9punkt - Die Debattenrundschau
Teil einer beunruhigenden Welle
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.06.2025. Das Massaker von Yelwata mit seinen 200 Toten ist das dritte in Nigeria in einem Monat. Der Papst schließt die Opfer in sein Gebet ein - alle Medien schweigen. Nicht dass Netanjahu die iranischen Atomanlagen attackiert, empört Eva Illouz in der Zeit, sondern sein skrupelloses Paktieren mit rechten und religiösen Kräften um der Macht willen. Die Iraner, notiert die taz, sind teils durchaus happy über die iraelischen Angriffe. Nein, die Verbrechen der Deutschen an den Polen lassen sich nicht einfach wegmoderieren, mahnt der Historiker Christhardt Henschel auf geschichtedergegenwart.ch. Und golem.de berichtet: Microsoft will alles tun, damit europäische Behörden weiter Office benutzen.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
17.06.2025
finden Sie hier
Politik
Auf Twitter begegnet einem die Meldung über ein Massaker in Yelwata, Nigeria. 200 Christen sollen durch diesen Angriff von Islamisten ums Leben gekommen sein. Kein westliches Medium ist auf diese Meldung eingegangen. Eine Recherche bei Google News bringt eine Meldung der BBC Pidgin. Papst Leo XIV. hat sich allerdings in der Sonntagmesse über dieses "schreckliche Massaker" geäußert und die Opfer in sein Gebet eingeschlossen. Auf einer Seite namens "Genocide Watch" findet sich ein ausführlicherer Bericht: "In den frühen Morgenstunden des Freitags, 13. Juni 2025, wurden mehr als 200 christliche Dorfbewohner von schwer bewaffneten Fulani-Dschihadisten in Yelwata, einer Bauerngemeinde im Bezirk Guma im Bundesstaat Benue, massakriert. Dieses Massaker ist Teil einer beunruhigenden Welle gezielter Gewalt, die in den letzten Wochen über Zentralnigeria hinweggefegt ist. Dieses jüngste Massaker folgt auf eine Reihe koordinierter Angriffe im gesamten Bundesstaat Benue:We lost over 100 people in Yelwata yesterday and it is not even News Worthy.
- Dr. Tivlumun Aluechia (@SAluechia) June 14, 2025
For context, 100s of Missiles launched by Israel and Iran in a War that escalated didn't record up to 100 casualties, yet the news is on every channel. pic.twitter.com/cHqWPRGKvy
- 25. Mai - Aondoana, Bezirk Gwer-West
- 1. Juni - Edikwu-Ankpali, Bezirk Apa
- 12. Juni - Akundu-Tyough, Makurdi, die Hauptstadt des Bundesstaates."
Wer bei der Beurteilung des israelischen Angriffs auf Iran die Kriegsrhetorik unterschlägt und die Vernichtungsfantasien, die der Iran seit Jahren gegenüber Israel pflegt, wer außerdem die jahrzehntelange iranische Unterstützung von Terrorgruppen wie Hisbollah, Hamas und den Islamischen Dschihad ignoriert, wenn es um die Frage geht, ob Iran seine Drohungen ernst meint, sollte besser schweigen, meint in der Zeit die israelische Soziologin Eva Illouz. Und doch - auch über die fatale Regierung Benjamin Netanjahus muss man reden, erklärt sie, die indirekt das Geschäft der Islamisten besorgt: "2024 haben mehr als 80.000 Israelis das Land verlassen - doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Es handelt sich vor allem um säkulare und gut ausgebildete Menschen, also jene, auf die Israel am dringendsten angewiesen ist. Die wachsende ultraorthodoxe Bevölkerung dagegen lebt zu großen Teilen von staatlicher Unterstützung und arbeitet kaum. Das ist die bittere Ironie: Der Iran könnte bald keine militärische Strategie mehr brauchen. Netanjahu und seine Koalition religiöser Extremisten übernehmen die Arbeit für ihn."
