Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.01.2026. Die taz erzählt die Geschichte der iranischen Revolutionsgarde: Ihr gehört der halbe Iran, sie könnte die Macht übernehmen - aber woher die religiöse Staffage nehmen? Niemand will heute noch Reformen des Regimes wie einst 2009, sagt der österreichisch-iranische Schriftsteller Amir Gudarzi in der SZ. Intensiv wird auch über Minneapolis diskutiert: Selbst im Maga-Lager kommen die Polizeimorde nicht gut an, notieren New York Times und FAZ. golem.de begibt sich mit Dario Amodei auf den Weg zur künstlichen Superintelligenz.
Kourosh Ardestani erzählt in der taz die Geschichte der iranischen Revolutionsgarde (englisch Islamic Revolutionary Guard Corps, IRGC), die einst von Khomeini gegründet wurde, um die Schah-ergebene Armee in Schach zu halten und die heute zwar kleiner ist als die Armee, aber dreimal so viel Budget hat. Ihr gehört außerdem die halbe Wirtschaft des Iran von Restaurantketten über Finanzinstitute bis hin zu den Internetprovidern. Es wird sogar angenommen, dass die Revolutionsgarde nach dem Tod des aktuellen Religionsführers Khamenei putschen könnte: "In diesem Szenario bleibt jedoch fraglich, woher die Paramilitärs die religiöse Legitimation beziehen sollen, die die verbliebenen Anhänger der Islamischen Republik verlangen. Und das ist genau das Dilemma, in dem sich die Revolutionswächter heute befinden: Um das Land effizienter zu regieren und die Wut der Bevölkerung zu beschwichtigen, müssten sie sich der inkompetenten klerikalen Führung entledigen. Doch gleichzeitig sind sie auf die Unterstützung eines harten Kerns von schiitisch-radikalen Anhängern der Mullah-Theokratie - vermutlich 15 Prozent der iranischen Bevölkerung - angewiesen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Demonstrationen haben bisher zu keinem Regime-Wechsel geführt, aber dass ein großer Teil der Gesellschaft überhaupt auf die Straße gegangen ist, kann schon als Erfolg gelten und es wird weitergehen, ist sich der österreichisch-iranische SchriftstellerAmir Gudarzi im SZ-Interview mit Moritz Baumstieger sicher. "Als wir 2009 protestierten, wollten nicht alle ein Ende des Regimes, manche demonstrierten auch nur gegen den offensichtlichen Wahlbetrug und für Reformen. Als es eng wurde, war für sie der Rückzug leichter. Heute gibt es ein klares Ziel, niemand will nur noch Reformen. Und auch, wenn die Angst vor dem Blut eine menschliche Reaktion ist, werden die Leute bald wieder auf die Straße gehen. Der Rückzug ins Private ist, wie erwähnt, wegen der ökonomischen Lage kaum mehr möglich (...). Und wenn nun Abertausende junge Menschen getötet oder verletzt worden sind, werden auch die der Gesellschaft fehlen. Aus welchem Winkel man die Sache auch betrachtet: Die Zeit spielt gegen das Regime." Auf Zeit Online spricht der PolitikwissenschaftlerTareq Sydiq von einer Wandlung des iranischen Regimes "von einer revolutionären Autokratie zu einer klassischen Diktatur".
Die Grünen haben bis heute ein unklares Verhältnis zum Iran. Noch bei den "Frau-Leben-Freiheit"-Protesten im Jahr 2022 behauptete Außenministerin Annalena Baerbock, die Gewalt der islamischen Sittenwächter habe "nichts, aber auch gar nichts, mit Religion oder Kultur zu tun". Das Missverständnis über die Religion ist sehr alt, zeigtWelt-Autor Thomas Schmid in seinem Blog. Denn schon Joschka Fischer hatte 1979 anlässlich der iranischen Revolution das "Heilige" gefeiert, in dessen Namen sich die Revolutionäre gegen die "atheistische Kultur des Westens" stellten. Schmid erinnert sich an den Pflasterstrand-Artikel, der Fischer später häufig vorgeworfen worden sei (unser anderem im Perlentaucher, hier): "Dass der Islam 1978/79 in der Massenbewegung gegen den Schah von Beginn an eine bedeutende Rolle spielte, deutet Fischer hier als Protest gegen eine aufgezwungene Modernisierung, gegen die autoritär von oben betriebene Herausbildung einer Industriegesellschaft nach westlichem Vorbild. Und als Fundamentalkritik am westlichen Entwicklungsmodell. Das waren Gedanken, die in diesen Jahren die entstehende Umweltbewegung und die Alternativbewegung beflügelten, die nicht zuletzt auch den Traum vom einfachen, zumindest aber einfacheren Leben träumten."
