9punkt - Die Debattenrundschau

Die Realität hinter der Propaganda

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.11.2025. Der Witkoff-Dmitriev-Pakt steht in der Tradition des Hitler-Stalin-Pakts, notiert Anne Applebaum im Atlantic. Angesichts der "hybriden Kriegsführung" Russlands fordert Herfried Münkler im Tagesspiegel eine dezidiertere Gegenwehr. Im Spiegel empfiehlt sich der Politologe Daniel Marwecki als Abstiegsmanager für den Westen. Im Standard kritisiert Hanno Loewy linkes Identitätsdenken. Im Blog von Michael Miersch zieht Marko Martin eine Linie vom Antitotalitarismus zu den Dissidenten des Islam. Und die Erasmus-Uni Rotterdam entschuldigt sich bei Eva Illouz.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2025 finden Sie hier

Europa

In Atlantic geht Anne Applebaum nochmal die Klauseln des "Friedensplans" durch, der von russischen und amerikanischen Diplomaten verhandelt und dann irgendwie von russischer Seite "geleakt" wurde, wie es scheint. Der Plan liest sich passagenweise wie eine rein von Russland formulierte Wunschliste. Trump erhofft sich von der Kapitulation der Ukraine vor allem neue Business-Kontakte mit Russland, die Rolle der Europäer beschränkt sich im wesentlichen darauf, für das Arrangement zu bezahlen. "Seit einem Jahrzehnt versucht Russland, Europa und Amerika zu spalten, die Nato zu untergraben und das transatlantische Bündnis zu schwächen. Dieser Friedensplan wird, wenn er angenommen wird, dieses Ziel erreichen. Es gibt eine lange Tradition, dass Großmächte in Europa über die Köpfe kleinerer Länder hinweg Vereinbarungen treffen, was zu schrecklichem Leid führt. Der Molotow-Ribbentrop-Pakt mit seinen geheimen Protokollen brachte uns den Zweiten Weltkrieg. Das Abkommen von Jalta brachte uns den Kalten Krieg. Der Witkoff-Dmitriev-Pakt würde, wenn er Bestand hat, genau in diese Tradition passen."

Wie genau der Status des Plans ist, ist dank der chaotischen Trump-Regierung allerdings unklar. Es gibt auch Gerüchte, dass es sich mehr oder weniger um ein russisches Papier handelt, berichtet Dominic Johnson in der taz. Kommunikation geht bei Trump so: "Am Mittwochabend hatte US-Außenminister Rubio den Status des Dokuments heruntergespielt. Man sei dabei, 'eine Liste möglicher Ideen zu entwickeln', erklärte er. Aber am Freitag erklärte das Weiße Haus auf eine Journalistenfrage: 'Sonderbeauftragter Witkoff arbeitet an diesem Plan seit einem Monat (…). Der Präsident ist über den Plan gebrieft und unterstützt ihn.' Am Samstag erklärte der republikanische US-Senator Mike Rounds hingegen, Rubio habe bestätigt, dies sei 'nicht unser Friedensplan', sondern bloß ein Vorschlag, den man erhalten habe und den die russische Seite geleakt habe. Rubio widersprach umgehend."

Die deutschen Zeitungen machen das "Friedensabkommen" heute nicht zum Zentrum ihrer Berichterstattung. In der FAZ warnt der ukrainische Autor Artem Tschech die schläfrige europäische Öffentlichkeit: "Dieses Abkommen könnte sich für Europa als fatale Pause erweisen, in der Russland sich erneut bewaffnet, neu gruppiert und in wenigen Jahren die geschwächte und entmilitarisierte Ukraine als Brückenkopf für die Verwirklichung seiner übelsten Träume nutzt."

Die Ukraine, die Russland jetzt fordert, gab's schon mal, erinnert in der SZ der ukrainische Autor Sergey Maidukov: "Bis zum Frühjahr 2014, als Russland den Donbas überfiel und die Krim besetzte, verfügte die Ukraine bereits über eine kleine Armee, lebte ohne Nato-Garantien und pumpte regelmäßig sibirisches Öl und Gas nach Europa. Russisch wurde in ganzen Regionen weitverbreitet gesprochen, geschützt und politisch dominiert. Das Moskauer Patriarchat arbeitete frei, Kiew besaß keine Atomwaffen und erhob keinerlei territorialen Anspruch gegenüber Russland. Nichts davon hielt Moskau davon ab, den Krieg zu wählen."

Angesichts der "hybriden Kriegsführung" Russlands fordert Herfried Münkler im Gespräch mit dem Tagesspiegel mehr Kompetenzen für hiesige Geheimdienste: "Wenn wir das öffentlich diskutieren, senden wir damit ein Signal an die Gegenseite, dass wir uns nicht mehr wie das dumme Schaf hinstellen und scheren lassen, sondern bereit sind, auch selbst die Initiative zu ergreifen, um die hybride Kriegführung Russlands zu begrenzen... Wenn wir nicht effektiv gegenhandeln, ermuntern wir die russische Führung geradezu, ihr Treiben fortzusetzen."

In Berlin sind jüngst Hamas-Terroristen festgenommen worden, die Anschläge in Europa planten und durch gute Kontakte zu Kriminellen über ein Waffenarsenal verfügten. Den Hinweis verdankte die deutsche Polizei amerikanischen und israelischen Geheimdiensten. Zur Organisationsstruktur der Hamas sagt Expertin Kim Robin Stoller im Gespräch mit der taz: "Es gibt drei Ebenen. Zunächst Fundraising-Organisationen, die versuchen, Geld für die Aktivitäten der Hamas zu beschaffen. Dann politische Lobbyorganisationen sowie Strukturen, die das Pro-Hamas-Milieu sozial und religiös organisieren. Das sind Vereine und religiöse Einrichtungen. Und die militärische Ebene: Ihre Kämpfer unterliegen einer hierarchischen Befehlsstruktur. Durch die jüngsten Verhaftungen haben wir mutmaßlich einen Teil dieser militärischen Struktur zu sehen bekommen."
Archiv: Europa
Stichwörter: Hamas, Applebaum, Anne

Politik

Es gibt keine Christenverfolgungen in Nigeria, versicherte Helena Kreiensiek neulich in der taz (unser Resümee). Nun dies: "Es ist 2 Uhr in der Früh, als eine Gruppe bewaffneter Männer auf Motorrädern das katholische Internat St. Mary's School in der nigerianischen Ortschaft Papiri im Bundesstaat Niger stürmt. Sie schießen auf den Wachmann, stürmen das Gelände und holen sich die schlafenden Kinder. 303 Schülerinnen und Schüler sowie zwölf Lehrkräfte sind nach Angaben der Christlichen Vereinigung Nigeria (CAN) bei dem Angriff am Freitagmorgen entführt worden. Fast die Hälfte der gesamten Schülerschaft. Es ist eine der größten Massenentführungen, die Nigeria je gesehen hat."
Archiv: Politik

Ideen

Loni Baur, Nofretete


Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museum Hohenems, geht nächstes Frühjahr in Pension. Zuvor hat er noch die Ausstellung "Die Morgenländer - Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden" organisiert, über die er im Interview mit dem Standard ebenso spricht wie über seine Museumspolitik, den Gazakrieg und die Linke. Für ihn ist das größte Problem heute weniger der linke Antisemitismus als das linke Identitätsdenken: "Ich würde behaupten, Identitätsdenken ist per se rechts. Und wenn Linke meinen, sie müssen im postkolonialen Diskurs nun auch damit anfangen, dann sind sie keine Linken mehr für mich. Sie geben das Wichtigste auf, das für mich mit 'links' zu tun hat: den Universalismus." Als Beispiel nennt er die Israel-Boykott-Kampagne BDS: "Mein Problem damit ist nicht so sehr, dass es unter ihren Vertretern auch antisemitische Ressentiments gibt, sondern dass BDS grundsätzlich ein ethnisch-nationalistisches Konzept vertritt. Ihr Ziel ist wörtlich die 'Befreiung arabischen Bodens'. Das ist identitäre Blut-und-Boden-Diktion."

