9punkt - Die Debattenrundschau

Nie wieder ein normales Ei

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.06.2026. Die Briten diskutieren immer noch über Europa, wie über einen Ex, von dem man nicht loskommt, meint Podcasterin Katy Lee im Guardian. Die NZZ wünscht sich Margaret Thatcher zurück: Dann hätte auch ein Nigel Farage keine Chance mehr. Der Historiker Robert Tombs widerspricht: Die anderen haben trotz EU mindestens genauso große Probleme wie UK. In der taz berichten Beybûn Seker und Soniya Alkis von der Flüchtlingsberatung Pena-Ger über innermigrantischen Rassismus gegen Kurden und Jesiden. Die FAZ fragt: Welcher Nachzügler der Kritischen Theorie wäre heute so interventionsfreudig wie Habermas?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2026 finden Sie hier

Europa

"Seit dem Brexit-Referendum beträgt die durchschnittliche Amtszeit in der Downing Street weniger als zwei Jahre", notiert Rafael Behr im Guardian. Aber "Regieren ist schwieriger, wenn Ressourcen für eine Form der selbstzerstörerischen Staatskunst verschwendet werden. Die Loslösung Großbritanniens vom Binnenmarkt und der Aufbau neuer Systeme zur Behinderung des Handels waren Prozesse, die die Reserven an diplomatischem Kapital und wirtschaftlicher Glaubwürdigkeit aufgebraucht haben." Die Folgen sind aber auch emotional, denn sie haben zu einer stark verrohten Debatte und Polarisierung beigetragen, so Behr: Nigel Farage "sucht eifrig nach immer rachsüchtigeren Wegen, die Einwanderung als Ursache für das Unglück der Nation darzustellen. Die rassistische Feindseligkeit, die in der Brexit-Kampagne implizit enthalten war - nicht subtil, sondern verschlüsselt und mit einer gewissen Abstreitbarkeit versehen -, ist nun unmissverständlich. Die Wohnungspolitik von 'Reform UK' verspricht, die 'anti-weiße' Voreingenommenheit im System umzukehren, den festen Aufenthaltsstatus von Hunderttausenden Menschen aufzuheben und viele von ihnen damit der Zwangsräumung und anschließenden Abschiebung auszusetzen." Dass Starmer dem nicht entgegengetreten ist, "wird der bedauerlichste Teil seines Vermächtnisses sein".

In der NZZ wünscht sich Peter Rásonyi für Großbritannien eine Führungsfigur wie Margaret Thatcher zurück. Seit Jahren gehe es wirtschaftlich bergab mit dem Land. Dass mit dem Amtsantritt Andy Burnhams eine Veränderung eintritt, glaubt Rásonyi nicht. Die Lösung sieht er in "liberalen Ansätzen, welche die Rolle des Staates zurückbinden und Wirtschaft und Gesellschaft wieder mehr Verantwortung zuweisen": "Das Grundproblem ist eine Gewöhnung der Gesellschaft an immer höhere Ansprüche, welche die wirtschaftliche Realität nicht liefern kann. Man wünscht sich einen Sozialstaat wie in Deutschland, der durch Steuern und Abgaben wie in den USA finanziert werden soll. Das geht nicht auf. Diesen Wunsch wird auch der Rechtspopulist Nigel Farage nicht erfüllen können."

Etwas verschwörungstheoretisch raunend klingt in der NZZ der emeritierte Historiker Robert Tombs, einer der führenden Brexit-Verteidiger in Großbritannien. Er sieht die Meinungsänderung der Briten vor allem von einer "EU-Lobby" vorangetrieben, die ohne Grund Panik verbreitet habe: "Keine der von der Panikmache verbreiteten Katastrophenprognosen hat sich bewahrheitet. Auch wenn EU-Befürworter und die Labour-Regierung weiterhin behaupten, die Wirtschaft sei durch den Brexit ruiniert worden, sind ihre Argumente nicht überzeugend. Die meisten europäischen Länder haben ähnliche und manchmal sogar noch schlimmere Probleme. Der Gesamthandel mit der EU (Importe und Exporte) hat sich nach kurzfristigen Störungen wieder weitgehend erholt. Die Einstellung der Beiträge zum EU-Haushalt gleicht etwaige Gesamtverluste aus. Großbritannien bleibt das beliebteste Ziel für ausländische Investitionen."

Die Briten diskutieren immer noch über Europa, wie über einen Ex von dem man nicht loskommt. Die Europäer haben sich dagegen ganz gut mit dem Brexit eingerichtet, meint dagegen Podcasterin Katy Lee (The Europeans) im Guardian: "Wenn man jung, kreativ und Europäer ist, plant man heutzutage viel eher einen Umzug nach Berlin oder Barcelona als nach London. Der Brexit hat London nicht unbedingt weniger cool gemacht - nur weniger relevant. Nach dem Austritt hat die EU im Großen und Ganzen eine gesunde Fähigkeit bewiesen, weiterzumachen und ihren Fokus auf die anderen Krisen zu richten, die das Leben ihr in den Weg gestellt hat (ein Krieg an ihrer Grenze, eine Pandemie und zwei Amtszeiten von Trump, um nur einige zu nennen). Sie knüpft Kontakte zu neuen potenziellen Mitgliedstaaten, von Montenegro bis Moldawien. Umgekehrt ist Britannien der Ex-Partner, der auch ein ganzes Jahrzehnt später noch von der Trennung gezeichnet ist".

