Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2025. Die Welt druckt aus unklaren Gründen die Rede Donald Trumps vor der UN-Generalversammlung. Die SZ benennt, was man aus dieser Rede schließen kann: nichts, gar nichts. Ebenfalls in der SZ legt Timothy Snyder dar, dass es jetzt auf die demokratischen Bundesstaaten in den USA ankommt, falls man dort die Demokratie noch retten will. Die taz hat eine entsetzliche Entdeckung gemacht: Es gibt Linke, die für Israel sind, aber das "passt einfach nicht zusammen". In der NZZ ruft Karl Schlögel die Europäer auf, "Abschied zu nehmen von einer Welt, die es so nicht mehr gibt".
Die Welt druckt aus nicht weiter ausgeführten Gründen die gesamte Rede von Donald Trump vor der UN-Generalversammlung ab, was wahrlich kein rhetorisches Feuerwerk ist. Interessante Sachen in Bezug auf die Ukraine hat er dennoch zu sagen: "Für den Fall, dass Russland nicht bereit ist, ein Abkommen zur Beendigung des Krieges zu schließen, sind die Vereinigten Staaten voll und ganz bereit, eine Reihe sehr hoher Zölle zu verhängen, die das Blutvergießen meiner Meinung nach sehr schnell beenden würden. Damit diese Zölle jedoch wirksam sind, müssten die europäischen Nationen - die Sie alle gerade hier versammelt sind - sich uns anschließen und genau die gleichen Maßnahmen ergreifen." In seinem sozialen Netzwerk Truth Social verkündete Trump außerdem, dafür zu sorgen, dass die Ukraine alle Gebiete wieder von Russland zurückbekommt.
Donald Trump hat es geschafft, dass die Worte des mächtigsten Menschen der Welt nichts mehr wert sind, schreibt Hubert Wetzel in der SZ. Das "Labern" steht bei Trump im Vordergrund, nicht der Inhalt. "Dass die Freude in Europa verhalten bleibt, dass die Bleigewichte der Skepsis weiterhin jeden Optimismus an Höhenflügen hindern, liegt daran, dass es Trump war, der die zitierten Dinge geschrieben hat. Man kann zwar lesen, was da steht. Aber niemand weiß wirklich, was es bedeutet. (...) Es gibt jetzt viele Spekulationen und Interpretationen, was Trump gemeint haben könnte. Aber eigentlich kann man sich das schenken. Es ist egal - im Wortsinn: ohne Bedeutung -, was Trump sagt oder schreibt. Die vergangenen Monate zeigen: Es hat keine Gültigkeit, keinen Bestand über den Moment hinaus. Morgen schreibt er das Gegenteil."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Trump arbeitet sehr konkret an einer Diktatur, meint der HistorikerTimothy Snyder in der SZ und verweist auf die Einsätze von Bundestruppen in mehreren demokratisch-geführten Städten und Staaten. Snyder sieht die einzige Hoffnung im föderalistischen System der USA. "Nachdem der Kongress in den 1960er-Jahren Bürgerrechtsgesetze verabschiedet hatte, um die rassistische Jim-Crow-Politik im Süden abzuschaffen, nahm die Republikanische Partei die 'Rechte der Bundesstaaten' zum Wahlkampfslogan und machte ihn zu einer Strategie, um sich gegen die Bundesgewalt zu wehren. Nun hat sich das Blatt gewendet." So seien es jetzt die demokratischen Staaten, die sich gegen die Übergriffe auf ihre Souveränität seitens der Bundesregierung zur Wehr setzen. "Diese Weigerung, die Politik der Bundesregierung umzusetzen, wird manchmal als 'sanfte Sezession' bezeichnet, sie bereitet den Boden für eine Pattsituation zwischen den Regierungen der Bundesstaaten und der Trump-Regierung. (...) Das Schicksal der amerikanischen Demokratie, wenn nicht gar das Schicksal Amerikas selbst, könnte vom Ausgang dieser Auseinandersetzung abhängen."
Es gibt noch ganz andere Kriege, bei denen viele Menschen ums Leben kommen, und von denen man hierzulande noch nie etwas gehört hat, zum Beispiel einen Landkonflikt vor den Toren der Hauptstadt Kinshasa in Kongo (wo noch weitere Kriege wüten). Colin Delfosse erläutert ihn für die taz: "Traditionelle Führer des Teke-Volkes, staatlich anerkannt als Besitzer des Landes, stehen dabei gegen die Bauern des Yaka-Volkes, die sich im Laufe der Jahrzehnte auf dem angestammten Teke-Land angesiedelt haben. 'Der Auslöser war eine Erhöhung der Grundsteuern durch die traditionellen Teke-Chiefs, die das Land kontrollieren', erklärt John Elanga, Nothilfekoordinator beim Hilfswerk Caritas International. Yaka organisierten sich in einer Miliz namens Mobondo und begannen, mit Macheten und alten Gewehren die Symbole der Staatsgewalt anzugreifen. Sie töteten auch mehrere Hundert Teke. Ein Zyklus von Gewalt und Gegengewalt mit zahlreichen Toten nahm in der Stadt Kwamouth in Mai-Ndombe seinen Ausgang und breitete sich immer weiter aus."
