9punkt - Die Debattenrundschau

Das Problem ist immer dieses Vorher

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.10.2025. Algerien ist nahezu unsichtbar. Aber Kamel Daoud macht es in der FAS sichtbar. Der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern besteht fort, weil er Funktionen erfüllt, schreibt der ägyptisch-amerikanische Essayist Hussein Aboubakr Mansour in der NZZ. Wehrdienst war mal nicht Zwang, sondern Partizipation, erinnert sich die SZ
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2025 finden Sie hier

Politik

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Gerade in Deutschland weiß man über Algerien fast nichts, schreibt Kamel Daoud, Autor des großartigen Romans "Huris", in der FAS. Das gilt selbst für das "Schwarze Jahrzehnt", ein Hauptereignis der algerischen Geschichte, "bei dem mehr als 200.000 Menschen getötet wurden. Dass ein Teil der algerischen Islamisten, die in die Gewaltakte involviert waren, in Deutschland Asyl gefunden hat, ist in Deutschland kaum bekannt." Das liegt natürlich im Interesse des Regimes, so Daoud: "Umgeben von einer Handvoll Getreuer aus früherer Zeit und geleitet von einem strikten Autoritarismus, ist dem aktuellen Regime ein regelrechter Raub des Images Algeriens gelungen: Das Land ist zu einer unsichtbaren Nation geworden, undurchschaubar und absichtlich bedeutungslos." Einer der Gründe: "die Angst, zu enden wie Syrien oder Libyen." Und im Land selbst herrschen heute eine "soziale Lähmung und uneingeschränkter Terror, sodass die Jugend des Landes davon träumt, in Boote zu steigen, um illegal nach Spanien auszuwandern (mehr als 10.000 illegale Emigranten aus Algerien seit Januar 2025)."

Der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern besteht fort, weil er Funktionen erfüllt, schreibt der ägyptisch-amerikanische Essayist Hussein Aboubakr Mansour (den wir neulich mit einem genialen Artikel in der Magazinrundschau zitierten) in der NZZ. Es lohnt sich gar nicht, in historischen Dokumenten nach dem Schlüssel für die Lösung zu suchen. Denn die Interessen an der Aufrechterhaltung des Konflikts seien zu groß, und dies nicht nur bei den direkten Akteuren, sondern auch etwa bei den UN: "Die Vielzahl von Uno-Gremien, westlichen NGO, Geberkonferenzen und Rechtsforen, die den Konflikt wie Satelliten umkreisen. All diese Institutionen agieren nicht außerhalb des Systems; sie sind das System. Die sie antreibende liberale Logik zielt nicht auf Lösung, sondern beschränkt sich auf Management, nicht aus böser Absicht, sondern weil die Fortdauer der Krise ihnen Budgets, Selbstbewusstsein und Daseinsberechtigung sichert. Palästina fungiert als Ort moralischer Legitimität und bürokratischer Beständigkeit und bietet endlosen Stoff für Berichte, Mandate, Workshops und Besorgnis sowie Zugang zu einem unerschöpflichen Pool an Ressourcen."
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Europa

Ein mögliches Treffen zwischen Trump und Putin in Ungarn wurde von Trump abgesagt - aus Angst vor einer zweiten Blamage wie in Alaska? Für taz-Korrespondentin Barbara Oertel ist klar: "Eine drohende Niederlage im Krieg gegen die Ukraine wäre vielleicht das einzige Szenario, das Putin an den Verhandlungstisch brächte. Ob Trump diese Realität zur Kenntnis nimmt und Konsequenzen daraus zieht, darf bezweifelt werden. Wer sich auf ihn verlässt, ist verlassen. Das weiß auch der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski, macht aber trotzdem gute Miene zum bösen Spiel. Und die EU? Hadern und Zaudern weiter."