In Atlanticerklärt der bekannte Publizist und politische Essayist Jonathan Rauch, warum er den Faschismus-Begriff mit Bezug auf Trump bisher mied, und warum er jetzt doch findet, dass er zutrifft: Bisher beschrieb er Trumps Regime als eine Privatisierung des Politischen. Aber "im Lauf des letzten Jahres hat sich Trumps ursprüngliches Bestreben, die Regierung zu seinem persönlichen Spielzeug zu machen, deutlich in Richtung eines dogmatischen und operativen Faschismus entwickelt. Trumps Hunger nach 'Lebensraum' (i.O. deutsch), sein Anspruch auf unbegrenzte Macht, seine Unterstützung für die globale extreme Rechte, seine Politisierung des Justizsystems, sein Einsatz performativer Brutalität, seine ostentative Verletzung von Rechten, seine Schaffung einer nationalen paramilitärischen Polizei - all diese Entwicklungen zeugen von etwas Zielgerichteterem und Unheimlicherem als gewöhnlicher Gier oder Gangstertum. Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung."
Trumps ICE-Einsätze erzeugen auch im Maga-Lager inzwischen Widerspruch, berichtet Frauke Steffens in der FAZ, denn ein so gewaltsames Agieren des Zentralstaats gehört nicht gerade zu den beliebtesten Szenarios der Rednecks. "Dave Smith, ein Komiker und Trump-Unterstützer, sagte, er wolle, dass alle Einwanderer ohne Papiere das Land verließen. Doch ICE sei ein 'aus der Kontrolle geratener Haufen machttrunkener Feiglinge', die amerikanische Bürger einschüchterten. Ähnlich hatte sich der Podcaster Joe Rogan nach den tödlichen Schüssen auf Renée Nicole Good Anfang Januar geäußert und gefragt, ob ICE mit der Gestapo verglichen werden wolle. Die Beamten erzeugten ein Chaos, das dem Ansehen der Trump-Regierung schaden könne, so Rogan. Dass Trump diesmal nicht unbeschränkt auf den Beifall der 'alternativen Medien' zählen kann, könnte ihn durchaus beeinflussen."
Trump ist ja nicht nur "Maga", sondern auch "Taco" ("Trump always chickens out") und scheint tatsächlich zurückzurudern. Den für sein faschistoides Auftreten ikonisch gewordenen Kommandeur Greg Bovino (mehr hier) zieht er schon mal aus Minneapolis ab, berichten Luke Broadwater und David E. Sanger in der New York Times. Trumps Sprecherin Karoline Leavitt versprach anders als andere Maga-Radikale im Weißen Haus, dass "wir uns von Fakten leiten lassen werden". "Der Stab des des Weißen Hauses ist sich bewusst, dass diese Tötung - die zweite eines amerikanischen Staatsbürgers, der gegen die Präsenz der Einwanderungs- und Zollbehörde in Minneapolis protestierte - eine der größten politischen Bedrohungen für Trump seit seiner Amtseinführung darstellt."
Die USA lebten lange von ihren Gründungsmythos, das erste Staatsgebilde gewesen zu sein, bei dem auf Gewaltenteilung gesetzt wurde und die Rechtsprechung sogar mehr Autorität als der Präsident besaß, wie Gustav Seibt in der SZ schreibt. "Die Währung von Autorität ist nicht Gewalt, sondern Vertrauen. Vertrauen braucht nicht nur die Justiz, ohne Vertrauen verlieren auch Wahlen ihre Legitimität und gewaltlose Macht. Es ist daher so verstörend wie folgerichtig, dass Trump und seine Bewegung mittlerweile einen ideologischen Kernpunkt in der systematischen Anzweiflung der Wahlen in den Vereinigten Staaten haben. Auch damit wird ein Pfeiler der Autorität der Republik ins Wanken gebracht. Trump ist ein gewissenloser Meister des 'Vielleicht': Vielleicht werde es gar keine Zwischenwahlen geben, vielleicht könne er noch einmal Präsident werden - das wird dahingesagt, man kann es sofort zurücknehmen und als Scherz abtun, aber es hat doch eine unterminierende Wirkung."
Vor dreißig Jahren erklärte Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar, Tag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee, zum Holocaust-Gedenktag. "Zuvor hatte es im Land der Täter kein Datum gegeben, auf das man sich politisch und gesellschaftlich geeinigt hätte, um sich mit den Fragen nach Schuld, Verantwortung und Konsequenzen im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Juden Europas öffentlich auseinanderzusetzen", erinnert Stephan Löwenstein in der FAZ.
In der Ukraine gibt es zu viele Massengräber von Holocaustopfern, als dass sie alle deutlich als Gedenkstätten ausgewiesen sind. Wie gestern die Historikerin Magdalena Saryusz-Wolska in der FAZ, die über Polen schrieb, erinnert heute auch Klaus Hillenbrand in der taz an den "Holocaust durch Kugeln". "An manchen Orten hat das von der SS gebildete 'Kommando 1005' noch vor dem deutschen Rückzug aus der Ukraine 1944 die Leichname geborgen und verbrannt, auf dass keine Erinnerung an die Tat bleiben sollte. Die Knochen wurden in einer extra dafür konstruierten Knochenmühle gemahlen. Doch es waren zu viele Mordstätten, der Rückzug ging zu rasch vonstatten und das Kommando 1005 kam mit der Bergung nicht hinterher. Deshalb liegen viele der Ermordeten noch heute bisweilen unbeachtet irgendwo in der Ukraine in einem Massengrab." Ebenfalls in der tazschreibt Peggy Lohse über Stolpersteine in der Ukraine und "dezentrale Erinnerung" auch im Blick auf die Opfer des aktuellen Kriegs. Und Jens Urhoff porträtiert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman, die heute im Bundestag sprechen wird. Auch in der FAZ gibt es ein Porträt, von Heike Schmoll.
