9punkt - Die Debattenrundschau

Enttäuscht zu sein, gehört zu ihrem Lebensgefühl

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.06.2025. Die Amerikaner begreifen gerade, dass eine Diktatur von der Anpassungsfähigkeit ihrer Bürger lebt, meint Daniel Kehlmann in der FAZ. Friedrich Hayek hätte Trumps Wirtschaftspolitik nichts angewinnen können, meint in der NZZ der kanadische Historiker Quinn Slobodian. Der Stern staunt über die nach wie vor sehr große russlandfreundliche Fraktion der SPD. Der syrische Ideenhistoriker M. Sami Alkayial plädiert in der FAZ für einen wahren demokratischen Säkularismus auch in der arabischen Welt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2025 finden Sie hier

Politik

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In den USA ist Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel" über den Regisseur G.W. Pabst in Hitler-Deutschland auf Englisch erschienen. Thema des Buchs ist der Druck, aber auch die Verlockung, die eine Diktatur für den Einzelnen bereit hält, dessen Leben ganz normal weitergehen kann, wenn er sich anpasst. Das verstehen viele Amerikaner im Augenblick sehr gut, meint Kehlmann im Interview mit der FAZ: "Es war ja immer schon so, dass das Leben in Amerika asymmetrisch war. Wenn man schwarz war, lebte man in einem Polizeistaat, in dem man ständig Angst hatte, erschossen zu werden, wenn einen die Polizei im Auto anhielt. Und wenn man weiß war, hatte man dieses Problem nicht. Und jetzt ist es wirklich so, dass mit einer tief rassistischen Hassenergie Menschen aus Südamerika verfolgt werden, die zu einem großen Teil, obwohl sie sogenannte Undokumentierte sind, ja völlig regulär hier leben. ... Die Menschen, die da verhaftet werden, werden ja nicht nur ausgewiesen, sondern sie werden ohne Gerichtsurteil ins Gefängnis gesperrt. Sie leben jetzt schon in einem echten Willkürregime, das durchaus vergleichbar ist mit der Situation der Juden Anfang 1933, und natürlich kann davon für Weiße mit amerikanischem Pass keine Rede sein. Und diese Asymmetrie macht es so schwer, wirklich zu verstehen, was in der Gesellschaft vorgeht."

Der amerikanische Reporter Clay Risen, dessen jüngstes Buch "Red Scare" die McCarthy-Ära beschreibt, fühlt sich angesichts der Fremdenfeindlichkeit in den USA vor allem an die antikommunistische Hysterie der amerikanischen Nachkriegszeit erinnert, auch wenn es Unterschiede gibt, wie er im Zeit-Online-Gespräch mit Carlotta Wald erzählt: "Ich denke, in der Breite stimmt die Bevölkerung zu, dass manche Diversitätsinitiativen zu weit gegangen sind, und dass unkontrollierte Migration auf lange Sicht zum Problem wird. Dass die Angst aber so stark anschwillt und sich verbreitet, liegt meiner Meinung nach an der neuen Medienlandschaft. Man kann heute sein ganzes Leben im rechten Medienökosystem von Fox News verbringen, wo einem Migration, Diversität und so weiter ausschließlich als Bedrohung begegnet. Zudem versteht es Trump, die Nachrichten zu dominieren und damit den Diskurs zu steuern. Das gelang McCarthy übrigens damals auch."

Das iranische Regime ist im Niedergang begriffen, hält die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur im FR-Gespräch fest. "Außenpolitisch ist es massiv geschwächt" und die Zustimmung in der Bevölkerung beträgt nach neuen Umfragen nur noch zwanzig Prozent, so Amirpur. Das merkt man auch an innenpolitischen Maßnahmen: "Jüngst wurde eine geplante Verschärfung des Kopftuchgesetzes zurückgenommen. Das ist kein Zeichen von Liberalität, sondern von Angst. Man fürchtet eine neue Protestwelle und dass das Ganze explodieren könnte - und versucht, präventiv zu beschwichtigen. Es ist ein strategisches Zurückweichen. Was uns in Europa kaum noch eine Meldung wert ist, geschieht täglich: Laut Angaben des iranischen Innenministeriums finden seit 2018 im Schnitt 46 Protestaktionen pro Tag statt. Aktuell etwa der Streik der Lastwagenfahrer nach einer Benzinpreiserhöhung. Die Proteste sind vielfältig, lokal, beständig und Ausdruck eines unterschwelligen, ungebrochenen Widerstands."