Der Journalist Stefan Mey, der laut Selbstauskunft über Technologie, Medien, queere Themen und aktuell immer wieder über den deutschen Nahost-Diskurs schreibt, macht im Leitartikel der taz auf einen putzigen Konflikt innerhalb der radikaleren Linken aufmerksam, den es so wohl nur in Deutschland gibt: Es gibt Linke, die für Israel sind! Und sie haben als "Antideutsche" eine ganz schön lange Tradition seit dem Mauerfall: "Einige lokale Antifas, Asten, Hausprojekte und Party-Kollektive sind eher oder klar antideutsch. Mit der Amadeu Antonio Stiftung vertritt ein sehr ressourcenstarker Geldgeber der linken Zivilgesellschaft traditionell antideutsche Positionen. Und die antideutsche Fraktion in der Linkspartei ist klein, aber laut. So sympathisch die Arbeit vieler Antideutscher bisweilen sein mag - ihre Positionen im Nahost-Diskurs sind hochproblematisch: die durch nichts zu beirrende Verteidigung der israelischen Kriegsführung und die pauschale Abwertung jeglicher Solidarität mit Palästinenser*innen. Dabei blenden Antideutsche aus, dass sich längst nicht alle linken Jüd*innen und israelische Expats von ihnen vertreten fühlen." Eins ist für Mey klar: "Antideutsch und Linkssein passt einfach nicht zusammen."
Ja, die Wiedergeburt Jimmy Kimmels im Universum der Late-Night-Shows (unser Resümee) tat gut, findet auch Michael Hanfeld in der FAZ: "Er war aufrichtig angefasst, entschuldigte und verteidigte sich, suchte und fand das Gemeinsame und stellte all das dar, was der omnipräsente Donald Trump nicht verkörpert - eine USA, die nicht poltert, droht und erpresst. Man hatte schon fast vergessen, dass es das gibt und wie sich das anhört."
Hinter dem Spekaktel um Jimmy Kimmel verbergen sich allerdings noch ganz andere Maßnahmen gegen Medien, die vielleicht auch deshalb seltener benannt werden, weil Journalisten nicht anders können, als sich ihnen zu unterwerfen. Über eine dieser Maßnahmen berichtet Heike Buchter in der Zeit: Wer im Pentagon akkreditiert sein will, muss neuerdings drastische Regeln befolgen. "Am Freitag ließ Verteidigungsminister Pete Hegseth neue Umgangsregeln an Journalisten verteilen, die über das Pentagon berichten wollen. Auf den 17 Seiten findet sich neben lapidaren Parkplatzregeln eine folgenreiche Bestimmung: 'Informationen müssen vor ihrer Veröffentlichung von einem zuständigen Beamten zur Veröffentlichung freigegeben werden, auch wenn sie nicht als geheim eingestuft sind.' Im Klartext bedeutet das: US-Medien sollen über das Kriegsministerium - wie die Trump-Regierung das Pentagon betitelt - nur noch berichten, was die Regierung genehmigt. Wenn Journalisten sich dazu nicht verpflichten, werde ihnen der Zugang zu Pressekonferenzen und sonstigen Informationen verwehrt. Der Verteidigungsminister persönlich schrieb dazu auf der Plattform X: 'Befolge die Regeln, oder geh nach Hause.'" Als weiteren Faktor der Gleichschaltung spricht benennt Buchter, dass sich immer mehr Medien in immer weniger Händen befinden: Dies bedeute auch: "Wenn Trump Einfluss auf die Führung der Konzerne hat, erreicht er damit immer mehr Medien."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im NZZ-Interview mit Thomas Ribi wagt der Historiker und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Karl Schlögel einen Ausblick auf die Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine für Europa. "Ich glaube, es wird zu einer Spaltung in Europa kommen - entlang der Haltung der Staaten zum Ukraine-Krieg. Sie wird zu einem Prüfpunkt werden. Die Lage ist sehr ernst. Nicht nur für die Ukraine, sondern auch für den Westen. Das kann man natürlich als Erpressungsrhetorik verstehen, um Menschen einzuschüchtern, die immer noch nicht verstanden haben, was geschieht. Aber ich meine es nicht so. Sondern als Aufforderung, Abschied zu nehmen von einer Welt, die es so nicht mehr gibt, und sich der Realität zu stellen. (...) Ich gehe davon aus, dass auch die Ressourcen des Putin-Regimes begrenzt sind und dass der Augenblick kommen wird, wo diese Grenzen sichtbar werden. Was in fünf Jahren ist, weiß ich nicht. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich Russland wieder bereisen und mir selbst einen Eindruck verschaffen kann."
Sonntagsfrage in Mecklenburg-Vorpommern. Ist der NDR sicher, dass er sich nicht verzählt hat?
Putin hat im schönen MV eine absolute Mehrheit. Und die vertrauensvolle Zusammenarbeit der Genossin Schwesig mit ihm zahlt sich für die @spdde nicht aus. pic.twitter.com/pMDNuAomEY
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