9punkt - Die Debattenrundschau

Ich krieg den Knaben dran

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2026. Die KI ist in allen Zeitungen, nicht nur wegen der Enzyklika des Papstes unter dem Titel "Magnifica Humanitas", sondern auch in theoretischen Überlegungen der Sozialtheoretikerin Anna-Verena Nosthoff, die es - wie der Papst - in der Zeit ablehnt, den Menschen als "Fleischcomputer" zu betrachten. Unterdessen verliert laut FAZ vor allem eine Kategorie Mensch durch KI ihre Jobs: Frauen. Die SZ druckt Güner Balcis Plädoyer für einen humanistischen Patriotismus.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.05.2026 finden Sie hier

Digitalisierung

In den USA ist der Widerstand gegen KI und Rechenzentren keineswegs allein eine Domäne linker Gruppen, beobachtet der Politologe Andreas Busch auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ. Zu den Skeptikern zählt er einerseits Steve Bannon, andererseits Bernie Sanders. Und auch Trump-wählende Bauern leisten massiven Widerstand, wenn Rechenzentren in ihrer Nähe Wasser absaugen. "Was diese heterogene Koalition zusammenhält, ist nicht Technologiefeindlichkeit. Es ist die Überzeugung, dass die Gewinne der KI-Revolution bei den - so die immer wiederkehrende Formulierung - 'Superreichen' des Silicon Valley landeten. Die Kosten würden hingegen von der Mittel- und Arbeiterklasse getragen: steigende Energiepreise, belastete Wasserreserven, bedrohte Arbeitsplätze. Eine Umfrage der Quinnipiac University vom April 2026 zeigt, dass 55 Prozent der erwachsenen Amerikaner Künstliche Intelligenz inzwischen als eine Kraft betrachten, die eher schadet, als nützt. Die Technologiebranche hat ein Imageproblem - und es wird schlimmer."

Papst Leo XIV. hat seine erste Enzyklika veröffentlicht, ein ausführliches Dokument namens "Magnifica Humanitas" (Text auf deutsch hier), das sich mit Künstlicher Intelligenz befasst und in allen Zeitungen Thema ist. Der Papst weist der KI "theologisch ihren Platz zu", schreibt Gustav Seibt in der SZ. Entscheidend sei für Leo, dass die Maschine nicht an einen Körper gebunden sei. "Künstliche Intelligenzen ermangeln also aller Merkmale des Menschseins und seiner Kreatürlichkeit, das ist der Kernpunkt ihrer Wahrnehmung durch den christlichen Glauben. Darin ist die scharfe Ablehnung aller Konzeptionen von Post-, gar Transhumanismus enthalten. Es gibt kein Mensch-Maschine-Kontinuum, keinen Platztausch zwischen humaner und rechnergestützter Intelligenz."

Sind wir Menschen im Grunde auch nur Computer, "Fleischcomputer", wie Elon Musk das nennt? Die Sozialtheoretikerin Anna-Verena Nosthoff lehnt das im Interview mit der Zeit strikt ab: Menschen sind mehr als nur "Blackboxes", die man umprogrammieren und über Künstliche Intelligenz steuern kann. Kybernetik, also "die Wissenschaft davon, wie Systeme sich steuern und selbst regeln", interessiere sich nicht für Wesensfragen, und das sei gefährlich, so Nosthoff. "Wer Wesensfragen nicht mehr stellt, gibt den Anspruch auf Verantwortung und Nachvollziehbarkeit auf. Im Silicon Valley wird argumentiert, die KI würde irgendwann Entscheidungen treffen, die wir kognitiv gar nicht mehr bewerten können. Die Konsequenz wäre: Was die Maschine fordert, ist per Definition rational - wir verstehen es nur nicht. Das ist ein Freifahrtschein für die Entwickler hinter den Technologien. Das wird immer relevanter, denn es werden zunehmend Systeme für den Krieg gebaut - denken Sie an Palantir - mit autonomen Drohnen und Software zur Zielerfassung und Feindanalyse. Gewissermaßen eine Rückbesinnung auf den Ursprung der Kybernetik in der Kriegslogik."

