9punkt - Die Debattenrundschau

Die anderen sind alle ganz andere

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.11.2025. "Eine starke Klimapolitik schafft erst die Möglichkeit, in der Entwicklungspolitik voranzukommen", betont der Ökonom Ottmar Edenhofer im Zeit-Online-Interview als Reaktion auf einen Kommentar von Bill Gates zum Klimawandel. Die Massaker, die die RSF im Sudan begeht, kann man sogar aus dem All sehen, berichtet die taz. Die Demokratie braucht die Wirtschaft und die Wirtschaft braucht mehr Frauen, erklärt die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln im taz-Interview. Die FAS blickt auf die Freundschaft zwischen Alexandr Lukaschenko und Donald Trump, die allerdings von Putin gestört wird. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2025 finden Sie hier

Politik

Kurz vor der bald stattfindenden Weltklimakonferenz überraschte Bill Gates mit einem Kommentar zum Klimawandel. Darin verurteilt er die herrschende "Weltuntergangsstimmung" - so schlimm wird es schon nicht, schreibt er: "Der Klimawandel wird zwar schwerwiegende Folgen haben - insbesondere für die Menschen in den ärmsten Ländern -, aber er wird nicht zum Untergang der Menschheit führen. Die Menschen werden auf absehbare Zeit an den meisten Orten der Erde leben und gedeihen können. Die Emissionsprognosen sind gesunken, und mit den richtigen politischen Maßnahmen und Investitionen werden wir durch Innovationen die Emissionen noch weiter senken können." Investitionen in Entwicklungshilfe und Armutsbekämpfung seien wichtiger, meint er außerdem. Bei SpoN resümiert Arvid Haitsch Gates wesentlichen Argumente.  

Der Ökonom Ottmar Edenhofer widerspricht Gates im Zeit-Online-Interview, befragt von Uwe Jean Heuser: "Bill Gates macht im Grunde zwei Annahmen. Die erste ist, dass man Klima- von Entwicklungspolitik trennen könne. Aber Entwicklungspolitik in einer um drei oder vier Grad erwärmten Welt kann sich niemand vorstellen. Es gäbe allenthalben Dürren, Überschwemmungen, Hitzetote, eine Zunahme an Malaria. Eine starke Klimapolitik schafft erst die Möglichkeit, in der Entwicklungspolitik voranzukommen. Zweitens geht Bill Gates offensichtlich von einem fixen Budget aus, das man zwischen den beiden Bereichen aufteilen sollte. Das mag für einen Philanthropen zutreffen, aber nicht für die Weltgemeinschaft: Ungebremster Klimawandel vernichtet die Erfolge der Armutsbekämpfung. Außerdem: Die Trump-Regierung streicht die Entwicklungshilfe von USAID und betreibt nun weder das eine noch das andere."

Im Sudan morden die Milizen der Rapid Support Forces ungestört weiter, so drangen die Kämpfer in die Krankenhäuser der Stadt El Fasher ein und töteten Ärzte und Patienten. In der taz resümiert Aya Sammani: "Satellitenbilder von El Fasher, die das Humanitarian Research Lab der Yale University analysiert hat, dokumentieren, dass die RSF bei ihrer Belagerung von El Fasher eine regelrechte 'Kill Box' um die Stadt herum geschaffen hat. Befestigungswälle blockieren die Ausgänge. Die Bilder zeigen auch schwere Schäden in der Stadt, Spuren von Brandstiftung, Beschuss und Leichen. Die Wissenschaftler kommen in ihrem Bericht zu dem Schluss, dass es für Zivilisten 'keinen sicheren Ort in El Fasher' gibt. RSF-Führer Hemeti äußerte sich am Dienstag zum ersten Mal seit dem Angriff auf El Fasher in einem Video. Er beschrieb die Ereignisse als 'strategischen Wendepunkt', kündigte die Bildung einer Untersuchungskommission an und forderte sichere Korridore für Zivilisten, wobei er darauf bestand, dass diese Routen schon immer offen gewesen seien. Diese Behauptung widerspricht jedoch allen verfügbaren Beweisen, Augenzeugenberichten und Videos, die RSF-Mitglieder selbst dokumentiert haben."
Archiv: Politik
Stichwörter: Sudan, Gates, Bill, Klimwandel

Gesellschaft

Ohne Wirtschaftswachstum bröckelt die Demokratie, erklärt die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln im taz-Interview. Und Deutschland steckt seit drei Jahren in der Rezession. Was tun? Vor allem Frauen können immer noch nicht ihr volles Potential auf dem Arbeitsmarkt ausschöpfen, meint Fuchs-Schündelin: "Wenn Frauen anfangen, mehr zu verdienen als ihre Männer, dann machen sie wieder mehr Hausarbeit, um das zu kompensieren. Sie wissen um die Kosten und reagieren darauf. Das findet man in den USA und in Westdeutschland. In Ostdeutschland trifft es nicht zu. Das ist auch ein Grund, warum viel mehr Frauen als Männer Beförderungen ablehnen. Sie wissen, dass das für sie risikoreicher und mit mehr Kosten verbunden ist. Es gibt sehr viele talentierte Frauen, die ihre Fähigkeiten nicht entsprechend in den Arbeitsmarkt einbringen. Das ist schlecht für das Wirtschaftswachstum und sollte der Regierung nicht egal sein."