Immer öfter wird die Frage gestellt, weshalb weiterhin des Holocaust gedacht wird, so der RegisseurMartin Moszkowicz während seiner gestrigen Rede zum Gedenktag im Bayrischen Landtag, die die SZ abdruckt. "Geschichte zeigt uns immer wieder: Der gefährlichste Verbündete des Hasses ist nicht der Radikale, sondern der Gleichgültige. Gerade deshalb richtet sich Erinnerung nicht nur gegen Extremismus. (...) Wir erleben eine schleichende Normalisierung des Hasses, die wir niemals akzeptieren dürfen. Um das klarzumachen: Ich kritisiere viele Entscheidungen der aktuellen israelischen Regierung - genau wie Hunderttausende Israelis es Woche für Woche auf den Straßen von Tel Aviv tun. Kritik an einer Regierung ist die höchste Form der Demokratie. Doch was wir heute erleben, ist etwas anderes. Hier wird nicht Politik kritisiert; hier wird das Existenzrecht eines Staates infrage gestellt. Für Juden ist Israel nicht irgendein Land. Es ist die Lebensversicherung, die mein Vater und seine sechs Geschwister nicht hatten. Wer das Existenzrecht Israels angreift, greift die Sicherheit jedes einzelnen Juden weltweit an. Das ist nicht verhandelbar. Niemals." In der FR-Interview spricht die HistorikerinIris Groschek über eine neue Form der Erinnerungskultur, die auf digitalen Avataren von Holocaust-Überlebenden beruht.
Der PhilosophBernhard Waldenfels ist im Alter von 91 Jahren gestorben. In den Zeitungen sind bisher keine Nachrufe zu finden - auf Twitter schreibt der Theologe Peter Dabrock eine sehr persönliche Würdigung.
Der Galerist Johann König wehrt sich mit mehreren Prozessen und unter Einsatz mehrerer Anwaltskanzleien gegen #MeToo-Vorwürfe, die in der Zeit und anderen Medien vorgetragen wurden. Er fordert hohe Summen Schadenersatz wegen des wirtschaftlichen Schadens, der ihm entstanden sei, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ: "Tatsächlich hat nach Publikwerden der Vorwürfe eine Reihe prominenter Künstlerinnen und Künstler dafür optiert, sich nicht mehr von der König Galerie repräsentieren zu lassen, unter ihnen Monica Bonvicini, Katharina Grosse und Norbert Bisky sowie Alicja Kwade, die zur Pace Gallery wechselte. Einladungen an die König Galerie zu großen internationalen Kunstmessen blieben aus."
Nils Matthiesen verweist in golem.de auf einen 38-seitigen Essay mit dem Titel "The Adolescence of Technology" von Dario Amodei, Mitbegründer und CEO des KI-Unternehmens Anthropic, der - sicher auch um das eigene Unternehmen ins Gespräch zu bringen- vor den Folgen einer künstlichen Superintelligenz warnt. Die Demokratisierung der KI könne böswillige Durchschnittsmenschen etwa dazu verführen, sich mal eine chemische Waffe machen zu lassen, oder Ähnliches. Vor Trump hat Amodei, dessen KI-Programm "Claude" heißt, aber offenbar keine Angst: "Trotz der Warnungen treibt Anthropic die Verbreitung seiner Technik voran. Im August 2025 machte das Unternehmen der US-Regierung unter Trump ein Angebot, Claude für lediglich einen US-Dollar pro Behörde für ein Jahr zur Verfügung zu stellen. Dieser Schritt wird als Teil eines verschärften Wettbewerbs zwischen KI-Größen wie OpenAI, Google und Anthropic um die Vorherrschaft bei staatlichen Aufträgen gesehen."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Joachim Scholtyseck: Henkel Das 1876 von Fritz Henkel gegründete Unternehmen Henkel ist ein Kind des frühen Deutschen Kaiserreichs. Der steigende Lebensstandard der Bevölkerung erhöhte die Nachfrage…
Klaus Rennert: Richter, Gericht, Gerichtsbarkeit Mit der Judikative, der rechtsprechenden Gewalt kommen viele Bürger nur sporadisch in Berührung: In der Schule im Zusammenhang mit der Gewaltenteilungslehre von Montesquieu,…
Vladimir Jankelevitch: Das Unumkehrbare und die Nostalgie Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Was ist das Wesen der Nostalgie? Und wodurch entsteht sie? Das sind die Fragen, die Vladimir Jankélévitch in seinem großen Spätwerk…
Hans Jürgen von der Wense: Routen II Mit zahlreichen Abbildungen und zwei beigelegten Messtischblättern aus dem Nachlass. Der Privatgelehrte, Übersetzer, Komponist, Landschaftsforscher, Briefkünstler Hans Jürgen…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier