Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.07.2025. Julian Nida-Rümelin und Jonas Schmidt-Chanasit fordern in der SZ eine klare Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen, die ihrer Meinung nach vor allem die Gewaltenteilung in Deutschland gefährdeten. Einige der Hungerbilder, die über Gaza zirkulieren und von den renommiertesten Medien benutzt wurden, sind extrem manipulativ eingesetzt worden, hat der Blogger David Collier herausgefunden. Wie stehen evangelische Funktionäre zu Israel, fragt die FAZ. Zeit und NZZ versuchen sich einen Reim auf Peter Thiels dunkel wabernde religiöse Fantasien zu machen.
Der Columbia-Professor Shai Davidai, der die Uni wegen der antisemitischen Ausschreitungen, aber auch wegen der indifferenten Kollegenschaft verlässt (unser Resümee), ist nicht als "Israelkritiker" bekannt. Auf Twitternimmt er zum Thema Hunger in Gaza Stellung und stellt eindeutig fest: "Das Risiko massenhaften Hungers in Gaza ist real." Und auch wenn er die Hamas als Hauptverantwortlichen ausmacht, stellt er die Frage: "Warum sollte uns das kümmern? Weil es in Gaza unschuldige Zivilisten gibt, ganz gleich, was von der Hamas zu halten ist. Weil das Risiko einer Massenhungersnot der Hamas in die Hände spielt. Und weil das Risiko einer Massenhungersnot die geringe Unterstützung gefährdet, die Israel in der Welt noch genießt. Ich kenne die Lösung für das Problem nicht. Aber so zu tun, als würde es nicht existieren, wird die Realität nicht verändern."
Screenshot von Zeit online. In den Medien der ganzen Welt kursieren Bilder eines Kindes, die das Thema Hunger in Gaza in drastischer Weise illustrieren sollen. Der Daily Express brachte diese Bilder eines Fotografen aus dem Gazastreifen zuerst in Umlauf. Auch CNN, die BBC, die New York Times, die Zeit (hier) illustrierten das Thema mit Bildern dieses Kindes - in der Zeit wird das Bild durch den Ausschnitt, die Schwärzung des Kontexts und die Präsentation in schwarzweiß noch zeichenhafter und anklagender. Auf den Kontext verzichteten auch andere Medien, etwa die BBC, die die Mutter des Kindes interviewte und darauf verzichtete zu erwähnen, dass das Kind an einer seltenen Muskelerkrankung leidet. Recherchiert hat diesen Hintergrund der Blogger David Collier. Er kann den Namen des Kindes nennen, konnte Krankenhaus-Dokumente einsehen, kann die genaue Diagnose benennen. "Hier kommt noch eine weitere Ebene des Zynismus hinzu. Nach allem, was ich erfahren habe, versucht Mohammeds Mutter lediglich, Hilfe für ihr Kind zu finden. Sie verschweigt nicht die Wahrheit. Sie erzählt jedem, der sie fragt, die ganze Geschichte. Dennoch haben alle Journalisten, die mit ihr gesprochen haben, dieselbe zynische Entscheidung getroffen: Sie ignorieren die medizinische Realität, lassen den Kontext außer Acht und machen ihr Kind zu einer Propagandawaffe. Niemand versucht zu helfen. Niemand ist daran interessiert, die Wahrheit zu sagen. Alles, was sie zu fragen scheinen, ist: 'Wie kann dieses Bild Israel schaden?' - und darauf bauen sie ihre Berichterstattung auf." Auch hier ist nicht zu leugnen, dass das Kind nicht die Versorgung erhält, die es braucht - aber sein Zustand repräsentiert nicht den der Bevölkerung in Gaza.
Israel hat die Verteilung von Lebensmitteln, die es seiner Aussage nach nie verhindert hat, nun eskortiert. Die Lage scheint sich also ein wenig entspannt zu haben. Sabine am Orde unterhält sich in der taz mit dem früheren deutschen Botschafter Christian Clages, der nicht verstehen kann, warum Deutschland nicht die Erklärung von 28 Außenministern, die den Stopp des Gaza-Kriegs fordern, unterzeichnet hat. Und er sucht weitere Hebel: "Eine der konkreten Möglichkeiten, den Druck auf Israel zu erhöhen, ist die Anwendung der Menschenrechtsklauseln im Assoziierungsabkommen der EU mit Israel, sie würde zu einer Aussetzung dieses Abkommens führen. Da ist Deutschland der Bremser. Bestimmte Entscheidungen in der EU können nur einstimmig oder mit qualifizierten Mehrheiten getroffen werden. Deutschland hat Gewicht. Wenn wir nicht gemeinsam mit den anderen agieren und handeln, gibt es ein Problem."
