9punkt - Die Debattenrundschau

Doch die Bilder...

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.08.2025. Die Diskussion über die Manipulation von und mit Bildern im Krieg geht weiter. Auch Kinder mit Krankheiten müssen nicht so abgemagert aussehen wie auf den bekannten Bildern, schreibt der bekannte Arzt Cihan Çelik in der FAZ. Bilder abgemagerter Menschen werden schon seit langem eingesetzt, um die Assoziation mit Auschwitz zu schaffen, schreibt Michael Miersch bei den Ruhrbaronen. Schwer erträglich sind die Bilder so oder so, schreibt der Historiker José Brunner in der SZ, der sich eine Sprache der Kritik wünscht, die weder proisraelisch noch propalästinenisch ist, sondern die Situation sehr nüchtern beschreibt. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.08.2025 finden Sie hier

Politik

200 Prominente aus Kunst und Medien haben Bundeskanzler Merz angesichts der Lage in Gaza in einem offenen Brief aufgefordert, Israel unter Druck zu setzen, berichtet der Spiegel. "Konkret werden drei Punkte genannt: ein Stopp aller deutschen Waffenexporte an Israel, ein Aussetzen des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel, sowie die Forderung nach einem sofortigen Waffenstillstand und ungehindertem Zugang für humanitäre Hilfe. ... Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner verurteilen 'die grauenvollen Verbrechen der Hamas aufs Schärfste', so die Künstlerinnen und Künstler in ihrem Brief. Jedoch legitimiere kein Verbrechen, Millionen von unschuldigen Menschen kollektiv zu bestrafen." Hier der ganze offene Brief unter dem Titel "Lassen Sie Gaza nicht sterben, Herr Merz". 

"Es ist für mich unerträglich, die Bilder der ausgemergelten palästinensischen Babys zu sehen. Ich bin mit jüdischen Werten aufgewachsen, mit humanistischen Werten. Das wird alles mit Füßen getreten", sagt in einem lesenswerten SZ-Interview der israelisch-schweizerische Historiker José Brunner. Aber er wünschte sich auch, man könnte "eine Sprache der Kritik finden, die weder proisraelisch noch propalästinensisch ist, sondern die Situation sehr nüchtern beschreibt. ... Man darf in Deutschland zu israelischen Kriegsverbrechen nicht schweigen oder sie sogar rechtfertigen. Es ist mir aber gleichzeitig wichtig zu sagen, dass nicht nur eine Seite im Nahost-Konflikt 'Agency' hat, also Handlungsfähigkeit. Es ist nicht nur die israelische Armee, die Untaten begeht. Die Hamas könnte die Geiseln freilassen, die Hamas könnte die Tunnel öffnen und die palästinensischen Zivilisten hineinlassen und sie beschützen, anstatt sie als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Der Durchschnittspalästinenser, der jetzt hungert, hat keine Agency, natürlich. Er ist der Gewalt beider Seiten ausgeliefert."

Auch Kinder mit Mukoviszidose können zunehmen, wenn sie richtig ernährt werden, schreibt der Arzt Cihan Çelik in der FAZ zur Debatte um Fotos schwerkranker Kinder, die von Zeitungen als repräsentativ die Hungerkrise in Gaza verwendet wurden. Er schreibt dabei auch über das Bild eines Jungen, den die Israelis schon vor Monaten nach Italien ausreisen ließen, und dessen Bild dennoch in einer italienischen Zeitung die aktuelle Lage illustrieren sollte - mit einer Überschrift, die auf Auschwitz anspielte. Aber darum geht es Çelik nicht: "Dass der Junge inzwischen in Italien mit besserer Versorgung in einem völlig anderen Zustand ist, bestätigt: Nicht die Krankheit allein, sondern Hunger und Blockade von Hilfe waren entscheidend für seinen Zustand. Das Bild entstand vor Wochen, als der Mangel längst Realität war. Die Lage hat sich seitdem nur zugespitzt."

