Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.12.2025. In der taz kann die Schriftstellerin Sofi Oksanen nicht verstehen, warum der Westen zu den Entführungen ukrainischer Kinder schweigt. Wir leben in einer Zeit des Übergangs, aber das Neue ist noch nicht in Sicht, meint in der FR der Historiker Christopher Clark. In der taz fordert die Politikwisschenschaftlerin Martyna Linartas, eine höhere Erbschaftssteuer - sonst geht's direkt zurück ins Kaiserreich. In der FAS diagnostiziert die Philosophin Seyla Benhabib Elemente' des Totalitarismus in den USA. In der SZ sieht die Schriftstellerin Karina Sainz Borgo, wie es Nacht wird in Venezuela.
In der taz kann die Schriftstellerin Sofi Oksanennicht verstehen, warum der Westen schweigt zu den Entführungen ukrainischer Kinder durch Putins Truppen. Haben wir nichts dazu gelernt? "Bereits während der Zarenzeit übernahmen westliche Länder den kolonialen russischen Blick, und die Sowjet-Ära hat daran nichts geändert. In den baltischen Staaten gehören Deportationsgeschichten zu den wichtigsten Identitätserzählungen, doch für den Westen existieren sie nicht oder gehören bloß zur Lokalgeschichte. Der frühere Ostblock - der die Hälfte von Europa ausmacht - hat die Erfahrung zweier unterschiedlicher totalitärer Systeme gemacht, und trotzdem ist unsere Erfahrung immer noch nicht anerkannter Teil der gemeinsamen Erzählung des europäischen Kontinents geworden. Sie wurde nie zu einer historischen Erinnerung des gesamten Europas. ... Ohne ein Bewusstsein dieser Verbrechen können wir die Warnsignale nicht erkennen, und das geht auch nicht, wenn wir die historische Verbindung zwischen den gegenwärtigen Deportationen und den früheren nicht sehen. Wenn Sie nicht wissen, dass dies schon einmal geschehen ist, können Sie das Muster nicht erkennen, den Kontext nicht sehen, die Tradition nicht wahrnehmen, die solche Praktiken ermöglichen..."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Historiker Christopher Clark beschreibt in seinem neuen Buch am Beispiel eines "Skandals in Königsberg" eine Welt im Übergang von der Aufklärung zur Romantik. In einer ähnlich verwirrenden Zeit des Übergangs befinden wir uns auch heute, erklärt er im Interview mit der FR: "Das Problem ist: Wir wissen, woraus wir kommen - aus der klassischen, hochmodernen Ära. Aber wir wissen nicht, wohin wir gehen. Die größte Quelle der Verunsicherung ist die Tatsache, dass wir uns nicht mehr modern fühlen. Die Moderne war ja ein Gefühl, getragen vom Vertrauen in Fortschritt, in wissenschaftliche Lösungen, in politische Integration. Dieses Gefühl trägt heute nicht mehr. Damit fehlt uns eine zentrale Orientierungshilfe, und deshalb geraten wir heute viel leichter aus dem Gleichgewicht. Die Krisen sind komplex, wir sprechen von einer 'Polykrise'. Aber das wirklich Problematische ist: Wir können unseren Kurs nicht korrigieren, weil wir das Ziel nicht mehr kennen. Wie bei einem alten Navi: Es sagt 'Route wird neu berechnet', aber wir wissen nicht mehr, wohin."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die deutsche Erbengesellschaft führt uns direkt zurück in die Verhältnisse des Kaiserreichs, meint im Interview mit der taz die Politikwisschenschaftlerin Martyna Linartas, die eine höhere Erbschaftssteuer und eine Vermögenssteuer fordert: "Die Erbschaftssteuer ist ein entscheidendes Mittel, um die Demokratie zu ermöglichen. Es war kein Zufall, dass der Reichsfinanzminister 1919 als Allererstes die Erbschaftssteuer erhöhte. Es sollte in der Demokratie nicht mehr entscheidend sein, in welche Familie man geboren wird. Jetzt sind wir wieder in einer Situation, in der die Lobby des großen Geldes immer mächtiger wird. Die Finanzlobby beeinflusst effektiv Steuerpolitik. Die Stiftung Familienunternehmen, die eigentlich Stiftung der deutschen Dynastien heißen müsste, hat erfolgreich die letzten Steuerreformen mitgestaltet. Die Privilegierung von Unternehmenserben geht auf ihren Einfluss zurück. Oder wie es der Leiter der Steuerabteilung der Stiftung nannte: Es war eine 'Sternstunde der Politikberatung'." Dass Unternehmen bei höheren Steuern mit Geld und Arbeitsplätzen auswandern, glaubt sie nicht: "Es existiert seit 1972 in Deutschland eine starke Wegzugsteuer. Wenn Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands, von jetzt auf gleich Deutschland verlassen möchte, müsste sie auf einen Schlag mehr als 6,5 Milliarden Euro auf den Tisch legen."