Die Vertreter Der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sind in der Bredouille. Gerne schmücken sie sich mit Vielfalt und "Eine-Welt-Läden". Allerdings hat der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK, ehemals Weltkirchenrat ) eine Deklaration zu Israel veröffentlicht, die dem Land - natürlich - Apartheid vorwirft und einen Israelboykott im Sinne von BDS fordert. Nun reisen die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs und der EKD-Auslandsbischof Frank Kopania "in heikler Mission" nach Genf, um die Differenzen zu klären, berichtet Reinhard Bingener in der FAZ. Zwar haben die deutschen Funktionäre der Erklärung nicht zugestimmt, aber allzu deutlich distanzierten sie sich auch nicht. "Der neue Auslandsbischof Kopania äußert sich im Gespräch mit der FAZ nun so klar wie bisher kein EKD-Vertreter. Der Begriff Apartheid wirke als 'Kampfbegriff' und sei 'in keiner Weise hilfreich', sagt Kopania. 'Es ist aus unserer Sicht nicht hinnehmbar, dass der Beschluss zentrale Aspekte der Komplexität unbeachtet lässt. Dazu gehört die Rolle der Hamas und die anhaltende Geiselnahme.'" Nun gibt es aber in keinem Land der Welt eine so schöne Kirchensteuer wie in Deutschland: "Auch im ÖRK wird man die deutsche Debatte über den Apartheidbeschluss genau verfolgen, denn die EKD zählt zu seinen wichtigsten Finanziers."
Der Bundestag hat eine Kommission mit der Untersuchung der Corona-Pandemie beauftragt: Das wurde auch Zeit, finden der Philosoph Julian Nida-Rümelin und der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit in der SZ. "Teils eklatante Fehler" wären begangen worden, die nun aufgearbeitet werden müssen, zum Beispiel, was die Gewaltenteilung anging. Es stellt sich "die Frage nach der föderalen Ordnung und der Trennung von Exekutive und Legislative in einer Pandemie. Während der akuten Phase etablierte sich die vom Bundeskanzleramt geleitete Ministerpräsidentenkonferenz als Ort für die wesentlichen Entscheidungen zur Pandemiebekämpfung. Dieses Gremium ist in der Verfassung jedoch gar nicht vorgesehen und besitzt daher keinerlei legislativen Status. Besonders problematisch ist deshalb auch der Mangel an Protokollen und Mitschriften dieser entscheidenden Sitzungen (...) Auch die gerichtliche Kontrolle pandemischer Maßnahmen stieß wiederholt an ihre Grenzen. Verwaltungs- und Verfassungsgerichte stützten sich fast ausschließlich auf die Expertise des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts. Beides sind Bundesbehörden, die dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt sind. Eine unabhängige wissenschaftliche Prüfung, etwa durch externe Sachverständige oder Expertengremien, fand nur in Ausnahmefällen statt."
Wer Rechtsextremismus (und vielleicht auch Islamismus?) verstehen will, braucht Männerforschung, meint der Journalist Thomas Gesterkamp in einem Meinungsartikel der taz - institutionell ist ein solcher Zweig der Genderforschung allerdings so gut wie gar nicht vorhanden: "Unterstützt vom Rückenwind der feministischen Bewegung konnte sich die Frauenforschung institutionalisieren. Männerforschung hingegen ist ein kaum etabliertes Themenfeld - erst recht, wenn sich auch noch männliche Wissenschaftler damit beschäftigen wollen. Ihre relevanten Positionen an Hochschulen lassen sich an einer Hand abzählen. Mit einem Genderschwerpunkt kommen Männer im akademischen Vergabekarussell meist gar nicht zum Zuge."
Die Columbia Universität ist im Streit mit Donald Trump eingeknickt und schließt eine Vereinbarung mit der Regierung ab, um Subventionen zu behalten. "Vordergründig geht es um den Kampf gegen Antisemitismus, den die Hochschule nicht entschieden genug geführt habe. In Zukunft soll aber auch eine unabhängige Ombudsperson über Zulassungen und Personalentscheidungen wachen. Keinerlei Berücksichtigung von Benachteiligungen etwa durch Rassismus soll bei der Zulassung von Studenten mehr geduldet werden. In der Vereinbarung heißt es, Columbia dürfe in Zukunft 'keine persönlichen Stellungnahmen, Diversitäts-Narrative oder irgendeine Erwähnung von 'racial identity'' bei der Zulassungsentscheidung berücksichtigen - gemeint sind die persönlichen Essays, die Studienbewerber einreichen."
