Magazinrundschau

Transgressive Moves

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
16.02.2021. Die Hongkong Review lässt sich modisch von Mosambik beeinflussen. Die New York Times spürt dem kulturellen Einfluss Japans auf Frankreich nach. Africa is a Country erinnert sich wehmütig an die Hindi-Kinos im Ostafrika der 70er. The Internationalist fragt: Wer ist schwarz? New Frame blickt verstört auf den Fremdenhass in Südafrika. Die London Review erinnert an den Algerienkrieg.

Hongkong Review of Books (China), 16.02.2021

In einem Artikel des Magazins untersucht die Soziologin Johanna Pezold den Einfluss Chinas in Mosambik - und der geht inzwischen weit über das wirtschaftliche hinaus. Auch kulturell beeinflusst man sich inzwischen, und das sogar gegenseitig, wie sich am Beispiele der traditionellen baumwollenen 'Capulanas' zeigt: "Viele Chinesen, die in Maputo leben, tragen gerne Accessoires aus Capulana-Stoffen, wie Flip-Flops, Taschen, Hüte oder Schmuckstücke. Einige von ihnen lassen sich auf den lokalen Märkten sogar Kleidung maßschneidern. Mosambikaner wiederum fühlen sich besonders zu Drachenmustern, chinesischen Schriftzeichen und dem Qipao-Kleid hingezogen, einem Kleidungsstil, der im Shanghai der 1920er Jahre populär wurde. Chinesische Drachen und Schriftzeichen sind beliebte Tattoo-Motive, 'weil sie anders' und 'persönlicher' sind, da nicht jeder sie versteht, erklärte ein Mitarbeiter des Maputan-Tattoostudios. Der Qipao, der oft als chinesisches Nationalkleid bezeichnet wird, wird von den Mosambikanern als das direkte Gegenstück zur Capulana gesehen. Sie übernehmen gerne Elemente davon in ihre eigene Mode, wie den typischen runden Stehkragen, kurze Ärmel, Seitenschlitze und Seidenknoten." Wirtschaftlich sind die Chinesen inzwischen führend in der Herstellung von Capulanas, erfahren wir. "Die indischen Hersteller sind von chinesischen abgelöst worden, Grund sind die niedrigeren Preise und die gute Qualität der Farben und Drucke. In Baixa werden inzwischen sogar einige Capulana-Geschäfte von Chinesen betrieben, die ihre Ware aus China beziehen. Ähnliche Entwicklungen gelten für den gesamten mosambikanischen Modemarkt. Lange kamen die chinesischen Produkte über Drittländer wie Südafrika, Brasilien, Portugal. In den letzten Jahren stieg die Zahl der lokal ansässigen Direktimporteure, doch im Wettbewerb unterliegen sie der chinesischen Konkurrenz mit ihren Sprachkenntnissen und Geschäftsbeziehungen. Lange galt chinesische Ware als schlecht produziert, doch das ändert sich zusehends. Mehr und mehr Mosambikaner schätzen die Qualität der Ware, ihre Vielfalt und das originelle Design, das es ihnen erlaubt, auch ohne großen finanziellen Aufwand öfter mal den Stil zu wechseln. Chinesischer Stil erhält so immer mehr Einzug."

