9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Juni 2026
30.06.2026. Der heutige 30. Juni wird in Südafrika zum "Tag der Angst", berichtet die taz - denn für heute sind in dem Land ausländerfeindliche Ausschreitungen angesagt. Die Welt blickt auf dreißig Jahre Rechtschreibreform zurück. In der FAZ beleuchtet der Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel die polnisch-ukrainische Geschichtskontroverse. Im Israel Journal of Foreign Affairs nimmt Jeffrey Herf die Israelkritik Omer Bartovs auseinander.
29.06.2026. Rette sich, wer kann (möglichst aber mit Klimaanlage): Auf die "dunkle Aufklärung" der schwadronierenden Tech-Milliardäre folgt nun ein "dunkler Sozialismus" in der Version des japanischen Marxisten Kohei Saito, informiert die Welt. Wortreich breitet Eva Menasse in republik.ch aus, was sie in Deutschland alles nicht sagen darf. In der Zeit hält der Neuköllner Noch-Bürgermeister Martin Hikel fest: Religion und Staat zu trennen, ist kein Rassismus.
27.06.2026. Dank Zeit, Spiegel und SZ stochern Millionen Deutsche in den Naziakten von Urgroßeltern - unterdessen ist der Nationalsozialismus an den Unis nicht mehr so en vogue, sagt der Historiker Ulrich Herbert in der SZ. Wie kann es kommen, dass eine Organisation wie "Islamic Relief", die der Muslimbruderschaft und auch der Hamas nahesteht, über Jahre 15 Millionen Euro Subventionen des Auswärtigen Amts und Blurbs von Frank-Walter Steinmeier bekommt, fragt hpd.de. In der NZZ beleuchtet Richard C. Schneider die israelische Debatte über die Ultraorthodoxen.
26.06.2026. Philippe Sands wird in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten - die Feuilletons sind begeistert, ein Streiter für das Völkerrecht und brillanter Erzähler. Wenn eine Frau Kopftuch trägt, gibt ihr das im Islam eine zwiespältige Macht, wenn sie es ablegt, setzt es 74 Peitschenhiebe, erfahren wir aus SZ und FAZ. Die FAZ berichtet auch über rassistische Ausschreitungen in Südafrika.
25.06.2026. Die Historikerin Jill Lepore erklärt in der Zeit, warum die amerikanische Demokratie gerade zu scheitern droht und wie die Liberalen dazu beigetragen haben. Ihr Kollege Timothy Snyder zieht in der SZ eine bittere Bilanz des Irankriegs. Belarus ist nicht gleich Russland, versichert in der NZZ der belarussische Journalist Andrzej Poczobut mit Blick auf die EU. Die FAZ findet die Empfehlungen einer Expertenkommission zum digitalen Jugendschutz zu komplex und macht einen Gegenvorschlag. Auch in der DDR wurde die Marktwirtschaft als gerechter empfunden als der real existierende Sozialismus, erzählt im Tagesspiegel der Historiker Clemens Villinger.
24.06.2026. Die Briten diskutieren immer noch über Europa, wie über einen Ex, von dem man nicht loskommt, meint Podcasterin Katy Lee im Guardian. Die NZZ wünscht sich Margaret Thatcher zurück: Dann hätte auch ein Nigel Farage keine Chance mehr. Der Historiker Robert Tombs widerspricht: Die anderen haben trotz EU mindestens genauso große Probleme wie UK. In der taz berichten Beybûn Seker und Soniya Alkis von der Flüchtlingsberatung Pena-Ger über innermigrantischen Rassismus gegen Kurden und Jesiden. Die FAZ fragt: Welcher Nachzügler der Kritischen Theorie wäre heute so interventionsfreudig wie Habermas?
23.06.2026. Keir Starmer ist fast pünktlich zum zehnten Jahrestag des Brexitvotums zurückgetreten - Britannien sieht seit dem Brexit ziemlich anders aus, konstatiert die FAZ, denn immer weniger Europäer leben dort. Das Goethe-Institut feiert seinen 75. Geburtstag. Die SZ erzählt, wie es angesichts der weltweiten "Israelkritik" laviert. Der Perlentaucher kommt auf Ines Schwerdtners Satz "Ich habe mich entschieden, es einen Genozid zu nennen" zurück, die FAZ staunt, wie leichtfertig die Linke und erst recht Die Linke mit dem Faschismusvorwurf hantiert.