Die "Stiftung zum Kampf gegen Korruption" des ermordeten Regimegegners Alexej Nawalny könnte im November zur Terrororganisation erklärt werden, berichtet Friedrich Schmidt in der FAZ, der sich auch auf Leonid Wolkow bezieht, den Nachfolger Nawalnys in der jetzt von Litauen aus operierenden Stiftung. "Die Gefahren für alle, die irgendwie mit der Stiftung zu tun haben, steigen weiter, auch die möglichen Haftstrafen. Wer der amerikanischen Stiftung spendet, muss mit einer Anklage wegen 'Terrorfinanzierung' rechnen, darauf steht eine Mindeststrafe von acht Jahren Haft. Betroffen sind indes in erster Linie die besonders exponierten Führungsfiguren der Stiftung, unter ihnen Wolkow selbst und Nawalnys Witwe Julia Nawalnaja. Sie sind im Exil. Aber auch dort wachsen die Gefahren. Für Putins Geheimdienste bedeute die künftige Einstufung, dass FSB und GRU keine gesonderte Erlaubnis einholen müssten, um 'aktive Maßnahmen' zu ergreifen, da der Kreml die Agenten der Dienste im 'Kampf gegen den Terror' nicht schelte, sondern auszeichne, so Wolkow."
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Kulturpolitik

Die Stadt Hamburg will sich von ihrem in Zürich Steuern zahlenden Milliardär Michael Kühne ein Opernhaus "schenken" lassen. Aber es gibt viel Widerstand, berichtet Peter Richter in der SZ. Und der liegt nicht nur an Kühne, sondern es treten grundsätzliche Zweifel gegenüber der Kunstform Oper zutage, gegen die sich der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda im Gespräch mit Richter verwahrt: "Die nun einmal besonders komplexe Kunstform Oper stehe vor der Frage, wie sie ihre Relevanz einem breiten Publikum deutlich machen kann. Damit das 'Ganzkörpererlebnis Oper' die Leute überzeugen kann, müssten sie halt erst einmal hin. 'Das Problem ist immer dieses Vorher. Das Gefühl: Ich soll da ja nicht hin. Diese Schwellenangst, die wollen und die können wir einreißen.' Dass das möglich sei, habe die Elbphilharmonie ja bewiesen: 'Wir haben eine Verdreifachung der Ticketverkäufe für klassische Konzerte erreicht, weil die Leute das Gebäude sehen wollen und dann feststellen, wie großartig das Konzerterlebnis ist.'"
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Kulturmarkt

Der katholisch fundamentalistische und rechtsextreme französische Tycoon Vincent Bolloré hat neben vielen anderen Häusern jetzt auch den renommierten Buchverlag Fayard unter seine Herrschaft gebracht, wo von nun ab rechtsextreme Poitiker ihre Bücher veröffentlichen, berichtet Marc Zitzmann in der FAZ. Chefin ist dort jetzt die berüchtigte Verlegerin Lise Boëll - renommierte Autoren und Mitarbeiter verlassen den Verlag in Scharen. "Bolloré bringt Fayard mit denselben Methoden auf Linie, mit denen er zuvor den Radiosender Europe 1, den Fernsehkanal CNews und das Sonntagsblatt Le Journal du dimanche gleichgeschaltet hatte. Er wendet die hierzulande sattsam bekannte 'stratégie du putois' an, die daran besteht, den betreffenden Mitarbeitern als Chef ein 'Stinktier' vor die Nase zu setzen, um all jene wegzuekeln, bei denen die neue olfaktorische Signatur des Hauses Übelkeit erzeugt."
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Stichwörter: Bollore, Vincent

Gesellschaft

Migration ist für Linke wie Teilchen und Welle. Je nachdem, wie man guckt, präsentiert sich das Phänomen anders. Geht es etwa ums Kopftuch, wird die kulturelle Differenz hochgehalten, wenn auch verharmlost. Geht es um "Stadtbild", verschwindet die kulturelle Differenz ganz, und es gibt nur noch soziale Realität. So etwa in einem taz-Artikel Cihan Sinanoğlus zur Frage, was "Hinter dem Stadtbild" ist: "Was hier als sichtbare Realität behauptet wird, ist keine einfache Beobachtung, sondern eine Projektion. Sie setzt einen Blick voraus, der Armut, Männlichkeit und Migration nicht nur miteinander verknüpft, sondern naturalisiert - als wäre ihre Sichtbarkeit kein Effekt gesellschaftlicher Prozesse und politischer Entscheidungen. Wohnungsknappheit, schlechte Arbeitsbedingungen, ein härter werdender freier Markt, der Verlust sozialer Sicherung. Auch die Illegalisierung von Menschen ist eben keine naturgegebene Tatsache, sondern das Ergebnis politischer Steuerung."