Africa is a Country (USA), 29.01.2021

In einem anekdotenreichen Beitrag erzählt Rasna Warah von den Einflüssen des Hindi-Kinos auf die urbane Kultur der siebziger in Ostafrika: Die große Community von Einwanderern - in Ostafrika nannte man sie "Asians" - brachte auch ihr Kino mit in die Städte: "Indische Filme waren und sind für Ostafrikas indische Community die vorrangige Quelle, um Wissen über die indische Kultur zu erlangen. Die frühen indischen Migranten hatten wenig Kontakt mit ihrem Herkunftsland, da Reisen nach Hause nicht nur teuer waren, sondern auch, weil die Schiffsreise von Mombasa nach Bombay oder Karatschi Wochen dauerte. ... Die Kinos in Nairobi waren immer gefüllt, vor allem am Wochenende, wenn die indischen Familien ins kuppelartige Shan in Ngaga strömten, oder ins Liberty in Pangani oder in das Odeon oder das Embassy im Stadtzentrum. ... Aber für die indischen Jugendlichen von Nairobi war das Belle Vue-Autokino auf Mombasa Road der Ort, wo man Sonntagabends einfach gesehen werden musste. Die jungen Inder gaben dort mit ihren Autos beziehungsweise mit denen ihrer Väter an und die jungen Frauen kleideten sich nach der jüngsten Mode, alles in der Hoffnung auf einen Flirt. Man teilte Essen miteinander oder kochte es manchmal sogar direkt auf den sanft abschüssigen Parkplätzen. ... Das Hindi-Kino fand nicht nur in Kenia Anklang, sondern auch im benachbarten Sansibar, wo das urbane Nachtleben von Hindi-Filmen bestimmt war. So manch ein Taraab-Song entsprang direkt einem Hindi-Film. Anders als Filme aus dem Westen (englische Filme, wie man sie hier nannte) entsprachen Filme aus Indien mit ihrem Fokus auf Werte wie Bescheidenheit, Respekt vor den Alten und Moral eher den Vorlieben der Swahili."

Elet es Irodalom (Ungarn), 12.02.2021

Der ehemalige Kriegsberichterstatter und Schriftsteller Sándor Jászberényi, der heute in Kairo lebt und arbeitet, veröffentlichte im vergangenen Jahr seinen dritten Erzählband mit dem Titel "Rabenkönig" (Varjúkirály). Im Interview mit Csaba Károlyi erzählt er vom Leben als Schriftsteller in einer fremdsprachigen Umgebung. "Wenn deine muttersprachliche Umgebung fehlt, wird deine Sprache automatisch sakral. Auf Englisch könnte ich Prosa schreiben, trotzdem habe ich Übersetzer. Es geht einfach darum, dass ich Ungar bin und je weniger ungarische Einflüsse mich erreichen, umso mehr nimmt dieser Zustand zu. Ich teile hier die Ansicht von (Noam) Chomsky: mit einer Sprache lernst du eine komplette Nation. Ungarisch ist meine Muttersprache und weil ich nicht bilingual bin, bleibt mir die ungarische Sprache heilig und intim. Auf einem ungarischen Markt inspiriert mich die Sprache kaum, aber hier hier in Kairo zum Beispiel bildet meine Sprache eine Art Enklave, als würde ich an Gott schreiben, wenn ich auf Ungarisch schreibe."
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New Internationalist (UK), 16.02.2021