In hpd sieht der Politologe und Soziologe Wahied Wahdat-Hagh das etwas weniger positiv: "Die vorläufig zurückgestellte Verschärfung des Kopftuchgesetzes zielte lediglich darauf ab, den Zorn der iranischen Gesellschaft einzudämmen. Angesichts anhaltender Streiks und wachsender Kriegsgefahr fürchtet das Regime neue Massenproteste. Tatsächlich berichten zahlreiche Quellen, dass viele Frauen, die ohne Kopftuch auf die Straße gehen, stets ein Tuch bei sich tragen, aus Vorsicht, um im Fall einer Kontrolle durch Polizei oder Zivilbeamte schnell reagieren zu können. Immer wieder kommt es vor, dass Passanten eingreifen, wenn Frauen kontrolliert oder verhaftet werden sollen."

Birgit Schmid widmet sich in der NZZ einer psychologischen Analyse der mächtigsten besten Freunde der Welt, die am Ende ihrer Freundschaft die ganze Welt teilnehmen ließen: Elon Musk und Donald Trump. Wie hätte es bei zwei Narzissten anders ausgehen können? "Weil Trump und Musk ähnlich beschaffen sind, kam es zur öffentlichen Eskalation. Die beiden Männer haben sich gegenseitig idealisiert, um sich selbst zu erhöhen und die eigene Beliebtheit zu steigern. Und sind jetzt maßlos voneinander enttäuscht. Enttäuscht zu sein, gehört zu ihrem Lebensgefühl. Sie benutzen dies als Druckmittel. Vielleicht sind sie auch enttäuscht über die eigene Fehleinschätzung, sich so in jemandem getäuscht zu haben - und wollen dies nicht wahrhaben. Ein Narzisst ist unfähig, die eigenen Unzulänglichkeiten zu erkennen. Bevor er an sich selbst zweifelt, beginnt er den andern zu verachten und zu entwerten."
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Ideen

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"Ideologisch ist Trump ein Monopolkapitalist", konstatiert der kanadische Historiker Quinn Slobodian im NZZ-Interview mit Jannik Belser und Thomas Fuster. In seinem neuen Buch will er zeigen, wie Rechtspopulisten zwar bestimmte Ideen des Neoliberalismus nach Friedrich August von Hayek übernahmen, sie dann aber "pervertierten": "Sie teilen die Ansicht, dass wirtschaftliche Freiheit und das Recht auf Privateigentum durch einen Kollektivismus in Gefahr sind - früher durch den Kommunismus und Gewerkschaften, heute durch den Feminismus oder die Klimabewegung. Darüber, was man dagegen tun soll, sind sie sich aber uneinig. Hayek war skeptisch gegenüber staatlicher Planung am Reißbrett. Eine wirtschaftliche Isolierung Chinas und Schutzzölle für amerikanische Produzenten - das bricht mit Hayeks neoliberaler Idealvorstellung von einem freien Wettbewerb, in dem für alle die gleichen Regeln gelten."

Säkularisierung im Rahmen eines Nationalstaats funktioniert in arabischen Staaten nur in einer höchst bizarren Form, erklärt der syrische Ideenhistoriker M. Sami Alkayial in der FAZ am Beispiel Syrien. "Der Grund dafür liegt in der ideologischen Struktur unseres Nationalismus, der monolithische Konzepte vom homogenen 'Volk', seinem homogenen 'Geist' und seiner homogenen 'Kultur' entwarf und damit die Vorherrschaft einer bestimmten, mit der 'Mehrheit' identifizierten Identität - der islamischen - sicherte. ... Dieser Verzicht auf theoretische Gleichheit zwischen religiösen Muslimen und allen anderen stellt eine bizarre Form der Säkularisierung dar: Eine Auswahl bestimmter Elemente aus dem Islam wird zur Basis moderner weltlicher Herrschaft - erhaben über alle Unterschiede zwischen den Bürgern, selbst die innerhalb des Islams. Es geht also nicht um Glauben im eigentlichen, sondern um einen tyrannischen, normierenden Staat, der seine Identität allen anderen Zugehörigkeiten überstülpen will." Für Alkayial kann die einzige Lösung nur ein "wahrer demokratischer Säkularismus" sein.
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Europa

