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Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
20.09.2022. In Africa is a Country denkt die Historikerin Shobana Shankar über den Begriff "Black Asia" nach. In First Things erklärt der Islamwissenschaftler Shadi Hamid, wann der Islam eine Religion der Vernunft sein wollte. In der Boston Review fragt der Historiker Faisal Devji, ob der Kult der Beleidigung nicht ein Produkt des Neoliberalismus ist. Der New Yorker lässt sich von einer Himbeertorte mit Hula-Hoop-Reifen verführen. In Qantara erinnert der Historiker Christopher Silver an die gemeinsame Musikgeschichte auf Vinyl von Juden und Muslimen im Maghreb. Pro Publica lernt, dass Sklavenhandel noch sehr real ist.

Africa is a Country (USA), 14.09.2022

Nach einer Reihe von Angriffen auf afrikanische Studenten in Neu Delhi 2017, erklärte Tarun Vijay, Leiter der Parlamentarischen Freundschaftsgruppe Indien-Afrika und ehemaliger BJP-Abgeordneter in einem Interview mit Al Jazeera, dass dies nichts mit Rassismus zu tun habe, weil Inder per se nicht rassistisch sein könnten. Als Beleg verwies er auf die zum Teil sehr dunkelhäutigen Bewohner der südlichen Provinzen Indiens. Damit löste er eine große Debatte in beiden Ländern aus, berichtet der Politologe Zachariah Mampilly von der City University New York, der sich aus diesem Anlass mit der ebenfalls in New York lehrenden Historikerin Shobana Shankar über ihr neues Buch "An Uneasy Embrace. Africa, India and the Spectre of Race" unterhalten hat. Die Sache wird noch komplizierter durch die Tatsache, dass sie viele Nordinder als "weiß" betrachten, viele Dalit als "schwarz" und viele Afrikaner Ghandi als Rassisten betrachten, was zu dem vielgeteilten Hashtag #GandhiMustFall führte. Dennoch findet Shankar den Begriff "Black Asia" in vieler Hinsicht produktiv, auch wenn er von einem Teil der Südasiaten abgelehnt wird: Er hilft zum Beispiel bei dem Versuch, amerikanische Gerichte dazu zu bewegen anzuerkennen, dass rassifizierte Ungleichheit - etwa wenn indische Arbeiter von anderen Indern in den USA wegen ihrer Kaste diskrimiert werden - "in den heutigen Einwanderungs- und Arbeitssystemen eingebettet ist. Diese Versuche sind radikal, weil sie deutlich zeigen, dass südasiatische Versklavungssysteme keine Relikte der Vergangenheit sind, sondern durchaus in der Lage sind, modernisiert zu werden, ja sogar in der bevölkerungsreichsten 'Demokratie' der Welt, Indien, ausgebrütet und von dort aus in die westlichen liberalen Volkswirtschaften exportiert werden. Wenn ich von radikal spreche, meine ich nicht, dass diese Versuche gänzlich neu sind: Teile der afrikanischen Diaspora in Amerika haben schon lange vor diesen Prozessen aufgedeckt, wie Sklaverei, Kastendenken und Rassismus auf dem afrikanischen Kontinent wirken und die heutigen Migrationsmuster prägen - insbesondere in der Diaspora der Flüchtlinge, der Menschen ohne Papiere und der Asylsuchenden."

Weitere Artikel: Der französische-madagassische Autor Ari Gautier erzählt, welche Bücher ihn beeinflusst haben - von "The Palm-wine Drinkard" des nigerianischen Autors Amos Tutuola über "Gouverneurs de la rosée" des haitianischen Autors Jacques Roumain bis zum Roman "L'Interférence" des "größten modernen Dichters Afrikas", des madagassischen Autors Jean-Joseph Rabearivelo. Wamuwi Mbao stellt den südafrikanischen Dichter Don Mattera vor, der im Juli starb. Und der Religionswissenschaftler Terje Østebø beschreibt den Einfluss des Salafismus auf die äthiopischen Muslime.

