9punkt - Die Debattenrundschau
So ziemlich das gesamte Kulturressort
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.02.2026. Warum verschwindet das Thema Ukraine immer mehr aus den Schlagzeilen, fragt die SZ. Die Epstein Files sorgen nach wie vor für viel Aufsehen: Warum sind viele Opfer in den geleakten Dokumenten sichtbar, fragen Tagesspiegel und SZ. taz und FAZ erzählen, wie Jeff Bezos die Washington Post zerstört. In der FAZ erklärt Marion Ackermann von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, warum sie nun auch das Museum Europäischer Kulturen ins Humboldt-Forum aufnehmen will.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
06.02.2026
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Europa
Sonja Zekri hat für die SZ den ukrainischen Autor und Friedenspreisträger Serhij Zhadan getroffen, der demnächst nach München kommt - zur Sicherheitskonferenz (im Literaturhaus München wird er einen Vortrag halten). Zekri schildert die paradoxen Wirkungen des Kriegs auf Zhadans Stadt Charkiw: "In den historischen Gebäuden der Innenstadt, jener unverwechselbaren Mischung fast aller architektonischen Stile der letzten Jahrhunderte, sind noch mehr Fenster zerschlagen und mit Sperrholz verrammelt als zu Kriegsbeginn. Zugleich aber haben neue Cafés, Restaurants und Buchläden eröffnet wie das große 'Knigalend'. Der Krieg hat Soldaten in die Stadt gebracht, Flüchtlinge aus den Städten und Dörfern in der Nähe der Front, Hunderttausende seien nach Charkiw gekommen, die eines Tages wieder gehen werden, um Platz zu machen für Rückkehrer, die aus der Stadt geflohen sind."
Medien
Warum geht es in den Medien beim Ukrainekrieg eigentlich nur noch um Donald Trump und Wladimir Putin, fragt Cathrin Kahlweit in der SZ. Was ist mit Wolodimir Selenski, was mit den Ukrainern? Warum werden sie kaum noch gehört? Seit der Demütigung Selenskis im Weißen Haus hat sich der Tenor geändert: "Nach der Annexion der Krim und der russischen Intervention im Donbass, vor allem aber nach der Vollinvasion 2022 war die Debatte darüber, was die Ukraine kann und braucht, wie die Gesellschaft tickt und wie sie zusammenwächst, geprägt von: Ukrainern. Podien, Kommentarspalten, Fernsehsendungen waren voll von Vertretern ihrer Zivilgesellschaft, von Politikern und Experten, von Historikern und Journalisten. Die Ukraine war erfolgreich im Kampf um Aufmerksamkeit. Mit Trumps Wiederaufstieg und Wiederannäherung an Putin, mit der Schwächung der EU als Partner der USA und als internationaler Player sind auch die ukrainischen Stimmen der zweiten Reihe aus der Öffentlichkeit verschwunden. Dabei gab es 2025 Dutzende gute Gründe, nicht nur Reportagen über weinende Ukrainer in Eis und Schnee zu zeigen, so wichtig das ist, sondern zu fragen: Was wollt ihr? Wo steht ihr? Was braucht ihr?"
Nicholas Potter resümiert in der taz nochmal den von Jeff Bezos verfügten radikalen Kahlschlag bei der Washington Post: "Mehr als 300 der insgesamt rund 800 Journalisten sollen ihren Job verloren haben, hinzu kommen einige nichtredaktionelle Stellen." Bezos' Agieren hat hat mit seiner Anbiederung an Trump zu tun, das der Zeitung und damit der amerikanischen Öffentlichkeit großen Schaden zufügt, so Potter: "Eine Wahlempfehlung der Zeitung für die demokratische Trump-Konkurrentin Kamala Harris wurde erst elf Tage vor der Präsidentschaftswahl verhindert, mit der Folge, dass Hunderttausende Leser ihre Abos aus Protest kündigten. Dann verkündete Bezos, dass die Washington Post sich künftig in Meinungstexten nur noch für 'persönliche Freiheiten und freie Märkte' einsetzen werde, widersprechende Texte zu diesen Themen überlasse er anderen Medien - der Meinungschef trat daraufhin zurück. Und nun versetzt Bezos dem Blatt den Todesstoß."
Michael Hanfeld schildert in der FAZ die Folgen im einzelnen: "Das gesamte Redaktionsteam für den Nahen Osten wurde entlassen, das Korrespondentenbüro in Kairo geschlossen. Gekürzt wird bei den Büros in Berlin und Kiew, die Korrespondenten in Indien und Australien und Reporter in Iran, der Türkei und Lateinamerika verlieren ihre Jobs - von jetzt auf gleich, während sie im Einsatz sind." Geopfert werden außerdem "nicht nur der Sport und das Buchressort, sondern 'so ziemlich das gesamte Kulturressort'."