Was ist schwarz? Eine Rasse? Eine Hautfarbe? Welche Kriterien gelten, und können sie von Land zu Land verschieden sein? In einem sehr lesenswerten Artikel erzählt Rahila Gupta, die 1975 nach Britannien kam, wie sie sich erst als indisch, dann als asiatisch und schließlich als schwarz definierte. Hintergrund sind die politischen Kämpfe der siebziger Jahre bis heute gegen Diskriminierung. Schwarz als politischer Begriff stand eine Zeitlang für die Solidarität von Asiaten, Afrikanern und Einwanderern von den Westindischen Inseln, die von den Briten kolonisiert, versklavt oder diskriminiert worden waren (selbst Iren konnten demnach "Schwarze" sein) und für den gemeinsamen antirassistischen, antiimperialistischen und antikapitalistischen Kampf. "Schwarz war ein rollender Stein, der Bedeutungen auflas, während er weiter rollte. Für schwarze Frauen war der Boden, auf dem sie standen, nicht nur durch Rasse und Klasse erodiert; auch das Geschlecht hatte ihn verunreinigt. Sie wussten, dass sie sich zusammentun mussten, um auf allen Ebenen zu kämpfen, dass der Kampf für rassische und sexuelle Gleichberechtigung untrennbar miteinander verbunden war; dass, wenn einer der beiden Kämpfe allein geführt wurde, der andere in Gefahr war, kompromittiert zu werden. In den 1970er und 1980er Jahren führte das Bewusstsein, dass die Belange von Frauen aus Minderheiten im weißen Feminismus keine große Rolle spielten, schwarze Frauen unter einem gemeinsamen Dach zusammen. Die Organization of Women of Asian and African Descent (OWAAD), die 1978 von afrikanischen Frauen gegründet wurde, war die erste schwarze Frauenorganisation, von der ich Kenntnis erhielt. ... Es spielte keine Rolle, wie ihre interne Zusammensetzung war oder welche ethnische Gruppe dominierte, denn Schwarz wurde als Organisationsprinzip akzeptiert. Heute hat nur noch eine einzige überlebt: Die Southall Black Sisters (SBS). ... Für die SBS bedeutete der Begriff 'Schwarz' die Befreiung von unseren religiösen und kastengebundenen Identitäten. Er bot Raum für eine säkulare Politik. Nationalistische und religiöse Kräfte, die die Identität auf immer engere Weise umformten, wurden in den 1980er Jahren durch die Finanzierungspolitik des Staates verschärft, die nach den Aufständen in Southall 1979 und Brixton und Moss Side 1981 eingeführt wurde, um die schwarzen Gemeinden zu beschwichtigen. Es war zum Teil dieser Ansturm auf die Gelder, der dazu führte, dass wir uns nicht nur in asiatisch, afrikanisch und karibisch aufteilten, sondern in indisch, pakistanisch, bangladeschisch, jamaikanisch oder nigerianisch."

New York Times (USA), 13.02.2021

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Franzosen verrückt nach Kunst und Design aus Japan. Der Japonisme, der nach der erzwungenen Öffnung Japans die französische Kunst erfasste, veränderte nicht nur die Ästhetik, wie Nancy Hass in einem schönen Text erklärt, sondern grundsätzlich den Blick auf Kunst: "Der neoklassische Perfektionismus, der im 19. Jahrhundert einen bestimmten, an den Akademien wie der École des Beaux-Arts gelehrten Stil aufrechterhalten wollte und von Malern wie Ingres verkörpert wurde, war passé. Aristokratenporträts und Schlachtengemälde erschienen zu rückwärtsgewandt in einer Zeit, da das Kaiserreich von Napoleon III. der Dritten Republik weichen musste. Die japanischen Holzschnittkünstler, die einfache Techniken nutzten, um das alltägliche Leben einfacher Menschen darzustellen - die am Meeresrand sitzen oder durch ein Feld streifen - erschienen viel moderner. Und japanisches Design, dessen Keramik- oder Emaille-Arbeiten fließende Bewegungen einfingen (einen springenden Karpfen, eine Blüte im Wind), brachte neue Freiheit."

Die Hysterisierung der Debatte schreitet munter voran. Man kann nicht sagen, dass man den Schlagabtausch zwischen Cade Metz von der New York Times und dem Scienceblogger Scott Alexander beziehungsweise Scott Siskind auf Anhieb versteht. Aber man hört einige Schlagwörter wie "Dark Enlightenment", "Rationalists" (als eine Denkschule im Silicon Valley), "Neoreactionaries" (eine andere Denkschule mit Nähe zu Silicon-Valley-Größen und wie der Name sagt reaktionär) zum vielleicht ersten Mal. In seinem Artikel enthüllt Metz den eigentlichen Namen des Bloggers, der jahrelang unter dem Namen Scott Alexander das Blog Slate Star Codex geführt hatte, das von vielen Silicon-Valley-Figuren gelesen wurde. Schon im Juni wollte Metz den Namen bekanntmachen. Siskind bat um Diskretion, weil er Psychiater ist und nicht wolle, dass seine Patienten in dieser Ausführlichkeit seine Privatansichten zur Kenntnis nehmen können. Dann schaltete er sein Blog ab, kündigte seinen Job und eröffnete es bei Substack, wo man fürs Bloggen bezahlt wird, neu. Und Metz veröffentlichte letzte Woche seinen Artikel, in dem er Siskind eine Nähe zu Peter Thiel und vielen anderen dubiosen Figuren des Silicon Valley nachsagt. Auch liegt Siskind wohl mit einigen Ansichten nicht ganz auf der Linie des New-York-Times-Kanons. "2017 veröffentlichte Siskind einen Essay unter dem Titel 'Gender-Ungleichheit ist meist nicht durch feindselige Abwehr zu erklären'. Der Hauptgrund, warum Computerwissenschaften, Mathematik und andere Gruppen größtenteils männlich sind, liege nicht am Sexismus dieser Branchen, sondern daran, dass sich Frauen nicht für diese Felder interessierten."

