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15.10.2025. In der NZZ erklärt Richard C. Schneider das Prinzip des jüdischen Pikuach Nefesh, dem Yahya Sinwar seine Freilassung aus einem israelischen Gefängnis verdankt. Die Hamas tritt in Gaza derweil wieder in voller Waffenmontur auf, berichtet der Spiegel. In der FAZ erinnern sich ehemalige Schüler Karl Schlögels an Exkursionen gen Osten mit ihrem Professor. In der SZ fragt der israelische Rapper Ben Salomo, wie es nicht antisemitisch sein könne, seinem 5-jährigen Sohn "Free Gaza" hinterherzurufen. In der Zeit suchen die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey nach Erklärungen für den Erfolg der Rechtspopulisten.
Richard C. Schneider erklärt in der NZZ mit Blick auf die befreiten israelischen Geiseln, dass die Rettung von jüdischem Leben einem gesellschaftlichen und religiösen Prinzip entspricht: "Ein zentraler Begriff im Judentum ist 'Pikuach Nefesh', die Rettung eines Lebens, oder wörtlich: die 'Wachsamkeit über die Seele'. Dieses Prinzip besagt, dass das menschliche Leben oberste Priorität hat, so dass praktisch alle religiösen Gebote, soweit sie nicht zu den absoluten Verboten zählen (zum Beispiel Mord, Götzendienst, schwere sexuelle Vergehen), gebrochen werden dürfen, um ein Leben zu retten. Wenn man diese religiöse Norm auf die Situation von Geiseln überträgt, ergibt sich eine Verpflichtung: Alles, was möglich ist, um sie zu befreien, wird eingesetzt. Nicht nur im Rahmen militärischer oder diplomatischer Möglichkeiten, sondern als moralische Pflicht. Ein abhandengekommenes Leben ist nicht etwas, das man hinnimmt. Geiseln zu befreien, ist also kein Luxus, sondern eine Manifestation dieser religiösen Ethik. In der Praxis hat dieses Denken konkrete Konsequenzen - selbst wenn der Preis dafür hoch ist, so wie im jetzigen Fall. Aber auch schon früher: Als im Jahr 2006 der israelische Soldat Gilad Shalit von der Hamas entführt wurde und fünf Jahre lang im Gazastreifen gefangen gehalten wurde, entschied sich der Staat zur Freilassung von 1027 palästinensischen Gefangenen, unter ihnen verurteilte Terroristen wie Yahya Sinwar, der Kopf hinter dem Massaker vom 7. Oktober 2023. Die Mehrheit der Israeli unterstützte die Entscheidung damals. Ein jüdisches Leben ist nicht verhandelbar."
"Plötzlich sind sie wieder da: Schwarz maskierte Hamas-Kämpfer stehen mit Gewehren vor der Brust an Straßenkreuzungen im Gazastreifen. Nach Eintritt der Waffenruhe zeigen sie wieder Präsenz und inszenieren sich als reguläre Polizeikräfte", die auch gleich wieder "Verräter" umbringen, berichten Mohannad Alkhalil Alnajjar und Dunja Ramadan im Spiegel. Von Entwaffnung wollen sie nichts hören. "Derzeit versucht die Hamas ein neues Wort in den Diskurs rund um die Entwaffnung zu bringen, berichtet Sadeq Abu Amer, der die Denkfabrik Palestinian Dialogue Group leitet, eine palästinensische zivilgesellschaftliche Organisation mit Sitz in Istanbul. Formulierungen wie 'Waffen abgeben' oder 'die Waffen niederlegen' oder gar 'Entwaffnung' wären aus Sicht der Hamas ein Gesichtsverlust, deshalb bevorzuge die Organisation einen mit den ägyptischen Vermittlern vereinbarten Wortlaut, nämlich die Waffen erst einmal 'einzufrieren'. Diesen Vorschlag der Hamas an Israel erwähnte kürzlich auch Diaa Raschwan, Chef des ägyptischen Staatsinformationsdienstes, gegenüber dem Nachrichtenkanal Al Arabiya. Für einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren würde die Gruppe ihre Waffen nicht einsetzen - ein befristetes 'Einfrieren' ihres bewaffneten Arsenals. Allerdings lehnt die Organisation es ab, ihre Waffen komplett abzugeben, vor allem nicht an israelische oder nicht arabische Parteien. Stattdessen könnten die Waffen, so Raschwan, etwa einem Komitee bestehend aus Ägyptern, weiteren arabischen Vertretern oder Palästinensern zur Verwahrung überlassen werden." Wozu sie die Waffen in fünf oder zehn Jahren wieder braucht, sagt die Hamas nicht.