First Things (USA), 20.09.2022

Der Islamismus wollte einst unbedingt modern sein, so modern, dass er eine erfolgreiche Alternative zum säkular-liberalen Staat westlicher Prägung sein würde, erzählt der amerikanische Islamwissenschaftler Shadi Hamid in einem interessanten Text über die Ideengeschichte des Islamismus. Das misslang, weil die Scharia nicht kodifiziert war, sondern ein "organischer und dezentralisierter Korpus kontingenter Urteile von Juristen und Richtern". Alle Versuche, sie dem Nationalstaat anzupassen, nützten am Ende dem Staat, nicht der Religion. "Die Modernisten - die prominentesten unter ihnen waren Männer wie der panislamische Ideologe Jamal al-Din al-Afghani (gest. 1897), der ägyptische Theologe Muhammad Abduh (gest. 1905) und der levantinische Theoretiker Rashid Rida (gest. 1935) - waren durch den Zustrom christlicher Missionare unter der Kolonialherrschaft alarmiert. Sie befürchteten, dass gewöhnliche Muslime, die ihrer Meinung nach an einem abergläubischen, mystischen Verständnis des Islams festhielten, den christlichen Argumenten über die Widersprüche des Korans und die allgemeine Minderwertigkeit des Islams auf den Leim gehen würden. Ihre Lösung war innovativ und ausgesprochen modern: Sie wollten die dem Islam innewohnende Rationalität bekräftigen. In dieser Hinsicht ist die Apologetik von Rashid Rida sehr anschaulich. Für Rida ist der Islam die 'Religion der Vernunft', 'der Verbündete der Wissenschaften' und 'näher an der angeborenen Veranlagung und Intelligenz des Menschen'. Er rät seinen Lesern: 'Ihr könnt die Wahrheiten eurer Religion durch logische Beweise und Indizien kennen lernen.' Rida stellt das Christentum dagegen als weltfremd und irrational dar - eine Religion des magischen Denkens. 'Das Wort 'Vernunft' wird in der Bibel nicht erwähnt', schreibt Rida mit spürbarer Verachtung. In einer etwas überarbeiteten Darstellung spielt Rida die Assoziation des Propheten Mohammed mit übernatürlichen Handlungen herunter und argumentiert, dass im siebten Jahrhundert 'die Menschheit in jenes Stadium der Reife und Unabhängigkeit eingetreten war, in dem der Verstand der Menschen nicht mehr bereit ist, sich dem Unglaublichen oder Unnatürlichen zu unterwerfen'. Es scheint seltsam, das Arabien des siebten Jahrhunderts als eine Quelle des Intellektualismus oder als einen Ort darzustellen, an dem der Glaube an Wunder verging. Aber Rida war ein Produkt einer ganz anderen Zeit; er versuchte, den Islam so modern wie möglich zu machen, als er angegriffen wurde, weil er angeblich das Gegenteil war."
Archiv: First Things
Stichwörter: Islam, Islamismus, Rida, Rashid

Boston Review (USA), 14.09.2022

Die muslimischen Demonstranten gegen Salman Rushdie suchen keine Alternativen zum Liberalismus, meint hingegen Faisal Devji, Professor für indische Geschichte in Oxford. Sie wollen in den Liberalismus nur einbezogen werden, etwa wenn sie ihre Heiligtümer denen der Kirche von England gleichgestellt sehen wollen. Dabei hängen sie Begriffen an, die erst die Kolonialisten einführten: "Die ersten Proteste gegen die Satanischen Verse, die zunächst von Muslimen südasiatischer Abstammung in Großbritannien ausgingen und sich dann nach Indien und Pakistan verlagerten, bedienten sich eines kolonialen Vokabulars aus dem 19. Jahrhundert, das im indischen Strafgesetzbuch von 1860 verankert worden war. Dieses säkulare Dokument, das es den Briten ermöglichen sollte, eine religiös vielfältige Gesellschaft zu regieren, lehnte Blasphemie ab und stellte stattdessen die Verletzung religiöser Gefühle unter Strafe. Es war diese spezifisch südasiatische Terminologie über die verletzten Gefühle von Gläubigen aller Religionen, nicht des wahren Glaubens einer Religion, die in der Rushdie-Affäre globalisiert wurde." Der "Kult der Beleidigung" ist nach Devji denn auch nur ein Versuch, sich auf dem Markt der Ideen durchzusetzen, er "ist kein Symptom einer bestimmten politischen Orientierung, weder links noch rechts. Er ist das Produkt des Neoliberalismus."
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Archiv: Boston Review

