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03.03.2026. Das Völkerrecht darf als Argument nicht nur gegen Amerika und Israel verwendet werden, sagt der Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad in der FAZ, die größte völkerrechtliche Katastrophe in dem Spiel sei der Iran: "Solch ein Staat hat seine Existenzberechtigung verwirkt." Die Zeitungen fragen, wer der neue starke Mann im Iran ist: Ali Laridschani heißt er, einerseits ein Pragmatiker, andererseits einer der Organisatoren des Massakers an der eigenen Bevölkerung. Berlin plant einen "Aktionstag gegen Islamophobie". Ist das wirklich im Moment das größte Problem, fragt die Grüne Eva Quistorp in starke-meinungen.de. Und: Die FAZ meldet Panik bei CNN, wo man jetzt den Kumpeln von Trump gehört.
"Nun verändert sich sein Regime - und bleibt dennoch bestehen", schreibt Ali Sadrzadeh in der taz nach den israelisch-amerikanischen Schlägen gegen Ali Khamenei und sein Regime. Aber diese Veränderung hatte schon im Zwölftagekrieg mit Israel angefangen, setzt er hinzu: "Der 13-köpfige Oberste Nationale Sicherheitsrat des Landes ersetzte Khamenei praktisch, er selbst zog sich zumindest aus der Öffentlichkeit weitgehend zurück, was ihm den Spitzennamen 'Ali die Maus' einbrachte. Der Rat ist nun das Zentrum der Macht. Der Welt wurde ein Triumvirat als neue Führung vorgestellt - doch die eigentliche Macht, vor allem die kriegsentscheidende, liegt beim Nationalen Sicherheitsrat. Wie in allen Institutionen dieser 'Republik' gibt es einen Primus inter pares. In diesem Fall sind es zwei: Ali Laridschani, der Koordinator des Rates, dem Khamenei persönlich Aufgaben anvertraute. Und Mohammad-Bagher Ghalibaf, der gerissene Ex-Gardist und jetzige Parlamentspräsident." Sadrzadeh warnt auch: "Die Revolutionsgarden sind in Iran regional organisiert, ihre Kommandanten entscheiden oft vor Ort und nach eigenem Ermessen. Das erschwert es, sie auszuschalten."
Zu Laridschani schreibt Friederike Böge in der FAZ Widersprüchliches: Er gelte als Pragmatiker. "Innerhalb der Machtelite war man sich spätestens seit dem Massaker an unbewaffneten Demonstranten im Januar bewusst, dass das System nur überleben kann, wenn es sich ändert. Laridschani allerdings soll das gewaltsame Vorgehen maßgeblich koordiniert haben. Für die Bevölkerung ist er jetzt eine Hassfigur."
Der aus dem Iran stammende Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad äußert sich im FAZ-Interview mit Oliver Weber zur völkerrechtlichen Bewertung des derzeitigen Krieges der USA und Israels mit dem Iran. "Um ein vollständiges Bild zu erhalten, müssen wir unsere - oft eurozentristische - völkerrechtliche Diskussion ausweiten. Im Falle Irans heißt das: Die präventive Natur des amerikanisch-israelischen Krieges muss bezweifelt werden. (...) Aber auch die Islamische Republik steht in puncto Völkerrecht äußerst schlecht dar: Von den regionalen Milizen, die Nachbarstaaten destabilisiert haben, über die blutigen iranischen Interventionen im 'Arabischen Frühling' in Syrien zum Schutze Assads und im Irak zur Niederschlagung der dortigen Proteste 2019, bis hin zur grundlegenden Missachtung des iranischen Staates seiner auch völkerrechtlich begründeten Schutzfunktion gegenüber der eigenen Bevölkerung - man denke an den Abschuss eines Passagierflugzeugs 2020 und die allerjüngsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit der Ermordung Zehntausender. Solch ein Staat hat seine Existenzberechtigung verwirkt. Er tritt immer mehr als Besatzungsregime gegen die eigene Gesellschaft auf."
In der tazerzählt die in Berlin lebende iranische Exilaktivistin Mina Khani, wie sie die Meldung vom Tod Ali Khameneis erlebte: "Shahin versicherte mir, dass er tot ist. Ich schrie erstmals vor Freude, und verfiel dann in Schockstarre. Mir wurde wieder bewusst, wie viele Tausende und Hunderttausende von Menschen nicht nur in Iran, sondern in der ganzen Region Opfer der militärischen und repressiven Maschinerie der Gewalt geworden waren, seiner Gewalt, des 'religiösen Führer der islamischen Welt'. Nach zwanzig Jahren eines Lebens im Exil und der Arbeit für die Befreiung Irans habe ich in diesem historischen Moment nicht einmal die Möglichkeit, mit meiner Mutter und meinem Bruder zu sprechen. Nicht mal jetzt. Weil das Internet wieder ausgeschaltet ist. Ja, schon wieder."
Im FR-Interview geht Khani außerdem auf die Frage ein, weshalb es immer noch treue Regime-Anhänger gibt. "Das ist die organisierte Basis des Regimes: Revolutionsgardisten, Milizen und deren Familienangehörige. Im Iran sind die Familien riesig, da gehören auch Cousinen und Cousins dazu. Sie alle profitieren. Auf 100.000 Soldaten kommen noch einmal zwanzig bis vierzig Familienmitglieder durchschnittlich, die alle wirtschaftlich vom Regime profitieren und daher kein Interesse daran haben, dass es stürzt. Und je reicher die Familien, umso mächtiger sind sie auch. In der einfachen Bevölkerung haben die Mullahs in den vergangenen Jahrzehnten aber massiv verloren."