Die Hamas wird ihre Waffen nicht abgeben, ist auch Ludwig Greven bei den Ruhrbaronenüberzeugt, und sie wird "weiter morden und neue Massaker an Juden planen, wie einige ihrer Anführer sogleich stolz verkündeten. Die arabische Sicherheitstruppe unter US-Führung und die Technokraten-Regierung, die die Verwaltung des weitgehend zerstörten Küstenstreifens übernehmen soll, stehen in den Sternen. Niemand will die Hamas-Krieger aufnehmen, weil auch die arabischen Potentaten sie als Gefahr betrachten - für sie selbst. Und keiner will sich wie Israel in Gaza die Finger schmutzig machen. So kann sich die Hamas bis auf weiteres in Gaza und der Westbank wieder breit machen."
In der tazfordert Charlotte Wiedemann endlich eine Neuausrichtung der deutschen Israelpolitik: Deutsche Politiker müssten sich fragen, "ob an ihren Händen das Blut palästinensischer Kinder klebt" und jetzt auf jeden Fall einen palästinensischen Staat fördern. Auf die Israelis könne man sich dabei nicht verlassen: "Drei Viertel der jüdischen Israelis wollen laut Umfragen keinen palästinensischen Staat dulden - das bedeutet, die Mehrheitsgesellschaft ist derzeit leider kein Partner für eine Politik, die palästinensische Selbstbestimmung respektiert. Und viele Israelis sind weiterhin davon überzeugt, dass der historische Opferstatus ihrem Land das Recht gibt, Dinge zu tun, die keinem anderen Land erlaubt sind. Wer widerspricht, ist antisemitisch, bis hin zu den Vereinten Nationen und jenen Institutionen, die einst nach 'Nürnberg' geschaffen wurden. Dieser Wahn hat Israel an den Punkt gebracht, wo es heute ist." Dieser Wahn? Nicht das Massaker vom 7. Oktober?
Es ist seltsam still in der pro-palästinensischen Szene seit dem Waffenstillstand, konstatiert Ahmad Mansour in der Welt. Ging es vielleicht gar nicht um Frieden? "Protest wurde zur Pose und Pose zur Identität. In den letzten zwei Jahren gaben Demos Zugehörigkeit, moralische Selbstvergewisserung, eine Rolle im grandiosen Drama der Gegenwart. Man war, so die Selbstbeschreibung, auf der 'richtigen Seite der Geschichte'. Die Belohnung kam in Form von Reichweite, Followern, Likes - Klickökonomie als Sinnstifter. Und wie mit einem Schlag scheint die Szene, die damit Klickwerte gewann, in sich zusammenzusacken. Sie wollte Israel abstrafen, anstatt Palästinensern zu helfen, sie hat Terrorismus romantisiert und Gewalt semantisiert. Und nun hat sie über Nacht ihr Pathos verloren. Der Frieden entlarvt die Szene, er raubt ihr mit dem Krieg den Treibstoff."
In der FAZ erzählen ehemalige Schüler Karl Schlögels, von den Erfahrungen, die sie bei den Exkursionen machten, die Schlögel von der Europa-Universität Viadrina aus gen Osten organisierte - zum Marktplatz von Zamość, dem jüdischen Friedhof von Leżajsk, der Gedenkstätte Majdanek, zum Prospekt Statschek in Petersburg oder dem Archipel Solowki. Jedoch: "Exkursionen müssen nicht zwingend in die Ferne führen. Manchmal genügt ein Stück Autobahn, ein staubiger Parkplatz, eine Verlangsamung des Blicks - und plötzlich öffnet sich ein ganzer Kontinent", lernte Sören Urbansky. "Im Frühjahr 2004, als die Europäische Union sich ostwärts öffnete, verlagerte Karl Schlögel seinen Blick auf einen unscheinbaren Ort: einen Lkw-Stellplatz an der A12 zwischen Berlin und Warschau, bei Frankfurt (Oder). Das Frankfurter Tor war kein Ort mit Aura, kein Denkmal oder Parlament. Und doch: Hier, zwischen Dieselschwaden und abgewetzten Trailern, ließ sich Europa beobachten - im Zustand des Übergangs. Eine Million Lkw passierten damals jährlich diesen unscheinbaren Ort, der Mitte der Neunzigerjahre zur Kanalisierung des Dauerstaus vor der damaligen EU-Außengrenze errichtet worden war. Für Schlögel entstand Europa nicht in Gipfelsälen, sondern im Alltag der Fortbewegung. In Zwischenräumen, wo Menschen sich begegnen, Waren umladen, Informationen fließen. Es waren Trucker, Spediteure und Händler, die, ob wissend oder nicht, an der Verfertigung Europas mitwirkten."
Außerdem: Konstantin Sakkas würdigt in der FR den Historiker Henning Koehler, der im Alter von 87 gestorben ist.