New Yorker (USA), 26.09.2022

Mit vielen lustigen Fotos garniert porträtiert Molly Fischer die Lebensmitteldesignerin Laila Gohar - wobei Lebensmitteldesignerin ihren Beruf höchstens technisch beschreibt. Tatsächlich ist Gohar eine Verführerin, die einen Calvin mit einer Kirsche in die Hölle locken könnte. Und es geht dabei nicht um die Kirsche. "Als die Galeries Lafayette 2019 hofften, Luxuskunden in ihren neuen Standort auf den Champs-Élysées zu locken, wandten sie sich an Gohar, um eine Eröffnungsparty zu veranstalten. Gohar lieferte (neben einer Himbeertorte mit Hula-Hoop-Reifen und überlebensgroßen Butterskulpturen einer Hand, eines Mundes und eines Ohres) eine Mortadella von der Größe eines Telefonmastes. Sie wurde mit Hilfe eines Krans durch die Fenster im zweiten Stock des Kaufhauses transportiert und kam auf einem Sockel aus schweinchenrosa Marmor, umgeben von passenden Blumen, zur Ruhe - ein Monument der kalten Pracht. ... Viele ihrer Arbeiten sind so kunstvoll, dass man nicht sofort weiß, wie oder ob man sie essen soll. Manchmal würde das die Art von Intervention erfordern, vor der ein schüchterner Partygänger zurückschreckt - zum Beispiel eine Schokoladenbüste mit einem Hammer zu zerschlagen. Aber Gohar begrüßt diese Momente der Unsicherheit. ... Wenn ich meine Arbeit in solche Räume bringe, wirken sie sofort wie ein Eisbrecher. Die Leute werden fast wie Kinder.' Die Gäste fangen an, miteinander zu reden und zu fragen: Was ist das? Kann ich das essen? 'Das Essen ist mir sehr wichtig', sagt Gohar. 'Aber das ist nicht der Punkt.'"

Weitere Artikel: Bono erzählt seine Lebensgeschichte. Sam Knight erzählt die Geschichte eines umstrittenen Lucian Freuds. James Wood liest Marlen Haushofers Roman "Die Wand". Claudia Roth Pierpont liest Marius Kociejowskis Neapelporträt "The Serpent Coiled in Naples". Und Anthony Lane sah Olivia Wildes Film "Don't Worry Darling".
Archiv: New Yorker

Qantara (Deutschland), 15.09.2022

Tugrul von Mende unterhält sich mit dem Historiker Christopher Silver über dessen neues Buch "Recording History", das an die gemeinsame Musikgeschichte auf Vinyl von Juden und Muslimen im Maghreb erinnert: "Begonnen hat alles in einem Plattenladen in Casablanca - dem Le Comptoir Marocain de Distribution de Disques. Das war im Jahr 2009. Als ich den Laden wieder verließ, hatte sich mein Leben verändert. Denn im Le Comptoir habe ich zum ersten Mal verstanden, dass die Welt der Schallplattenaufnahmen eine ganz eigene ist. ... Die Musik hat mich regelrecht überwältigt. Immer wieder wies mich der Ladeninhaber darauf hin, dass wir gerade ein Stück von jüdischen Musikern hören. Ich war überrascht, wie viele der Künstler Juden waren. Das blieb mir dauerhaft in Erinnerung. Mir war damals, als flüstere mir jemand gelebte Geschichte zu. ... Wenn man weiter in die Geschichte zurückgeht und beispielsweise konkret ein Land wie Algerien anschaut, dann sieht man deutlich, dass das Verhältnis von Meister und Schüler der Schlüssel zur jahrhundertelangen musikalischen Überlieferung war. In diesen Meister-Schüler-Beziehungen gab es häufige Wechsel zwischen Juden und Muslimen. Hier gab es keine strikte Trennung nach religiösem Bekenntnis in dem Sinne, dass Juden lediglich Juden und Muslime lediglich Muslime unterrichtet hätten. In der Musik war alles stets miteinander verwoben. Neu für mich war die Erkenntnis, wie beständig diese engen Beziehung bis weit ins 20. Jahrhundert waren."
Archiv: Qantara

