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9punkt - Die Debattenrundschau

Bürgernahe Regenkleidung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.10.2018. Ungemütliche Stimmung vorm Tag der Einheit: In Chemnitz wurde nach Wochen der Leugnung eine rechtsextreme Terrorgruppe festgenommen. taz-Autor Daniel Schulz schildert eine Jugend in den Neunzigern, als rechtsextremes Gedankengut in den neuen Ländern Normalität war. Welt-Autor Thomas Schmid resümiert: die Revolution von 1989 war keine liberale Revolution. Die Jungle World erzählt, wie Genitalverstümmelung in Indien im Namen der Religionsfreiheit verteidigt wird.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Erst behaupten Verfassungsschützer und Politiker, es hätte in Chemnitz keinen Mob und keine Hetzjagden gegeben, dann nehmen sie ebendort eine siebenköpfige Terrorgruppe fest, die schon dabei war, sich Schusswaffen zu besorgen. Malene Gürgen kommentiert in der taz: "Rassistische Mobilisierungen und rechtsextreme Demonstrationen stellen eben nicht nur unmittelbar für den jeweiligen Tag des Geschehens eine Gefahr dar. Sie sind, und zwar gerade, wenn sie als legitime Meinungsäußerung verharmlost werden, immer auch Ermutigung und Nährboden für eine weitergehende Radikalisierung." Die Informationen zu der Terrorgruppe liefern Sabine am Orde und Konrad Litschko in einem zweiten Artikel.

Viel retweetet wird ein Essay des taz-Autors Daniel Schulz, der erzählt, wie er in den Neunzigern vor den Neonazis in Ostdeutschand weglief, um nicht selber einer zu werden. Er ging noch vor dem Mauerfall zur Schule, wo die Jugendlichen sich Judenwitze erzählten, über deren Popularität er später in einem Buch der Amadeu-Antonio-Stiftung mehr lernte: "Woher wir unser Witze hatten, weiß ich nicht mehr. Es hätte sie gar nicht geben dürfen. In der Verfassung der DDR stand, der Faschismus sei besiegt. Und weil er nun einmal besiegt war, durfte er nicht existieren. Die Staatssicherheit, das lässt sich in dem Buch der Stiftung ebenso nachlesen wie in den Berichten des Geheimdienstes selbst, nannte Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen und Neonazis, die andere Menschen zusammenschlugen, 'Rowdytum' und tat so, als gäbe es keinen politischen Hintergrund."

Dass die Grenzen des Rechtsextremismus zur AfD fließend sind, zeigt ein Berliner-Zeitung-Streiflicht Götz Alys über eine Fotomontage, mit der der AfD-Bundestagsabgeordnete Petre Bystron Anette Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung karikierte: "ihre ebenmäßige Nase stark vergrößert und gekrümmt, stechende Augen, fette Lippen, heruntergezogene Mundwinkel - eine widerwärtige antisemitische Karikatur, versendet aus der Mitte der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag."

Weiteres zum Thema: Während die Medien (hier das Naumburger Tagblatt) melden, dass in Naumburg ein Journalist von Rechtsextremen mit dem Messer angegriffen wurde, kann man sich in der ARD Mediathek in der beeindruckenden Dokumentation "Rechtsrockland" ein Bild davon machen, wie massiv das Problem des Rechtsextremismus besonders in Sachsen und Thüringen tatsächlich ist.

Roman Bucheli äußert in der NZZ zuerst seine Bewunderung für jene, die noch wirklich arbeiten - etwa Bauarbeiter  - und macht dann eine einfache Feststellung: "Noch nie hat der Mensch in unseren Breitengraden im Durchschnitt so wenig gearbeitet, und zwar gemessen an den täglichen Arbeitsstunden wie an der Lebensarbeitszeit. Und noch nie standen den Menschen so viele ausgeklügelte Apparaturen zur Seite, die ihnen die Arbeit erleichtern - sowohl beim Denken wie auch bei der körperlichen Anstrengung."
Archiv: Gesellschaft

Europa

"Die Erfolgsgeschichten aus dem Osten zu erzählen, ist jetzt wirklich mal dran", fordert die Fraktionsvorsitzende der Grünen Katrin Göring-Eckardt im Interview mit der Berliner Zeitung pünktlich zum Tag der deutschen Einheit. Und eine fairere Wahrnehmung der Probleme im Osten wäre auch schön: "Chemnitz und Köthen auf der einen Seite und Dortmund auf der anderen Seite sind medial sehr unterschiedlich wahrgenommen worden. ... Aus Chemnitz wurde tagelang darüber berichtet, was die Rechten gemacht haben. Erst viel später wurde berichtet, dass die Bürgergesellschaft dort viele Jahre versucht hat, ihr Engagement aufrecht zu erhalten. ... Über die Vorfälle in Dortmund dagegen wurde dann vergleichsweise überschaubar berichtet. Warum ist das so?"