Mahtab Gholizadeh hat für die taz mit Iranern über die israelischen Angriffe gesprochen. Sie reagieren zwiespältig. Aber fast alle sind sich einig über das Regime, in das sie keinerlei Hoffnung mehr setzen: "2018, 2019 und 2021 gingen sie auf die Straße. Es gab Wellen des zivilen Ungehorsams und der Massenproteste, die den Frust offen ausdrückten. Das Regime antwortete ausschließlich mit Repression. 'Die Menschen um mich herum reagieren ganz unterschiedlich', sagt der 38-jährige Mohammadreza zur taz. 'Manche sind in Todesangst gelähmt. Manche trauern und weinen ständig. Andere sind wütend und voller Hass auf Israel. Aber ganz ehrlich: Die meisten Leute, die ich gesehen habe, sind einfach glücklich. Sie feiern.' Für ihn ist dieser Krieg nicht etwas, was das Volk gewählt hat - er wurde ihm aufgezwungen. 'Und wenn wir nach einem Schuldigen suchen, ist es die Islamische Republik. Nur sie.'"
Bomben helfen der Zivilgesellschaft im Iran nicht, meint im Interview mit der Zeit die deutsch-iranische Menschenrechtsaktivistin Daniela Sepehri. Aber eine Unterstützung des Widerstands von außen würde sehr wohl helfen, so Sepehri, die deutlich Deutschlands Kungeln mit den Mullahs kritisiert: "Deutschland stellt dem iranischen Widerstand immer wieder ein Bein - und wundert sich dann, dass das Regime noch immer an der Macht ist. Während im Iran Menschen für ihre Freiheit ihr Leben riskieren, führt die Bundesregierung weiterhin Gespräche mit den Machthabern, macht Geschäfte mit ihnen - und schiebt sogar in dieses Regime ab. ... ich habe den Eindruck, dass der Ernst der Lange nicht wirklich verstanden wird. Die damalige Bundesregierung ist nach dem Oktober 2023 viel zu nachsichtig mit dem Iran umgegangen."
Ebenfalls in der Zeit warnt der israelische Historiker Moshe Zimmermann im Interview: "Es wird schlicht nicht eintreten, dass Israel sich mit militärischer Gewalt einen Weg zum friedlichen Leben ebnen kann, zu einem geglückten 'Tag danach'. Nicht im nahöstlichen Dschungel." Michael Wolffsohn hält dagegen in der Bild fest: "Israel hat aus 3000 Jahren jüdischer Geschichte und aus dem Holocaust gelernt: Wir müssen Drohungen gegen uns ernst nehmen und notfalls zuschlagen, bevor wir geschlagen werden."
"Kommt es jetzt also zum immer wieder beschworenen Flächenbrand im Nahen Osten", fragt Klaus Hillenbrand in der taz. "Daran bestehen erhebliche Zweifel. Wer sollte dem Iran denn beistehen? Die Huthi im Jemen mögen Raketen gen Tel Aviv schicken, aber militärisch bedeutend sind sie deshalb nicht. Die Hisbollah ist zerschlagen, die Hamas versteckt sich in Tunneln. Große Teile der arabischen Welt haben zwar pflichtschuldig gegen Israels Krieg protestiert. Doch eine Schwächung des Iran ist auch in ihrem Interesse."