Wenn postkoloniale Bewegungen von Rassismus sprechen, dann wird Antisemitismus häufig ausgeklammert. Denn "Jüdinnen und Juden werden zunehmend als 'weiß' oder weißen Herrschaftsinteressen dienlich identifiziert", erklärt Uwe Mattheiß in der taz, der sich die Ausstellung "Schwarze Juden, weiße Juden?" im Jüdischen Museum in Wien angesehen hat. Die möchte genau mit diesem Irrtum aufräumen: "'Include Jews In Your Activism', fordert die Künstlerin Hannah Michelle Provisor in einer Illustration der Ausstellung, verweist auf die Diversität jüdischer Identitäten und fordert, Erfahrungen von 'Jews of Color' im intersektionalen Diskurs über Diskriminierungstatbestände mit einzubeziehen. Die Chancen dafür stehen ausgesprochen schlecht. Aktivist:innen der 'Black Lives Matter'-Demonstrationen von 2020 finden sich heute vielfach an der Spitze 'propalästinensischer' Demonstrationen. Ungeachtet des weltweiten Anstiegs antisemitischer Übergriffe nach dem 7. Oktober erklärt eine vorherrschende theoretische Begründung von antirassistischem Aktivismus die in der Schoah gipfelnde jüdische Verfolgungsgeschichte für vergangen."
Archiv: Gesellschaft

Europa

In der FAS wägt Konrad Schuller das Für und Wider einer Wehrpflicht ab, vor allem mit Fokus auf den finanziellen Aspekt: "In einem Papier des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) von 2007 heißt es, Wehrpflichtarmeen seien nicht nur teurer, sondern auch weniger kampftauglich als professionelle Streitkräfte." Aber, ohne geht es auch nicht, wie Schuller vom Grünen-Abgeordneten Anton Hofreiter hört: "Im Falle eines Krieges, wie er heute in der Ukraine tobt, müsse die Bundeswehr nämlich damit rechnen, dass bis zu 1000 Soldatinnen und Soldaten am Tag verletzt oder getötet würden. Die deutschen Streitkräfte könnten dann bei ihrer jetzigen Größe 'in drei Monaten die Hälfte ihres Personals' verlieren. 'Und weil der Gegner das weiß, verringert das unsere Fähigkeit zur Abschreckung.' Folgerung: Eine zu kleine Bundeswehr macht einen Krieg wahrscheinlicher, weil sie zum Angriff einlädt.'"

Der belarussische Präsident Alexandr Lukaschenko versteht sich gut mit Trump, in der FAS resümiert Friedrich Schmidt Trumps belarussische "Charme-Offensive". Lukaschenko, im Westen eigentlich persona non grata, hofft auf die Aufhebung westlicher Sanktionen - doch seine Abhängigkeit von Putin wird das verhindern, prophezeit Schmidt: "Die Minsker Subalternität gegenüber Moskau zeigt sich auch daran, dass sich das Auf und Ab in den Beziehungen zwischen Putin und Trump umgehend in Lukaschenkos eigenen Banden nach Washington niederschlägt. Gerade hat Trump zum ersten Mal in seiner zweiten Amtszeit Sanktionen gegen Russland verhängt; Putin reagiert, indem er alte Nukleardrohungen wiederbelebt. Lukaschenko passt sich an. Als der Machthaber am Dienstag geneigte Gäste wie die Außenminister Ungarns, Russlands und Nordkoreas auf seiner 'dritten Minsker internationalen Konferenz zur eurasischen Sicherheit' empfing, sagte er in seiner Rede, 'ich fürchte sehr, dass die Haltung der Amerikaner gegenüber Russland im Ukraine-Konflikt nur eine Theateraufführung ist'."
Archiv: Europa

Ideen

Bestellen Sie bei eichendorff21!
In der FR unterhält sich Bascha Mika mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer und der Schriftstellerin Hannah Lühmann über den Begriff der "Heimat". Welzer hat auch ein Buch zum Thema geschrieben. Der Begriff muss "neu besetzt und rehabilitiert werden", fordert er: "Als politische Akteure können wir keine Widerstandsfähigkeit, keine Aktionsformen und auch keine Selbstvergewisserung entwickeln, wenn wir unbehaust sind. Wenn wir heimatlos sind, wenn wir das Gefühl haben, die anderen sind alle ganz andere, die gehören gar nicht zu mir. Und das ist ja umgekehrt genau die Bewirtschaftungsstrategie der Rechten, der Rechtspopulisten, der Rechtsextremen, der Trumpisten. Wenn Menschen ein diffuses Unzugehörigkeitsgefühl und Orientierungsverlust haben, dann suchen ihre diffusen Gefühle nach Anschluss. Deshalb geht es mir total auf die Nerven, wie dumm die Diskussionen über populistische Parteien sind. Es ist ein absoluter Kurzschluss, dass es deren Anhängern um Hass auf Bürgergeldempfänger und Migranten geht. Es geht darum, eine Gemeinde zu finden, der man angehört." 

In einem etwas diffusen Essay in der FR wirft die Autorin Deborah Feldman Israel einen Völkermord und den Deutschen eine "Instrumentalisierung jüdischen Lebens vor": "Jüdinnen und Juden in der Diaspora sind mehrheitlich zutiefst verstört über die Allianzen, die Israel mit rechtsextremen Parteien und ihren charismatischen Repräsentanten in der gesamten westlichen Welt eingeht - Elementen, die zwar in erster Linie muslimische und arabischstämmige Menschen ins Visier nehmen, aber auch liberale und progressive Jüdinnen und Juden, die ihrem Vorhaben im Wege stehen. Vor allem fürchten sie sich um die liberal-säkulare Republik, die für mehr Sicherheit, Freiheit und Wohlstand für Jüdinnen und Juden gesorgt hat, als Israel es je hätte erträumen können."
Archiv: Ideen