Siskind bestätigt das in einer Antwort im Grunde, verwahrt sich aber gegen den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit: "Ich habe mehrfach über Studien gebloggt, die nahe legen, dass Frauen nicht aufgrund von Diskriminierung in Tech-Berufen unterrepräsentiert sind, sondern weil sie früh das Interesse verlieren (schon High-Schoool-Computer-Klassen sind zu achtzig Prozent männlich, der gleiche Anteil wie in Tech-Unternehmen)... Ich glaube nach wie vor, dass diese Studien zutreffen, und ich denke, es ist entscheidend, die Gründe für das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der Technik zu verstehen, um es besser anzugehen, als wir es jetzt tun."

La vie des idees (Frankreich), 15.02.2021

Ein Buch französischer Autoren, die den Kapitalismus verteidigen - das lässt aufhorchen. Dominique Guellec bespricht die Studie "Le Pouvoir de la destruction créatrice" von Philippe Aghion, Céline Antonin und Simon Bunel, die überzeugt sind, dass sich die großen Herausforderungen der Menschheit - besonders der Klimawandel - nur mit, nicht gegen den Kapitalismus bewältigen lassen. Allerdings durch einen gezähmten Kapitalismus, dem staatliche Vorgaben gemacht werden müssen. Nur so lassen sich Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt, die durch "schöpferische Zerstörung" angerichtet werden, abfedern. Eine weitere spannende Frage ist, ob China innovativ sein kann: "Die Autoren betonen, dass die großen Innovationen des letzten Jahrhunderts alle in demokratischen Staaten realisiert wurden. Der Grund dafür ist, dass Innovation die Möglichkeit des Vorantastens und der Vielfalt braucht, Charakterzüge, durch die sich Diktaturen normalerweise nicht auszeichnen. Daraus könnte man schließen, dass China nicht innovativ ist: aber alle Indikatoren zeigen das Gegenteil, sowohl im Gebiet der Technologie als auch der Wissenschaft und des gesellschaftlichen Lebens. Es ist noch nicht auf dem Niveau der avanciertesten Länder, aber auf dem besten Wege, und die Frage ist, ob sein politisches System bremst, bevor es eine bestimmte Grenze erreicht. Chinesische Politiker sind sich des Themas wohl bewusst und zeigen großen Erfindungsreichtum, um das Monopol politischer Macht mit Konkurrenz in wirtschaftlichen Dingen zu verbinden."
Stichwörter: Kapitalismus, Klimawandel