22.06.2026. Zehn Jahre nach dem Brexit-Beschluss tritt heute wohl mit Keir Starmer der sechste Premierminister zurück - und die britische Rechte hat sich radikalisiert, so die taz. In Deutschland tagte die Linkspartei - die Parteiführung warf der Propali-Fraktion den "Genozid"-Begriff zu, notiert die FAZ. Der Antisemitismus im Kunstbetrieb ist inzwischen manifest und ungeniert, sagt Stella Leder in der SZ. In der NZZ machen sich die Politologen Oleksandr Kraiev und Andreas Umland Gedanken über einen Frieden in der Ukraine. Ohne Faschismusbegriff geht es nicht, schreiben Stephan Lessenich und Sven Reichardt in der SZ.
20.06.2026. In der FAS erklärt der argentinische Schriftsteller Alan Pauls, wie Javier Milei die Falkland-Inseln (beziehungsweise die Islas Malvinas) heute noch für seine politische Agenda nutzt. Der Iran-Deal Trumps scheint verheerend, könnte aber im Endeffekt auch die Mitte der iranischen Gesellschaft stärken, überlegt Zeit Online. Die SZ druckt die Rede des Historikers Norbert Frei zur Gedenkveranstaltung für Jürgen Habermas in der Paulskirche. Die Welt trifft das "Schnabeltier der Gegenwart": den Philosophen Kohei Saito.
19.06.2026. Der rotgrüne Hamburger Senat verhindert eine Aufarbeitung des NSU-Mords an Süleyman Taşköprü - der taz wurden Akten zugespielt, die ein schmähliches Bild der Polizei abgeben. Und in Hannover kann man laut FAZ lernen, wie man mit den Schlagwörtern "Demokratie", "Vielfalt", "Alleinerziehende" und "Armut" ein Businessmodell aufbaut. Wenn "Palästina befreit" ist, dann wird das wohl die ganze Welt befreien, hofft Sally Rooney in einer Rede - der israelische Religionswissenschaftler Tomer Persico analysiert auf Twitter diese Israel-Fixierung nicht nur Rooneys. In SZ und FR ziehen Rainer Forst und Axel Honneth die Lehren aus Habermas - heute ist der große Trauer- und Gedenktag.
18.06.2026. Den Kurden hat der Fall des syrischen Diktators Assad nichts genützt, meint der Politikwissenschaftler Rüstü Demirkaya in der NZZ. Warum setzt Donald Trump im Nahen Osten ausgerechnet auf Erdogan, fragt in der FAZ Bülent Mumay. Warum interessiert sich #metoo so gar nicht für Gewalt gegen Frauen mit Migrationshintergrund, fragt in der Welt Güner Balci. Sie sei "jeden Tag mit Angst aufgewacht", erzählt die Schauspielerin Sibel Kekilli in der Zeit. Die SZ staunt über die Verschwörungstheorien der Berliner Zeitung zu KI. Alles schön Bestätigung hier: Für Journalisten und Verleger von heute ist KI doch geradezu optimal, spottet die taz.
17.06.2026. Nach Suhrkamp will nun auch der Verlag S. Fischer nach Berlin ziehen. Nein, es geht nicht um Einsparungen, beteuert Verlagsleiter Oliver Vogel im Gespräch mit der FAZ. Der Umzug spiegelt den Wandel in der Buchbranche wider, kommentiert die SZ. Schon erstaunlich, wenn man in einer Veranstaltung über Meinungsfreiheit wegen seiner Meinung gecancelt wird, schreibt Mirna Funk in der Welt. Nicht jeder Antisemit ist gleich genozidal, versichert der Postkolonialist Aram Ziai in der FR. Der von den Deutschen ermordete Historiker Marc Bloch wird pantheonisiert - Le Point beleuchtet seine Aktualität.
16.06.2026. Trumps "Deal" mit dem Iran ist eine Katastrophe, und zwar für Trump, Israel, den Iran und Europa, resümieren die Zeitungen. Wenn Nabobs versagen, bauen sie sich Denkmäler, schreibt Tina Brown in ihrem Blog mit Blick auf Trump und, äh, Obamas Mausoleum der begrabenen Hoffnungen. Was an Israel gehasst wird, ist seine Komplexität, lernt Welt-Autor Marko Martin bei der "Gay Pride" in Tel Aviv. Die Tech-Konzerne sind schrecklich, aber KI hat Punkaspekte, freut sich Douglas Rushkoff in der NZZ. KI, na und? Ghostwriter gab's schon immer, stellt Gustav Seibt in der SZ fest.