Am Anfang begrüßten viele Iraner die israelischen Luftangriffe und vor allem die Tötung hochrangiger Mitglieder der Revolutionswächter aber das ändert sich schnell, je mehr Menschen sterben, meint in der NZZ der iranisch-schweizerischer Politikwissenschafter Mahdi Rezaei-Tazik. Benjamin Netanjahus Ansprache an die Iraner, mit der er sie ermunterte, gegen die Mullahs aufzustehen, hat dabei wenig geholfen: "Die Menschen in Iran haben genau beobachtet, was in Gaza, in Libanon und in Syrien passiert ist. Auch die Zerstörung ihrer Infrastruktur und die zivilen Opfer wirken wenig vertrauensbildend. ... Was den Iranern ebenfalls wenig Grund zur Hoffnung gibt: Der Opposition im Ausland ist es auch nach rund fünf Jahrzehnten nicht gelungen, eine real existierende säkular-demokratische Alternative zu etablieren - eine Kraft, die als Bindeglied zwischen dem Westen einerseits und der Bevölkerung sowie dem Mittelbau des Militärs und der Revolutionswächter andererseits fungieren könnte. Dieser Mangel weckt bei einem Teil der Bevölkerung die Sorge, dass die Zukunft Irans jener von Syrien oder Afghanistan ähneln könnte."
Yasmin Müller stellt in der NZZ die junge iranische Lyrikerin Parnia Abbassi vor, die bei einem israelischen Luftangriff ums Leben kam: "In den sozialen Netzwerken trauern viele um Parnia Abbassi. Dabei schreiben einige auch über die Tatsache, dass die junge Frau zwar ein unbeabsichtigtes Opfer des iranischen Erzfeindes Israel geworden ist - aber mit ihren demonstrativ offenen Haaren auch genauso ein Opfer der iranischen Sittenpolizei hätte werden können."
Israel hat den Iran empfindlich getroffen, aber ob es das Atomprogramm nachhaltig geschädigt hat, ist noch offen, meint Friederike Böge in der FAZ. Die Anlagen sind zum Teil so tief vergraben, dass sie für israelische Bomben nicht zu erreichen sind: "Auch in der Atomanlage Natans scheinen israelische Erfolgsmeldungen verfrüht zu sein. Falls das iranische Regime den Krieg übersteht, kann man wohl davon ausgehen, dass es alles daransetzen wird, nun erst recht Atombomben zu bauen. Ob es dazu angesichts der Unterwanderung durch den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad überhaupt in der Lage wäre, bleibt dahingestellt."
Geschichte
In Berlin erinnert künftig ein Findling in der Nähe des Reichstagsgebäudes an die Verbrechen der Deutschen gegen die Polen: Drei Millionen jüdische und drei Millionen nicht jüdische Polen habe die Deutschen auf dem Gewissen. Der Stein geht auf eine Initiative des deutschen Polen-Instituts zurück und ist erstmal für fünf Jahre aufgestellt, berichtet Anastasia Zejneli in der taz. Später soll ein deutsch-polnisches Haus hinzukommen. Achtzig Jahre danach also erstmal ein Provisorium? "Bereits 2013 forderte der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, selbst Häftling im Konzentrationslager Auschwitz und Widerstandskämpfer, einen Gedenkort. 2017 entstand dann eine bürgerliche Initiative. Der Plan, das Denkmal mit einer Begegnungsstätte zu verbinden, ist richtig; sind in Deutschland doch das Interesse an den und das Wissen über die Verbrechen der Nationalsozialisten in Polen kaum vorhanden. Ein Ort, der den Blick in die Vergangenheit schärft und die Lehren für die Zukunft bewahrt, ist daher notwendig. Doch der Traum vom Haus bleibt weiterhin eben nur eine Skizze in einer netten Broschüre zum Projekt - nicht mal der Standort ist beschlossene Sache."
In Polen hat unterdessen der rechtspopulistische Karol Nawrocki bekanntlich die Präsidentschaftswahlen gewonnen - und profitierte dabei natürlich wieder vom notorischen Desinteresse deutscher Politik an Polen und am Thema der deutschen Verbrechen gegenüber diesem Land, notiert der Historiker Christhardt Henschel auf geschichtedergegenwart.ch. Und dabei scheint es zu bleiben: "Nach dem Regierungswechsel in Polen 2023 schien man im politischen Berlin zunächst der Auffassung, historische Konfliktthemen wären nun recht leicht wegzumoderieren. Zusammen mit der uninspirierten Jahrestagsroutine zeigte sich hier ein ziemliches Maß gedanklicher Bequemlichkeit. Die Hoffnung auf ein Aussitzen historischer Differenzen kann sich bald als Bumerang erweisen: Der zukünftige polnische Staatspräsident wird aufgrund seiner Vita geschichtliche Deutungskämpfe viel konsequenter führen als sein Vorgänger."
