Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.02.2026. Minus 20 Grad in Kiew, und keine Heizung, kein Strom, kein Wasser. Gegen wen führt Putin eigentlich seinen Krieg, fragt die Schriftstellerin Iryna Tsilyk in der FAZ. Trocknet die Finanzströme des Terrors aus, ruft Navid Kermani in der SZ - mit Blick auf den Sohn von Khamenei, der offenbar in Frankfurt ein Hilton-Hotel besitzt. Bei jacobin.de erklärt der Linkspartei-Politiker Ahmed Abed, wie er es als Bürgermeister von Neukölln halten will.
Man kann sich nicht helfen - Iryna Tsilyks Brief an die FAZ aus dem frierenden Kiew liest sich für jeden behaglich beheizten Westeuropäer beschämend. Minus 20 Grad müssen die Ukrainer aushalten, ohne Heizung, ohne Strom, ohne Wasser, weil Wladimir Putin mit Vorliebe Kraftwerke beschießt. "'Wie geht es Ihnen?', schreibe ich von Zeit zu Zeit einer .. betagten Dame, die in meinem Telefon als 'Nachbarin von unten' abgespeichert ist. Sie lebt allein. 'Machen Sie sich keine Sorgen, noch komme ich zurecht!', entgegnet sie munter... In erster Linie kämpfen die Russen gegen sie, gegen bettlägerige Kranke, Schwangere oder Eltern mit Kleinkindern, die in den obersten Stockwerken ihrer Hochhäuser ohne Heizung und ohne Aufzüge leben, die ohne Strom nicht funktionieren. Die Russen versuchen mit aller Kraft, den Willen der ukrainischen Gesellschaft zu brechen."
Nikolai Klimeniouk fühlt sich in der FAZ durch das Wüten von Trumps Einwanderungspolizei ICE an russische Milizen unter Putin erinnert, die er selbst erleben durfte. Es gibt aber auch Unterschiede: "Dass Polizei in russischen Großstädten auf offener Straße auf Zivilisten schießt, ist eher unüblich. Dort wird man bei Protesten, die es inzwischen kaum noch gibt, mit äußerster Brutalität zusammengeschlagen und dann gegebenenfalls in der Haft zu Tode gefoltert. Begründet wird dieses Vorgehen, wie derzeit in den USA, mit geleistetem Widerstand und Beamtengefährdung - obwohl es meist ebenfalls Videos gibt, die das Gegenteil belegen."
Rita Süssmuth publizierte Ihr Buch "Aids - Wege aus der Angst" im Jahr 1987.Die CDU-Politikerin Rita Süssmuth ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Sie war Familien- und Gesundheitsministerin und auch die erste Frauenministerin der CDU, erinnert Christiane Schlötzer in der SZ. Diesen Job nahm sie auch sehr ernst, womit sie bei ihren männlichen Kollegen natürlich aneckte: "Süssmuth war vielen Parteifreunden damals voraus, zum Beispiel, als sie für die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe eintrat und in der Drogenpolitik 'Milde für Süchtige und Härte gegen Dealer' forderte. Sie warnte davor, Aids-Kranke zu stigmatisieren. Aids war noch eine neue Krankheit, von Scham und Unwissen begleitet. Die Katholikin empfahl Kondome gegen Ansteckung und Aufklärung gegen Ängste, als manche in der CSU Infizierte noch auf einsame Inseln verbannen wollten."
Auch Jan Feddersen erinnert in der taz an dieses unerhörte Engagement eine CDU-Politikerin in der damals sehr giftigen Debatte über Aids: "Scharfmacherische Töne aus der Union, in denen fantasiert wurde, 'die Schwulen' nötigenfalls zu isolieren, jedenfalls für ihr sexuelles Verhalten zu bestrafen, die mit Namen wie Peter Gauweiler und Horst Seehofer verbunden werden, die waren nicht von Süssmuth zu hören. Sie setzte, keineswegs leicht, durchaus gegen krasseste Widerstände in ihrer Partei, auf Aufklärung, auf Forschung, auf, wie soll man sagen, anteilnehmende Nächstenliebe."