"Die Zeichen stehen auf Rückkehr", glaubt Michael Hesse mit Blick auf einen "Breturn" in der FR: "Die Briten und Kontinentaleuropa - eines ist sicher: Es wird eine komplizierte Geschichte bleiben. Eine Rückkehr wäre ein starkes Signal an Politiker wie Donald Trump, der 2016 als 'Brexiteer' hausieren ging. Und doch werden die Beziehungen zwischen Brüssel und London anders sein als vor dem Brexit. 'You cannot unscramble the egg', sagte der Labour-Abgeordnete David Ennals bereits vor Jahrzehnten. Aus einem Rührei werde nun einmal nie wieder ein normales Ei."
Archiv: Europa

Ideen

Gute Figur gemacht haben der Bundespräsident (in der Paulskirche) und Axel Honneth (beim anschließenden Symposium an der Frankfurter Universität) bei der großen Habermas-Gedenkveranstaltung, findet Christian Geyer in der FAZ. Dass über dem Eingang des Unigebäudes der Schriftzug "Normative Ordnungen" prangte, stellte ihn, während er im exklusiven Kreis auf der schönen Dachterrasse dem Vortragenden lauschte, allerdings "vor eine kognitive Dissonanz": "Ganz direkt gefragt: Wie passen die wuchtigen Buchstaben des normativen Geltungsanspruchs dieses Exzellenz-Clusters zusammen mit dessen höchst überschaubarem Eingriffs-Charakter? Wo macht sich unter der Dachterrasse der für Habermas zentrale Begriff einer dynamisch agierenden zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit fest? Was normieren die normativen Ordnungen im politisch-moralischen Raum gleichsam unter faktischem Ausschluss der Öffentlichkeit?" Habermas habe sich immer öffentlich engagiert, "die Protagonisten der kosmopolitisch ausgreifenden 'Normative Orders'" hingegen "greifen nicht wirklich ein. Sie produzieren Papiere. Der Paradefall eines performativen Widerspruchs, wenn man so möchte."
Archiv: Ideen

Gesellschaft

Im Interview mit der taz erzählen Beybûn Seker und Soniya Alkis, die 2023 die Flüchtlingsberatung Pena-Ger gegründet haben, von einem innermigrantischen Rassismus, dem hierzulande zu wenig Beachtung geschenkt werde. Er richtet sich vor allem gegen Kurden und Jesiden, berichten die beiden: Der Hauptbeweggrund für die Gründung von Pena-Ger "war der Tod des geflüchteten Kurden Hogir Alay in einer Unterkunft in Kusel, der offiziell als Suizid eingestuft wurde. Er hat vor seinem Tod die unmenschlichen Bedingungen in der Unterkunft angeklagt, aber bei den Mitarbeitenden kein Gehör gefunden. Dabei hat er auch antikurdischen Rassismus erlebt. Wir haben viele Klienten, die von antikurdischem oder antijesidischem Rassismus betroffen sind, beispielsweise Hozan Roj, der in Leipzig mit einem Messer angegriffen worden ist, weil er Kurdisch sprach. Viele bekommen zu hören 'Ihr seid Kurden, mit euch wollen wir nichts zu tun haben' oder 'Ihr seid gar nicht verfolgt, ihr müsst zurück in die Türkei'."
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Geschichte

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Christoph Koopmann berichtet in der SZ von der Villa Buth in Jülich, in der von März 1941 bis Juli 1942, etwa 150 Juden und Jüdinnen eingesperrt wurden, bevor sie in die großen Konzentrationslager nach Osten deportiert wurden. Der Eigentümer möchte das Gebäude aus Kostengründen abreißen. Der Geschichtslehrer Timo Ohrndorf hat mit einer Schulklasse ein Buch über die Geschichte des Ortes geschrieben und plädiert für seinen Erhalt, jetzt bekommt er Zuspruch von der Politik, so Koopmann: "Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz appelliert öffentlich an die Behörden, die Villa zu erhalten. Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus hat Ohrndorfs Arbeitskreis per Brief seine Unterstützung versichert. 'In der aktuellen gesellschaftlichen Situation mit wachsendem Antisemitismus und Rechtsextremismus wäre ein Abriss der Villa ein fatales politisches Signal', schreibt Felix Klein da."

Gestern Abend wurde der Historiker und Widerstandskämpfer Marc Bloch ins Panthéon aufgenommen, zusammen mit seiner Frau Simonne (unsere Resümees). "Akute Panthéonitis" attestiert Martina Meister Emmanuel Macron in der Welt, weil er so viel mehr Personen ins Pantheon aufgenommen habe als sein Vorgänger Hollande. Aber sagt die Ehrung durch Macron und seine Faszination für Bloch und dessen Kritik an den französischen Eliten vielleicht mehr über die Politik der letzten Jahre als Macron lieb ist? "Während der Corona-Pandemie, die Frankreich wie Deutschland unvorbereitet traf, zog der Politologe Jérôme Fourquet den Vergleich mit Blochs Analyse. Masken mussten aus China eingeflogen werden, und Frankreich habe sich wie ein Entwicklungsland fühlen müssen, so Fourquet (...) 'Macron hat die Probleme erkannt, aber er trat sein Amt zu einem Zeitpunkt an, an dem das System zusammenbrach. Er sah die Mängel, hatte aber nicht die Mittel, sie zu bekämpfen', analysiert Politikwissenschaftler Luc Rouban, Forschungsdirektor am Institut Cevipof an der Hochschule Sciences Po Paris, und ergänzt: 'Der Macronismus wird zum Indikator für politische Ohnmacht, obwohl die französische Exekutive die stärkste aller westlichen Länder ist.'"
Archiv: Geschichte