Sowohl die taz als auch der twitternde Philosoph Norbert Bolz haben einen Nazispruch - "Deutschland erwache" - ironisch verwendet. Die taz hatte getitelt: "AfD-Verbot und Höcke-Petition: Deutschland erwacht", Bolz hatte darauf reagiert: "Gute Übersetzung von 'woke': Deutschland erwache!" Darauf kam bei Bolz die Staatsanwaltschaft zur Hausdurchsuchung. Jürgen Kaube reibt sich in der FAZ die Augen: "Die taz verwendet ironisch den Indikativ der NS-Parole. Bolz macht darüber seinerseits einen Scherz, der 'woke' für 'aufgewacht' in einen Imperativ zurückübersetzt. Das kann man witzig finden oder nicht. Staatsanwälte und Richter, die hier den Anfangsverdacht einer Straftat erkennen, sollten ins Repetitorium zurückgeschickt werden. Die Lektüre des Paragraphen 86 StGB haben sie offenbar nach Absatz 1 abgebrochen. In Absatz 4 hätten sie gefunden, dass es zulässig ist, Sätze wie den inkriminierten zu verwenden, wenn ihre Verwendung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Kunst oder Wissenschaft 'oder ähnlichen Zwecken' dient. Wozu immer es diente, als Bolz sich über die Woke-Bewegung lustig machte, es waren gewiss ähnliche Zwecke."

Hoher Krankenstand in NRW. Dort sind zur Zeit "rund 2.800 Landesbeamte seit mindestens sechs Monaten krankgeschrieben", melden die Ruhrbarone: "Doch nur gut die Hälfte von ihnen - konkret 1.552 Personen - wurde bislang einer amtsärztlichen Untersuchung unterzogen. Das geht aus einem Bericht des Innenministeriums hervor, den die FDP-Fraktion im Landtag angefordert hatte. Der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) lag das Dokument vorab vor." Die therapeutischen Bemühungen lohnen sich aber, denn bekanntlich haben Beamte eine höhere Lebenserwartung als der Rest der Bevölkerung (mehr hier). 

In republikanischem Geist polemisiert Edo Reents in der FAZ gegen die Aufgeregtheit über die Juwelendiebstähle im Louvre: "Hier wird etwas zu einer Haupt- und Staatsangelegenheit ausgerufen, bei der Aspekte von Prestige, Renommee und Durabilität doch verdächtig im Vordergrund stehen. Etwas merkwürdig, ganz und gar antiquiert Staatstragendes, ja Obrigkeitshöriges kommt dabei zum Ausdruck, indem ein Sichvergreifen an etwas beklagt, ja betrauert und zum Angriff auf eine Nation hochgelogen wird, deren moderne Gestalt sich doch gerade aus dessen Abschaffung ergibt. Fehlte nur noch, dass von einem 'Anschlag auf die Demokratie' gesprochen wird."

Außerdem: In der NZZ legt Lucien Scherer dar, dass linksextreme Gewalt gegenüber rechtsextremer Gewalt verharmlost werde.
Archiv: Gesellschaft

Geschichte

Wehrpflicht bedeutete ursprünglich nicht staatlichen Zwang, sondern im Gegenteil demokratische Partizipation, erinnert Gustav Seibt in der SZ: "Die Französische Revolution misstraute nicht zu Unrecht der von Aristokraten geführten, mit Zwang und Willkür eingezogenen Armee der alten Monarchie samt ihrer barbarischen Disziplin. Sie appellierte zu ihrer Rettung gegen feindliche Mächte zunächst an freiwillige Bürger und machte dann den Dienst fürs Vaterland verpflichtend. Dabei wurden Standesschranken abgeschafft und Karrierewege für die Tüchtigsten eröffnet. Einer von ihnen hieß Napoleon Bonaparte."

Und Kurt Kister erinnert im selben Kontext an Zeiten, als es noch viele junge Deutsche gab: "Wehrgerechtigkeit im engeren Sinne gab es in der Bundesrepublik nie. Es waren in jedem Jahrgang zwischen 1956 und 2011 immer zu viele junge Männer wehrdiensttauglich - nachdem man die Verweigerer, die Untauglichen und die aus anderen Gründen nicht Einziehbaren hinausgerechnet hatte. Die Bundeswehr hatte stets weniger Stellen für Wehrdienstleistende zu besetzen, als es potenziell Wehrdienstleistende gab."

Bundeskanzler Friedrich Merz hat neulich in einem FAS-Interview behauptet, früher sei es leichter gewesen zu regieren. Dem widerspricht der Historiker Frank Trentmann in der FR: "Die junge Bundesrepublik war konfliktgeladen, aufmüpfig und gespalten - sowohl die Parteien als auch die Gesellschaft."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Wehrpflicht