Komischerweise hat man den Eindruck, dass sich die sehr große russlandfreundliche Fraktion der SPD in der Regierung Merz deutlicher zu Wort meldet als noch in der Ampel. "SPD-Politiker fordern Gespräche mit Russland", berichten Thomas Krause und Veit Medick bei stern.de. Zu den Unterzeichnern gehören der frühere Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich, der Außenpolitiker Ralf Stegner, Ex-Parteichef Norbert Walter-Borjans, sowie weitere Bundestagsabgeordnete, Mandatsträger und der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel. "Die Sozialdemokraten fordern mehrere konkrete Maßnahmen, darunter eine Wiederannäherung an Russland. Es brauche 'eine Intensivierung der diplomatischen Anstrengungen aller europäischen Staaten', heißt es. 'Die Unterstützung der Ukraine in ihren völkerrechtlichen Ansprüchen muss verknüpft werden mit den berechtigten Interessen aller in Europa an Sicherheit und Stabilität.'" Auch gegen die Stationierung amerikanischer Waffen in Deutschland und die Erhöhung des Verteidigungsbudgets tritt man ein. Mehr auch bei t-online.de.

Der ersehnte Gesprächspartner bombardiert solange Zivilisten.


Michael Roth, der einzige Russland-Kritiker in der SPD und darum von seiner Partei abserviert, kommentiert das Papier seiner Genossen auf Twitter: "Dieses 'Manifest' ist ein ziemlich deutscher Ego-Trip und  eine Ohrfeige insbesondere für die Ukraine sowie unsere mittelosteuropäischen Partner. Eine internationalistische Partei wie die SPD muss (leidvolle) Erfahrungen und Perzeptionen unserer Nachbarn in Europa ernst nehmen!"

Anne-Catherine Simon erzählt in der Wiener Presse in einem ausnahmsweise freigeschalteten Artikel die Geschichte des jungen Arsenij Turbin, die traurig ist und dennoch die Hoffnung zurückgibt, dass es auch Russen gibt, die sich nicht beugen lassen. Mit 14 hatte er gegen Putins Ukrainekrieg protestiert, kam ins Gefängnis, wurde misshandelt. Simon hat mit seiner Mutter gesprochen und erzählt seine Geschichte: "Einmal am Tag darf Arsenij mit seiner Mutter telefonieren. Gibt es draußen Freunde, mit denen er reden kann? Keine, sagt Irina. 'Alle haben sich abgewandt. Er hat die Erlaubnis eingeholt, ab und zu mit einem Freund zu telefonieren, aber der hat auf keinen Anruf geantwortet. Ich habe Arsenij gesagt: 'Erniedrige dich nicht weiter, lass es. Alle haben Angst.'' Was ist mit dem Vater? 'Ich habe ihm geschrieben und um Hilfe gebeten. Er hat nicht reagiert.' Aber andere Menschen, hauptsächlich Erwachsene, schreiben Arsenij, wenn auch nicht mehr so viele wie in Untersuchungshaft, als er E-Mails aus unterschiedlichsten Ländern erhielt; im Lager ist nur Briefpost erlaubt (Informationen, wie man Arsenij schreiben kann, siehe am Ende des Artikels)."
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Gesellschaft

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Die Einsamkeit in der Gesellschaft nimmt zu, erklärt die Soziologin Claudia Neu in der SZ, befragt von Peter Laudenbach. In ihrem Buch untersucht Neu den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Rechtspopulismus: "Einsame Menschen sind auf der Suche nach Anschluss, nach Kontakt und Gemeinschaft. Sie erleben vielleicht, dass der Versuch, auf andere zuzugehen, nicht auf Resonanz stößt. Das sind schmerzhafte Erfahrungen der Abwertung. Um das zu kompensieren und sich selbst aufzuwerten und zu stabilisieren, können einsame Menschen dazu neigen, ihrerseits andere abzuwerten. Dieser Zusammenhang ist zum Beispiel in der Mitte-Studie empirisch gut untersucht worden. Rechtsextreme und Rechtspopulisten machen nicht nur Gemeinschaftsangebote, sie machen auch Aufwertungsangebote: Du gehörst zur stolzen völkischen Gemeinschaft und kannst andere, die nicht dazugehören, verachten. Das kann für Menschen, die unter Einsamkeit leiden, sehr attraktiv sein."
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