Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.08.2025. Wenn Russland Europa angreift, dann in den nächsten drei bis fünf Jahren, vermutet der ehemalige litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis in der SZ. Die taz porträtiert die marokkanische Feministin Ibtissame Lachgar, die behauptete, Allah sei Lesbierin - und dafür festgenommen wurde. In Saudi-Arabien werden immer mehr Menschen hingerichtet, berichtet hpd.de. Der Historiker Lukas Willmy wirft laut hsozkult.de einen neuen Blick auf den Bombenkrieg der Allierten gegen Nazideutschland.
Russland bleibt eine Bedrohung für ganz Europa, deshalb müsse man unbedingt aufrüsten, erklärt der ehemalige litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis im SZ-Interview mit Hubert Wetzel. "Ich denke, wenn es zum Krieg kommt, dann eher vor 2035. Zehn Jahre sind eine sehr lange Zeit. Ich glaube, wir sind in diesem Moment ganz besonders verwundbar, und wir werden es noch für drei bis fünf Jahre bleiben. Das ist das Zeitfenster, in dem Putin eine Entscheidung treffen könnte. (...) Deutschland ist ein ernst zu nehmendes Land, eine riesige Volkswirtschaft. Und wenn Deutschland sich mit einer echten Koalition der Willigen zusammentut, dann kann Europa ein ernst zu nehmender geopolitischer Akteur werden. Aber dafür brauchen wir drei bis fünf Jahre - wenn Putin es uns erlaubt."
In der NZZglaubt der Politikwissenschaftler Janos I. Szirtes nicht, dass Russland Europa angreifen würde: Dafür investiere der Kontinent aktuell zu viel in seine Verteidigung. "Der militärische Vergleich zu Russland fällt schon unter den heutigen Umständen zugunsten Europas aus. Die mobilisierbaren Kräfte sind dreieinhalb Mal so groß wie jene Russlands. Die Truppenstärke ist schon jetzt höher. Mit Ausnahme von Atomwaffen hat die EU gegenwärtig ein Übergewicht an Militärgerät (...) Für eine wirksame Abschreckung, so wie sie sich Nordkorea angeeignet hat, reicht es. Für einen erfolgreichen konventionellen Angriff wird geschätzt, dass der Angreifer mindestens ein dreifaches Übergewicht haben muss, über das Russland nicht verfügt."
Polens Präsident Karol Nawrocki bediente im Wahlkampf offen antideutsche Ressentiments, die liberale Regierung unter Donald Tusk schaffte vor kurzem ihren Deutschland-Beauftragten ab - die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen waren schon mal besser, konstatiert Viktoria Großmann in der SZ. Dass diese Ressentiments verfangen, hängt aber auch damit zusammen, dass Deutschland Polen bei politischen Fragen oftmals übergeht (Stichwort Grenzkontrollen). "Die Instrumentalisierung oder auch Verzerrung der Geschichte ist ein innerpolnisches Problem. Das äußert sich derzeit wieder häufig in antideutschen Parolen, eigentlich gemeint ist dennoch oft der politische Gegner im eigenen Land. Unwissen über Polen und die Naziverbrechen dort und in der Folge mangelnde Sensibilität und Aufmerksamkeit aber sind ein deutsches Problem. Daran muss man arbeiten - um Vertrauen zu gewinnen."
Au Maroc je me balade avec des t-shirts avec des messages contre les religions, l'islam etc. On fait des collages avec @MALImaroc Vous nous fatiguez avec vos bondieuseries, vos accusations. Oui l'islam, comme toute idéoligie religieuse, est FASCISTE. PHALLOCRATE ET MISOGYNE. pic.twitter.com/o7H91acDwo
- I. Betty Lachgar ♀️🔥 (@IbtissameBetty) July 31, 2025
Wegen dieses Auftritts auf Twitter ist die marokkanische Feministin und Menschenrechtsaktivistin Ibtissame Lachgar am Sonntag verhaftet worden, berichtet Reiner Wandler in der taz - und stellt die Feministin in einem kleinen Profil vor: "Lachgar, die in Frankreich und Marokko aufwuchs, hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie ging in Rabat auf die französische Auslandsschule, das Lycée Decartes, und studierte in Paris Psychologie. Die Tageszeitung El Faro de Melilla in der spanischen Exklave an der nordafrikanischen Mittelmeerküste erklärte sie bereits vor Jahren zur 'meistgehassten Frau Marokkos'. 2009 gründete sie zusammen mit einer Freundin die 'Alternative Bewegung für individuelle Freiheiten' - auf Französisch abgekürzt: Mali. Mali bedeutet im marokkanischen Dialekt so viel wie 'Was ist los mit dir?' oder 'Was wirfst du mir vor?'. Die erste Aktion der Gruppe war ein Picknick mitten im Fastenmonat Ramadan."