Auch als Helmut Kohl sie auf den Posten der Bundestagspräsidentin abschob, weil sie ihm zu unbequem wurde, ließ sich Süssmuth nicht entmutigen, schreibt Kirsten Küppers bei Zeit Online: "Ihre Unruhe war ja nicht weg. Süssmuth organisierte den Umzug von Bundestag und Regierung nach Berlin, engagierte sich für die deutsch-polnische Versöhnung, für eine zeitgemäße Einwanderungspolitik, bezog Stellung in frauenpolitischen Fragen."
In Berlin stellt sich die Frage nach einer anderen Brandmauer - der zur Linkspartei. In Neukölln kandidiert Ahmed Abed für die Partei als Bürgermeister von Neukölln. Seine Position zum Gazakrieg macht er im Interview mit Bafta Sarbo von jacobin.de klar: "Es ist kein Antisemitismus, wenn ich den Völkermord anprangere, der für viele Neuköllner Familien den Verlust von Angehörigen bedeutet." (Das Wort "Hamas" fällt in dem Interview nicht.) Selbstbewusst stellt er Bedingungen für eventuelle Koalitionen in Neukölln, und wer weiß, demnächst auch in Berlin: "Ich kann mir .. kaum vorstellen, dass die Repressionen gegen die Menschen, die sich für Frieden in Palästina und Israel einsetzen, so weitergehen können und dass so eine Koalition mit der Linken möglich ist. Also klar gesagt: Bis auf die CDU haben die anderen Parteien eine Koalition mit der Linken auf Landes- und Bezirksebene nicht kategorisch ausgeschlossen. Deswegen ist es durchaus vorstellbar, dass ich Bezirksbürgermeister werde. Wir werden uns dafür einsetzen, dass die Positionen des Bezirksverbands Neukölln in den Koalitionsverhandlungen Berücksichtigung finden."
Auch Ruhrbarone muss man differenziert sehen. Der Historiker Hans Günter Hockerts erinnert in der FAZ an den Stahlindustriellen Fritz Thyssen und seine Frau Amélie, die zunächst, noch vor 1933, begeisterte Nazis waren, sich aber mehr und mehr distanzierten, dann in die Schweiz flüchteten und in Frankreich, wo sie sich auch öffentlich äußerten, vom Vichy-Regime festgenommen wurden. "Seit Januar 1941 in einem Sanatorium in Neubabelsberg interniert, wurden Fritz und Amélie Thyssen im Mai 1943 in ein Sonderlager des KZ Sachsenhausen verlegt. In der Hektik der letzten drei Kriegsmonate folgten weitere Stationen, die über die Konzentrationslager Buchenwald und Dachau nach Südtirol führten. Dort wurden sie im Mai 1945 von US-amerikanischen Einheiten zusammen mit weiteren prominenten Sonderhäftlingen befreit." Amélie Thyssen schaffte es nach dem Tod ihres Mannes, das Thyssen-Imperium wieder aufzubauen und versuchte mit der Thyssen-Stiftung den Ruf ihres Mannes zu retten.