Der israelische Rapper Ben Salomo betreibt an Schulen Aufklärung über Antisemitismus. Im SZ-Interview mit Jakob Biazza erzählt er, dass sich die antisemitischen Reaktionen auf seine Vorträge seit dem 7. Oktober verdoppelt haben, und, dass diese vor allem an humanistischen Gymnasien mit linker Prägung besonders stark sind. Allgemein sieht er eine beunruhigende Tendenz in Deutschland: "Ich sehe in Deutschland zum einen nicht den politischen Willen, wirklich etwas gegen Antisemitismus zu tun. Und zum anderen enttäuscht mich der Mangel an zivilgesellschaftlichem Einsatz gegen den Hass auf Juden. Insbesondere gegen den, der in diesem Land seit dem 7. Oktober sichtbar am virulentesten verbreitet ist: der israelbezogene, islamistische und linksradikale Antisemitismus. Gestern erst ist meine Frau mit unseren Kindern zum Spielplatz gegangen. Der Fünfjährige trägt auch draußen fast immer seine Kippa. Als sie an einem Hotel vorbeigekommen sind, riefen ihnen zwei Jugendliche 'Free Gaza! Free Palestine!' hinterher. Einem Fünfjährigen! So viel zur angeblichen Trennung zwischen Juden und Zionisten. Oder zwischen Juden, die hier leben, und Israelis. Oder selbst zwischen Erwachsenen und Kindern."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben ein Buch über die Zerstörung der Demokratie von Rechts geschrieben (unser Resümee), im Zeit Online Interview mit Lenz Jacobsen führen sie verschiedene Gründe dafür an, warum der Populismus heute so viel Zuspruch erhält. Die Öffnung der Gesellschaft für "alternative Lebensformen" führe zu Unsicherheit, und teilweise auch zu einer realen Verschlechterung für bestimmte Bevölkerungsgruppen: "Für weiße Männer in den USA beispielsweise hat der Normenwandel tatsächlich zu materiellen Rückschritten geführt: Ihr Anteil am Volkseinkommen ist von über 70 Prozent Anfang der 1960er-Jahre auf heute um die 40 Prozent gesunken", erklärt Carolin Amlinger. Oliver Nachtwey ergänzt: "Es gab in den vergangenen Jahrzehnten sehr große Fortschritte bei der Anerkennung von Homosexualität. Das ist eine Leistung. Aber jetzt ist LGBTQ+ dazugekommen, und die erweiterte Zahl von Geschlechtsidentitäten war ein großes Thema bei unseren Interviewpartnern: Für die gibt es immer mehr, die können sich alles aussuchen! Für mich gibt es immer weniger, ich selbst kann mir weniger leisten und werde zurückgedrängt."
In der FR klärt uns Monika Hoegen über das Phänomen der "menstrual poverty" auf: "ein fataler Zusammenhang zwischen weiblicher Periode und Armut, der benachteiligte Frauen noch weiter marginalisiert. Millionen von Frauen sind nach Angaben der Organisation UN Women weltweit davon betroffen. Der mangelnde Zugang zu angemessenen Hygieneartikeln führt zu erheblichen Gesundheitsproblemen, Mädchen bleiben allmonatlich der Schule für rund eine Woche fern, junge Frauen ihrer Arbeit. Hoegen berichtet von einem jungen Mann aus Uganda, der in seinem Heimatland dagegen vorgehen will: "Es entstand die Idee für die umweltfreundlichen und wiederverwertbaren Binden, die die Frauen selbst herstellen können. Was anfangs mühsam war, ist inzwischen erfolgreich. 2023 registrierte Eric Omondi sein 'Esonga'-Business. Heute ist das Sozialunternehmen in mehreren Dörfern mit Kiosken vertreten, die Hygiene-Artikel anbieten, aber auch Getränke und Fußballspiele im Fernsehen zeigen, um ebenso Männer anzulocken - und sie auf diese Weise mit dem Tabu-behafteten Thema vertraut zu machen. Denn das Stigma zu durchbrechen, das ist, neben der praktischen Versorgung, oberstes Ziel von Esonga."
In der FAZ macht der Historiker Andreas Rödder "Überspannungen" der liberalen Demokratie verantwortlich für ihre Krise: Neokonservatismus, Neoliberalismus, dann das postmodern-grüne Paradigma und schließlich die Verrechtlichung der Politik - alles zusammen führte am Ende zu einer "Fundamentalkritik der 'liberalen Demokratie', deren Dynamik mit den neoliberalen und postmodernen Theoriebildungen der Siebziger- und Achtzigerjahre vergleichbar ist ... Was dagegen helfen kann, ist die Rückbesinnung auf die liberale Demokratie vor und diesseits ihrer Überspannungen. Sie zeichnet sich nicht durch staatlich alimentierte Meldestellen gegen Antifeminismus oder das Verbot des Verbrennermotors aus, sondern durch das Mehrheitsprinzip in Verbindung mit dem rechtsstaatlichen Schutz von Minderheiten. Durch das Prinzip des geregelten und friedlichen Regierungswechsels samt echter politischer Alternativen. Und durch eine politische Öffentlichkeit, in der über alles verfassungsrechtlich Zulässige gestritten wird, statt sie durch exklusive Geltungsbehauptungen zu verengen. Die dafür notwendige Toleranz ist immer eine Zumutung, weil sie sich an dem bewahrheitet, was man gerade nicht mag - zu tolerieren, was man ohnehin eigentlich richtig findet, ist nicht tolerant, sondern wohlfeil."
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