London Review of Books (UK), 18.02.2021

Den Algerienkrieg zu vergessen war in Frankreich offizielle Politik, aber auch im Privaten wurde die Erinnerung an die begangenen und erlittenen Gräuel häufig beschwiegen. Selbst der kürzlich gestorbene Drehbuchautor Jean-Claude Carrière warf zusammen mit seiner Frau alle Briefe in die Seine, die sich beide in den Jahren seines Wehrdienstes geschrieben hatten, erzählt Adam Shatz. Bestürzt liest er, was Raphaëlle Branche in ihrer Untersuchung "Papa, qu'as-tu fait en Algérie?" an unterdrückten Erinnerungen zusammenträgt: "Die Familien ließen sich oft täuschen durch die beschwichtigenden Briefe, die sie von den Einberufenen während des Krieges erhielten und dachten, es sei wenig geschehen. Viele wollten diesen Eindruck nicht zerstreuen. Michel Berthelémy versuchte seiner Familie von dem Jungen zu erzählen, den er getötet hatte, aber sie interessierte sich nicht dafür. Viele fanden es unmöglich, auch nur zu versuchen, über das Erlebte zu sprechen. In den sechziger Jahren setzt sich vom Algerien-Rückkehrer das Stereotyp des aggressiven, vage psychotischen Flegels durch, eines ignoranten Prolls - den Cabu von Charlie Hebdo als Le Beauf zeichnete. Dass der Beauf seinen Ursprung in dem haben könnte, was Frantz Fanon die psychischen Störungen des Krieges bezeichnete, spielte damals keine Rolle für Frankreichs medizinisches Establishment. Bis 1969 benutzten Studenten im Feld der militärischen Medizin ein Handbuch von 1935. Ärzte wischten Berichte über kriegsbedingte Traumata beiseite mit der Behauptung, dass ein geschädigter Patient geschwätzig, großspurig und glücklich sei mit sich und seinen unkontrollierten Geschichten."

Tony Wood blickt nach Russland, wo Alexei Nawalny die größte Demonstration von Unzufriedenheit auf die Straße brachte, die von der Staatsmacht entschlossen niedergeknüppelt wurde. Wladimir Putin glaubt die Zeit auf seiner Seite, aber da könnte er sich täuschen, meint Wood: "Ein bedeutender Anteil der Protestierenden ist knapp unter oder etwas über zwanzig - es sind Menschen, die unter Putins Herrschaft geboren oder aufgewachsen sind und für die das Gespenst des Chaos, das der Kreml so oft an die Wand malt, weniger beängstigend sein dürfte als eine Zukunft der Stagnation und endloser Korruption."

168 ora (Ungarn), 16.02.2021

Im Interview mit der Wochenzeitschrift 168 óra spricht der renommierte Geiger Sándor Déki Lakatos über die katastrophale Situation der Roma-Musiker in Ungarn aufgrund der anhaltenden Auftrittsverbote während der Pandemie. "Viele von uns mussten die Geige und den Kontrabass in die Ecke stellen. Manche von uns arbeiten als Lieferboten, Taxifahrer oder beim Sicherheitsdienst, was meinem Herzen weh tut. Dies ist ein Beruf, den man nicht in der Schule lernen kann. Ich habe ihn von meinem Vater gelernt, er lernte ihn von seinem Vater, mein Sohn lernt es von mir. Es macht mich sehr traurig, dass die Pandemie, die Schließungen, und die langsame, schrittweise Regenerierung des Tourismus das Ende für diesen Beruf bedeuten kann. Denn für viele Restaurants wird es billiger sein, GEMA-Gebühren für MP3-Playlists als eine drei-vier-fünfköpfige Roma-Band zu bezahlen. (…) Auch wenn die Restaurants und Gästehäuser endlich aufmachen, werden die Roma-Musiker die letzten sein, an die man denken wird. Als ich das letzte Mal bei einem Restaurant anfragte, was wir denn ungefähr erwarten können, hieß es: 'Wir werden uns melden', und wir wissen alle, was das bedeutet."
Archiv: 168 ora
Stichwörter: Ungarn, Roma-Musiker, Pandemien