Holger Schmidt thematisiert auf den Wirtschaftsseiten der FAZ einen ganz anderen Aspekt der KI. Von Stellenstreichungen durch KI-Rationalisierungen sind bisher vor allem Frauen betroffen: "Von den rund sechs Millionen Beschäftigten mit hoher KI-Exposition und zugleich geringer Anpassungsfähigkeit sind 86 Prozent Frauen, und überwiegend solche in Verwaltungs- und Büroberufen. Die Stellenpläne der Großunternehmen folgen dem Muster. Die Reederei Maersk hat im vergangenen Jahr weltweit tausend Verwaltungsstellen gestrichen, der Konsumgüter-Konzern Procter & Gamble und der Internet-Konzern Amazon haben Entlassungswellen vor allem in den unterstützenden Funktionen vorgenommen. In Deutschland kündigte ERGO im Februar an, bis zum Jahr 2030 Stellen in Callcentern, Schadenbearbeitung und Schriftgutbearbeitung abzubauen."
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Geschichte

Inzwischen sind wir so weit von der Nazizeit entfernt, dass für die meisten Deutschen selbst Großeltern, die noch verstrickt sein konnten, längst tot sind. Eher geht es inzwischen um Urgroßeltern. Spiegel und Zeit bieten neuerdings Datenbanken an, in denen man nachforschen kann, ob Familienmitglieder in der Partei waren. Das Angebot gilt nur für Abonnenten. Die Lyrikerin Anja Utler, Jahrgang 1973, begrüßt diese Möglichkeit, braucht eine solche Abfrage aber nicht um zu erfahren, dass ihre geliebten Großeltern Nazis waren. Die Verstrickung wurde damals nicht thematisiert. Aber die Last war spürbar und teilte sich Utler etwa so mit: "Wenn ich als Kind mit meiner Großmutter zur Kirche ging, unterquerten wir eine Eisenbahnlinie. Fuhr ein Zug über die Brücke, während wir uns darunter befanden, überkam mich Panik. Ich schrie und weinte. Mir wurde erklärt, die Brücke sei stabil. Das half nichts. Ich wusste nicht, woher das Entsetzen kam; aber dass es nichts mit einem befürchteten Einsturz zu tun hatte, das war mir klar. Später erzählte ich, eher beiläufig, einer Therapeutin von mir und der Eisenbahnbrücke. Spontan sagte sie: Das sind die Deportationen."

In der Berliner Zeitung fühlt sich André Mielke total befeuert von der "Ahnenrazzia", zu der Spiegel und Zeit aufgerufen haben: "Erstens bin ich Deutscher. Deutsche sind so. Gründlich im Grauen und im Gegenteil. Zweitens: Wäre Opa damals in der Partei gewesen - und keine Sorge: Ich krieg' den Knaben dran - leuchtete meine Vorzüglichkeit noch grandioser. Ich habe aus der Geschichte gelernt. Wiederholte sie sich, ich wäre sofort Hans und Sophie Scholl in einer Person. Man sollte präventiv ein Kulturhaus nach mir benennen. Ein stabiles Selbstbild ist gut für die Seele."
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Ideen

Gegen den Grünen-Politiker Volker Beck und Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, gab es ganz konkrete Mordpläne, die von der iranische Revolutionsgarde gesteuert waren. Im Interview mit der SZ erklärt Beck, dass Anfeindungen für ihn - links, schwul, israelfreundlich - nichts neues sind, nicht mal die von links: "Für mich war immer klar, dass eine aufgeklärte Linke antifaschistisch, antinationalsozialistisch und deshalb auch immer anti-antisemitisch ist. Das ist das Mindeste. Aber ich habe schon länger das Gefühl, dass auf der Diskursebene diese Zuordnung von links und rechts immer weniger bedeutet, insbesondere seit der identitätspolitischen Aufladung und der damit einhergehenden Entleerung von Begriffen. Eine fortschrittliche, menschliche, liberale politische Haltung muss sich an den Kriterien der Aufklärung orientieren. Bei Teilen der tatsächlichen Linken habe ich da meine Zweifel. Ich fühle mich immer noch links, aber gleichzeitig denke ich, dass das, was ein Teil der Linken, insbesondere die Linkspartei, heute repräsentiert, nichts mit dem zu tun hat, woran ich glaube und wofür ich mich engagiere."

