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13.05.2025. Offenbar zeichnet sich ein Kompromiss im Hohenzollern-Streit ab. Die Familie darf genug Memorabilien verscherbeln, um damit Millionen zu machen - wenn auch nicht den Watteau - und dafür in künftigen Ausstellungen über die deutsche Geschichte kräftig mit kuratieren, resümiert die FAZ. In Zeit online kritisiert Martin Puchner den Begriff der "kulturellen Aneignung". Nochmal die FAZ thematisiert mit Deborah Schnabel und Eva Berendsen von der Bildungsstätte Anne Frank die allseitige Relativierung des Holocaust. Und hpd.de stellt fest: Die Bundesregierung ist weitaus frommer als ihr Volk.
Letztlich ging es im Hohenzollern-Streit ja ums Versilbern, stellt sich jetzt heraus, nachdem sich die Familie und der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg geeinigt zu haben scheinen. Andreas Kilb zeigt es am Beispiel der Tabatieren Friedrichs II.: "Die Nase des Königs war zwar gleichfalls ein Teil seines Staates, aber die auf Staatskosten aus Halbedelsteinen gefertigten und mit Brillanten besetzten Döschen, aus denen er seinen Tabak schnupfte, gehören nun nicht seinem Rechtsnachfolger, der Bundesrepublik Deutschland, sondern seinen privaten Erben. Zwei der sieben erhaltenen Tabatieren wollen die Hohenzollern freundlicherweise der Öffentlichkeit als Dauerleihgabe überlassen, die übrigen nehmen sie in Besitz. Sie sind viele Millionen Euro wert. Mit ihrer Versteigerung auf dem internationalen Kunstmarkt ist zu rechnen." Für die Demokratie hat die noch nicht von allen Seiten unterzeichnete Einigung mit der historisch kompromittierten Familie allerdings auch eine sehr bittere Seite, so Kilb: "Etwa 6.000 Objekte aus staatlichen Sammlungen könnten fortan nicht mehr ohne ihre Zustimmung verliehen oder kuratorisch gedeutet werden."
Die Abgeordneten der AfD werden es sich bei einem Verbot ihrer Partei nicht nehmen lassen, sich als Opfer zu inszenieren, konstatiert Ronen Steinke in der SZ. Zwar dürften die AfD-Mitglieder keine Nachfolgeorganisation gründen, doch im Wahlkampf nach dem Parteiverbot werden sie das bestimmende Thema sein und die AfD-Wähler wahrscheinlich der Werteunion von Hans-Georg Maaßen oder ähnlichen Parteien zuströmen. "Das alles wäre also eher eine Schocktherapie für die Demokratie als etwas Schonendes. Dieses Szenario muss man vor Augen haben, wenn man die Idee eines Parteiverbots erwägt. Und man muss es dabei dem anderen, dem alternativen Szenario gegenüberstellen, um abwägen zu können. Dieses zweite Szenario besteht darin, dass es grob so weitergeht wie bisher. Dass also bald nicht nur drei oder vier ostdeutsche Länder, in denen die AfD zur stärksten Kraft heranwächst oder dies schon ist, von dieser Partei geprägt werden. Sondern, dass die AfD weiterwächst, auch weil es ihre Gegner mit der Angst zu tun bekommen. (...) Das ist eine Angst, die in einer Demokratie nichts verloren hat und an die man sich nicht gewöhnen darf."
Der Konsens über die deutsche Geschichte, falls es ihn je gab, wird von allen Seiten infrage gestellt. Die Partei Die Linke stützt sich jetzt auf die "Jerusalemer Erklärung" (und findet dafür die Unterstützung der taz, mehr hier), die darauf angelegt ist, aktuelle Formen des Antisemitismus als "nicht per se" antisemitisch weißzuwaschen. Intellektuelle wie Dirk Moses attackieren den "Katechismus der Deutschen". Während Islamisten den Holocaust gleich ganz leugnen, wenn sie ihn nicht ohnehin neu in Szenesetzen, rufen mit ihnen verbündete Aktivisten "Free Palestine from German Guilt". Bei den Rechtsextremen ist es ähnlich. Sie beklagen einen "Schuldkult". Der Antisemitismus der Rechtsextremen äußert sich ganz besonders über historische Relativierungen, allerdings mit anderen Zielen als bei den Postkolonialisten. Hier geht's um Opa. Deborah Schnabel und Eva Berendsen von der Bildungsstätte Anne Frank haben beide Seiten der Relativierung im Blick. In ihrem Bericht "Der Holocaust als Meme" befassen sie sich vor allem mit Relativierung von rechts. Im Gespräch mit Florian Heimhilcher von der FAZ sagen sie: "Die Grenzen des Sagbaren wurden gerade im Feld der Erinnerungskultur nach rechts verschoben, und diese Muster finden wir im Netz. Maximilian Krah platziert emotional besetzte Themen nahbar und auf eine onkelhafte Art und Weise auf Tiktok, wie etwa den Hit: 'Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher.' Da werden keine Zahlen oder Fakten genannt, und über die Verbrechen der Nationalsozialisten wird geschwiegen. Es geht um deutsche Kultur und um Oma und Opa, womit sich jeder sofort emotional verbunden fühlt."