New Frame (Südafrika), 16.02.2021

In Südafrika nehmen Polizeigewalt und staatliches Versagen immer beängstigendere Ausmaße an, lesen wir in einem Editorial des südafrikanischen Magazins New Frame. Auch der Fremdenhass steigt immer mehr an, was jetzt auch die frisch gebackene Abgeordnete Xiaomei Harvard zu spüren bekommt: "In einigen Kreisen des ANC gärt der staats- und gesellschaftsfeindliche Chauvinismus mit all der Rohheit und Hässlichkeit, die wir auch anderswo in der Welt erlebt haben. In dieser Hinsicht sind Figuren wie Herman Mashaba und Aaron Motsoaledi unbestreitbar Trumpianer. Die Menschen und Organisationen, die online unerbittlich zum Hass aufstacheln und diesen organisieren, sind genauso verwerflich wie die rechtsextremen Menschen, die das Gleiche in Europa, Nordamerika und Australasien tun. ... Wenn Menschen, die sich selbst zu den Aktivisten, Progressiven oder Radikalen zählen, sich einer Online-Raserei anschließen, die um die Idee kreist, es sei empörend, dass eine Person chinesischer Abstammung im Parlament sitzt, nur weil sie chinesischer Abstammung ist, dann ist ein weiterer Moment unseres Niedergangs - dieses Mal festgehalten durch das Bild eines widerlichen Hashtags - markiert."
Archiv: New Frame

New Yorker (USA), 12.02.2021

In einem Online-Beitrag schreibt Kate Klonick über die Arbeit des mächtigen Facebook-Beirats aus externen Fachleuten, der über Sprachregelungen auf der Plattform entscheiden soll und sogar Zuckerberg überstimmen kann: "Anders als beim obersten Gericht, das die Gesetze des Landes entwirft, werden die vom Beirat beschlossenen Verfügungen nicht automatisch Facebook-Gesetz. Beschließt der Beirat die Entfernung von Content eines Unternehmen, muss Facebook nur den einen entsprechenden Post entfernen, weitere Löschungen liegen in Facebooks Ermessen (dazu heißt es von Facebook, man werde 'identische Posts mit ähnlichem Kontext' auf Basis seiner 'operationellen und technischen Möglichkeiten' entfernen). Betreffend die Geschäftspolitik hat der Beirat beratende Funktion, sein Einfluss ist hier begrenzt. Die Hoffnung ist, dass seine Empfehlungen öffentlichen Druck herstellen. Letzten Sommer sprach ich mit Mark Zuckerberg via Zoom. Er trug einen Patagonia Fleece-Pullover und saß in einem holzgetäfelten Raum vor einem Marmor-Kamin. Bei der Schaffung des Beirats war er stark involviert, er korrigierte Dokumente, las Memos, sah sich mögliche Mitglieder an. 'Facebook kann sich der Selbstkorrektur nicht entziehen. Wir brauchen zusätzliche institutionelle Kontrolle von außen', meinte er. Er hoffe, der Beirat sorge dafür, dass Facebook die richtigen Entscheidungen treffe und anderenfalls Mittel bereithalte, die falschen zu korrigieren. Er sah müde aus. Es schien ihm leichter zu fallen, über Produkte oder Tools zu sprechen als über Ethik und Politik. Mir wurde plötzlich klar, dass Zuckerberg im Grunde ein Programmierer war, der sich eines Tages in der Rolle des Managers für einen globalen Marktplatzes der Ideen wiederfand."
Archiv: New Yorker