Und Sophie von der Tann zum Hundertachtzehnten: In der SZ geht Nils Minkmar die ganze Debatte auf die Nerven, denn es geht nicht mehr um "die möglichen Szenarien der politischen Zukunft von Israel und Palästinensern, sondern andere Fragen, die die politische Debatte ersetzen: Etwa ob Israel eine Sängerin zum ESC entsenden darf ... Eine überstrapazierte andere Form der Verkürzung schwerer politischer Fragen ist die Personalisierung. Man muss sich dann zum Beispiel nicht die einzelnen Beiträge der von Israel scharf kritisierten, teils auch denunzierten ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann aus Tel Aviv ansehen und ihre Arbeit kritisieren oder eben würdigen. Die ganze Frau ist dann reduziert auf eine einzige Frage: dafür oder dagegen? Das funktioniert am besten, wenn die Entscheidung mit einer Inszenierung verknüpft wird" und nicht mit ihrer Arbeit. Man hätte ja auch fragen können, so Minkmar, warum die 34-jährige Sophie von der Tann einen Preis für ihr Lebenswerk bekommt. "Was hat sich die Jury also genau dabei gedacht? Diese Frage hat die Jury am Abend der Preisverleihung kaum beantwortet und damit nicht zuletzt Sophie von der Tann einen schlechten Dienst erwiesen."
Um einen Eindruck zu gewinnen, warum Tann kritisiert wird, lohnt sich ein Blick in dies Video einer Maischberger-Show zum Jahrestag des 7. Oktober. Die befreite Geisel Aviva Siegel spricht in einer Liveschalte von ihren Erfahrungen, ihr Mann ist zu dem Zeitpunkt noch in den Tunneln der Terroristen. Tann spricht danach mit ihrer berühmten "Coolness" ausschließlich über die Verantwortung der israelischen Regierung. Am Ende wird die Geisel mit einem flapsigen Dank verabschiedet.
Der Auftritt von Sophie von der Tann bei Maischberger zum Jahrestag des Massakers am 7.10.23. Die ehemalige Geisel der #Hamas, Aviva Siegel, erzählt von dem Leid, welches sie und andere erfuhren. Die Reaktion? Von der Tann gibt der israelischen Regierung die Schuld, sie seien der… pic.twitter.com/Bms9NQ95ij
Mehr zum Thema: In der FAZ konstatieren Saba-Nur Cheema und Meron Mendel, dass bei der Beurteilung der Gaza-Berichterstattung jeder in seiner Blase gefangen bleibt, warnen jedoch vor allem davor, den ÖRR zu stark zu kritisieren, wir sollten vielmehr "dankbarsein für die Vielfalt unserer Medienlandschaft". Anetta Kahane sieht das in ihren belltower.news anders: "Ihre Unausgewogenheit ist nicht nur emotionaler, sondern auch sachlicher Natur. Sie folgt den Propagandapfaden der Hamas, übernimmt ihre Angaben und Zahlen ohne Quellen, bei israelischen Belegen jedoch betont sie stets den Vorbehalt."