Nicholas Potter resümiert in der taz nochmal den von Jeff Bezos verfügten radikalen Kahlschlag bei der Washington Post: "Mehr als 300 der insgesamt rund 800 Journalisten sollen ihren Job verloren haben, hinzu kommen einige nichtredaktionelle Stellen." Bezos' Agieren hat hat mit seiner Anbiederung an Trump zu tun, das der Zeitung und damit der amerikanischen Öffentlichkeit großen Schaden zufügt, so Potter: "Eine Wahlempfehlung der Zeitung für die demokratische Trump-Konkurrentin Kamala Harris wurde erst elf Tage vor der Präsidentschaftswahl verhindert, mit der Folge, dass Hunderttausende Leser ihre Abos aus Protest kündigten. Dann verkündete Bezos, dass die Washington Post sich künftig in Meinungstexten nur noch für 'persönliche Freiheiten und freie Märkte' einsetzen werde, widersprechende Texte zu diesen Themen überlasse er anderen Medien - der Meinungschef trat daraufhin zurück. Und nun versetzt Bezos dem Blatt den Todesstoß."
Michael Hanfeld schildert in der FAZ die Folgen im einzelnen: "Das gesamte Redaktionsteam für den Nahen Osten wurde entlassen, das Korrespondentenbüro in Kairo geschlossen. Gekürzt wird bei den Büros in Berlin und Kiew, die Korrespondenten in Indien und Australien und Reporter in Iran, der Türkei und Lateinamerika verlieren ihre Jobs - von jetzt auf gleich, während sie im Einsatz sind." Geopfert werden außerdem "nicht nur der Sport und das Buchressort, sondern 'so ziemlich das gesamte Kulturressort'."
Politik
Bis heute hat Obama im Schnitt mehr Menschen aus den USA abgeschoben als Donald Trump. Aber die Aggressivität, mit der die Beamten jetzt auftreten, habe es früher nicht gegeben, erklärt der Migrationsrechtler Daniel Kanstroom im Interview mit der NZZ. "Wir brauchen ein Rechtssystem an der Grenze, das differenziert ist", fordert er. "Schaut man sich Umfragen an, sieht man eine klare Mehrheit, die das Vorgehen von Trump und ICE ablehnt. Der Senat diskutiert derzeit Einschränkungen: ob ICE-Beamte Masken tragen dürfen, ob sie ohne richterlichen Beschluss Wohnungen betreten dürfen. Viele dieser Praktiken werden nun angefochten. Viele US-Bürger waren sich lange nicht bewusst, wie hart das Abschiebungssystem ist, weil es sich vor allem in migrantischen Communitys abspielte. Wer persönliche Bezüge hatte - Kinder von Migranten, Ehepartner, Gemeindemitglieder -, wusste das. Die Mehrheit aber hielt es für ein Randthema. Jetzt wird klar: Man kann nicht einfach ein paar Fäden aus dem sozialen Teppich ziehen, ohne das ganze Gewebe zu zerreißen."
Einige Tage, nachdem die iranischen Geistlichen wohl 30.000 Menschen umgebracht haben, unter anderem, weil sie eine demokratische und säkulare Regierung fordern, beging das "NYC Mayor's Office of Immigrant Affairs" den "World Hijab Day": "Heute feiern wir den Glauben, die Identität und den Stolz muslimischer Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt, die sich dafür entscheiden, den Hijab zu tragen, ein starkes Symbol für Hingabe und die Würdigung des muslimischen Erbes." Dazu zeigt man ein Plakat, das Frauen mit Kopftuch und seltsamerweise ohne Augen zeigte. Auf Twitter kam es nicht so gut an.
Aber manche gingen auch kreativ damit um:
Einige Tage, nachdem die iranischen Geistlichen wohl 30.000 Menschen umgebracht haben, unter anderem, weil sie eine demokratische und säkulare Regierung fordern, beging das "NYC Mayor's Office of Immigrant Affairs" den "World Hijab Day": "Heute feiern wir den Glauben, die Identität und den Stolz muslimischer Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt, die sich dafür entscheiden, den Hijab zu tragen, ein starkes Symbol für Hingabe und die Würdigung des muslimischen Erbes." Dazu zeigt man ein Plakat, das Frauen mit Kopftuch und seltsamerweise ohne Augen zeigte. Auf Twitter kam es nicht so gut an.
Aber manche gingen auch kreativ damit um:
🇺🇸 Sorry, I cannot stay quiet.
— Fadila Tatah (@FtTatah) February 4, 2026
You really have to hate women to erase their faces from a poster and celebrate their confinement through the veil. Pride is visible. It does not hide. The hijab is a man-made invention designed to control women and impose a form of apartheid.