Die SZ druckt Güner Balcis Rede zur Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises, in der sie für "einen neuen Patriotismus" plädiert: "Einen, der nicht auf Herkunft oder Hautfarbe gründet, sondern auf den Werten einer freien, demokratischen Gesellschaft. Einen humanistischen Patriotismus, der vielen einen Platz bietet, aber nicht alles akzeptiert und klare Grenzen zieht, wenn an seinen Grundfesten gerüttelt wird. Ohne ein solches Selbstverständnis werden wir den destruktiven Kräften der nächsten Jahrzehnte kaum etwas entgegensetzen können."
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Stichwörter: Balci, Güner, Beck, Volker

Europa

Was Volker Beck mit den "Kriterien der Aufklärung" meint und Güner Balci mit einem "humanistischen Patriotismus", der klare Grenzen zieht, versteht man wohl nicht im Auswärtigen Amt, das drei Jahre lang die muslimische Wohltätigkeitsorganisation Islamic Relief Deutschland mit Millionen von Euro förderte, obwohl sie den Muslimbrüdern nahesteht (was sie allerdings bestreitet), berichtet Frederik Schindler in der Welt. Der Prüfbericht des Bundesrechnungshofes darüber "wurde in der Folge zur Verschlusssache und als geheimhaltungsbedürftig erklärt". Ein Antrag der Rechtsanwältin und Islamismus-Kritikerin Seyran Ateş auf Einblick in die Prüfergebnisse wurde abgelehnt. Der Rechtsstreit dauerte fünf Jahre: "Die Bekanntgabe der Informationen könnte 'zu Polemiken führen', hieß es vonseiten der Behörden laut einem Protokoll einer mündlichen Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht Berlin. 'Es besteht die Gefahr, dass die Diskussionen in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, die dem Wohl des Bundes nicht förderlich wäre.' Letztlich erfolgte nach einem Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts eine Einigung zwischen Ateş und den Bundesbehörden." Die Prüfberichte des Rechnungshofs, jetzt öffentlich, "belegen einen fahrlässigen Umgang des Staats mit politisch-islamischen Organisationen".

Der taz liegen neue Papiere von Gruppen vor, die mit seltsam grobschlächtigen Methoden und im Auftrag Russlands die europäische Öffentlichkeit irritieren wollen. Ein paar serbische Kleinkriminelle legten so Ende Juli letzten Jahres Schweineköpfe vor Pariser Moscheen ab, die mit dem Namen "Macron" besprüht waren. Zunächst entstand die beabsichtigte Aufregung, berichten Anne Fromm und Konrad Litschko: "Die sozialistische Bürgermeisterin, Anne Hidalgo, empört sich über die 'rassistischen Taten'. Ein Grünen-Politiker gibt der 'von den Rechtsextremen dominierten Medienlandschaft' die Schuld. Jean-Luc Mélenchon, der Vorsitzende der linksextremen Partei La France insoumise, macht den scheidenden republikanischen Innenminister verantwortlich und wirft ihm vor, die Islamfeindlichkeit in Frankreich 'auf die Spitze zu treiben'. Rechtsextreme empören sich über die Empörung: Nicht die Schweineköpfe seien das Problem, sondern die Moscheen selbst. Die Polizei richtet eine Sonderermittlergruppe ein, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen der öffentlichen Aufstachelung zu Hass oder Gewalt. Schnell gerät Russland als Drahtzieher der Aktion in Verdacht."

Kiew war wieder Ziel massiver russischer Luftschläge. Yuliia Shchetyna schildert in der taz, wie sie die Nacht erlebte: "Es ist unmöglich, sich an ballistische Angriffe zu gewöhnen: Manchmal vergehen zwischen dem Luftalarm und der Detonation nur wenige Minuten. Bei jedem Einschlag spannt sich mein Körper an, als würde er von einem Stromschlag durchzuckt. Dann tritt eine kurze Stille ein - ein Moment, um einiges zu überprüfen: Ich lebe, das Haus steht noch, also ist vorerst alles in Ordnung. Gegen zwei Uhr morgens höre ich, wie die Worte der ukrainischen Nationalhymne durch die Wand dringen. Zuerst denke ich, meine Nachbarn versuchten lediglich, sich zu beruhigen. Dann sehe ich in den Nachrichten: Der ukrainische Boxer Oleksandr Usyk hat gerade den Niederländer Rico Verhoeven besiegt. Die Leute in der Nachbarwohnung haben den Kampf in den Pausen zwischen den Explosionen verfolgt - und die ukrainische Hymne laut mitgesungen."
Archiv: Europa
Stichwörter: Russische Einflussnahme