15.06.2026. In der taz ist sich der Aktivist Arne Semsrott sicher - nur die Zivilgesellschaft kann gegen die AfD obsiegen. In der FAZ erzählt der Historiker Jochen Staadt die Geschichte des Antisemitismus in der DDR. "Es war nie wichtiger als heute, am Ideal der Gleichheit festzuhalten", betont die Philosophin Elizabeth Anderson im Zeit-Online-Interview mit Blick auf 250-Jahr-Feier der USA. Und eine knifflige Frage: Sind die Kommentare zu KI im Journalismus selbstgeschrieben?
13.06.2026. Nur die NZZ hat es gemerkt: Putins Krieg gegen die Ukraine dauert jetzt so lange wie der Erste Weltkrieg - und er verändert so viel wie dieser. Ist das Journalismus, oder kann das weg? Der Tagesspiegel schmeißt seinen "Editor of Large" raus, weil er Artikel mit KI schrieb. Springer-Tycoon Mathias Döpfner macht sich über die FAZ lustig, weil sie einen Artikel von Mario Voigt löschte, der mit KI verfasst war. Und die FAZ spottet mit mutmaßlich echt spitzer Feder über Döpfner. In der taz warnt Seyla Benhabib vor Verschärfungen der Flüchtlingspolitik.
12.06.2026. Die Schweiz leidet unter "Dichtestress". Alle Zeitungen machen sich große Sorgen: Werden die Schweizer sich auf zehn Millionen Menschen beschränken wollen? Und auch die EU will Migration begrenzen. In den USA konzentrieren sich unterdessen die größten Unternehmen - zumindest dem Wert nach. Elon Musks SpaceX soll demnächst 1,75 Billionen Dollar wert sein. In der FAZ hat Wirtschaftssoziologe Jens Beckert die Erklärung dafür gefunden: Es liegt an der Fiktionsfähigkeit des Kapitalismus. Die FAZ beleuchtet auch die Moskauer Sympathien der britischen Rechtsextremen.
11.06.2026. Im Perlentaucher prangert Eva Illouz die Annäherung eines wichtigen Teils des Linken an den Faschismus an. In der SZ erzählt die Dokumentarfilmerin Lena Karbe von den inneren Emigranten in Russland. Unsere Nachbarn sähen die Aufrüstung Deutschlands mit mehr Wohlgefallen, wäre sie nicht vom Aufstieg der AfD begleitet, konstatiert die FAZ. In der FR erklärt die Autorin Veronika Kracher, wie Antifeminismus und Antisemitismus zusammenhängen. In der NZZ erzählt Christian Brönimann, warum er seine ehemalige Transidentität als Nadja nicht auslöscht.
10.06.2026. Der Digital Services Act (DSA) ist wirkungslos, solange die großen Onlineplattformen ihre Transparenzpflichten unterlaufen, erklärt in der FAZ der Informatiker Simon Mayer. Wie der Ukrainekrieg das Wohlstandsgefälle in Russland verstärkt, berichtet die NZZ. Das neue Sicherheitspaket 2.0 ist das Aus für Anonymität im Netz, kritisieren in netzpolitik Sebastian Marg und Tom Jennissen von der Digitalen Gesellschaft. Volker Beck und Meron Mendel diskutieren die geplanten Yad-Vashem-Dependancen in Deutschland. Die Zeit empört sich über einen KI-Avatar der Holocaust-Überlebenden Jeanette Wolff, den die SPD hat erstellen lassen.
09.06.2026. Nicht nur die Ukraine, auch ihre europäischen Partner zeigen größeres Selbstbewusstsein gegenüber Putin, freuen sich die Zeitungen. Die deutschen Yad-Vashem-Dépendancen sind, anders als Meron Mendel unterstellt, keine Agenturen der israelischen Regierung, insistiert Deborah Hartmann im Spiegel. In der Politik haben sich längst viele Männer als schwul bekannt, warum nicht im Fußball, fragt die taz. Und was ist Niedersachsen, fragt die FAZ.
08.06.2026. Caroline Fetscher liest für die Frankfurter Hefte das kulturpolitische Programm der AfD für die Wahlen in Sachsen-Anhalt: Man fordert mehr Russisch. Die SZ fragt, bis wann eine Frau ein Mädchen ist. Die Stadt Düsseldorf kassiert ihren Plan für einen Opern-Neubau ein: So könnte es vielen Projekten ergehen, fürchtet die FAZ. Wenn es den Iranern gelingt, ihr islamistisches Regime abzuwerfen, wird eine weltpolitische Wende eintreten, meint der Historiker Kijan Espahangizi in der NZZ.