Warum ist Wladimir Putin eigentlich so auffallend still, obwohl er mit dem Iran mal wieder einen engen Verbündeten verlieren könnte, fragt sich Silke Bigalke in der SZ. "Trump verändert die Weltordnung, und Putin, der dasselbe vorhatte, wirkt wie ausgebremst. Ihm scheint eine Strategie zu fehlen gegen Trumps scheinbare Strategielosigkeit. Der US-Präsident löst internationale Regeln auf, die Putin zwar selbst gebrochen, die er aber auch immer wieder angemahnt hat, wenn es ihm nützte. Ein Westen, der sich an internationale Institutionen gebunden fühlt, ist für Putin allemal berechenbarer als Trumps Chaos. Putin hat jahrelang in Beziehungen zu Staaten investiert, die dem Westen, den USA ebenso kritisch gegenüberstehen wie er. Sein Netzwerk hat ihm geholfen, die Folgen der Sanktionen abzufedern, dank ihm war Putin nie so isoliert, wie es Europa und die USA gehofft hatten. Jetzt werden Putins Partner genau hinhören, wie lange Putin schweigt."
Trump handelt mit dem Schlag einerseits aus Narzissmus, vermutet FAZ-Korrespondent Majid Sattar: "Trump möchte Geschichte schreiben." Aber es gehe auch um eine neue Doktrin des Interventionismus: "Marco Rubio, ein langjähriger Falke, der sich auf die neue Zeit eingestellt und mit Trump arrangiert hat, ist derzeit die einflussreichste Figur in dessen Kabinett. Im Nationalen Sicherheitsrat wurden die Interventionspläne für Venezuela, Iran und schon bald womöglich Kuba erarbeitet. Es geht dabei nicht wie früher um 'nation building', um Besatzung und die zeitweilige Übernahme der Zivilverwaltung, sondern um ein ferngesteuertes Eingreifen: Den Rest hat die einheimische Bevölkerung zu erledigen."
Berlin plant für den 15. März einen "Aktionstag gegen Islamophobie". Auf der Website der Berliner SPD heißt es dazu: "Der Aktionstag wurde 2022 von den Vereinten Nationen ausgerufen als Reaktion auf den islamfeindlichen Terrorangriff in Christchurch/Neuseeland bei dem 51 Musliminnen und Muslime getötet und 50 Personen zum Teil schwer verletzt wurden. Der 15. März wird ein weiterer Tag sein, der Berlin mit der Welt verbindet." Eva Quistorp, eine der Gründerinnen der Grünen, protestiert dagegen in dem Blog starke-meinungen.de und ruft zu einer feministischen Gegendemo auf: "Wie kann man denn so tun, als sei in Berlin nach dem Beschmieren von Wänden von jüdischen Einrichtungen durch Hamassymbole und monatelangem Gebrüll 'from the river to the sea' und falschen, demagogischen Genozid-Vergleichen aus dem muslimischen und linksradikalen Milieu, nach dem islamistischen Terror gegen Juden in Sydney, nach den Gewaltattacken auf Uniräume an FU und TU durch sogenannte Islam- und PalästinafreundInnen und Angriffe auf Juden persönlich so ein merkwürdiger Tag mit so einem merkwürdigen Begriff nötig?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Soziologin Ashley Mears, ehemaliges Mannequin, hat vor einigen Jahren das Buch "Very Important People - Status and Beauty in the Global Party Circuit" vorgelegt. Für sie hat Jeffrey Epstein ein System zur Perversion geführt, das weithin auch außerhalb seiner direkten Sphäre besteht. Reiche Männer umgeben sich gern mit schönen Mädchen. Es gibt spezialisierte Agenten, die Partys mit solchen Mädchen ausstatten, schreibt sie in Le Monde: "Es werden nur Mädchen zugelassen, die Models sind - oder so aussehen: Man muss schlank, groß, jung und schön sein." Es geht dabei nicht wirklich um Sex, so Mears: "Für diese ultrareichen Männer bedeutet eine große Anzahl von Frauen, dass sie über eine Art Kapital verfügen, das sie nutzen können, um Beziehungen untereinander zu knüpfen. Eines Tages vertraute mir ein Restaurantchef etwas über den Jetset an, der in New York, den Hamptons oder Saint-Tropez feiert: 'Diese Mädchen sind nicht zum Sex da, sie sind nur Accessoires, um anzugeben und Eindruck zu schinden. Damit die Leute sich fragen: 'Wer ist dieser Typ? Seht euch all diese Mädchen an, wow! Er muss reich und berühmt sein.'"
Die Warner Brothers sollen nun für 111 Milliarden Dollar an Paramount verkauft werden und damit in die Hände der Trump-Getreuen Larry und David Ellison übergehen. Der Trump-kritische Sender CNN, der Trump ein Dorn im Auge ist, würde also unter den Einfluss von Pro-Trump-Unterstützern kommen, schreibt Nina Rehfeld in der FAZ: "Bei CNN herrscht nun Panik, berichten Insider. Es herrsche die Sorge, dass die Unabhängigkeit der Redaktion unter den neuen Eignern von Paramount und den Geldgebern - Saudi-Arabien, Abu Dhabi, Qatar und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner - dahin sei. Journalisten und Produzenten hätten das Gefühl, dem Untergang geweiht zu sein. 'Die Armee, die seit zehn Jahren versucht, das Tor der Burg CNN aufzubrechen, hat es geschafft', sagt der Medienkritiker Oliver Darcy in seinem Podcast "Power Lines": 'Donald Trump hat das Tor niedergerissen.'" Als erste berichtete, erwartungsgemäß genüsslich, die New York Post.
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