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15.11.2025. Die Feuilletons klingen heute optimistisch: "Die neue Weltordnung wird die nachnationale Welt sein", ist sich der Schriftsteller Robert Menasse in der FAZ sicher. Der Soziologe Philipp Staab phrophezeit in der taz, dass sich rechte Klimawandel-Leugner nicht mehr lange vor der Realität verstecken können. Die FAS stellt derweil einen besonderen Unsympathen der Marke MAGA vor: Nick Fuentes, der die Bewegung mit seinem Antisemitismus spaltet.
Als "geschichtsvergessen" und "fantasielos" beurteilt der Schriftsteller Robert Menasse auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ den Diskurs über die politische Aktualität. Ja, die Krise ist allgegenwärtig und offensichtlich - aber die Antworten liegen für ihn klar auf der Hand. Der nun wieder erstarkende Nationalismus muss zwangsläufig scheitern, denn die Zukunft der Erde und ein Leben in Frieden können nur nationen-übergreifend gelöst werden: "Die neue Weltordnung wird die nachnationale Welt sein, und in der gegenwärtigen historischen Phase des Nicht-mehr-noch-nicht ist die Europäische Union die Avantgarde." Die "Idee, die europäischen Nationen in einer politischen Gemeinschaft aufzuheben, die auf der Basis der Menschenrechte Gemeinschaftsrecht produziert, das für alle gilt, wo auch immer sie in Europa leben (...) diese Idee wird, nach der vorangegangenen Geschichte, wohl dereinst von Historikern als die bedeutendste Revolution auf diesem Kontinent bezeichnet werden." Es gibt also wohl keine andere Lösung "als die Vernunft der europäischen Idee zu verteidigen. Die Verteidigung der Idee verlangt Kritik. Wir dürfen nichts schönreden, wenn wir es gut machen wollen."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Zehn Jahre nach Paris stehen wir also vor einer Situation, in der uns die technischen Mittel für eine ökologische Modernisierung gegeben sind, die aber gleichzeitig als politisches Projekt immer schlechter funktioniert", konstatiert der Soziologe Philipp Staab, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, in der taz. Aber Staab bleibt optimistisch: Es "wird deutlich, dass die Linke womöglich auf die baldige Erlösung aus dem klimapolitischen Schweigepakt hoffen darf, der sich durch das kolossale politische Scheitern der grünen Modernisierung ergeben hat. Das Bewusstsein über die ökologische Krise ist einstweilen relativ stabil. Die rechten Projektionen werden immer häufiger mit realen Katastrophen konfrontiert werden, die man dann auch nicht auf Einwanderung wird projizieren können. Das Verschobene wird wieder ans Licht drängen." Was ist zu tun? Staab gibt eine etwas abstrakte Antwort. Die politische Linke darf sich "nicht mehr hinter der Verteidigung einer liberalen Semantik verschanzen, sondern muss aktiv den Konflikt suchen und ihn dramatisch zuspitzen. Sie muss sich damit befassen, wie man ökopolitische Fortschritte in einer Situation erzielen kann, in der man selbst nach Wahlerfolgen in stürmischen Gewässern verweilt."
Sofia Dreisbach stellt in der FAS ein besonders sympathisches Exemplar aus der MAGA-Bewegung vor: der Amerikaner Nick Fuentes ist siebenundzwanzig Jahre jung, Rassist, Frauenhasser und zudem noch Antisemit ("Fuentes sagte 2023 über Adolf Hitler, der sei 'richtig fucking cool' gewesen", erinnert Dreisbach). Während der Glaube an weiße Vorherrschaft und Misogynie wenig überrascht, ist ein offen zur Schau getragener Hass gegen Juden selbst für die MAGAs ungewöhnlich. Fuentes sorgt deshalb für Streit: "Fuentes' Anhänger nennen sich 'Groypers'. Sie sind eine Onlinebewegung vornehmlich junger weißer Männer, Rassisten und Antisemiten, die unter Berufung auf 'America First' eine weiße, christliche Nation anstreben. Sie lehnen den klassischen Konservatismus als zu liberal oder zu pro-Israel ab." Aber Fuentes' Bemerkungen "überschreiten für viele MAGA-Anhänger eine rote Linie".
Die Violinistin Agam Berger war 482 Tage in der Gewalt der Hamas, nun hat sie ein Konzert in Berlin gegeben und Julia Schaaf für die FAS zum Gespräch getroffen. Berger erzählt auch von ihrer Gefangenschaft, "dass sie für die Terroristen rohen Reis verlesen mussten, wie bei Aschenputtel stellt man sich das vor, und eine winzige Portion davon sowie die Maden darin hätten die Geiseln zu essen bekommen (...) Sie berichtet weiter von einem palästinensischen Kleinkind, das zu ihr gesagt habe, es spiele gerade 'Juden töten'. Von dem Gelächter der Terroristen am Holocaust-Gedenktag, als sie ihre geschichtsunkundigen Bewacher aufklärte, dass in Europa im Zweiten Weltkrieg mehr als sechs Millionen Juden ermordet worden sind."