Über die Manipulation von Bildern schreibt Michael Miersch bei den Ruhrbaronen. Er erinnert sich, wie er 1974 einem Transparent hinterher lief, auf dem zwei Fotos nachgemalt waren: das Bild des durch Hungerstreik total abgemagerten RAF-Terroristen Holger Meins und das Bild eines "Muselmanen" aus Auschwitz. "Fasst man die unterstellte Botschaft dieser Bilder in Worte, wie würden sie lauten? Etwa so: Stirbt ein RAF-Gefangener im Hungerstreik, ist dies moralisch dem erzwungenen Hunger in den NS-Konzentrationslagern gleichzusetzen. Hätte dieser Text auf dem Transparent gestanden, wären möglicherweise einige Demonstranten - vielleicht sogar ich - nachdenklich geworden. Doch die Bilder zielten nicht auf unsere Köpfe, sondern auf unsere Herzen. Wir fühlten Unrecht und Unmenschlichkeit, empörten uns - und wurden zu nützlichen Idioten der Terroristen."

In der Welt explodiert Melody Sucharewicz, deutsch-israelische Politikberaterin und Terrorismus-Expertin, fast, wenn sie die Klagen über hungernde Kinder in Gaza hört: Denn die seien in erster Linie Opfer der Hamas. Die internationalen Medien nähmen das aber in der Regel nicht zur Kenntnis und übernähmen statt dessen die Hamas-Propaganda: "In ihren Berichten von hungernden palästinensischen Kindern verschweigen ARD und ZDF immer wieder das Elend der israelischen Geiseln. Sie verschweigen den Kontext. Sie verschweigen die skrupellose Instrumentalisierung palästinensischer Zivilisten durch die Hamas."

Diese Bilder zirkulieren seit gestern Abend in den sozialen Medien:


Klima- und Umweltschutz sind unter Trump quasi geschleift worden, berichtet Joachim Müller-Jung in der FAZ: "Donald Trumps Mann fürs ökologisch Grobe, Lee Zeldin von der nationalen Umweltbehörde EPA, kriegte sich gar nicht mehr ein vor Verzückung, als er Mitte dieser Woche verkündete: Kohlendioxid und alle anderen klimaschädlichen Treibhausgase werden künftig nicht mehr reguliert." Die Trump-Regierung entblödet sich nicht, ihre Klimapolitik auch durch ein Gremium mit Pseudowissenschaftlern zu begründen, so Müller-Jung. "Kohlendioxid löst Dürren aus? 'Der Planet ergrünt', heißt es bei ihnen, weil die Pflanzen das Mehr an Kohlendioxid in ihrer Photosynthese umsetzen. Das Klimagas versauert die Ozeane? Nicht beunruhigend, denn Schwankungen des Säurewertes habe es in der Erdgeschichte immer wieder gegeben."
Archiv: Politik

Kulturpolitik

Der Kulturetat des Bundes steigt 2026 auf die Rekordhöhe von 2,5 Milliarden Euro. In der FR zuckt Harry Nutt die Schultern: nett, meint er, reicht aber nicht. Der größte Batzen fließe in die Filmförderung, die fast verdoppelt werde. Das sei aber nur "Tropfen auf heißen Steinen ...  Der Produktionsstandort Deutschland ist nicht mehr sonderlich nachgefragt, die Kosten sind zu hoch, und die Zugänge zur Filmförderung erweisen sich oft als bürokratisch verbaut." Zehn Millionen Euro mehr für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz? "Die eben erst ins Amt gekommene SPK-Chefin Marion Ackermann wird sich freundlich bedanken, die strukturelle Unterfinanzierung ihrer vielarmigen und runderneuerten Kulturinstitution dürfte eine solche Zuwendung allerdings kaum beheben." Und was die Gedenkstätten angeht, bezweifelt Nutt, dass Kolonialismus und deutsche Besatzung eine Rolle spielen werden.

In der SZ flippt Jörg Häntzschel zwar auch nicht gerade aus vor Begeisterung, aber er gesteht der Bundesregierung zu, dass sie offenbar keine "neoliberalen Rezepte aus den Neunzigern wiederauflegen will, als man am liebsten jede Ausstellung von einem Gaskonzern finanzieren ließ". Die Steigerung zum Vorjahr betrage immerhin "satte zehn Prozent mehr", während es im Gesamthaushalt nur eine Steigerung von 3,5 Prozent gebe.
Archiv: Kulturpolitik