The Atlantic (USA), 01.10.2022

In einem großen Rundumschlag erzählt David Frum die Geschichte der Benin-Statuen, dabei immer um die Frage kreisend: Wem gehören die Statuen? Den Erben des Königreichs Benin, die 1914 mit Billigung der britischen Kolonialherren wieder ihren Königsthron besteigen durften? Dem Staat Nigeria, der über die Bronzen bestimmen möchte und einige bereits an den König zurückgegeben hat? Oder sollen sie in einem privaten Museum untergebracht werden, dass von einer mit nationalen und internationalen Fachleuten besetzten Stiftung verwaltet wird, wie es der Gouverneur des nigerianischen Bundesstaates Edo, Godwin Obaseki, plant. Frums Sympathien liegen eher bei Obaseki als beim Staat, der für seine Korruption berüchtigt ist, oder dem König (Oba) von Benin, den er in seinem Palast besucht: "Der Oba von Benin pflegt nicht die falsche Informalität der modernen globalen Oberschicht. Meine Audienz begann mit einer stattlichen Parade von Höflingen und Dienern. Ich musste mich hinknien, die Hände falten und in verstümmeltem Edo eine Beschwörungsformel für Ehrerbietung und Respekt singen. ... Der Oba beschuldigte das Lager des Gouverneurs, ein Komplott zu schmieden, um ihn ins Abseits zu stellen. Er verweilte bei einer besonderen Demütigung: der Vision einer Zukunft, in der Besucher nach Benin kommen würden, um die Schätze seiner königlichen Vorfahren in einem Museum zu besichtigen, das einem privaten Unternehmen gehört, das von einem Architekten entworfen wurde, den der Oba nicht ausgewählt hatte, und das sich auf staatlichem statt auf königlichem Grund befindet. Höflinge zeigten mir die Pläne für das von ihnen gewünschte Museum - ein Gebäude mit mehr oder weniger klassischen Elementen, das dem Stil der Residenz des Oba ähnelt. Der Anstand hinderte mich daran, es laut zu sagen, aber der Entwurf von David Adjaye [für das von Obaseki geplante Museum, d.Red.] gefiel mir viel besser. Doch war nicht genau das das Problem? Der Kontrast zwischen der globalen Kühle der Adjaye-Skizze und dem viel extravaganteren Entwurf, der im Thronsaal vor mir ausgerollt wurde, veranschaulichte fast zu deutlich die zentrale Frage der Benin-Rückgabe-Debatte: Für wen genau ist dieses Projekt gedacht?"
Archiv: The Atlantic

HVG (Ungarn), 15.09.2022

Wenig überzeugend findet Árpád W. Tóta die angeblichen Zugeständnisse der ungarischen Regierung an die EU für die Auszahlung der zurückgehaltenen Gelder. Aber schärfere Regeln gegen Korruption würden das in den letzten zwölf Jahren in Ungarn etablierte System in seinen Grundpfeilern erschüttern. Ministerpräsident Orbán würde sein Werk demontieren, dazu Familienmitglieder und Freunde ins Gefängnis wandern sehen. Tóta sieht hier eher Parallelen zu der Verurteilung des kolumbianischen Kriminellen Pablo Escobar, der nach einem Deal mit der Regierung seine Strafe in einem von ihm erbauten Gefängnis absitzen sollte: "Escobar hat einen Deal mit der Regierung gemacht, unterwarf sich den Prozessen unter einer winzigen Bedingung: Seinen Freiheitsentzug durfte er in dem von ihm selbst gebauten Gefängnis absitzen(...) Wir sollten so etwas auch bauen. Mit dem Geld der EU natürlich, das wird ja auch durchgehen, denn sie beschweren sich öfter über die Zustände in ungarischen Gefängnissen", spottet Tóta.
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn, Korruption