Weitere Artikel: Im FAS-Interview mit Peter Carstens und Konrad Schuller spricht Verteidigungsminister Boris Pistorius über die Bedrohung durch Putin, den Zustand der Bundeswehr ("besser aufgestellt als noch vor einigen Jahren") und die Notwendigkeit einer Wehrpflicht. In der SZ macht sich Ronen Steinke Gedanken zu einem Prostitutions-Verbot nach "Nordischem Modell" (die Freier werden bestraft).
"Dass man der BBC, die immer wieder behauptet, mit die beste Medienanstalten der Welt zu sein, und deren Führungspersonal jährliche Gehälter in Höhe von umgerechnet über eine halben Million Euro einkassiert, nun genau auf die Finger schaut, muss erwartet werden", kommentiert Daniel Zylbersztajn-Lewandowski in der taz die Kritik am Sender, der nach einem Bericht des Journalisten und ehemaligen Beraters der BBC Michael Prescott (unser Resümee) laut wurde. Zylbersztajn-Lewandowski geht nochmal ausführlich auf die Ungenauigkeiten in der Berichterstattung über Israel ein: "'Newsnight', die Hauptnachrichtensendung der englischsprachigen BBC, hätte etwa die Angaben des UN-Generalsekretärs für humanitäre Angelegenheiten, Tom Fletcher, über das angebliche Sterben von 14.000 Babys in Gaza ohne Nachprüfung wiederholt, so Prescott. Auch hätte 'Newsnight' die Annahme der südafrikanischen Klage gegen Israel zum Völkermordvorwurf im Internationalen Strafgerichtshof falsch dargestellt. Hier hatte Den Haag lediglich festgestellt, dass Gaza ein Recht auf Schutz vor Völkermord habe und ein Fall vorgelegt werden dürfe. Berichtet wurde aber, dass potenziell von Israel ein Genozid ausgeführt worden sei."
In der FAS resümiert Laura Helena Wurth die Entwicklungen rund um die Eröffnungsfeier des unter anderem von Deutschland mitfinanzierten Museum of West African Art, in dem die zurückgegebenen Benin-Bronzen gezeigt werden sollten (unser Resümee), was dann nicht passierte, weil der Oba von Benin Anspruch auf die Objekte anmeldete. Wurth findet, der Westen sollte sich in seiner Empörung etwas zurücknehmen: "Nun ist das Museum erst mal bis auf Weiteres geschlossen. Der Oba reklamiert das Museum für sich, um es als Benin Royal Museum zu nutzen. Gleichzeitig laufen Verhandlungen zwischen Phillip Ihenachu und der Regierung, es wird mit allen Beteiligten gesprochen, der Dialog als einziges Mittel zur Klärung beschworen. Der Ausgang ist unklar. Vielleicht verschwinden die Bronzen im Besitz des Oba und werden der Öffentlichkeit erst mal nicht zugänglich gemacht. Das wäre schade, ginge den Westen aber nichts mehr an. Nur weil man jahrhundertelang auf Diebesgut saß, gibt einem das kein Recht, danach weiterhin darüber verfügen zu wollen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im FR-Interview mit Michael Hesse erklärt der Mediävist Peter Heather, wie das lateinische Christentum zur dominanten Religion Europas wurde. Tatsächlich spielte der Islam eine zentrale Rolle, meint Heather: "Wenn man in die Spätantike blickt, also in die Zeit, in der das Christentum sich formiert, stammen die meisten wichtigen theologischen Ideen aus dem griechischsprachigen Osten: aus Syrien, Palästina, Kleinasien, Ägypten. Das sind die intellektuellen Herzlandschaften des frühen Christentums. Mit dem Aufstieg des Islam aber werden diese Regionen - Jerusalem, Antiochia, Alexandria - islamisch. Und der lateinische Westen bleibt allein zurück. Das ist, im Grunde, ein Unfall der Geschichte. Wäre der Islam nicht so expansiv gewesen, wäre das Christentum vermutlich griechisch geblieben, östlich geprägt. So aber wurde der Westen - Rom, Paris, später Oxford - gezwungen, sich neu zu erfinden. Die Dominanz des lateinischen Christentums ist also nicht die Folge innerer Überlegenheit, sondern eine Folge der islamischen Expansion, die den Osten vom Westen abschnitt."
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