Harper's Magazine (USA), 16.02.2021

In Kolumbien geht der Krieg trotz des Friedensabkommens zwischen der Regierung und den Guerillagruppen weiter. Ein Drama für die Menschen und für die Umwelt, erzählt in einem Brief aus Kolumbien Jessica Camille Aguirre: "Die Bombardierung des Öltransportnetzes des Landes, das fast unmöglich vollständig zu sichern ist, wurde eine der bevorzugten Taktiken der ELN. Das Ziel ist es, das Wirtschaftsleben des Landes zu stören, insbesondere einen Sektor, der so direkt die Regierung bereichert, gegen die sich die Guerrilla gestellt hat. In Kommuniqués besteht die ELN darauf, dass sie an den Schutz der Umwelt glaubt, aber die Unterbrechung der Förderung natürlicher Ressourcen als wichtiges Werkzeug im Kampf gegen den Kapitalismus betrachtet. 'Für die Oligarchie, den Imperialismus oder die Konzerne ist das Einzige, was zählt, der Profit', sagte mir ein Kommandeur der westlichen Kräfte der ELN, der sich den Decknamen Uriel gab. 'Sie werden nur von dieser Art von Plünderung getroffen.' ... Bataillone der kolumbianischen Gesellschaft zum Schutz der Infrastruktur, Plan Meteoro, patrouillieren die Pipeline in Arauca, um Bombenanschläge zu minimieren, was das kolumbianische Militär in die schlecht sitzende Rolle von Umweltschützern bringt. Die ELN 'ist einer der größten Umweltverbrecher auf dem Planeten', sagte mir ein General der kolumbianischen Armee namens Luis Felipe Montoya, bevor er andeutete, dass die Guerilla dem kolumbianischen Staat 57 Milliarden Dollar schulden würde, behandelte man sie nach dem dem gleichen Standard wie Exxon nach der Ölpest von 1989.'"
Stichwörter: Kolumbien

The Atlantic (USA), 14.02.2021

Ist Hyperpop der gegenkulturelle Sound der Gegenwart? Also ein Pendant zu dem, was der derbe Hardcore-Punk und der Gangsta-Rap der Reagan-Achtziger darstellte? Und lässt sich das so ohne weiteres parallelisieren? Immerhin entstanden Hardcore und Rap an der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Peripherie, wohingegen Hyperpop sich leicht greifbarer Technik, Social Media und ästhetischer Entwürfe des Mainstreams bedient, die dann allerdings rigoros durch den digitalen Fleischwolf gezogen werden. Um solche Fragen rund um das vieldiskutierte Genre (hier ein Videoessay, der ein paar grundsätzliche Fragen klärt) dreht sich Spencer Kornhabers Essay im Atlantic: "Zumindest dahingehend besteht Konsens, dass dieser Sound seine Entstehungszeit reflektiert. Die Musik passt wie maßgeschneidert zu den DIY-Albernheiten auf TikTok, zur Videogame-Gewalt auf Twitch und den grenzenlosen 'Soviel-Du-hören-willst'-Möglichkeiten des Musikstreamings. Man könnte kein Gebräu erfinden, das den Zeitgeist besser ködert. Aber jede neue, chaotische Jugendästhetik der Musikgeschichte war immer auch eine Reaktion gegen die Zeit und nicht bloß eine Reaktion auf sie. Die Blastbeats im Hardcore, die Provokationen des Gangsta-Rap und die Seufzer im Grunge - sie alle machten sich extreme Ästhetiken zunutze, um Mainstreamwerte wie Wohlanständigkeit, Angepasstheit und Konsumerismus zu hinterfragen. ... Natürlich entwickelten auch Anti-Pop-Werte Massenappeal - insbesondere nach den frühen Neunzigern, als Grunge groß wurde. ... Doch das tatsächliche Hörerlebnis ließ sich für viele nicht immer ganz in Einklang bringen mit den Insider-versus-Outsider-Dichotomien, die die Musikindustrie vermarktete. Für bestimmte Leute, zum Bespiel ein queeres Kid in den frühen nuller Jahren, das sich auf Britney-Spears-Fanforen im Netz rumtrieb und außerdem von Fans der Rockgruppe Staind gemobbt wurde, stellte es ohne weiteres einen transgressiven Move dar, an Pop Freude zu haben. Die Geschichte der Musik in den 2010er-Jahren ist zum Teil auch die Geschichte solcher Transgressionen, die ins Licht treten. ... Der heterosexuelle, weiße Durchschnittstyp: Dieser Buhmann ist für Hyperpop so bedeutsam wie es einst der Yuppie für Hardcore-Punk oder der Senatorensohn für die Woodstock-Meute war." Zu den Superstars des Hyperpop zählen im übrigen 100 Gecs:

Archiv: The Atlantic