In Polen hat unterdessen der rechtspopulistische Karol Nawrocki bekanntlich die Präsidentschaftswahlen gewonnen - und profitierte dabei natürlich wieder vom notorischen Desinteresse deutscher Politik an Polen und am Thema der deutschen Verbrechen gegenüber diesem Land, notiert der Historiker Christhardt Henschel auf geschichtedergegenwart.ch. Und dabei scheint es zu bleiben: "Nach dem Regierungswechsel in Polen 2023 schien man im politischen Berlin zunächst der Auffassung, historische Konfliktthemen wären nun recht leicht wegzumoderieren. Zusammen mit der uninspirierten Jahrestagsroutine zeigte sich hier ein ziemliches Maß gedanklicher Bequemlichkeit. Die Hoffnung auf ein Aussitzen historischer Differenzen kann sich bald als Bumerang erweisen: Der zukünftige polnische Staatspräsident wird aufgrund seiner Vita geschichtliche Deutungskämpfe viel konsequenter führen als sein Vorgänger."
Gesellschaft
Auch in Israel und unter Juden gibt es bekanntlich Rechtsextremisten. Leon Holly stellt in der taz die Gruppe Betar Deutschland vor: "Betar Deutschland ist der neue Ableger einer Organisation, die 1923 im lettischen Riga von Ze'ev Jabotinsky gegründet wurde, dem wohl bekanntesten Vordenker der rechten revisionistischen Strömung des Zionismus. ... Nimrod Flaschenberg weist auf einen noch extremeren ideologischen Einfluss hin. Flaschenberg ist Israeli, engagiert sich in seiner Heimat in der linken Chadasch-Partei und lebt in Berlin, wo er Proteste gegen den Krieg in Gaza organisiert. Er sieht bei Betar Gemeinsamkeiten mit dem Rabbi Meir Kahane, einem jüdisch-amerikanischen Rassisten, der 1968 in den USA die Jewish Defense League gründete. 'Der Kahanismus wollte Juden gegen andere Minderheiten verteidigen', sagt Flaschenberg der taz. Bei Betar gebe es eine Mischung aus zionistischem Nationalismus, aggressiver Männlichkeit, Alt-Right-Motiven aus den USA und sogar 'einigen sehr düsteren völkisch-deutschen Elementen'."
Digitalisierung
Interessante Entwicklungen im Bericht der Cloud-Anwendungen beobachtet Andreas Donath bei golem.de. Die großen Plattformkonzerne der USA bereiten sich - wohl auch im Zeichen der europäischen Angst vor dem Trumpismus - auf eine stärkere Abkoopelung Europas von ihren System vor: Sie versuchen, sich anzupassen. Microsoft schafft eine "Private Cloud", in der die Server ausschließlich in Europa stehen und auch die Schlüssel zu den Daten nicht in der Hand des Konzerns liegen. Hier geht es vor allem darum Anwendungen wie Office vor Alternativen zu schützen. Sie werden oft von Behörden in Europa genutzt und bringen Microsoft einen stetigen Milliardenstrom. "Microsoft positioniert sich geschickt zwischen den Fronten. Einerseits verspricht man europäischen Kunden die gewünschte Datenkontrolle, andererseits bleibt das Unternehmen ein US-Konzern, der den dortigen Gesetzen unterliegt. Die Kooperationen mit deutschen und französischen Partnern wie der SAP-Tochter Delos Cloud sollen diese Bedenken zerstreuen. Die Erweiterung kommt nicht von ungefähr. Amazon und Google arbeiten ebenfalls an souveränen Cloudlösungen für Europa."
Kommentieren