"Ohne Unterstützung von außen, ohne die Unterstützung der Welt wird Iran sich nicht befreien können", ist sich Navid Kermani in der SZ sicher. Aber was kann die Welt tun? Eine Militärintervention wie im Irak ist keine Option, meint Kermani, sie brächte nur noch mehr Chaos und Tod. Vielmehr müsse das Regime zum "Paria" werden: Entscheidend wird "es sein, die Finanzströme des Terrors auszutrocknen, die nicht allein nach Russland oder China führen, sondern vor allem in die Vereinigten Staaten, wo nach einem Bericht des GuardianKryptowährungsfirmen iranisches Geld in Milliardenhöhe waschen - Firmen, in die besonders auch Donald Trump investiert und die seine Regierung systematisch von Regulierungen befreit. Und gerade dieser Tage meldet das Wirtschaftsportal Bloomberg, dass der Sohn des Revolutionsführers, Modschtaba Khamenei, der auch sein Nachfolger werden könnte, mittels Scheinfirmen gewaltige Luxusimmobilien und Hotels in London, Frankfurt, Dubai und Mallorca erworben hat. Die herrschende Elite in Iran möchte nicht wie in Nordkorea leben. Sie kauft gern in westlichen Städten, sie schickt ihre Kinder an westliche Universitäten, sie möchte ihr Geld anlegen, es sich gut gehen lassen, und bis jetzt gelingt ihr das im Westen weitgehend störungsfrei." taz-Redakteur Andreas Fanizadeh wundert sich doch ein bisschen über die verhaltene Reaktion der hiesigen Linken auf die Ereignisse im Iran. Neu ist das Muster allerdings nicht: "So groß die Solidarität mit Irans Linken in den westdeutschen Szenen bis zum Sturz des Schahs 1979 war, so ruhig ist es seit der Machtübernahme der Islamisten 1979 geblieben. Ein Paradoxon. Anscheinend tun sich viele Linke hierzulande schwer, sich mit Demokratiebewegungen zu solidarisieren." Fanizadeh fordert wie Kermani weitere wirtschaftliche Sanktionen gegen den Iran und bezieht sich auf die Bloomberg-Informationen über die Vermögensverhältnisse des Sohns von Ayatollah Khamenei, des 56-jähigen Modschtaba Khamenei. Am nächsten Sonntag fragt Fanizadeh zusammen mit anderen im Deutschen Theater: "Iran - was hat das mit uns zu tun?"
Die "palästinensische Frage" bleibt ungelöst, konstatiert Richard C. Schneider in der NZZ. Das Paradoxe: "Alle Akteure erkennen die Dysfunktionalität der bestehenden Ordnung, aber niemand investiert ernsthaft in ihre Überwindung." In das Vakuum zwischen einer Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland, die kaum Rückhalt in der Bevölkerung hat und der immer noch starken Hamas in Gaza "stoßen Konzepte technokratischer Verwaltung, Übergangsregierung und international begleiteter Wiederaufbaustrukturen, initiiert von US-Präsident Donald Trump. Das Versprechen: Effizienz, Entpolitisierung und Stabilität. Doch genau diese Entpolitisierung ist ihr grundlegendes Problem. Politik lässt sich nicht dauerhaft durch Verwaltung ersetzen. Technokraten verfügen weder über eine eigene Machtbasis noch über gesellschaftliche Legitimität. Sie sind abhängig von Schutz und Finanzierung von außen und werden von der lokalen Bevölkerung oft als fremdbestimmt wahrgenommen. Gaza als Protektorat unter amerikanischer Aufsicht. Wenn solche Strukturen zudem bewusst an der PA vorbei organisiert werden, entsteht kein Übergang, sondern eine weitere Ebene institutioneller Konkurrenz."
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat in einem Bild-Interview, das an einem offenbar nachrichtenarmen Sonntag ein gewisses Aufsehen erregte, milde kritisch über die öffentlich-rechtlichen Sender geäußert. Es werde "schwierig, wenn die veröffentlichte Meinung sich immer mehr von der öffentlichen Meinung verabschiedet. Da muss es dann auch eine selbstreflektierende Korrektur geben." Sie forderte ausgerechnet eine ausführlichere Übertragung von Bundestagsdebatten. In der FAZ findet Michael Hanfeld, dass Klöckner durchaus ein bisschen konkreter hätte werden können: "Gibt es Kritik an antiisraelisch konnotierter Berichterstattung aus Nahost, bügeln die Sender das routiniert weg. Sagt Bundeskanzler Friedrich Merz das Wort 'Stadtbild', sind sie beim Empörungssturm mit dabei, reißen die Grünen im Europaparlament die 'Brandmauer' ein, indem sie mit Rechtsextremen und der AfD das Mercosur-Abkommen auf die lange Bank schieben, wird das erst mal ohne weiteres Federlesen weggemeldet. Nach 'Schlagseiten' muss man nicht lange suchen."
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