06.06.2026. In der FR fürchtet der belarusische Schriftsteller Alhierd Bacharevič den Dritten Weltkrieg und auch der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew schließt in der Welt nicht aus, dass Putin einen Atomkrieg einer Niederlage vorzieht. Dabei halten ihn selbst die ultranationalistischen Militärblogger für wahnsinnig, weiß der russische Journalist Iwan Filippow im Tagesspiegel. Europäische Regierungen hätten längst mit Russland verhandeln müssen, meint Angela Merkel indes in der FAS. KI wird keine Fachkraft ersetzen, nur mehr Arbeit machen, glaubt der Soziologe Florian Butollo in der SZ.
05.06.2026. Wer wird Frankreichs nächster Präsident? Jordan Bardella jedenfalls nicht, da ist sich der Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt im Welt-Interview ganz sicher. In der Türkei liegt die Nachfolgerin der CHP schon vor Erdogan, obwohl sie noch gar nicht gegründet wurde, berichtet Bülent Mumay in der FAZ. Ein Umzug der Zentralen Landesbibliothek an den Alexanderplatz könnte diesen verlorenen Ort vielleicht noch retten, ruft die taz. Und dass Deutschland seinen Platz im UN-Sicherheitsrat wegen seiner Israel-Solidarität verloren hat, ist keine Schande, findet die Welt.
04.06.2026. Im Interview mit FAZ und SpOn erzählt der neue ungarische Regierungschef Péter Magyar, wie es in Ungarn weitergehen soll. Wenn die Ukraine die Waffen niederlegt, wird Putin direkt in den nächsten Krieg ziehen, warnt Garri Kasparow in der Welt. Die SZ blickt auf die mit Millionen geförderte Hilfsorganisation Islamic Relief, die Beziehungen zur Muslimbruderschaft und der Hamas haben soll. Im Iran bestimmt eine kleine, extrem radikale Gruppe die Verhandlungen mit den USA, berichtet die NZZ, dabei spielen auch religiöse Erlösungsfantasien eine Rolle, ergänzt die taz.
03.06.2026. Die Zeit blickt nach Armenien, wo am Samstag gewählt wird und Putin kräftig mitmischt. In der SZ fürchtet der ukrainische Schriftsteller Sergey Maidukov, dass der von den Russen gesäte Hass die ukrainische Gesellschaft vergiftet. In der Welt kritisiert der Althistoriker Michael Sommer die Abhängigkeit von Drittmitteln an deutschen Universitäten.In der Zeit hält der italienische Philosoph Angelo Bolaffi die Rede vom "Faschismus" für einen "Popanz der Linken".
02.06.2026. In der taz erklären der Historiker David Satter und der Schriftsteller Sergej Lebedew, weshalb Stalin in Russland seit Kriegsbeginn so beliebt ist wie nie zuvor. Ebenfalls in der taz fragt Jonathan Spangenberg, Vorsitzender des Zentralrats der Armenier in Deutschland, weshalb die EU vermehrt mit Aserbaidschan zusammenarbeitet. In der NZZ ruft Pascal Bruckner die französische Politik auf, Vincent Bollores Alleinherrschaft ein Ende zu setzen. Und im täglichen Francis-Fukuyama-Interview, heute in der FAZ, hat der Politikwissenschaftler mit Blick auf China plötzlich Zweifel, ob die liberale Demokratie wirklich alternativlos ist.
01.06.2026. In der SZ befürchtet Francis Fukuyama, dass ein schwächelnder Trump umso gefährlicher wird. Universalismus schließt auch Juden mit ein, erinnert Klaus Lederer die Linke bei menawatch. Auf Zeit Online fordert die Historikerin Kristina Milz, dass auch der Genozid an den Armeniern Teil der deutschen Erinnerungskultur werden muss. Der russischen Armee gehen die Ressourcen aus, aber sie wird sich schneller erholen, als viele erwarten, befürchtet der Militärexperte Michael Kofman ebenfalls auf Zeit Online. Bei Spon befürchtet Meron Mendel, dass sich die israelische Regierung bei den Außenstellen der Yad Vashem-Gedenkstätte einmischen wird.