Antitotalitäres Denken kommt meist von links, erläutert Marko Martin in einem lesenswerten Gespräch mit Michael Miersch in dessen Blog. Von ihnen müsse man lernen, "sich aus einem Gedankengefängnis zu befreien, ohne bitter geworden zu sein". Heute sind es die "Dissidenten des Islam", die den Antitotalitären der dreißiger Jahre und der Nachkriegszeit am ehesten entsprechen: "Ich glaube, man kann diese Verbindungslinie ziehen. Die linken Kritiker des Kommunismus klärten über die Realität hinter der Propaganda auf. Islamismuskritiker sind die Aufklärer des 21. Jahrhunderts. Und die Gesellschaft geht in ähnlicher Weise mit ihnen um... In der Rhetorik schnappt sofort die Routine der Abwehr ein. Nach dem Motto: 'Darüber müssen wird doch nicht reden', 'Das ist uns doch allen klar', 'Das ist ja bekannt'. Ein aggressives Verdrängen von Tatsachen."

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Der Westen hat fertig. Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen sollten jetzt "ein würdevolles Abstiegsmanagement" pflegen, empfiehlt der Politologe Daniel Marwecki, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Die Welt wird jetzt multipolar, erklärt er im Interview mit dem Spiegel. Fast jedenfalls: "Gerade ökonomisch ist denkbar, dass die alte Weltordnung gar nicht verschwindet, sondern im Grunde weiterbesteht, nur dass sich ihr Zentrum verlagert, dass uns im Westen die Welt sanft entgleitet. Verglichen mit einem großen Ablösungskrieg wäre das vielleicht sogar das Beste, das uns passieren könnte. Denn so, wie der Rest der Welt heute den Westen an dessen Worten misst, wird er am Ende auch China an seinen Worten messen." Auf die Frage nach einer "Vision, die besser wäre als der kühne Entwurf jener 'regelbasierten Ordnung', die mit der Charta der Vereinten Nationen vor achtzig Jahren begonnen hat", weiß Marwecki allerdings auch keine rechte Antwort: "Es geht um die Welt nach dem Westen, im zeitlichen Sinn, aber auch im Sinne einer Welt, die nach dem Vorbild des Westens gestaltet ist. Der Westen war so lange dominant, dass seine Institutionen, Erfindungen und Werte selbst jene durchdrungen haben, die gegen ihn aufgestanden sind."

Wahrscheinlich würde Daniel Gerlach Marweckis Diagnose von einer multipolaren Welt sofort zustimmen. Gerlach, Chefredakteur des Nahost-Magazins Zenith, Mitbegründer der Candid Foundation und des Projekts Epicon ("European-Palestinian-Israeli Trilateral Dialogue") und Buchautor, plädiert im Interview mit der SZ für einen Palästinenserstaat und skizziert ein dazu nötiges Verhandlungsgeschick, das der Westen vielleicht verlernt hat: "Die Tatsache, dass externe Mächte im Nahen Osten eine so konstante Rolle spielten, hat zu einer Logik geführt, in der lokale Akteure immer auch global denken... Bei allem, was man tut, werden Russland, die USA, Saudi-Arabien mitgedacht - vielleicht sogar Indien, China, Europa. Dadurch, dass der Nahe Osten so oft Empfänger von Machtprojektion war, entstand eine Diplomatiekultur als Überlebensstrategie. Eine, die geheime, temporäre Deals kennt. Die interessenbasiert, sehr kreativ und nachgerade tabulos sein kann." Und doppelbödig, erklärt er am Beispiel Saudi-Arabien: "Wenn es auf einem Weg nicht weitergeht, muss ich etwas tun können, das scheinbar im drastischen Widerspruch zum Plan A stehen kann. Und trotzdem zum gleichen Ziel gelangen. Diese Strategien sind, glaube ich, für die Europäer am schwierigsten zu verstehen." (Europäer verstehen das gut, aber derartige Strategien werden bei ihnen als unmoralisch gegeißelt, siehe Marwecki.)