Europa

Es werden massenhaft alte Fischernetze an die Ukrainer gespendet, berichtet Juri Konkewitsch in der taz. Sie dienen allerdings nicht zum Fischfang im Schwarzen Meer, sondern markieren eine Wende im Drohnenkrieg. Zuerst waren die Russen auf die Idee gekommen: Sie überspannten Straßen und Nachschubwege mit solchen Netzen: "Im Fischernetz verfangen sich die Propeller der Drohnen. Bei einer Kollision mit dem Metallnetz explodiert die FPV-Drohne und kann Verletzungen verursachen. Weitere Vorteile von Fischernetzen sind ihre Langlebigkeit und die fehlende Reflexion des Sonnenlichts, so dass sie von Drohnenpiloten nicht erkannt werden. Mit der Zeit begann auch das ukrainische Militär, diese Netze einzusetzen. 'Die Idee dahinter ist, dass eine FPV-Drohne, die Fahrzeuge auf diesem Straßenabschnitt angreift, dieses Gitter nicht bemerkt und sich aufgrund der schlechten Qualität des analogen Videos darin verfängt. Doch selbst wenn der Drohnenpilot das Netz erkennt, kann er sich dem Ziel nicht nähern, um es zu zerstören. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass das Netz vor Glasfaser-Drohnen schützt', erläutern Analysten des Portals Militarnyi."

Wie wenig die Aufarbeitung der Vergangenheit, auf die Deutschland so stolz ist, tatsächlich gefruchtet hat, sieht man an Äußerungen zwar wenig bedeutender, aber omnipräsenter Köpfe wie Richard David Precht oder Ole Nymoen, die Unterwerfung gegenüber Putin predigen und darum als "Pazifisten" gelten, beobachtet Richard Herzinger in seiner Perlentaucher-Kolumne. Besonders der 27-jährige Nymoen scheint damit auch einen Teil seiner Generation zu repäsentieren. Vor allem ignoriert er mit seiner Ansage, keinesfalls für Deutschland kämpfen zu wollen, die Geschichte, so Herzinger: "Doch dass derartige geradezu trotzig die Realität verleugnende Vorstellungen namentlich in der jungen Generation in Umlauf sind, kann andererseits nicht wirklich verwundern. Haben viele der jungen Leute, die jetzt von der anvisierten Wiedereinführung der Wehrpflicht betroffen sind, doch das nicht unberechtigte bittere Gefühl, von den älteren Generationen hinters Licht geführt worden zu sein. Diese hatten jahrzehntelang den Eindruck erweckt, Deutschland würde nie wieder mit Krieg konfrontiert werden - und dementsprechend die militärische Abschreckung auch dann noch vernachlässigt, als Putins Russland längst dabei war, europäische Länder zu überfallen und zu bedrohen."
Archiv: Europa
Stichwörter: Drohnen, Wehrpflicht, Abschreckung

Geschichte

Simone Veil war eine der legendärsten Politikerinnen Frankreichs  nach dem Krieg. Als Ministerin unter Giscard d'Estaing war sie es, die eine Liberalisierung der Abtreibungsgesetze durchsetzte. Von 1979 bis 82 war sie Präsidentin des Europäischen Parlaments. Als Heranwachsende war sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Auschwitz deportiert worden. Ihr Sohn Aurélien Veil präsentiert auf Twitter einen Brief, den sie im Jahr 1952 in einem Ton vollendeter Höflichkeit an den damaligen Direktor von Siemens schrieb: Sie forderte ihr Gehalt als ehemalige Zwangsarbeiterin im Siemens-Werk bei Auschwitz zurück: "Ihnen wird nicht unbekannt sein, dass die Abgaben, die private Unternehmen für die von Deportierten geleistete Arbeit an die Sozialversicherungsbehörde entrichteten, deutlich unter den normalen Löhnen lagen, die an Arbeiter derselben Kategorie gezahlt wurden. Daher dachte ich, dass Ihnen die Beseitigung dieser Differenz ein Anliegen sein wird. Ich überlasse es Ihnen, den Betrag für zwei Personen zu berechnen, die sechs Monate lang täglich zehn Stunden gearbeitet haben, und mir diesen auf dem von Ihnen für am besten geeigneten Weg zukommen zu lassen." Ob sie eine Antwort erhalten hat, ist nicht überliefert.
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Siemens, Veil, Simone, Auschwitz