In der NZZblickt Kacem El Ghazzali auf den Fall Ibtissam Lachgar und was er für Marokko bedeutet. "Für Marokko stehen in dieser Frage schwierige Jahre bevor. Das Königreich, das 2030 als Mitorganisator der Fußball-Weltmeisterschaft glänzen möchte, wird zunehmend mit seinem Menschenrechtsdossier konfrontiert. Je näher das Großereignis rückt, desto größer wird die internationale Aufmerksamkeit. Die Welt wird dann nicht nur das touristische Postkartenbild von Bauchtanz und Couscous in Marrakesch sehen, sondern auch die Dutzende politischer Gefangener, die grassierende Armut und die Willkür der Justiz. (...) Die nächsten Stunden werden zeigen, ob Marokko bereit ist, die Aktionen einer streitbaren Feministin auszuhalten, oder ob diesmal die rote Linie endgültig überschritten wurde." So könnte die marokkanische Justiz Lachgar wieder freilassen.
Der von der chinesischen Regierung verfolgte Hongkonger Buchhändler Lam Wing-kee hat inzwischen einen neuen Buchladen in Taipeh aufgemacht, wo er vor allem Bücher zur chinesischen Geschichte und Politik verkauft. Katrin Haupt und Josefine Rein befragen ihn in der taz zu seiner neuen Heimat: "Taiwan hat sich erst in den 1990er Jahren demokratisiert und noch keine fest verankerte demokratische Kultur entwickelt. Eine ausgeprägte Kultur der Menschenrechte und Gleichberechtigung muss die Gesellschaft erst noch vom Westen lernen. Erst durch das Lesen beginnen wir, Chinas strukturelle Probleme in Wirtschaft, Politik und Kultur zu verstehen. Das will die chinesische Regierung verhindern, deswegen ist sie hinter mir her."
Im FAZ-Leitartikel bekundet Berthold Kohler sein Verständnis für die von Friedrich Merz entschiedene Einschränkung von Waffenlieferungen nach Israel: "Netanjahus Beschluss, Gaza-Stadt und die Flüchtlingslager einzunehmen, wird die katastrophale Lage der Menschen dort noch verschärfen. Diese Aussicht hat Merz dazu bewogen, es nicht länger nur bei kritischen Worten zu belassen."
Im FR-Interview mit Elias Feroz sprichtSarit Michaeli von der israelischen Hilfsorganisation "B'Tselem" über den Vorwurf ihrer Organisation, die israelische Regierung verübe in Gaza einen Genozid, wozu sie einen Bericht herausgebracht haben, der den 7. Oktober als Auslöser des Gazakrieges vollkommen zu ignorieren scheint, was eine Täter-Oper-Umkehr sehr erleichtert: "Israelische Juden wie ich selbst sprechen aus der Gesellschaft der Täter heraus, während unser palästinensisches Personal - etwa unsere Feldforscher aus Gaza - die Perspektive der Opfer mitbringen." Außerdem befürchtet sie, dass die von ihnen beobachteten Praktiken auf das Westjordanland ausgedehnt werden könnten: "Soldaten und Offiziere haben sich an die in Gaza normalisierten Praktiken gewöhnt und operieren nun im Westjordanland. Es gibt weiterhin keine Rechenschaftspflicht und keinen wirklichen Schutz für die Palästinenser. Die gleichen Ideen, die gleichen Handlungen, die gleichen Entscheidungsträger und das gleiche Militär sind weiterhin da. Vor Ort hat sich grundsätzlich nichts geändert."
"Es ist ein Genozid - Es bricht mir das Herz, aber nun muss ich es sagen", hatte La Republicca ein Interview mit David Grossman überschrieben, ein Zitat, das überall begierig aufgegriffen wurde (unsere Resümees). Leider verkürzt das Zitat Grossmans Gedanken - auch wenn man nicht sagen kann, dass es sie verfälscht, schreibt Thomas Schmid in der Welt, der dankenswerter Weise ausführlich aus dem hinter Paywall stehenden Interview zitiert. Die entscheidende Passage des Grossman-Interviews lautet in Schmids Übersetzung so: "Ich möchte als eine Person sprechen, die alles dafür getan hat, um nie an den Punkt zu kommen, Israel einen genozidalen Staat nennen zu müssen. Und heute muss ich, mit ungeheurem Schmerz und gebrochenem Herzen zur Kenntnis nehmen, was vor meinen Augen geschieht. 'Genozid'. Es ist ein Wort wie eine Lawine: sprichst du es einmal aus, wird sie nur immer größer, eben wie eine Lawine." Schmid dazu: "David Grossmans mäanderndes Bemühen, der Realität des Gaza-Krieges ins Gesicht zu sehen, wurde von sehr vielen Medien missbraucht. Von Meinungsmachern, die in der Regel keine Ahnung davon haben, wie sich die Bedrohung und die Zweifel anfühlen, mit denen Israelis heute Tag für Tag zu leben haben."