Welt-Autor Thomas Schmid weitet den Blick zum Tag der Einheit auf Osteuropa und zieht eine deprimierende Bilanz: "Die Revolution von 1989 war eine Anschlussrevolution, eine Revolution des Anschlusses an den europäischen und angelsächsischen Westen. Und vor dem Hintergrund der elenden sowjetischen Mangelwirtschaft sah die Mehrheit der Osteuropäer den Westen vor allem als ein System, das dem Wettlauf ums Überleben ein Ende machen und materiellen Wohlstand ermöglichen würde. Das fragile Gebilde der offenen Gesellschaft besaß dagegen vermutlich eine weit geringere Überzeugungskraft - woher auch? Die Revolution von 1989 war keine liberale Revolution."

Es stand "bei einer Europäischen Parlamentswahl noch nie so viel auf dem Spiel wie im kommenden Mai 2019", warnt der französische Publizist Nicolas Baverez in der Welt, " schließlich könnte sie zu einer Auflösung der EU führen, falls die populistischen Parteien eine Mehrheit im Parlament erhalten. Auch die politische Dynamik, die dann entfesselt wird, ist unberechenbar. Für die 27 Mitgliedsländer gleichen diese Wahlen einem Referendum zur EU. Und im Zentrum steht die Migrationsfrage. In Frankreich sind diese Wahlen außerdem noch als ein Vertrauens oder Misstrauenszeichen über Emma nuel Macron zu sehen, der sein persönliches Schick sal und sein Projekt an den Neuaufbau Europas verknüpft hatte."

Der Mord an dem slowakischen Journalisten Jan Kuciak (unsere Resümees) soll ein Auftragsmord gewesen sein, meldet die FAZ mit Bezug auf eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft in Bratislava: "Trotz des Ermittlungserfolges bleiben wesentliche Fragen weiterhin offen: Welche konkrete Enthüllung wurde befürchtet und sollte durch den Mord unterbunden werden? Gab es Auftraggeber noch weiter im Hintergrund? Sind Politiker konkret in die Tat verstrickt?"

Außerdem: Constanze Letsch erzählt in der NZZ, wie der kurdischsprachige Avesta-Verlag unter dem Druck der türkischen Zensur und der Wirtschaftskrise zu zerbrechen droht.
Archiv: Europa

Ideen

Gefühle müssen heute rituell sichtbar gemacht werden - das ist neu und gleichzeitig sehr alt, versichert leicht amüsiert der Historiker Volker Reinhardt in der NZZ. "So brachten die Königinnen von Frankreich ihre Kinder öffentlich zur Welt; das erinnert nicht zufällig an B-Prominente, die sich vor, während und nach 'Schönheitsoperationen' filmen und im Fernsehen mit frischen Narben und neu aufgeplusterten Lippen vorführen lassen. Besonders intensiv musste Mitleid zelebriert werden: Päpste, die nicht aus Mitgefühl krank wurden, wenn ihre Untertanen Hunger litten, mussten sich kritischen Fragen nach ihrer Legitimität stellen. Wenn sie wie Innozenz X. 1648/49 in der schlimmsten Versorgungskrise des Jahrhunderts in Rom auf der Piazza Navona einen Prunkbrunnen vor dem Palast ihrer Nepoten errichten liessen, galten sie sogar des Teufels. Heute eilen Politiker, je nach Anlass adäquat gewandet, an Unglücksorte, um dieselbe Betroffenheit zu manifestieren - einem deutschen Bundeskanzler in betont bürgernaher Regenkleidung sicherte das bei den Überschwemmungen des Jahres 2002 sogar die vorher mehr als fragliche Wiederwahl."
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Religion

Genitalverstümmelung wid keineswegs nur in Afrika praktiziert, sondern auch in arabischen Ländern wie Oman und sogar in Indien, schreibt Thomas von der Osten-Sacken in einem Blogbeitrag der Jungle World. Dort werden bei einigen Muslimen der "so genannte Sunnat-Schnitt" als angeblich harmlose Beschneidung wie bei Jungen verteidigt. Der indische Premierminister Narendra Modi hat sich vor kurzem mit der Dawoodi Bohra Women's Association for Religious Freedom (DBWRF)  getroffen und hat sich auf deren Forderung einzulassen, die Frage nach dem Verbot der Beschneidung im Namen der Religionsfreiheit an ein Verfassungskomitee zu delegieren: "Die Kehrtwende Modis dürfte nicht nur in Indien, sondern auch in Nordafrika, dem Nahen Osten und Südostasien all denen Auftrieb geben, die sich gegen ein Ende der Praxis engagieren und sie als religiös gerechtfertigte Notwendigkeit verteidigen. Ganz ähnlich nämlich argumentiert auch eine der größten muslimischen Vereinigungen Indonesiens und auch in Ägypten gibt es immer wieder entsprechende Vorstöße."
Archiv: Religion