Im Interview mit der FAS erklärt die in den USA lebende Philosophin und Politikwissenschaftlerin Seyla Benhabib, die kommende Woche mit dem Hannah-Arendt-Preis ausgezeichnet wird, warum Hannah Arendt derzeit wieder viel gelesen wird. Die Situation in den USA fordere das geradezu heraus: "Es gibt Elemente in Arendts Analyse, also Aspekte totalitärer Bewegungen, die sicherlich auch heute bedenkenswert sind. Etwa hinsichtlich der Allianz zwischen dem Mob - den kriminellen Elementen - und den Eliten in diesen Bewegungen; hinsichtlich der Spannung zwischen der Parteistruktur und der Bewegung an der Basis; und des Versuchs totalitärer Bewegungen, die Wahrheit nach ihrem eigenen Bild zu formen. Aber wir haben keine SA-Truppen, die herummarschieren - obwohl die ICE-Beamten im Auftreten faschistisch wirken. Es gibt noch keine Gulags, aber es gibt Internierungslager für Migranten. In diesen Entwicklungen stecken also 'Elemente' des Totalitarismus."
Vollkommen Nacht geworden ist es in Venezuela, schreibt in der SZ die venezolanische Schriftstellerin Karina Sainz Borgo. Auch wenn einige Intellektuelle sich das Land schön zu reden suchen: Venezuela ist seit fast dreißig Jahren eine Diktatur. Die Verhältnisse sind so unerträglich, dass inzwischen "neun Millionen Venezolaner aus wirtschaftlichen und politischen Gründen ihr Land verlassen haben. Von ihnen sind mindestens tausend Menschen im Dschungel von Darién auf der Flucht nach Norden ums Leben gekommen, und mehr als eine Million Menschen warten im Ausland auf eine Entscheidung über ihre Asylanträge. 92 Prozent der Anzeigen wegen Menschenrechtsverletzungen sind unbeantwortet geblieben, mehr als 300 politische Gefangene sitzen weiterhin in Militärgefängnissen, und fast 20.000 Bürger wurden Opfer willkürlicher Festnahmen. In weniger als einem Jahrzehnt unter Nicolás Maduro wurden mehr als 10.000 Menschen ermordet, fast 2.000 gefoltert und 8.000 misshandelt. Diese Zahlen stammen von Provea, einer 1989 gegründeten venezolanischen Menschenrechtsorganisation." Donald Trump hilft allerdings kein bisschen, die Lage für die Venezolaner erträglicher zu machen: "Trump zeigt durch seinen Außenminister Marco Rubio erneut, dass Lateinamerika ein Raum ist, in dem die USA den Einfluss externer Mächte, in diesem Fall Russlands, Chinas und Irans, zu verhindern versuchen. Sein Ansatz kombiniert wirtschaftlichen Druck, Sanktionen und militärische Präsenz, um den USA eine dominante Position in der Region zu sichern."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der amerikanische Journalist Michael Steinberger hat ein Buch über Alex Karp geschrieben, den Chef des größten Konzerns für Überwachungssoftware - oder Software, die sehr gut geeignet ist, Daten zu sammeln, die der Überwachung dienen können - Palantir. Im Interview mit der FAS versucht er Karp, der sich vom Linksliberalen zum Trump-Fan gewandelt hat, vor allem psychologisch zu beschreiben: "Palantir ist von seiner Persönlichkeit und auch seinen Ängsten geprägt. Um ihn zu verstehen, muss man wissen, dass er von jungen Jahren an diesesGefühl von Verwundbarkeit hatte. Er war gemischtrassig, jüdisch (sic) und hatte eine schwere Leseschwäche, deshalb fühlte er sich im Nachteil und fand, die Welt ist kein freundlicher Ort für ihn. Ich denke, in gewisser Weise existiert Palantir, um die Welt sicherer für Alex Karp zu machen. Natürlich auch für andere, aber er nimmt diese Mission sehr persönlich. Palantir hat ein sehr düsteres Weltbild. Hier gibt es nichts von dem Techno-Optimismus anderer Unternehmen. Stattdessen heißt es: Die Welt ist chaotisch und gewalttätig, und unsere Software kann sie etwas weniger gefährlich machen." Das dürfte die Einwanderer, die mit Hilfe von Palantirs Software von ICE eingesammelt werden, allerdings ganz anders sehen.
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