No… pic.twitter.com/NiXjvkC9Pz
Gesellschaft
Unfassbar findet Helena Wittlich im Tagesspiegel den Umgang der amerikanischen Behörden mit den Epstein-Akten: Gerade wurde ein ganzes Konvolut veröffentlicht, in dem die Namen der Opfer ungeschwärzt sind: "Viele der Frauen, die gegen Epstein aussagten, wollten anonym bleiben. Für den Opferschutz scheint man sich jedoch kaum Zeit genommen zu haben. Dabei sind es gerade jene, die seit Jahren für Aufklärung kämpfen, um weitere Täter, die junge Frauen und Kinder missbrauchen, zu stoppen. Jetzt zahlen die Überlebenden, die 'Survivors', wie Epsteins Opfer genannt werden, für den Kampf um Transparenz mit der öffentlichen und unfreiwilligen Bloßstellung ihrer eigenen, schmerzhaften Geschichte."
Zwar wurde inzwischen nachgebessert, aber das ändert nicht viel, ärgert sich Lena Kampf in der SZ: "Die Dokumente sind außerdem nun in der Welt, weil viele sie ja schon zuvor heruntergeladen hatten. Jeder kann sich durch unbearbeitete Nacktfotos von minderjährigen Mädchen klicken, man findet sogar einige ihrer Geburtsdaten und Telefonnummern darin. Mit der erhofften Aufklärung hat das wenig zu tun." Auch eine der missbrauchten Frauen, Danielle Bensky, die sich dafür eingesetzt hatte, die Akten zu veröffentlichen, damit das Ausmaß des Missbrauchs öffentlich wird, ist entsetzt: "Hinter den unterlassenen Schwärzungen, den Datenschutzverstößen des DOJ, vermutet Danielle Bensky nun System: Sie sei zunächst von Nachlässigkeit, dann von Inkompetenz ausgegangen, sagte sie dem Fernsehsender NBC News. 'Jetzt fühlt es sich zielgerichtet an. Es fühlt sich an wie ein Angriff auf die Überlebenden.' Was in jedem Fall wahr ist: Es ist ein Jagdfieber ausgebrochen. Und die betroffenen Frauen sind ein weiteres Mal Opfer geworden."
Zwar wurde inzwischen nachgebessert, aber das ändert nicht viel, ärgert sich Lena Kampf in der SZ: "Die Dokumente sind außerdem nun in der Welt, weil viele sie ja schon zuvor heruntergeladen hatten. Jeder kann sich durch unbearbeitete Nacktfotos von minderjährigen Mädchen klicken, man findet sogar einige ihrer Geburtsdaten und Telefonnummern darin. Mit der erhofften Aufklärung hat das wenig zu tun." Auch eine der missbrauchten Frauen, Danielle Bensky, die sich dafür eingesetzt hatte, die Akten zu veröffentlichen, damit das Ausmaß des Missbrauchs öffentlich wird, ist entsetzt: "Hinter den unterlassenen Schwärzungen, den Datenschutzverstößen des DOJ, vermutet Danielle Bensky nun System: Sie sei zunächst von Nachlässigkeit, dann von Inkompetenz ausgegangen, sagte sie dem Fernsehsender NBC News. 'Jetzt fühlt es sich zielgerichtet an. Es fühlt sich an wie ein Angriff auf die Überlebenden.' Was in jedem Fall wahr ist: Es ist ein Jagdfieber ausgebrochen. Und die betroffenen Frauen sind ein weiteres Mal Opfer geworden."
Kulturpolitik
Die neue Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Marion Ackermann, verrät im FAZ-Gespräch mit Andreas Kilb, wie sie trotz ihrer knappen Budgets Akzente setzen will. Unter anderem will sie aktueller werden und jetzt zum Beispiel die grönländische Sammlung ihrer Museen präsentieren. Und sie will, "dass das Museum Europäischer Kulturen ins Humboldt-Forum kommt. Ich kann einfach nicht vertreten, dass wir dort ein Weltkulturenmuseum haben, das ausschließlich außereuropäisch denkt. Wenn Sie sich umsehen, was gerade überall diskutiert wird - im Louvre die 'Galerie der fünf Kontinente', in Mumbai die große Ausstellung darüber, wie in der antiken Welt die verschiedenen Kulturen zusammenhingen, in Marokko ein neues Museum über die muslimisch-jüdische Kultur, die Planungen von Hartwig Fischer in Riad -, geht es überall um den Zusammenhang der Kulturen. Da können wir nicht ausgerechnet neben der Museumsinsel nach dem alten Schema verfahren."
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