Außerdem zu Israel: Felix Wellisch berichtet in der taz über die Tötung des Al-Jazeera-Korrespondenten Anas al-Scharif und von vier seiner Kollegen in Gaza. Der Journalist sei auch "Kopf einer Hamas-Zelle", behauptet die israelische Armee (auf Twitter zirkulieren Bilder, wie er direkt nach dem 7. Oktober mit Yahya Sinwar feiert). Zeit Online bringt ein Dossier, in dem sie Anas al-Scharif Leben nachzeichnen und beziehen sich dort auf einen Bericht der UN, der dementiert, dass er Teil der Hamas gewesen sei. Ebenfalls in der tazschreibt Kafr Malik über die Gewalt im Westjordanland.
In Japan hat die LDP, die dominante Regierungspartei seit der Nachkriegszeit, die Mehrheit in beiden Häusern verloren. Dafür hat die Partei Sanseito zugelegt, die mit dem Spruch "Japan first" Donald Trump nacheifert und gegen Migranten hetzt, schreibt Marco Kauffmann Bossart in der NZZ. "Nicht zu vernachlässigen ist die Verpackung. Japans Jungparteien verdichten ihre Botschaften auf Tiktok-Länge, setzen peppige Instagram-Reels ab. Ihre Spitzenkandidaten treten für japanische Verhältnisse locker und zugänglich auf. Sie erreichen damit urbane Wählerinnen und Wähler, die sich von den etablierten Parteien nicht vertreten fühlen. Die LDP kommt wie ein Altherrenklub daher, der ungelenk durch die digitale Welt stolpert. Japans junge Wilde haben den verknöcherten Monolithen LDP ins Schwanken gebracht. Aber gestürzt ist er nicht. Die Partei überlebte schon manchen Rückschlag."
Neulich wurden in Saudi-Arabien binnen weniger Stunden 17 Todesurteile vollstreckt, berichtet Helmut Ortner bei hpd.de. Letztes Jahr wurden 345 Menschen hingerichtet, dies Jahr bereits 239. "Es werden Geständnisse genutzt, die durch Folter erpresst wurden. Es sind 'incommunicado-Inhaftierungen' (also nicht registrierte und kommunizierte Verhaftungen), in U-Haft kein Zugang zur Familie, kein Zugang zum Anwalt. 'Es sind oft Entscheidungen und Urteile, die auf grob unfairen Vorgaben getroffen wurden', sagt Taha al-Haji. Der saudische Menschenrechtsanwalt lebt in Berlin und kritisiert seit Jahren die Hinrichtungspraxis in seinem Heimatland. Die Angeklagten, sagt er, sind der Willkür der streng konservativen Scharia-Richter weitgehend hilflos ausgeliefert: 'Es sind zum Teil politische Anklagen - wegen der Teilnahme an Demonstrationen, Hochverrats und der Aufwiegelung der öffentlichen Meinung. Darüber hinaus wurden Todesurteile gegen Personen aufgrund ihrer politischen Ansichten oder Kommentare in sozialen Medien verhängt', kritisiert der Anwalt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Historiker Jörg Arnoldbespricht in hsozkult.de das Buch "Operation Donnerschlag - Imperiale Aufstandsbekämpfung aus der Luft und das 'Morale Bombing' deutscher Städte durch die britische Royal Air Force 1945" seines Kollegen Lukas Willmy, das neues Licht auf den Bombenkrieg der Westalliierten gegen Nazideutschland wirft. Willmy räume mit der Vorstellung auf, die Briten hätten als Reaktion auf die Bombardierungen von Coventry oder London mit eigenen Bombardements reagiert. Sie handelten vielmehr nach einer Doktrin, die sie in der Bekämpfung von Aufständen in den Kolonien entwickelt hätten und "wonach der eigentliche Wert von Bombenangriffen weniger in der materiellen Zerstörung als in der kollektiven Einschüchterung des Gegners liege. Strafexpeditionen aus der Luft sollten sowohl der unmittelbaren Niederschlagung der Aufstände als auch der langfristigen 'Befriedung' der aufständischen Gebiete dienen. Hinzu kam, dass der rücksichtslose Einsatz der Bomberwaffe die eigenen Bodentruppen zu schonen versprach und damit ressourcensparender erschien als konventionelle Strafexpeditionen." Wie vor ihm Richard Overy (hier) mache er klar, "dass Opfer unter der Zivilbevölkerung in der Logik dieser Doktrin keinesfalls als 'Kollateralschäden' zu gelten haben, sondern dass der vieltausendfache Tod von Nichtkombattanten einkalkuliert und beabsichtigt war."
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