Anke Steinecke, Chefjuristin von Penguin Random House, erklärt im Gespräch mit Frauke Steffens von der FAZ, wie Zensur in Magaland funktioniert: "Die am häufigsten verbotenen Bücher stammen von oder handeln von People of Color und LGBTQ-Autoren - das sind etwa die Hälfte aller betroffenen Titel. Es gibt eine klare Zielrichtung, ein koordiniertes Vorgehen. Es sind keine vereinzelten Eltern in Schulbezirken, sondern organisierte Gruppen wie 'Moms for Liberty', die Listen mit Büchern erstellen und sie an Schulen weitergeben. Darunter viele Klassiker, etwa 'Beloved' oder 'The Bluest Eye' von Toni Morrison, die unter fadenscheinigen Begründungen aus Bibliotheken entfernt werden."

Außerdem: Warum interessiert sich eigentlich kein Mensch für Afrika, fragt der Publizist Dipo Faloyin in der SZ. Weder für seine zukunftsorientierten Vorhaben, von denen es mehr gibt als man denkt, noch für seine Kriege. "Warum bricht im Westen Empörung aus, wenn Israel sich gegen genozidal vorgehenden Terrorismus verteidigt, während es weitgehend still bleibt angesichts von Massakern in Syrien, den Hinrichtungen von Dissidenten in Iran oder der systematischen Entmündigung der Frauen in Afghanistan?", fragt Jan Kapusnak in der NZZ und diagnostiziert "Selbsthass" der westlichen Eliten.
Archiv: Ideen

Gesellschaft

Die Erasmus-Universität von Rotterdam hat bei Eva Illouz um Entschuldigung gebeten. Illouz war von der Uni von einem Kolloquium ausgeladen worden, weil sich das Institut "unwohl fühlte" mit ihrer Zugehörigkeit zu einer israelischen Universität (unsere Resümees). Dagegen hatte sie geklagt und daraufhin die Entschuldigung erhalten, mit der sie sich zufriedengibt, wie Illouz' Anwalt François Zimeray auf Twitter bekanntgibt: "Eva Illouz wollte ihre Ausladung zu einer Grundsatzfrage machen, nicht für sich selbst, sondern für alle israelischen Forscher, die aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit diskriminiert werden. In einer Zeit, in der der Boykott auf Personen allein aufgrund ihres Passes ausgeweitet wird, ist es an der Zeit, dass die Universitäten weltweit erkennen, dass diese Diskriminierung ebenso unmoralisch wie illegal ist."

Winand von Petersdorff erzählt auf den Wirtschaftsseiten der FAZ vom tiefen Fall des extrem renommierten Wirtschaftswissenschaftlers und ehemaligen Harvard-Präsidenten Larry Summers. Die Universitätszeitung Harvard Crimson wies seine enge Freundschaft zu Jeffrey Epstein nach, bei dem er Rat in Liebesdingen suchte - irgendeine Verfehlung, die gegen Gesetze verstößt, ist allerdings nicht bekannt. "Zunächst klammerte sich Summers noch an seine Harvard-Professur. Er kündigte an, sich aus seinen öffentlichen Ämtern, einschließlich des Open-AI-Boards, zurückzuziehen, seine Lehrverpflichtungen aber erfüllen zu wollen. Er hoffte, das öffentliche Eingeständnis tiefer Scham werde genügen. Doch als Harvard eine neue Untersuchung von Summers' Beziehung zu Epstein ankündigte, war das Ende besiegelt. Seine Vorlesungen übernehmen Kollegen, seine Rolle als Direktor des Mossavar-Rahmani Center for Business and Government an der Harvard Kennedy School ruht. Eine Rückkehr ist ungewiss. Alte Freunde wenden sich ab, alte Gegner werden laut."
Archiv: Gesellschaft