13 May 1943 | Sara Cohen was born in Groningen in The Netherlands. She was a Dutch Jewish girl, a daughter of Jozef and Carolien. In February 1944 she was murdered in a gas chamber of #Auschwitz.
- Auschwitz Memorial (@AuschwitzMuseum) May 12, 2025
Inge Hüsgen beobachtet in hpd.de eine interessante Diskrepanz im Verhältnis von Politik, Religion und Gesellschaft in Deutschland: "Die neue Bundesregierung zeigt ein deutlich religiöses Profil. Bei der Vereidigung am Dienstag sprachen 13 der 17 Ministerinnen und Minister den Amtseid mit Bezug auf ein religiöses Bekenntnis, ebenso wie der neue Bundeskanzler Friedrich Merz. Nur vier SPD-Ministerinnen und -Minister wählten die weltanschaulich neutrale Formulierung. In der Bevölkerung dagegen stellen die Konfessionsfreien längst die Mehrheit, und ihr Anteil wächst."
In der Welt blickt Deniz Yücel auf die selbst proklamierte Auflösung der kurdischen PKK. Diese Entwicklung habe sich über Jahre abgezeichnet: "Die PKK ist zu einem regionalen Akteur geworden. Und genau das, die Autonomie in Rojava, möchte sie nach dem Sturz des Assad-Regimes wahren. Den Guerillakampf in der Türkei hatte sie ohnehin verloren, nachdem 2015/16 ihr Versuch, den Krieg in die Städte zu führen, blutig gescheitert war. Im Drohnenkrieg des türkischen Militärs wurden im Folgenden ihre Guerillaeinheiten weitgehend ausgelöscht. Der Krieg in der Türkei war also faktisch ohnehin zu Ende, noch ehe die PKK offiziell den bewaffneten Kampf für beendet erklärte. Im Gegenzug wird sie Sicherheitsgarantien für Rojava wohl bekommen - aus Sicht der PKK kein schlechter Deal. (...) Auf der anderen Seite dürfte sich Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Unterstützung der Kurden dabei erhoffen, lebenslang im Präsidentenamt zu bleiben. Dass diese Rechnung aufgeht, darf allerdings bezweifelt werden: Nach einem halben Jahrhundert ist die kurdische Gesellschaft keine feudale mehr, aber eine hochgradig politische. Blind wird sie niemandem folgen, auch nicht Öcalan." In der FAZ kommentiert Friederike Böge mit ähnlicher Tendenz.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Zeit-Online-Interview mit Tobi Müller spricht der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Martin Puchner , Autor des viel besprochen Buchs "Kultur - Eine neue Geschichte der Welt" über Kultur in einer globalisierten Welt und warnt vor einer "extremen Moralisierung" der Wissenschaften, wenn es um sogenannte "kulturelle Aneignung" geht. "Der Motor von Kultur ist Austausch, den dürfen wir nicht stoppen. Jede Kultur, die sich nach innen richtet, verarmt. Ohne Ethik geht es aber nicht. Ich beschreibe im Buch deshalb immer wieder, wie viel Zerstörung viele dieser Prozesse zur Folge hatten. Und es gibt Negativszenarien der Aneignung, die müssen zur Sprache kommen." Zum Beispiel "die Benin-Bronzen, die nun alle zurückgehen sollen: Dafür habe ich größtenteils Verständnis, aber eine Art von Austausch fände ich noch besser. Also zum Beispiel: Wir behalten einige Benin-Bronzen, schicken aber dafür ein paar Bilder von Albrecht Dürer nach Benin." Im Interview geht Puchner auch auf den Konflikt der Harvard Universität, an der Puchner lehrt, mit der Trump Administration ein.