Propublica (USA), 13.09.2022

Dass Sklavenhandel auch heute noch eine Realität ist, zeigt diese Reportage von Cezary Podkul und Cindy Liu über Cyberscamming - also Betrugsmaschen im Internet: "Zehntausende von Menschen aus China, Taiwan, Thailand, Vietnam und anderen Ländern der Region werden mit gefälschten Stellenanzeigen dazu verleitet, in Kambodscha, Laos und Myanmar zu arbeiten, wo chinesische Verbrechersyndikate Cyberbetrugsoperationen eingerichtet haben, wie Interviews mit Menschenrechtsanwälten, Strafverfolgungsbehörden, Rettungskräften und einem Dutzend Opfer dieser neuen Form des Menschenhandels ergaben. Die Opfer werden dann dazu gezwungen, Menschen in aller Welt zu betrügen. Wenn sie sich wehren, müssen sie mit Schlägen, Nahrungsentzug oder Elektroschocks rechnen. Manche springen von Balkonen, um zu entkommen. Andere akzeptieren ihr Schicksal und werden zu bezahlten Teilnehmern an der Internetkriminalität." Auf die Spur kamen die Reporter der Sache über Anzeigen im - inzwischen geschlossenenen - White Shark Channel des Messaging-Dienstes Telegram, einem chinesischsprachigen Forum mit um die 5.700 Nutzern: Hier geht es "um den Verkauf von Menschen - insbesondere von Menschen in Sihanoukville, Kambodscha, und anderen Städten in Südostasien. 'Verkaufe einen Chinesen in Sihanoukville, der gerade aus China geschmuggelt wurde. 22 Jahre alt mit Ausweis, tippt sehr langsam', hieß es in einer Anzeige, in der als Preis 10.000 Dollar angegeben waren. Eine andere begann: 'Kambodscha, Sihanoukville, sechs Bangladeshis, können tippen und sprechen Englisch.' Wie in den Tagen der amerikanischen Sklaverei wurden auf dem Kanal auch Kopfgelder für Menschen angeboten, die weggelaufen waren."
Archiv: Propublica

Canadian Geographic (Kanada), 12.08.2022

Hört nicht mehr so gut und kann sich nur noch schwer entscheiden: Der australische Schnapper. Foto: fir0002flagstaffotos/Wikipedia


Auch die Erde hat einen Soundtrack erfährt man aus Alanna Mitchells Reportage über die Forschung zur Bioakustik. Aber auch hier zeigen sich die Folgen des Klimawandels. Die Übersäuerung der Ozeane beispielsweise beeinträchtigt die Fähigkeit einiger Meerestiere, Töne zu nutzen. "Experimente, die in Ruakaka, Neuseeland, mit wild gefangenen Schnappern durchgeführt wurden, zeigten, dass die Otolithen der Fische, ihre winzigen Ohrknochen, in saurerem Wasser sowohl größer als auch schief wurden, so eine Studie aus dem letzten Jahr. Das bedeutete, dass die Schnapper keine niedrigen Frequenzen hören konnten, die Hauptart von Schallwellen, auf die sie angewiesen sind. Das saurere Wasser schien auch die Gehirnfunktion zu beeinträchtigen, was es den Fischen schwer machte, Entscheidungen zu treffen. Das ist ein schlechtes Rezept für das Überleben in den saureren Ozeanen der Zukunft." Doch es gibt auch eine Gegenmelodie, einen "Refrain der Hoffnung. Anstatt einfach nur Klanglandschaften zu erfassen oder zu versuchen, ihre Veränderungen zu bewerten, haben einige Wissenschaftler damit begonnen, das, was der Planet sagt, zu nutzen, um ihn zu schützen. Eine Gruppe unter der Leitung von Sarab Sethi von der Universität Cambridge entwickelt solarbetriebene, autonome Überwachungseinheiten, die in Echtzeit feststellen können, ob in einem Schutzgebiet illegale Abholzung oder Jagd stattfindet. Die Überwachungssysteme, die in Malaysia und den Vereinigten Staaten getestet wurden, aber an viele Landschaften angepasst werden können, erkennen das Heulen von Kettensägen, das Hacken einer Axt oder den Knall eines Gewehrs."
Stichwörter: Bioakustik, Klimawandel

London Review of Books (UK), 22.09.2022

Londons Ausverkauf begann nicht erst unter Margaret Thatcher, sondern bereits in den sechziger Jahren, lernt Florence Sutcliffe-Braithwaite mit John Davis' Londoner Geschichte "Waterloo Sunrise". Die Swinging Sixties waren nicht nur die Jahre, in denen junge Frauen in Mary Quants Worten einen Hintern anstelle eines Gesäßes bekamen. Pop war populär, aber nicht klassenlos: "Im Jahr 1961 lag die Wohneigentumsquote in Londons inneren Bezirken bei unter 20 Prozent und damit bei weniger als der Hälfte des nationalen Durchschnitts. Fast drei Viertel der privaten Mietwohnungen wurden als 'ungeeignet' eingestuft. Ein Großteil davon war georgianisch, viktorianisch oder edwardianisch und wurde entweder von vornherein billig gebaut oder später in Wohnungen aufgeteilt und dem Verfall preisgegeben. Als die Tory-Regierung 1957 beschloss, die Mietkontrollen für teurere Wohnungen zu lockern, setzte eine Welle der Veränderung ein. Junge Paare mit Ideen aus Chelsea, aber mit den Brieftaschen von Notting Hill Gate begannen, baufällige Häuser aufzukaufen und sie umzugestalten. Bauträger stiegen schnell in das Geschehen ein, angelockt durch staatliche Zuschüsse für die Renovierung alter Häuser. Aus 'Chelseafication' wurde 'Gentrifizierung', und ein großer Teil der heruntergekommenen Innenstadthäuser Londons wurde vor dem Abriss bewahrt."

In einem ellenlangen und etwas mäandernen Artikel erzählt Ian Jack die Geschichte des schottischen Schiffbaus, dessen einstiger Glanz doch ziemlich verblasst ist. Die Hafenstadt Port Glasgow erlebte zudem ihr "Fähren-Fiasko" mit zwei Schiffen, die fünf Jahre nach dem anvisierten Termin noch immer nicht fertig sind. Unangenehm für die schottische Regierung: "Die schottische Verachtung für die politische Führung in Westminster hat unter Boris Johnson einen neuen Höhepunkt erreicht (und droht unter Liz Truss noch weiter zu steigen), so dass dies eigentlich einfach sein sollte. Aber die SNP ist in Schottland seit fünfzehn Jahren an der Macht und hat ihre eigene Liste von Peinlichkeiten, vor allem in den Bereichen öffentliche Gesundheit, Bildung und Industriepolitik. Verglichen mit der niedrigen Lebenserwartung, der höchsten Rate von Drogentoten in Europa und der Aquakultur, die fast vollständig in ausländischem Besitz ist, sind die Fähren ein kleines Missgeschick. Unmittelbar betroffen sind nur die dünn besiedelten Halbinseln und Inseln im Westen Schottlands mit einer Wohnbevölkerung von höchstens siebzigtausend Menschen. Was die Fähren politisch so wirkungsvoll macht, ist die Tatsache, dass sie die Unzulänglichkeit der Regierung auf den Punkt bringen. Die schottische Regierung hat die Schiffe in Auftrag gegeben und finanziert; die schottische Regierung besitzt und verwaltet jetzt die Werft; die schottische Regierung wird die Schiffe subventionieren, wenn sie in Betrieb gehen, man könnte auch sagen falls."

Außerdem: James Butlers blickt auf Liz Truss' bisherige politische Laufbahn, die ihn nicht unbedingt hoffnungsfroh stimmt.

Politico Magazine (USA), 14.09.2022

Vier NGOs um die Bill and Melinda Gates Stiftung haben bei der weltweiten Covid-Bekämpfung allein durch ihr milliardenschweres Spendenaufkommen und durch die enge Kooperation mit der Weltgesundheitsorganisation eine Rolle gespielt, die vom Gewicht her nur mit großen Staaten vergleichbar ist. Nur sind sie nicht demokratisch legitimiert. Und sie haben teilweise versagt, berichtet eine Reportergruppe in einer jener gigantischen Recherchen, die fürs Publikum kaum noch zu verdauen sind. Sie kommen auf Initiativen wie den "Covid-19 Tools Accelerator" (ACT-A) und das COVAX-Konsortium zu sprechen. "Das ACT-A-Diagnoseteam hatte sich zum Ziel gesetzt, bis Mitte 2021 500 Millionen Tests für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen zugänglich zu machen. Dem Bericht zufolge hat es bis Juni 2021 nur 84 Millionen Tests beschafft, was nur 16 Prozent des Ziels entspricht. Das Therapeutik-Team hatte sich ursprünglich das Ziel gesetzt, bis 2021 245 Millionen Behandlungen für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen bereitzustellen, änderte das Ziel aber später auf 100 Millionen neue Behandlungen bis Ende 2021. Bis Juni dieses Jahres hatte das Therapeutikateam nur etwa 1,8 Millionen Behandlungen bereitgestellt. COVAX hatte sich zum Ziel gesetzt, bis Ende 2021 2 Milliarden Impfstoffdosen bereitzustellen. Bis September desselben Jahres hatte das Unternehmen erst 319 Millionen Dosen geliefert." Die Stiftungen schieben die Schuld auf die reichen Länder, die die Impfstoffe und Kapazitäten für sich reserviert hätten.
Stichwörter: Covid-19, Gates-Stiftung

Quillette (USA), 13.09.2022

Bestürzt, auch empört, schreibt der Zeithistoriker Jeffrey Herf über eine Entschuldigung, die der amerikanische Historiker James Sweet verfasst hat. Sein Vergehen? Er hatte unter dem Titel "Is History History?" eine Kolumne im Journal der American Historical Association verfasst, deren Präsident er ist, und dort gefragt, ob Geschichte heutzutage nicht enthistorisiert wird. "Präsentismus", war seine Diagnose, liest Geschichte nur als Vorgeschichte eigener Obsessionen, meist im Zeichen modischer Ideologien. Es folgte der übliche Shitstorm der Errniedrigten und Beleidigten und jener, die sich als Erben dieses Status betrachten. Die Entschuldigung schadet Sweets Disziplin mehr als die Diagnose, meint Herf: "Professor Sweets Stelle an der Universität von Wisconsin-Madison ist sicher. Und er ist der Präsident der American Historical Association. Dennoch entschuldigte er sich, obwohl er nichts zu befürchten hatte, und fügte damit seinem Berufsstand und der AHA unnötigen Schaden zu. Er hatte sich für nichts zu entschuldigen, aber in der Geschichte und im Leben sind diejenigen, die nichts Falsches getan haben, oft am ehesten bereit, sich zu entschuldigen, während die tatsächlichen Verbrecher und Übeltäter nur leugnen oder sich herausreden. Es ist unmöglich, sich als seriöser Historiker mit so wichtigen Themen wie der Geschichte der Sklaverei - oder in meinem Fall mit der Geschichte des Nationalsozialismus, des Kommunismus und des Antisemitismus in der modernen deutschen Geschichte - zu befassen, ohne jemanden zu beleidigen."
Archiv: Quillette

Osteuropa (Deutschland), 13.09.2022

In einem informativen Text beschreibt Tatiana Zhurzhenko, wie Russland seine Macht in den besetzten ukrainischen Territorien auszubauen versucht. Wie schon auf der Krim oder in den 2014 okkupierten Gebieten Donezk und Luhansk setzt es dabei auf eine Kombination aus Terror und Propaganda. Immer wieder droht Moskau auch mit der Annexion der besetzten Gebiete per Referendum: "Es ist vor allem die militärische Lage, die dies verhindert. Darüber hinaus zeigen aber auch vom Kreml in Auftrag gegebene Umfragen, deren Ergebnisse unter Verschluss gehalten werden, dass die Unterstützung für einen Anschluss an Russland gering ist. Zugleich ist die permanente Rede von einem Referendum Teil von Russlands psychologischer Kriegsführung. In der Tat wird es schwieriger sein, die besetzten Gebiete zu befreien, sobald Moskau sie per Referendum und Annexion offiziell zu eigenem Territorium erklärt. Daher steht Kiew unter Druck, das Referendum zu verhindern."
Archiv: Osteuropa
Stichwörter: Ukraine-Krieg 2022