Der Linksextremist, Rechtsextremist und Terrorist Horst Mahler ist "angeblich gestorben", meldet unter anderem die FR. Die Meldung ist bisher noch im Konditional gehalten, weil sie ursprünglich aus einer rechtsextremen Quelle stammt.
Bei Zeit Online nimmt Ijoma Mangold die kontroversen und widersprüchlichen Ideen des rechts-libertären Tech-Unternehmers Peter Thiel unter die Lupe. So abstrus vieles klingt, was Thiel von sich gibt, so interessant könnte es vielleicht für uns Europäer sein, "sich dieses dunklen Denkens im Dunstkreis von Peter Thiel, das ja auch als 'dark enlightenment' apostrophiert wird, wie eines Kontrastmittels bedienen." Zum Beispiel, wenn Thiel von der Stagnation des technischen Fortschritts spricht: "Nur in der Welt der Bits gebe es noch Innovation, in der Welt der Atome passiere seit dem Ende der Apollo-Mission nichts mehr (...) In diesem Punkt Thiels Intuition nachzuhorchen, könnte tatsächlich fruchtbar sein, denn für seine These der wissenschaftlichen Stagnation spricht die wirtschaftliche Stagnation: Die Millennials können materiell mit ihren Boomer-Eltern nicht mehr mithalten - es gibt zu wenig Wachstum, denn Wachstum wurde kulturell dämonisiert. Doch warum ist der Fortschritt eingeschlafen? Vermutlich würde Thiel sagen: weil wir die Bibel nicht wörtlich genug nehmen, die uns doch auffordere, sich die Erde untertan zu machen. Denn Thiel ist ein Mann, der Texte - und zwar selbst die Bibel - nicht liest, sondern sie je nach Bedarf benutzt. Das hat etwas Unbefriedigendes. Andererseits wird man durch die Beschäftigung mit ihm nicht dümmer, denn auch Inkohärenz zu rekonstruieren, kann erkenntnisstiftend sein."
Auch der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank beschäftigt sich in der NZZ mit Peter Thiels religiösen Gedanken. Zum Beispiel mit seiner Idee vom Ende der Welt durch den "Antichristen". "Für Thiel verbirgt sich dahinter die Gefahr einer mächtigen linken Weltregierung - sei es ein Weltkommunismus oder eine woke Gesinnungsdiktatur. Ein solcher Krake wäre das Ende jeglicher Freiheit der Menschen. Konkrete Vorzeichen dieser gefährlichen Weltregierung sind für Thiel etwa die Uno oder die EU. "Donald Trump interessieren solche theologischen Spitzfindigkeiten nicht. J. D. Vance und Peter Thiel dafür umso mehr. Sie wollen nicht nur Macht haben, sondern auch die Welt retten. Das macht sie gefährlich. Die christliche Religion ist eine ambivalente Angelegenheit. Es gibt einen moralischen und einen politischen Universalismus. Der moralische Universalismus gebietet, bei ethischen Entscheidungen das Wohl aller Menschen zu berücksichtigen. Der politische Universalismus stellt das Christentum in den Dienst imperialer Weltherrschaft und Welterlösung."
Weiteres: In der NZZdenkt Uli Bernays über den Begriff "African American" nach.
Der Kampf um den Schutz der Antikorruptionsbehörden in der Ukraine ist noch nicht ausgestanden, mahnt Robert Putzbach in der FAZ. Selenski hatte die Behörden mit Hinweis auf angebliche russische Einflussnahme schwächen wollen und machte nach Demonstrationen einen Rückzieher. "Westliche Beobachter betonen derzeit, die Proteste zeigten, dass die Ukraine nicht Russland sei. Es gibt dort unabhängige Medien und freie Wahlen, das Volk hat keine Angst vor den Mächtigen. All das ist richtig. Doch kann elf Jahre nach der 'Revolution der Würde' wirklich noch das autoritäre und kleptokratische Russland der Maßstab sein? Die Ukraine sollte man eher mit den Ländern messen, zu denen sie sich selbst zählt. Im Hinblick auf die Unabhängigkeit der Justiz gibt es also viel zu tun. Wäre die Strafverfolgung frei von politischer Einflussnahme, hätte man NABU und SAP längst wieder abschaffen können."
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