Die Idee der Gleichstellung führt zu einer immer stärkeren Fragmentierung von Repräsentation, warnt Susanne Kusicke im Leitartikel der FAZ. Es geht nicht mehr nur um Frauen, sondern auch um "Menschen mit Migrationshintergrund, mit Behinderungen, Arbeiter oder einfach nur junge Menschen". "Hinter alldem steht der Gedanke, dass Arbeiter die Interessen von Arbeitern besser vertreten könnten als Anzugträger, schwarze Menschen die Interessen von Schwarzen besser als Weiße, Menschen mit Behinderungen besser als Menschen ohne. Und der Gedanke hat noch einen zweiten, meist unausgesprochenen Teil: Dass all diesen Interessen auch entsprochen werden müsse. Die bisher gültige Konzeption, Grundlage der repräsentativen Demokratie, tritt dabei immer mehr in den Hintergrund, mehr noch, sie wird geradezu bestritten: Dass jeder einzelne Abgeordnete das ganze Volk vertritt und dabei nur seinem Gewissen verpflichtet ist."
Die Astronomin Aparna Venkatesanmacht sich im Gespräch mit Sophie Tiedemann von der taz Sorgen über die Lichtverschmutzung, nicht nur auf der Erde. Die Tausenden Satelliten in der Umlaufbahn erzeugen Reflexionen, die die Teleskope behindern, erläutert sie. "Außerdem kommt es insgesamt zu einer Aufhellung des Himmels durch die schiere Menge leuchtender Punkte... Dass heute fast niemand mehr dunkle Sternenhimmel oder die Milchstraße sehen kann, bereitet mir Sorgen. Denn wir schützen und schätzen nur das, was wir kennen. Wenn wir den Himmel, den die Menschheit über Jahrtausende gekannt hat, nicht mehr erleben - wie sollen wir dann den Geschichtenerzähler*innen und Wissenschaftler*innen von morgen zeigen, was wir einst hatten? Das ist keine bloße Nostalgie nach einer vergangenen Zeit. Der Himmel war einst unser natürlicher Referenzrahmen, etwas, an das wir uns biologisch, kulturell und spirituell angepasst haben. Das will ich verteidigen. Ich halte es für ein zentrales menschliches und ökologisches Recht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Bauernrevolution von 1525 war vor allem eine Medienrevolution, schreibt Christian Thomas in der FR, der sich unter anderem auf das Buch von Lyndal Roper zum Thema bezieht. Flugschriften seien das probate Mittel zur Kommunikation gewesen und wesentliches Organ, die Forderungen der Revolutionäre über das eigene Gebiet hinaus zu kommunizieren. "Die Abläufe wurden angeheizt durch einen Meinungskampf, der eine ungeheure Dynamik freisetzte. Es ist keine Evolution in den Medien, die nicht zugleich eine an Aufklärung oder des Aberglaubens wäre, des Arguments oder der Aggression. Der Medienkrieg erklärt die Energien, den Furor für die Freiheit, ebenso wie die Eskalation an Unerbittlichkeit. Alles ging rasend schnell. Das Jahrhundertereignis war ein auf nicht einmal zehn Monate zusammengeballter Tumult. Die Verhältnisse überstürzten sich, so dass man meinen könnte, dass die Menschen, damals nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf stand. Eine Analogie? Bei aller Vorsicht vor anachronistischen Aktualisierungen, so ist dies die vielleicht unheimlichste Vergegenwärtigung, die sich unserer Tage aufdrängt."
Der Protest gegen Trump findet statt, die inländischen und ausländischen Medien nehmen ihn nur nicht wahr, so die New Yorker Aktivistin Alice Hu im SZ-Interview mit Andrian Kreye. "Ich glaube, die Medien der Mitte, auch der linken Mitte, haben ihre eigenen Vorstellungen von der Welt und an denen möchten sie festhalten. Und seit ein paar Monaten gibt es das Narrativ: Wo ist der Widerstand geblieben? ... Ich glaube, die Elitemedien lieben es, sobald sie ein Narrativ haben, das klug klingt, das einfach weiterzuverbreiten. Auch wenn es Beweise gibt, die dem widersprechen. Und ein Narrativ ist eben, dass die Proteste bei dieser Trump-Regierung nicht so stark sind wie beim letzten Mal." Als Beispiel für dieses "Underreporting" nennt Hu den New Yorker Klimamarsch, der von 10.000 Demonstranten auf 80.000 anwuchs und in einen Anti-Trump-Protest umschlug. Weitere Beispiele für ihre These nennt Hu nicht.
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