New York Times (USA), 17.09.2022

Es gibt ungefähr 200.000 chassidische - also ultraorthodoxe - Juden in der Stadt und im Bundesstaat New York, sie machen etwa zehn Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung des Staates aus. Ihre Kinder schotten sie in religiösen Privatschulen, Jeschiwas, ab, für die sie, wie andere Betreiber von Privatschulen auch, Subventionen bekommen, etwa eine Milliarde Dollar in den letzten vier Jahren, berichten Eliza Shapiro und Brian M. Rosenthal. Vieles davon fließt als Sozialhilfe. Ernstlich kontrolliert werden diese Schulen nicht. Die Schüler verlassen sie in kompletter Ignoranz und können am Ende oft nicht mal Englisch (ein Grund, warum die Times ihre große Recherche auch auf Jiddisch präsentiert). Internet ist ihnen verboten, weltliche Stoffe lernen sie kaum. Jungen leiden noch mehr als Mädchen, weil ihnen täglich stundenlang religiöse Texte eingetrichtert werden. Schlafen sie ein, gibt es Schläge mit dem Lineal auf die Hand. Die Reporter haben mit vielen Abtrünnigen gesprochen. "Chaim Fishman, 24, der die Jeschiwa Kehilath Yakov in Williamsburg besuchte, sagt, dass die Englischlehrer, wenn er sie nach dem Sinn von Wörtern fragte, oft sagten, dass sie ihn nicht kennen. Die Schule will auf Nachfrage nicht Stellung nehmen. Wie andere in der Gemeinde versuchte auch Fishman, auf eigene Faust Englisch zu lernen, etwa indem er heimlich Radio hörte. Nachdem es ihm gelungen war, seine Jeschiwa zu verlassen, meldete er sich an einer öffentlichen Schule an und war beschämt, wie wenig er wusste. 'Ich gehöre zur dritten Generation, die in New York City geboren und aufgewachsen ist', sagt er, 'und trotzdem konnte ich mit 15 kaum Englisch sprechen.' Trotz des Versagens der chassidischen Jungenschulen hat die Regierung ihnen weiterhin einen stetigen Strom von Geldern zukommen lassen." Das System funktioniert, weil die Rabbis den Lokalpolitikern kollektiv die Stimmen ihrer Gemeinden zukommen lassen.

Die Suche nach Aliens geht weiter, allerdings gibt es jetzt neue Teleskope und bald noch viel bessere, schreibt Jon Gertner. Man sucht heute nicht mehr so sehr nach "Biosignaturen", sondern nach "Technosignaturen", also etwa nach Verschmutzungen in der Atmosphäre von Planeten. Unsere eigenen technologischen Fortschritte machen wie gesagt Hoffnung: "Der erste ist, dank neuer Teleskope und Techniken, die Identifizierung von Planeten, die ferne Sterne umkreisen. Im August zählte die NASA 5.084 solcher Exoplaneten, und die Zahl wächst jedes Jahr um mehrere hundert. 'So gut wie jeder Stern, den man am Nachthimmel sieht, hat einen Planeten in der Nähe, wenn nicht sogar eine ganze Familie von Planeten', sagt Adam Frank vom Forschungsprojekt CATS, der anmerkt, dass sich diese Erkenntnis erst in den letzten zehn Jahren durchgesetzt hat. Da es wahrscheinlich mindestens 100 Milliarden Sterne in der Milchstraße und schätzungsweise 100 Milliarden Galaxien im Universum gibt, könnte es eine fast unvorstellbare Zahl potenzieller Kandidaten für Leben - und auch für Zivilisationen, die über Technologie verfügen - geben."
Archiv: New York Times