecht und ihm nicht ergehe wie dem sowjetischen Regisseur Vsevolod Meyerhold, der zehn Jahre zuvor in der Sowjetunion verhaftet, gefoltert und hingerichtet worden war, weil seine Inszenierungen der KPdSU zu avantgardistisch waren."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Natascha Strobl: Kulturkampfkunst Ein "Zuschauer*innen" in den Nachrichten, und das Internet kocht. Ein Verlag zieht zwei Winnetou-Bücher zurück, und die Angelegenheit weitet sich fast zu einer Staatsaffäre…
Daniel Bax: Die neue Lust auf links Die freundliche Revolution "Wir sind die Brandmauer!", schleuderte Heidi Reichinnek Friedrich Merz im Bundestag entgegen, als dieser im Januar 2025 mit den Stimmen der AfD…
Gabriel Zucman: Reichensteuer Aus dem Französischen von Ulrike Bischoff. Gabriel Zucman gehört zu den bekanntesten und renommiertesten Ökonomen weltweit. Seit Jahren forscht er zu Steuergerechtigkeit…
Katharina Zweig: Weiß die KI, dass sie nichts weiß? Schon bald sollen wir alle lästigen Aufgaben von intelligenten Chatbots wie ChatGPT und Co. in Form von KI-Agentensystemen erledigen lassen können. Doch wie genau funktionieren…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier